Die Verlobung

In der Hirschengasse, die nur aus sieben Häusern besteht, gibt es einen

bescheidenen, doch anständigen Weißwarenladen, der gleich seiner

Nachbarschaft noch unberührt von den Veränderungen der neuen Zeit in

einer etwas kärglich gewordenen Wohlhabenheit dasteht und hinreichenden

Zuspruch hat. Man sagt dort noch beim Abschied zu jedem Kunden, auch

wenn er seit zwanzig Jahren regelmäßig kommt, die Worte: »Schenken Sie

mir die Ehre ein andermal wieder,« und es gehen dort noch zwei oder drei

alte Käuferinnen ab und zu, die ihren Bedarf an Band und Litzen in Ellen

verlangen und auch im Ellenmaß bedient werden. Die Bedienung wird von

einer ledig gebliebenen Tochter des Hauses und einer angestellten

Verkäuferin besorgt, der Besitzer selbst ist von früh bis spät im Laden

und stets geschäftig, doch redet er niemals ein Wort. Er kann nun gegen

siebzig alt sein, ist von sehr kleiner Statur, hat nette rosige Wangen

und einen kurz geschnittenen grauen Bart, auf dem vielleicht längst

kahlen Kopfe aber trägt er allezeit eine runde steife Mütze mit

stramingestickten Blumen und Mäandern. Er heißt Andreas Ohngelt und

gehört unbestritten zur echten, ehrwürdigen Altbürgerschaft der Stadt.

Dem schweigsamen Kaufmännlein sieht niemand etwas Besonderes an, es

sieht sich seit Jahrzehnten gleich und scheint ebensowenig älter zu

werden, als jemals jünger gewesen zu sein. Doch war auch Andreas Ohngelt

einmal ein Knabe und ein Jüngling, und wenn man alte Leute fragt, kann

man erfahren, daß er vorzeiten »der kleine Ohngelt« geheißen wurde und

eine gewisse Berühmtheit wider Willen genoß. Einmal, vor etwa

fünfunddreißig Jahren, hat er sogar eine »Geschichte« erlebt, die früher

jedem Gerbersauer geläufig war, wenn sie auch jetzt niemand mehr

erzählen und hören will. Das war die Geschichte seiner Verlobung.

Der kleine Ohngelt hatte seinen Übernamen von der geringen Höhe seines

Wuchses, doch hätte diese Eigenschaft nicht ganz hingereicht, ihn in den

Augen seiner Mitbürger zu einer interessanten und komischen Figur zu

machen. Diese Art von Beachtung verdankte er vielmehr seiner inwendigen

Natur, in welcher ein schüchtern sanftes Wesen sich mit einem ungemein

zärtlichen Gemüte hübsch und drollig verband.

Der junge Andreas war schon in der Schule aller Rede und Geselligkeit

abgeneigt, er fühlte sich überall überflüssig und von jedermann

beobachtet und war ängstlich und bescheiden genug, jedem andern im

voraus nachzugeben und das Feld zu räumen. Vor den Lehrern empfand er

einen abgründigen Respekt, vor den Kameraden eine mit Bewunderung

gemischte Furcht. Man sah ihn nie auf der Gasse und auf den

Spielplätzen, nur selten beim Bad im Fluß, und im Winter zuckte er

zusammen und duckte sich, sobald er einen Knaben eine Handvoll Schnee

aufheben sah. Dafür spielte er daheim vergnügt und zärtlich mit den

hinterbliebenen Puppen seiner älteren Schwester und mit einem Kaufladen,

auf dessen Wage er Mehl, Salz und Sand abwog und in kleine Gucken

verpackte, um sie später wieder gegeneinander zu vertauschen,

auszuleeren, umzupacken und wieder zu wägen. Auch half er seiner Mutter

gern bei leichter Hausarbeit, machte Einkäufe für sie oder suchte im

Gärtlein die Schnecken vom Salat.

Seine Schulkameraden plagten und hänselten ihn zwar häufig, aber da er

nie zornig wurde und fast nichts übelnahm, hatte er im ganzen doch ein

leichtes und ziemlich zufriedenes Leben. Was er an Freundschaft und

Gefühl bei seinesgleichen nicht fand und nicht weggeben durfte, das gab

er seinen Puppen. Den Vater hatte er früh verloren, er war ein Spätling

gewesen, und die Mutter hätte ihn wohl anders gewünscht, ließ ihn aber

gewähren und hatte für seine fügsame Anhänglichkeit eine etwas

mitleidige Liebe.

Dieser leidliche Zustand hielt jedoch nur so lange an, bis der kleine

Andreas aus der Schule und aus der Lehre war, die er am obern Markt im

Dierlamm'schen Geschäft abdiente. Um diese Zeit, etwa von seinem

siebzehnten Jahre an, fing sein nach Zärtlichkeiten dürstendes Gemüt

andere Wege zu gehen an. Der klein und schüchtern gebliebene Jüngling

begann mit immer größeren Augen nach den Mädchen zu schauen und

errichtete in seinem Herzen einen Altar der Frauenliebe, dessen Flamme

desto höher loderte, je trauriger seine Verliebtheiten verliefen.

Zum Kennenlernen und Beschauen von Mädchen jeden Alters war reichliche

Gelegenheit vorhanden, denn der junge Ohngelt war nach Ablauf seiner

Lehrzeit in den Weißwarenladen seiner Tante eingetreten, den er später

einmal übernehmen sollte. Da kamen Kinder, Schulmädchen, junge Fräulein

und alte Jungfern, Mägde und Frauen tagaus tagein, kramten in Bändern

und Linnen, wählten Besätze und Stickmuster aus, lobten und tadelten,

feilschten und wollten beraten sein, ohne doch auf Rat zu hören, kauften

und tauschten das Gekaufte wieder um. Alledem wohnte der Jüngling

höflich und schüchtern bei, er zog Schubladen heraus, stieg die

Bockleiter hinauf und herunter, legte vor und packte wieder ein,

notierte Bestellungen und gab über Preise Auskunft, und alle acht Tage

war er in eine andere von seinen Kundinnen verliebt. Errötend pries er

Litzen und Wolle an, zitternd quittierte er Rechnungen, mit Herzklopfen

hielt er die Ladentür und sagte den Spruch vom Wiederbeehren, wenn eine

schöne Junge hoffärtig das Geschäft verließ.

Um seinen Schönen recht gefällig und angenehm zu sein, gewöhnte Andreas

sich feine und sorgfältige Manieren an. Er frisierte sein hellblondes

Haar jeden Morgen auf das Nobelste, hielt seine Kleider und Leibwäsche

sehr sauber und sah dem allmählichen Erscheinen eines Schnurrbärtchens

mit leidenschaftlicher Ungeduld entgegen. Er lernte beim Empfange seiner

Kunden elegante Verneigungen machen, lernte beim Vorlegen der Zeuge sich

mit dem linken Handrücken auf den Ladentisch stützen und auf nur

anderthalb Beinen stehen, und brachte es zur Meisterschaft im Lächeln,

das er bald vom diskreten Schmunzeln bis zum innig glücklichen Strahlen

beherrschte. Außerdem war er stets auf der Jagd nach neuen schönen

Phrasen, die zumeist aus Umstandsworten bestanden und deren er immer

neue und köstlichere erlernte oder erfand. Da er von Hause aus im

Sprechen unbeholfen und ängstlich war und schon früher nur selten einen

vollkommenen Satz mit Subjekt und Prädikat ausgesprochen hatte, fand er

nun in diesem sonderbaren Wortschatz eine Hilfe und gewöhnte sich daran,

unter Verzicht auf Sinn und Verständlichkeit sich und andern eine Art

von Sprechvermögen vorzutäuschen.

Sagte jemand: »Heut ist aber ein Prachtswetter,« so antwortete der

kleine Ohngelt: »Gewiß -- o ja -- denn, mit Verlaub -- allerdings --.«

Fragte eine Käuferin, ob dieser Leinenstoff auch haltbar sei, so sagte

er: »O bitte, ja, ohne Zweifel, sozusagen, ganz gewiß.« Und erkundigte

sich jemand nach seinem Befinden, so erwiderte er: »Danke gehorsamst --

freilich wohl -- sehr angenehm --.« In besonders wichtigen

und ehrenvollen Lagen scheute er auch vor Ausdrücken wie

»nichtsdestoweniger, aber immerhin, keinesfalls hingegen« nicht zurück.

Dabei waren alle seine Glieder vom geneigten Kopf bis zur wippenden

Fußspitze ganz Aufmerksamkeit, Höflichkeit und Ausdruck. Am

ausdrucksvollsten aber sprach sein verhältnismäßig langer Hals, der

mager und sehnig und mit einem erstaunlich großen und beweglichen

Adamsapfel ausgestattet war. Wenn der kleine schmachtende Ladengehilfe

eine seiner Antworten im Staccato gab, hatte man neben dem Gefühl

unendlicher Hingabe vor allem den Eindruck, er bestehe zu einem Dritteil

aus Kehlkopf.

Die Natur verteilt ihre Gaben jedoch nicht ohne Sinn, und wenn der

bedeutende Hals des Ohngelt in einem Mißverhältnis zu dessen

Redefähigkeit stehen mochte, so war er als Eigentum und Wahrzeichen

eines leidenschaftlichen Sängers desto berechtigter. Andreas war in

hohem Grade ein Freund des Gesanges. Auch beim wohlgelungensten

Komplimente, bei der feinsten kaufmännischen Gebärde, beim gerührtesten

»Immerhin« und »Wennschon« war ihm vielleicht im Innersten der Seele

nicht so schmelzend wohl wie beim Singen. Dieses Talent war in den

Schulzeiten verborgen geblieben, kam aber nach vollendetem Stimmbruch zu

immer schönerer Entfaltung, wenn auch nur im Geheimen. Denn es hätte zu

der ängstlich scheuen Befangenheit Ohngelts nicht gepaßt, daß er seiner

heimlichen Lust und Kunst anders als in der sichersten Verborgenheit

froh geworden wäre.

Am Abend, wenn er zwischen Mahlzeit und Bettgehen ein Stündlein in

seiner Kammer verweilte, sang er im Dunkeln seine Lieder und schwelgte

in lyrischen Entzückungen. Seine Stimme war ein ziemlich hoher Tenor,

und was ihm an Schulung gebrach, suchte er durch Temperament zu

ersetzen. Sein Auge schwamm in feuchtem Schimmer, sein schön

gescheiteltes Haupt neigte sich rückwärts zum Nacken und sein Adamsapfel

stieg mit den Tönen auf und nieder. Sein Lieblingslied war »Wenn die

Schwalben heimwärts ziehn«. Bei der Strophe »Scheiden, ach Scheiden tut

weh« hielt er die Töne gar lang und zitternd aus und hatte manchmal

Tränen in den Augen.

In seiner geschäftlichen Laufbahn kam er mit schnellen Schritten

vorwärts. Es hatte der Plan bestanden, ihn noch einige Jahre nach einer

größeren Stadt, etwa Pforzheim oder Heilbronn zu schicken. Nun aber

machte er sich im Geschäft der Tante bald so unentbehrlich, daß diese

ihn nicht mehr fortlassen wollte, und da er später den Laden erblich

übernehmen sollte, war sein äußeres Wohlergehen für alle Zeiten

gesichert. Anders stand es mit der Sehnsucht seines Herzens. Er war für

alle Mädchen seines Alters, namentlich für die hübschen, trotz seiner

Blicke und Verbeugungen nichts als eine komische Figur. Der Reihe nach

war er in sie alle verliebt und er hätte jede genommen, die ihm nur

einen Schritt entgegen getan hätte. Aber den Schritt tat keine, obwohl

er nach und nach seine Sprache um die gebildetsten Phrasen und seine

Toilette um die angenehmsten Gegenstände bereicherte.

Eine Ausnahme gab es wohl, allein er bemerkte sie kaum. Das Fräulein

Paula Kircher, das Kircherspäule genannt, war immer nett gegen ihn und

schien ihn ernst zu nehmen. Sie war freilich weder jung noch hübsch,

vielmehr zwei Jahre älter als er und ziemlich unscheinbar, sonst aber

ein tüchtiges und geachtetes Mädchen aus einer anständigen und

wohlhabenden Handwerkerfamilie. Wenn Andreas sie auf der Straße grüßte,

dankte sie nett und ernsthaft, und wenn sie in den Laden kam, war sie

freundlich, einfach und bescheiden, machte ihm das Bedienen leicht und

nahm seine geschäftsmännischen Aufmerksamkeiten wie bare Münze hin.

Daher sah er sie nicht ungern und hatte Vertrauen zu ihr, im übrigen

aber war sie ihm recht gleichgültig und sie gehörte zu der geringen

Anzahl lediger Mädchen, für die er außerhalb seines Ladens keinen

Gedanken übrig hatte.

Bald setzte er seine Hoffnungen auf feine, neue Schuhe, bald auf ein

nettes Halstuch, ganz abgesehen vom Schnurrbart, der allmählich sproßte

und den er wie seinen Augapfel pflegte. Endlich kaufte er sich von einem

reisenden Handelsmanne auch noch einen Ring aus Gold mit einem großen

Opal daran und mußte es erleben, daß auch diese Verschönerung ohne

Einfluß auf die geringe Wertschätzung der Damenwelt für ihn blieb.

Damals war er sechsundzwanzig Jahre alt.

Als er aber dreißig wurde und noch immer den Hafen der Ehe nur in

sehnsüchtiger Ferne umsegelte, hielten Mutter und Tante es für

notwendig, fördernd einzugreifen. Die Tante, die schon recht hoch in den

Jahren war, machte den Anfang mit dem Angebot, sie wolle ihm noch zu

ihren Lebzeiten das Geschäft abtreten, jedoch nur am Tage seiner

Verheiratung mit einer unbescholtenen Gerbersauer Tochter. Dies war denn

auch für die Mutter das Signal zum Angriff. Nach manchen Überlegungen

kam sie zu dem Befinden, ihr Sohn müsse in einen Verein eintreten, um

mehr unter Leute zu kommen und den Umgang mit Frauen zu lernen. Und da

sie seine Liebe zur Sangeskunst wohl kannte, dachte sie ihn an dieser

Angel zu fangen und legte ihm nahe, sich beim Liederkranz als Mitglied

anzumelden.

Trotz seiner Scheu vor Geselligkeit war Andreas in der Hauptsache sofort

einverstanden. Doch schlug er statt des Liederkranzes den

Kirchengesangverein vor, weil ihm die ernstere Musik besser gefalle. Der

wahre Grund war aber der, daß dem Kirchengesangverein Margret Dierlamm

angehörte. Diese war die Tochter von Ohngelts früherem Lehrprinzipal,

ein sehr hübsches und fröhliches Mädchen von wenig mehr als zwanzig

Jahren, und in sie war Andreas seit neuestem verliebt, da es schon seit

geraumer Zeit keine ledigen Altersgenossinnen mehr für ihn gab,

wenigstens keine hübschen.

Die Mutter hatte gegen den Kirchengesangverein nichts Triftiges

einzuwenden. Zwar hatte dieser Verein nicht halb so viel gesellige

Abende und Festlichkeiten wie der Liederkranz, dafür war aber die

Mitgliedschaft hier viel wohlfeiler, und Mädchen aus guten Häusern, mit

denen Andreas bei Proben und Aufführungen zusammenkommen würde, gab es

auch hier genug. So ging sie denn ungesäumt mit dem Herrn Sohn zum

Vorstande, einem greisen Schullehrer, der sie freundlich empfing.

»So, Herr Ohngelt,« sagte er, »Sie wollen bei uns mitsingen?«

»Ja, gewiß, bitte --«

»Haben Sie denn schon früher gesungen?«

»O ja, das heißt, gewissermaßen --«

»Nun, machen wir eine Probe. Singen Sie irgend ein Lied, das Sie

auswendig können.«

Ohngelt wurde rot wie ein Knabe und wollte um alles nicht anfangen. Aber

der Lehrer bestand darauf und wurde schließlich fast böse, sodaß er am

Ende doch sein Bangen überwand und nach einem resignierten Blick auf die

ruhig dasitzende Mutter sein Leiblied anstimmte. Es riß ihn mit und er

sang den ersten Vers ohne Stocken.

Der Dirigent winkte, es sei genug. Er war wieder ganz höflich und sagte,

das sei allerdings sehr nett gesungen und man merke, daß es _con amore_

geschehe, allein vielleicht wäre er doch mehr für weltliche Musik

veranlagt, ob er es nicht etwa beim Liederkranz probieren wolle. Schon

wollte Herr Ohngelt eine verlegene Antwort stammeln, da legte seine

Mutter sich für ihn ins Zeug. Er singe wirklich schön, meinte sie, und

sei jetzt nur ein wenig verlegen gewesen, und es wäre ihr gar so lieb,

wenn er ihn aufnähme, der Liederkranz sei doch etwas ganz anderes und

nicht so fein, und sie gebe auch jedes Jahr für die Kinderbescherung,

und kurz, wenn der Herr Lehrer so gut sein wollte, wenigstens für eine

Probezeit, man werde ja alsdann schon sehen. Der alte Mann versuchte

noch zweimal begütigend davon zu reden, daß das Kirchensingen kein Spaß

sei, und daß es ohnehin schon so eng hergehe auf dem Orgelpodium, aber

die mütterliche Beredsamkeit siegte zuletzt doch. Es war dem bejahrten

Dirigenten noch nie vorgekommen, daß ein Mann von über dreißig Jahren

sich zum Mitsingen gemeldet und seine Mutter zum Beistand mitgebracht

hatte. So ungewohnt und eigentlich unbequem ihm dieser Zuwachs zu seinem

Chore war, machte ihm die Sache im stillen doch ein Vergnügen, wenn auch

nicht um der Musik willen. Er bestellte Andreas zur nächsten Probe und

ließ die beiden lächelnd ziehen.

Am Mittwoch Abend fand sich der kleine Ohngelt pünktlich in der

Schulstube ein, wo die Proben abgehalten wurden. Man übte einen Choral

für das Osterfest. Die allmählich ankommenden Sänger und Sängerinnen

begrüßten das neue Mitglied sehr freundlich und hatten alle ein so

aufgeräumtes und heiteres Wesen, daß Ohngelt sich selig fühlte. Auch

Margret Dierlamm war da und auch sie nickte dem Neuen mit freundlichem

Lächeln zu. Wohl hörte er manchmal hinter sich leise lachen, doch war er

ja gewöhnt, ein wenig komisch genommen zu werden, und ließ es sich nicht

anfechten. Was ihn hingegen befremdete, war das zurückhaltend ernste

Betragen des Kircherspäule, das ebenfalls anwesend war und, wie er bald

bemerkte, sogar zu den geschätzteren Sängerinnen gehörte. Sie hatte

sonst immer eine wohltuende Freundlichkeit gegen ihn gezeigt, und jetzt

war gerade sie merkwürdig kühl und schien beinahe Anstoß daran zu

nehmen, daß er hier eingedrungen war. Aber was ging ihn das

Kircherspäule an?

Beim Singen verhielt sich Ohngelt überaus vorsichtig. Wohl hatte er von

der Schule her noch eine leise Ahnung vom Notenwesen und manche Takte

sang er mit gedämpfter Stimme den andern nach, im ganzen aber fühlte er

sich seiner Kunst erbärmlich wenig sicher und hegte bange Zweifel daran,

ob das jemals anders werden würde. Der Dirigent, den seine Verlegenheit

lächerte und rührte, schonte ihn und sagte beim Abschied sogar: »Es wird

mit der Zeit schon gehen, wenn Sie sich dran halten.« Den ganzen Abend

aber hatte Andreas das Vergnügen, in Margrets Nähe sein und sie häufig

anschauen zu dürfen. Er dachte daran, daß bei dem öffentlichen Singen

vor und nach dem Gottesdienst auf der Orgel die Tenöre gerade hinter den

Mädchen aufgestellt waren und malte sich die Wonne aus, am Osterfest und

bei allen künftigen Anlässen so nahe bei Fräulein Dierlamm zu stehen und

sie ungescheut betrachten zu können. Da fiel ihm zu seinem Schmerze

wieder ein, wie klein und niedrig er gewachsen war und daß er zwischen

den andern Sängern stehend nichts würde sehen können. Mit großer Mühe

und vielem Stottern machte er einem der Mitsinger diese seine künftige

Notlage auf der Orgel klar, natürlich ohne den wahren Grund seines

Kummers zu nennen. Da beruhigte ihn der Kollege lachend und meinte, er

werde ihm schon zu einer ansehnlichen Aufstellung verhelfen können.

Nach dem Schluß der Probe lief alles davon, kaum daß man einander

grüßte. Einige Herren begleiteten Damen nach Hause, andere gingen

miteinander zu einem Glas Bier. Ohngelt blieb allein und kläglich auf

dem Platze vor dem finsteren Schulhause stehen, sah den andern und

namentlich der Margret beklommen nach und machte ein enttäuschtes

Gesicht, da kam das Kircherspäule an ihm vorbei und als er den Hut zog,

sagte sie: »Gehen Sie heim? Dann haben wir ja einen Weg und können

miteinander gehen.« Dankbar schloß er sich an und lief neben ihr her

durch die feuchten, märzkühlen Gassen heimwärts, ohne mehr Worte als den

Gutenachtgruß mit ihr zu tauschen.

Am nächsten Tag kam Margret Dierlamm in den Laden und er durfte sie

bedienen. Er faßte jeden Stoff an, als wäre er Seide, und bewegte den

Maßstab wie einen Fiedelbogen, er legte Gefühl und Anmut in jede kleine

Dienstleistung, und leise wagte er zu hoffen, sie würde ein Wort von

gestern und vom Verein und von der Probe sagen. Richtig tat sie das

auch. Gerade noch unter der Türe fragte sie: »Es war mir ganz neu, daß

Sie auch singen, Herr Ohngelt. Singen Sie denn schon lang?« Und während

er unter Herzklopfen hervorstieß: »Ja -- vielmehr nur so -- mit

Verlaub,« entschwand sie leicht nickend in die Gasse.

»Schau, schau!« dachte er bei sich und spann Zukunftsträume, ja er

verwechselte beim Einräumen zum ersten Male in seinem Leben die

halbwollenen Litzen mit den reinwollenen.

Indessen kam die Osterzeit immer näher, und da sowohl am Karfreitag wie

am Ostersonntag der Kirchenchor singen sollte, gab es mehrmals in der

Woche Proben. Ohngelt erschien stets pünktlich und gab sich alle Mühe,

nichts zu verderben, wurde auch von jedermann mit Wohlwollen behandelt.

Nur das Kircherspäule schien nicht recht mit ihm zufrieden zu sein und

das war ihm nicht lieb, denn sie war schließlich doch die einzige Dame,

zu der er ein volles Vertrauen hatte. Auch fügte es sich regelmäßig, daß

er an ihrer Seite nach Hause ging, denn der Margret seine Begleitung

anzutragen, war wohl stets sein stiller Wunsch und Entschluß, doch fand

er nie den Mut dazu. So ging er denn mit dem Päule. Die drei ersten Male

wurde auf diesem Heimgang kein Wort geredet. Das nächste Mal nahm die

Kircher ihn ins Gebet und fragte, warum er nur so wortkarg sei, ob er

sie denn fürchte.

»Nein,« stammelte er erschrocken, »das nicht -- vielmehr -- gewiß nicht

-- im Gegenteil.«

Sie lachte leise und fragte: »Und wie geht's denn mit dem Singen? Haben

Sie Freude dran?«

»Freilich ja -- sehr -- jawohl.«

Sie schüttelte den Kopf und sagte leiser: »Kann man denn mit Ihnen

wirklich nicht reden, Herr Ohngelt? Sie drücken sich auch um jede

Antwort herum.«

Er sah sie hilflos an und stotterte.

»Ich meine es doch gut,« fuhr sie fort. »Glauben Sie das nicht?«

Er nickte heftig.

»Also denn! Können Sie denn gar nichts reden als wieso und immerhin und

mit Verlaub und dergleichen Zeug?«

»Ja, schon, ich kann schon, obwohl -- allerdings.«

»Ja obwohl und allerdings. Sagen Sie, am Abend mit Ihrer Frau Mutter und

mit der Tante reden Sie doch auch deutsch, oder nicht? Dann tun Sie's

doch auch mit mir und mit andern Leuten. Man könnte dann doch ein

vernünftiges Gespräch führen. Wollen Sie nicht?«

»Doch ja, ich will schon -- gewiß --«

»Also gut, das ist gescheit von Ihnen. Jetzt kann ich doch mit Ihnen

reden. Ich hätte nämlich einiges zu sagen.«

Und nun sprach sie mit ihm, wie er es nicht gewöhnt war. Sie fragte, was

er denn im Kirchengesangverein suche, wenn er doch nicht singen könne

und wo fast nur Jüngere als er seien. Und ob er nicht merke, daß man

sich dort manchmal über ihn lustig mache und mehr von der Art. Aber je

mehr der Inhalt ihrer Rede ihn traurig machte, ja demütigte und

entrüstete, desto eindringlicher empfand er die gütige und wohlmeinende

Art ihres Zuredens. Etwas weinerlich schwankte er zwischen kühler

Ablehnung und gerührter Dankbarkeit. Da waren sie schon vor dem

Kircher'schen Hause. Paula gab ihm die Hand und sagte ernsthaft:

»Gute Nacht, Herr Ohngelt, und nichts für ungut. Nächstes Mal reden wir

weiter, gelt?«

Verwirrt ging er heim und so weh ihm war, wenn er an ihre Enthüllungen

dachte, so neu und tröstlich war es ihm, daß jemand so freundschaftlich

und ernst und wohlgesinnt mit ihm gesprochen hatte.

Auf dem Heimweg von der nächsten Probe gelang es ihm schon, in ziemlich

deutscher Sprache zu reden, etwa wie daheim mit der Mutter, und mit dem

Gelingen stieg sein Mut und sein Vertrauen. Am folgenden Abend war er

schon soweit, daß er ein Bekenntnis abzulegen versuchte, er war sogar

halb entschlossen, die Dierlamm mit Namen zu nennen, denn er versprach

sich Unmögliches von Päules Mitwisserschaft und Hilfe. Aber sie ließ ihn

nicht dazu kommen. Sie schnitt seine Geständnisse plötzlich ab und

sagte: »Sie wollen heiraten, nicht wahr? Das ist auch das Gescheiteste,

was Sie tun können. Das Alter haben Sie ja.«

»Das Alter, ja das schon,« sagte er traurig. Aber sie lachte nur und er

ging ungetröstet heim. Das nächste Mal kam er wieder auf diese

Angelegenheit zu sprechen. Das Päule entgegnete bloß, er müsse ja

wissen, wen er haben wolle; gewiß sei nur, daß die Rolle, die er im

Gesangverein spiele, ihm nicht förderlich sein könnte, denn junge

Mädchen nehmen schließlich bei einem Liebhaber alles in den Kauf, nur

nicht die Lächerlichkeit.

Die Bedenken und Seelenqualen, in welche ihn diese deutlichen Worte

versetzt hatten, wichen endlich der Aufregung und den Vorbereitungen zum

Karfreitag, an welchem Ohngelt zum ersten Mal im Chor auf der

Orgeltribüne sich zeigen sollte. Er kleidete sich an diesem Morgen mit

besonderer Sorgfalt an und kam mit gewichstem Zylinder frühzeitig in die

Kirche. Nachdem ihm sein Platz angewiesen worden war, wandte er sich

nochmals an jenen Kollegen, der ihm bei der Aufstellung behilflich zu

sein versprochen hatte. Wirklich schien dieser die Sache nicht vergessen

zu haben, er winkte dem Orgeltreter und dieser brachte schmunzelnd ein

kleines Kistlein, das wurde an Ohngelts Stehplatz hingesetzt und der

kleine Mann darauf gestellt, so daß er nun im Sehen und Gesehenwerden

dieselben Vorteile genoß wie die längsten Tenöre. Nur war das Stehen auf

diese Art mühevoll und gefährlich, er mußte sich genau im Gleichgewicht

halten und vergoß manchen Tropfen Schweiß bei dem Gedanken, er könnte

umfallen und mit gebrochenen Beinen unter die an der Brüstung postierten

Mädchen hinab stürzen, denn der Orgelvorbau neigte sich in schmalen,

stark abfallenden Terrassen niederwärts gegen das Kirchenschiff. Dafür

hatte er aber das Vergnügen, der schönen Margret Dierlamm aus

beklemmender Nähe in den Nacken schauen zu können, was ihn ebenfalls

nicht wenig mitnahm. Da der Gesang und der ganze Gottesdienst vorüber

war, fühlte er sich erschöpft und atmete tief auf, als die Türen

geöffnet und die Glocken gezogen wurden.

Tags darauf warf ihm das Kircherspäule vor, sein künstlich erhobener

Standpunkt sehe recht hochmütig aus und mache ihn lächerlich. Er

versprach, sich späterhin seines kurzen Leibes nicht mehr zu schämen,

doch wollte er morgen am Osterfeste noch ein letztes Mal das Kistlein

benutzen, schon um den Herrn, der es ihm angeboten, nicht zu beleidigen.

Sie wagte nicht zu sagen, ob er denn nicht sehe, daß jener die Kiste nur

hergebracht habe, um sich einen Spaß mit ihm zu machen. Kopfschüttelnd

ließ sie ihn gewähren und war über seine Dummheit so ärgerlich wie über

seine liebe Arglosigkeit gerührt.

Am Ostersonntage ging es im Kirchenchor noch um einen Grad feierlicher

zu als neulich. Es wurde eine schwierige Musik aufgeführt, und Ohngelt

balancierte tapfer und erfolgreich auf seinem Gerüste. Gegen den Schluß

des Chorals hin nahm er jedoch mit Entsetzen wahr, daß sein Standörtlein

unter seinen Sohlen zu wanken und unfest zu werden begann. Er konnte

nichts tun, als stillhalten und womöglich den Sturz über die Terrasse

vermeiden. Dieses gelang ihm auch und statt eines Skandals und Unglücks

ereignete sich nichts, als daß der Tenor Ohngelt unter leisem Krachen

sich langsam verkürzte und mit angsterfülltem Gesichte abwärts sinkend

aus der Sichtbarkeit verschwand. Der Dirigent, das Kirchenschiff, die

Emporen und der schöne Nacken der blonden Margret gingen nach einander

seinem Blick verloren, doch kam er heil zu Boden und in der Kirche hatte

außer den grinsenden Sangesbrüdern nur ein Teil der nahesitzenden

männlichen Schuljugend den Vorgang wahrgenommen. Über die Stätte seiner

Erniedrigung hinweg jubilierte und frohlockte der kunstreiche

Osterchoral, während der Versunkene reuig an die guten Ermahnungen der

Jungfer Kircher dachte.

Als unterm Kehraus des Organisten das Volk die Kirche verließ, blieb der

Verein auf seiner Tribüne noch auf ein paar Worte beinander, denn morgen

am Ostermontag sollte wie jedes Jahr ein festlicher Vereinsausflug

unternommen werden. Auf diesen Ausflug hatte Andreas Ohngelt von Anfang

an große Erwartungen gestellt. Er fand jetzt sogar den Mut, Fräulein

Dierlamm zu fragen, ob sie auch mitzukommen gedenke, und die Frage kam

ohne viel Anstoß über seine Lippen.

»Ja, gewiß gehe ich mit,« sagte das schöne Mädchen mit Ruhe, und dann

fügte sie hinzu: »Übrigens, haben Sie sich vorher nicht weh getan?«

Dabei stieß sie das verhaltene Lachen so, daß sie auf keine Antwort mehr

wartete und davonlief. In demselben Augenblick schaute das Päule

herüber, mit einem merkwürdig mitleidigen und ernsthaften Blick, der

Ohngelts trostlose Verwirrung noch steigerte. Sein flüchtig

aufgeloderter Mut war nicht minder eilig wieder umgeschlagen, und wenn

er von dem Ausflug nicht schon mit seiner Mama geredet und diese nicht

schon zum Mitgehen aufgefordert gehabt hätte, so wäre er jetzt am

liebsten vom Ausflug, vom Verein und von allen seinen Hoffnungen still

zurückgetreten.

Der Ostermontag war so blau und sonnig wie gemalt und um zwei Uhr kamen

fast alle Mitglieder des Gesangvereins mit mancherlei Gästen und

Verwandten oberhalb der Stadt in der Lärchenallee zusammen. Ohngelt

brachte seine Mutter mit. Er hatte ihr am vergangenen Abend gestanden,

daß er in Margret verliebt sei und zwar wenig Hoffnungen hege, dem

mütterlichen Beistande aber und dem Ausflugsnachmittage doch noch

einiges zutraue. So sehr sie ihrem Kleinen das beste gönnte, so schien

ihr doch Margret zu jung und zu hübsch für ihn zu sein. Man konnte es ja

versuchen; die Hauptsache war, daß Andreas bald eine Frau bekam, schon

des Ladens wegen.

Man rückte ohne Gesang aus, denn der Waldweg ging ziemlich steil und

beschwerlich bergauf. Frau Ohngelt fand trotzdem Sammlung und Atem

genug, um erstlich ihrem Sohn die letzten Verhaltungsmaßregeln für die

kommenden Stunden einzuschärfen und hernach ein aufgeräumtes Gespräch

mit Frau Dierlamm anzufangen. Margrets Mutter bekam, während sie Mühe

hatte im Bergansteigen Luft für die notwendigsten Antworten zu

erübrigen, eine Reihe angenehmer und interessanter Dinge zu hören. Frau

Ohngelt begann mit dem prächtigen Wetter, ging von da zu einer Würdigung

der Kirchenmusik, einem Lob für Frau Dierlamms rüstiges Aussehen und

einem Entzücken über das Frühlingskleid der Margret und ihre Schönheit

über, sie verweilte bei Angelegenheiten der Toilette und gab schließlich

eine Darstellung von dem erstaunlichen Aufschwung, den der

Weißwarenladen ihrer Schwägerin in den letzten Jahren genommen habe.

Frau Dierlamm konnte auf dieses hin nicht anders, als auch des jungen

Ohngelt lobend zu erwähnen, der so viel Geschmack und kaufmännische

Fähigkeiten zeige, was ihr Mann schon vor manchen Jahren während

Andreas' Lehrzeit bemerkt und anerkannt habe. Auf diese Schmeichelei

antwortete die entzückte Mutter mit einem halben Seufzer. Freilich, der

Andreas sei tüchtig und werde es noch weit bringen, auch sei der

prächtige Laden schon so gut wie sein Eigentum, ein Jammer aber sei es

mit seiner Schüchternheit gegen das Frauenzimmer. Seinerseits fehle es

weder an Lust noch an den wünschenswerten Tugenden für das Heiraten,

wohl aber an Zutrauen und Unternehmungsmut, und wenn schon dies ja in

einem gewissen Sinne für ihn spreche, so komme er doch auf diese Weise

in der erwähnten Hauptsache niemals vorwärts.

Frau Dierlamm, da die Gesellschaft mittlerweile die Hügelhöhe und einen

nahezu ebenen Pfad erreicht hatte, begann mit wiedergewonnenem Atem nun

die besorgte Mutter zu trösten und wenn sie dabei auch weit davon

entfernt war, an ihre Tochter zu denken, versicherte sie doch, daß eine

Verbindung mit Andreas für jede ledige Tochter der Stadt nur willkommen

sein könnte. Diese Worte sog die Ohngelt wie Honig ein und über ihr vom

Gehen warm gewordenes Gesicht leuchtete eine so reine Genugtuung, daß es

fast wie Schadenfreude anzusehen war.

Unterdessen war Margret mit anderen jungen Leuten der Gesellschaft weit

voran geeilt und diesem kleinen Kreise der Jüngsten und Lustigsten

schloß sich auch Ohngelt an, obwohl er alle Not hatte, mit seinen kurzen

Beinen nachzukommen.

Wieder waren alle ausnehmend freundlich gegen ihn, denn für diese

Spaßvögel war der ängstliche Kleine mit seinen verliebten Augen ein

gefundenes Fressen. Auch die hübsche Margret tat mit und zog den Anbeter

je und je mit scheinbarem Ernste ins Gespräch, so daß er vor glücklicher

Erregung und verschluckten Satzteilen ganz heiß wurde.

Allein das Vergnügen dauerte nicht lange. Allmählich merkte der arme

Teufel doch, daß er hinterrücks beständig ausgelacht wurde, und wenn er

sich auch darein zu schicken wußte, so ward er doch niedergeschlagen und

ließ alle Hoffnung wieder sinken. Äußerlich ließ er sich jedoch

möglichst wenig anmerken. Die Ausgelassenheit der jungen Leute stieg mit

jeder Viertelstunde und er lachte angestrengt desto lauter mit, je

deutlicher er alle Witze und Andeutungen als auf ihn selber gemünzt

erkannte. Schließlich endete der Keckste von den Jungen, ein baumlanger

Apothekergehilfe, die Neckereien durch einen recht groben Scherz.

Man kam gerade an einer schönen alten Eiche vorüber und der Apotheker

bot sich an zu versuchen, ob er den untersten Ast des hohen Baumes mit

den Händen erreichen könne. Er stellte sich auf und sprang mehrmals in

die Höhe, aber es reichte nicht ganz, und die im Halbkreise

umherstehenden Zuschauer begannen ihn auszulachen. Da kam er auf den

Einfall, sich durch einen Witz wieder in Ehren und einen andern an die

Stelle des Ausgelachten zu bringen. Plötzlich griff er den kleinen

Ohngelt um den Leib, hob ihn in die Höhe und forderte ihn auf, den Ast

zu fassen und sich daran zu halten. Der Überraschte war empört und wäre

gewiß nicht darauf eingegangen, hätte er nicht in seiner schwebenden

Lage Furcht vor einem Sturze gehabt. So packte er denn zu und klammerte

sich an; sobald sein Träger dies aber bemerkte, ließ er ihn los und

Ohngelt hing nun unter dem Gelächter der Jugend hilflos hoch am Aste,

mit den Beinen zappelnd und zornige Schreie ausstoßend.

»Herunter!« schrie er heftig. »Nehmen Sie mich sofort wieder herunter,

Sie!«

Seine Stimme überschlug sich, er fühlte sich vollkommen vernichtet und

ewiger Schande preisgegeben. Der Apotheker aber meinte, nun müsse er

sich loskaufen, und alle jubelten Beifall.

»Sie müssen sich loskaufen,« rief auch Margret Dierlamm.

Da konnte er doch nicht widerstehen.

»Ja, ja,« rief er, »aber schnell!«

Sein Peiniger hielt nun eine kleine Rede des Inhalts, daß Herr Ohngelt

schon seit drei Wochen Mitglied des Kirchengesangvereins wäre, ohne daß

jemand ihn habe singen hören. Nun könne er nicht eher aus seiner hohen

und gefährlichen Lage befreit werden, als bis er der Versammlung ein

Lied vorgesungen habe.

Kaum hatte er gesprochen, so begann Andreas auch schon zu singen, denn

er fühlte sich von seinen Kräften verlassen. Halb schluchzend fing er

an: »Gedenkst du noch der Stunde« -- und war noch nicht mit der ersten

Strophe fertig, so mußte er loslassen und stürzte mit einem Schrei

herab. Alle waren nun doch erschrocken und wenn er ein Bein gebrochen

hätte, wäre er gewiß eines reumütigen Mitleids sicher gewesen. Aber er

stand zwar blaß, doch unversehrt wieder auf, griff nach seinem Hute, der

neben ihm im Moose lag, setzte ihn sorgfältig wieder auf und ging

schweigend davon -- denselben Weg zurück, den sie gekommen waren. Hinter

der nächsten Wegbiegung setzte er sich am Straßenrande nieder und suchte

sich zu erholen.

Hier fand ihn der Apotheker, der ihm mit schlechtem Gewissen

nachgeschlichen war. Er bat um Verzeihung, ohne eine Antwort zu

erhalten.

»Es tut mir wirklich furchtbar leid,« sagte er nochmals bittend, »ich

hatte gewiß nichts Böses im Sinn. Bitte verzeihen Sie mir und kommen Sie

wieder mit!«

»Es ist schon gut«, sagte Ohngelt und winkte ab, und der andere ging

unbefriedigt davon.

Wenig später kam der zweite Teil der Gesellschaft mit den älteren Leuten

und den beiden Müttern dabei langsam angerückt. Ohngelt ging zu seiner

Mutter hin und sagte:

»Ich will heim.«

»Heim? Ja warum denn? Ist was passiert?«

»Nein. Aber es hat doch keinen Wert, ich weiß es jetzt gewiß.«

»So? Hast du einen Korb gekriegt?«

»Nein. Aber ich weiß doch --«

Sie unterbrach ihn und zog ihn mit.

»Jetzt keine Faxen! Du kommst mit und es wird schon recht werden. Beim

Kaffee setz' ich dich neben die Margret, paß auf.«

Er schüttelte bekümmert den Kopf, gehorchte aber und ging mit. Das

Kircherspäule versuchte eine Unterhaltung mit ihm anzufangen und mußte

es wieder aufgeben, denn er blickte schweigend geradeaus und hatte ein

gereiztes und verbittertes Gesicht, wie es niemand an ihm je gesehen

hatte.

Nach einer halben Stunde erreichte die Gesellschaft das Ziel des

Ausflugs, ein kleines Walddorf, dessen Wirtshaus durch seinen guten

Kaffee bekannt war und in dessen Nähe die Ruinen einer kleinen

Raubritterburg lagen. Im Wirtsgarten war die schon länger angekommene

Jugend lebhaften Spielen hingegeben, Gelächter und laute Rufe klangen

hell durch die sonnige Frühlingsluft. Jetzt wurden Tische aus dem Hause

gebracht und zusammengerückt, die jungen Leute trugen Stühle und Bänke

herbei; frisches Tischzeug wurde aufgelegt und die Tafeln mit Tassen,

Kannen, Tellern und Backwerk bestellt. Frau Ohngelt gelang es richtig,

ihren Sohn an Margrets Seite zu bringen. Er aber nahm seines Vorteils

nicht wahr, sondern dämmerte im Gefühl seines Unglücks trostlos vor sich

hin, rührte gedankenlos mit dem Löffel im erkaltenden Kaffee und schwieg

hartnäckig trotz allen Blicken, die seine Mutter ihm sandte.

Gleichgiltig hörte er zu, wie Margret mit ihrem andern Tischnachbarn ein

lebhaftes Gespräch begann und weiterführte, und er nickte nur still vor

sich hin, als weiter unten an der Tafel im Gewirre der Unterhaltungen

auch Anspielungen auf sein Abenteuer laut wurden. Er hörte mehrmals

unter Kichern das Wort Zachäus aussprechen und wußte, wem es galt, und

dennoch war er nicht mehr zornig, sondern gab sich dem Gefühl eines

widerstandslosen Untersinkens in Schmach und Unglück mit einer Art von

Wollust hin.

Nach der zweiten Tasse beschlossen die Anführer der Jungen, einen Gang

nach der Burgruine zu tun und dort Spiele zu machen. Lärmend erhob sich

die Jungmannschaft samt den Mädchen. Auch Margret Dierlamm stand auf und

im Aufstehen übergab sie dem mutlos verharrenden Ohngelt ihr hübsches

perlengesticktes Handtäschlein mit den Worten:

»Bitte bewahren Sie mir das gut, Herr Ohngelt, wir gehen zum

Spielen.« Er nickte und nahm das Ding zu sich. Die grausame

Selbstverständlichkeit, mit der sie annahm, er werde bei den Alten

bleiben und sich nicht an den Spielen beteiligen, wunderte ihn nicht

mehr. Ihn wunderte nur noch, daß er das alles nicht von Anfang an

bemerkt hatte, die merkwürdige Freundlichkeit bei den Proben, die

Geschichte mit dem Kistlein und alles andere.

Als die fröhlichen jungen Leute gegangen waren und die Zurückgebliebenen

weiter Kaffee tranken und Gespräche spannen, verschwand Ohngelt

unvermerkt von seinem Platz und ging hinterm Garten übers Feld dem Walde

zu. Die hübsche Tasche, die er in der Hand trug, glitzerte freudig im

Sonnenlicht; er aber wußte nicht, sollte er das nette Spielzeug mit

Küssen bedecken oder weit in die Büsche schleudern. Vor einem frischen

Baumstrunk machte er Halt. Er zog sein Taschentuch heraus, breitete es

über das noch lichte, feuchte Holz und setzte sich darauf. Dann stützte

er den Kopf in die Hände und brütete über traurigen Gedanken und als

sein Blick wieder auf die bunte Tasche fiel und als zugleich mit einem

Windzug die Schreie und Freudenrufe der in der Burg Ballspielenden

herüberklangen, neigte er den schweren Kopf tiefer und begann lautlos

und kindlich zu weinen.

Wohl eine Stunde lang blieb er so sitzen. Seine Augen waren wieder

trocken und seine Erregung verflogen, aber das Traurige seines Zustandes

und die Hoffnungslosigkeit seiner sehnlichsten Bestrebungen waren ihm

jetzt noch klarer als zuvor. Da hörte er einen leichten Schritt sich

nähern, ein Kleid rauschen, und ehe er von seinem Sitze aufspringen

konnte, stand die Paula Kircher neben ihm.

»Ganz allein?« fragte sie scherzend. Und da er nicht antwortete und sie

ihn genauer anschaute, wurde sie plötzlich ernst und fragte mit

frauenhafter Güte: »Wo fehlt es denn? Ist Ihnen ein Unglück geschehen?«

»Nein,« sagte Ohngelt leise und ohne nach Phrasen zu suchen. »Nein. Ich

habe nur eingesehen, daß ich nicht unter die Leute passe. Und daß ich

ihr Hanswurst gewesen bin.«

»Nun, so schlimm wird es nicht sein --«

»Doch, gerade so. Ihr Hanswurst bin ich gewesen, und besonders noch den

Mädchen ihrer. Weil ich gutmütig gewesen bin und es redlich gemeint

habe. Sie haben recht gehabt, ich hätte nicht in den Verein gehen

sollen.«

»Sie können ja wieder austreten und dann ist alles gut.«

»Austreten kann ich schon, und ich tu es lieber heut als morgen. Aber

damit ist noch lange nicht alles gut.«

»Warum denn nicht?«

»Weil ich zum Spott für sie geworden bin. Und weil jetzt vollends keine

mehr --«

Das Schluchzen übernahm ihn beinahe. Sie fragte freundlich: »-- und weil

jetzt keine mehr --?«

Mit zitternder Stimme fuhr er fort: »Weil jetzt vollends kein Mädchen

mehr mich achtet und mich ernst nehmen will.«

»Herr Ohngelt,« sagte das Päule langsam, »sind Sie jetzt nicht

ungerecht? Oder meinen Sie, ich achte Sie nicht und nehme Sie nicht

ernst?«

»Ja, das wohl, das war nicht recht von mir. Aber das war auch eigentlich

nicht das, was ich gemeint habe. Ich glaube schon, daß Sie mich noch

achten. Aber das ist es nicht.«

»Ja, was ist es denn?«

»Ach Gott, ich sollte gar nicht davon reden. Aber ich werde ganz irr,

wenn ich denke, daß jeder andere es besser hat als ich, und ich bin doch

auch ein Mensch, nicht? Aber mich -- mich will -- mich will keine

heiraten!«

Es entstand eine längere Pause. Dann fing das Päule wieder an:

»Ja, haben Sie denn schon die eine oder andre gefragt, ob sie will oder

nicht?«

»Gefragt! Nein, das nicht. Zu was auch? Ich weiß ja vorher, daß keine

will.«

»Dann verlangen Sie also, daß die Mädchen zu Ihnen kommen und sagen: Ach

Herr Ohngelt, verzeihen Sie, aber ich möchte so schrecklich gern haben,

daß Sie mich heiraten! Ja, auf das werden Sie freilich noch lang warten

können.«

»Das weiß ich wohl,« seufzte Andreas. »Sie wissen schon, wie ich's

meine, Fräulein Päule. Wenn ich wüßte, daß eine es gut mit mir meint und

mich ein wenig gut leiden könnte, dann --«

»Dann würden Sie vielleicht so gnädig sein und ihr zublinzeln oder mit

dem Zeigfinger winken! Lieber Gott, Sie sind -- Sie sind --«

Damit lief sie davon, aber nicht etwa mit einem Gelächter, sondern mit

Tränen in den Augen. Ohngelt konnte das nicht sehen, doch hatte er etwas

Sonderbares in ihrer Stimme und in ihrem Davonlaufen bemerkt, darum

rannte er ihr nach und als er bei ihr war und beide keine Worte fanden,

hielten sie sich plötzlich umarmt und gaben sich einen Kuß. Da war der

kleine Ohngelt verlobt.

Als er mit seiner Braut verschämt und doch tapfer Arm in Arm in den

Wirtsgarten zurückkehrte, war alles schon zum Aufbruch bereit und hatte

nur noch auf die zwei gewartet. In dem allgemeinen Tumult, Erstaunen,

Kopfschütteln und Glückwünschen trat die schöne Margret vor Ohngelt und

fragte: »Ja, wo haben Sie denn meine Handtasche gelassen?«

Bestürzt gab der Bräutigam Auskunft und eilte in den Wald zurück, und

das Päule lief mit. An der Stelle, wo er so lang gesessen und geweint

hatte, lag im braunen Laube der schimmernde Beutel, und die Braut sagte:

»Es ist gut, daß wir noch einmal herüber sind. Da liegt ja auch noch

dein Sacktuch.«

Nachbarn: Erzählungen · 第 4 / 15 题