Dieser Roman, der in Rußland eine sexuelle Revolution auslöste
und bei Erscheinen der 2. Auflage wegen seiner beispiellosen
Wirkungen konfisziert wurde, erregte auch in Deutschland
gewaltiges Aufsehen. Fast einstimmig erkannte die deutsche
Presse, und darunter namhafte Kritiker, den literarischen Wert
und die außerordentlich hohe kulturgeschichtliche Bedeutung des
Werkes an.
_Kurt Aram_ schrieb in der »Frankfurter Ztg.«:
»Es wirkt fast wie tragische Ironie, daß dem Prediger der
Kreutzersonate gerade in diesen Tagen dieser Gegner erwuchs,
dessen »Ssanin« die schärfste Reaktion gegen Tolstois
Weltanschauung bedeutet. Gleich sind beide nur in ihrer
leidenschaftlichen Einseitigkeit. Verdammt Tolstoi den
Geschlechtsgenuß und rückt er um seinetwillen sogar der Ehe zu
Leibe, so bedeutet für den jungen Ssanin der Geschlechtsgenuß
das einzige, um dessentwillen zu leben sich lohnt. Darüber wird
in unserem Roman sehr viel disputiert, und zwar durchaus nicht in
frivoler Weise, sondern mit fast fanatischem, echt russischem
Ernst. ... ein Buch von guter literarischer Qualität, dessen
größter Wert jedoch sicherlich darin besteht, _ein wichtiges
Dokument zum Verständnis für den völligen Umschwung im Leben,
Fühlen und Handeln der russischen Intelligenz abzugeben_.«
_Willy Rath_ urteilt im »Kunstwart«:
»Es zeigt sich, daß »Ssanin« bestimmt keine Pornographie enthält,
daß das Sexuelle darin nicht einmal gedanklich die
Alleinherrschaft übt, sondern eine weitere, ganz geistige
Anschauung den Ursprung bildet. Freilich bringt diese es mit
sich, daß auch die Frage der Geschlechtsliebe höchst
rücksichtslos erörtert und verwegen beantwortet wird; das Buch
ist nur reifen Menschen in die Hand zu geben.«
_Robert Saudek_ sagt in einem »Eine neue Kreutzersonate«
überschriebenen Feuilleton:
»_Seit Tolstois Kreutzersonate hat kein belletristisches Werk in
Rußland eine ähnliche Wirkung ausgeübt._ Bei der Lektüre
dieses Buches, bei seiner Schilderung der Frauen hat man das
Gefühl, als ob man am ersten Frühlingstag nach einem düstern
Winter auf die Straße träte.«
Der Kritiker der »Berliner Morgenpost« schrieb:
»Artzibaschew gehört seit seinem Ssanin zu den Dichtern, deren
Name unumgänglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknüpft ist.
Selbst wenn er nicht durch seine künstlerischen Qualitäten zu
_einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur
Rußlands_ geworden wäre, hätten ihm doch kulturhistorische Gründe
bleibende Bedeutung gegeben. _Man wird die gegenwärtige
Epoche_, also die, welche die revolutionäre ablöste,
_psychologisch und sozialistisch nicht beurteilen können, ohne
den Ssanin_ als ihren charakteristischen Niederschlag in den
Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen ... Die Personen und
Charaktere gehen weit über das Einzelinteresse hinaus: sie
stellen Menschheitstypen dar, deren äußere Charakterformen sich
in jeweiligen Epochen anders spiegeln mögen, deren innere
Wahrhaftigkeit und Treue aber unvergänglich bleiben wird ...
Ssanin ist sicher für sein Land zu einem der revolutionärsten
Werke der Weltliteratur geworden.«
Ferner erschien im gleichen Verlage: