Der Ritter von Eichenfels hatte ein schönes Schloß. Das Schloß von
Eichenfels war nahe an einem großen Walde. Der Ritter wohnte in diesem
schönen Schlosse mit seiner wunderschönen Frau, der Gräfin Adelheid von
Eichenfels, und mit seinem Sohne, dem kleinen Grafen Heinrich von
Eichenfels.
Die Eltern waren sehr glücklich, denn sie liebten einander sehr, und sie
liebten auch den kleinen Sohn, der noch nicht groß genug war, um viel zu
sprechen.
Aber da kam ein trauriger Tag. Die Gräfin lachte nicht mehr, nein, sie
weinte. Die schöne Gräfin war so traurig, weil der Ritter fortgehen
mußte. Es war Krieg im Lande, und der König hatte gesagt: »Ich muß alle
meine Soldaten haben.«
Der Ritter mußte auch in den Krieg gehen, und seine Frau blieb allein im
Schlosse, mit dem kleinen Kinde und mit den Dienern.
Eines Abends, als sie bei der Wiege des schlafenden Kindes saß, kam ein
Bote. Er sagte, daß der Ritter von Eichenfels verwundet sei, und daß
seine Frau sogleich fortreisen solle, da er sie noch einmal sehen
möchte, bevor er sterbe.
Die arme Gräfin war sehr traurig, und sie sagte weinend: »Ich muß
schnell zu meinem armen, verwundeten Manne gehen, aber ich kann das
kleine Kind doch nicht mitnehmen. Es muß hier im Schlosse Eichenfels
bleiben, bis ich nach Hause kommen kann.«
Dann rief sie das Kindermädchen und sagte:
»Margarethe, ich muß noch diesen Abend fortreisen. Ihr Herr liegt schwer
verwundet. Er will mich noch einmal sehen, aber da ich das liebe Kind
doch nicht mitnehmen kann, so lasse ich es Ihnen, hier im Schlosse.
Wachen Sie Tag und Nacht, Margarethe. Hüten Sie es treu. Lassen Sie es
nie aus Ihren Augen, damit ich es wohl und glücklich finde, wenn ich
nach Hause komme.«
Margarethe versprach, daß sie das Kind sehr gut hüten wolle, daß sie es
nie aus den Augen lassen werde, und nachdem die arme Gräfin es
tausendmal geküßt hatte, reiste sie schnell fort zu ihrem verwundeten
Manne.
Das Kindermädchen wachte sehr treu, ein, zwei, drei Tage, und das Kind
war so wohl und so glücklich. Es lachte immer und weinte nie. Am vierten
Tage, um drei Uhr, als das Kind in der Wiege lag, und fest eingeschlafen
war, hörte Margarethe schöne Musik im Hofe. Das Kindermädchen war noch
sehr jung, und als es die wunderschöne Tanzmusik hörte, war es sehr
froh, da es so gern tanzte.
Der Herr und die Herrin waren nicht zu Hause, die Diener hatten nichts
zu thun, so fingen sie an, in dem Hofe lustig zu tanzen. Margarethe
stand am Fenster und sah sie tanzen.
Bald öffnete sich die Thür des Kinderzimmers sehr leise, und ein junger
Diener trat leise herein.
»Margarethe,« sagte er dem Kindermädchen, »kommen Sie in den Hof und
tanzen Sie mit mir. Niemand kann so gut tanzen als Sie!«
»Ach,« sagte Margarethe traurig. »Ich kann nicht kommen. Das Kind
schläft, und ich habe der lieben Gräfin versprochen, das Kind nicht
einen Augenblick aus den Augen zu lassen.«
»Margarethe, kommen Sie doch!« bat der junge Diener. »Das Kind schläft
ja fest. Kommen Sie nur eine Minute. Wir wollen nur einen Tanz zusammen
tanzen. Sie werden bald wieder hier sein, und da das Kind immer zwei
Stunden schläft, wird es sicher noch nicht aufwachen. Hier in der Wiege
ist es doch sicher, so kommen Sie!«
Margarethe tanzte so gern, daß sie endlich in den Hof ging, um nur einen
Tanz mit dem Diener zu tanzen, und ließ das schlafende Kind im
Kinderzimmer allein.
Die Musik war so schön, daß sie einen zweiten und dritten Tanz tanzte,
und das schlafende Kind vergaß, bis die Musikanten fortgingen. Dann
sagte sie:
»Ach, das liebe, schlafende Kind habe ich vergessen. Ich muß schnell in
das Kinderzimmer gehen. Vielleicht ist es schon aufgewacht, vielleicht
weint es bitterlich, es ist ja allein!«
Margarethe sprang die Treppen hinauf. Alles war still. Sie trat leise in
das Kinderzimmer, aber da blieb sie erstaunt still stehen.
Alles lag auf dem Boden! Eine zweite Thür, die zu einer anderen Treppe
führte, war weit offen, und die Wiege war leer!
Margarethe dachte zuerst: »Das Kind ist aus der Wiege gefallen!« Sie
suchte es, aber da sie es nicht finden konnte, schrie sie laut vor
Angst.
Die Diener kamen alle, suchten alle, aber sie konnten weder das Kind
finden, noch das Bild der schönen Gräfin, das auf dem Tische gelegen.
»Ach,« sagte Margarethe laut weinend. »Das Kind ist fort! Ach, warum
habe ich es allein gelassen? Warum bin ich in den Hof gegangen?«
Die anderen Diener sprachen alle zusammen und sagten: »Das Kind wurde
gestohlen! Die Musikanten waren Räuber! Sie haben Tanzmusik gespielt,
und als sie sahen, daß wir alle im Hofe waren, ist einer von ihnen in
das Kinderzimmer gekommen, hat das schlafende Kind aus der Wiege
genommen, und ist durch die andere Thür und die kleine Treppe in den
Wald entkommen!«
Da sie alle in dem Schlafzimmer waren, hörten sie nicht daß ein Wagen
schnell heranfuhr. Es war der Wagen der schönen Gräfin. Ihr Mann war
nicht tot, nein, er war genesen, und da er in einigen Tagen wieder
fechten konnte, hatte er seine Frau nach Hause geschickt, so daß das
liebe Kind nicht länger allein mit den Dienern bliebe.
Die Gräfin war sehr erstaunt, niemand in dem Hofe zu finden, aber sie
sprang schnell die Treppen hinauf, um das liebe Kind zu küssen, und trat
schnell in das Kinderzimmer.
Da sah sie die traurigen Diener, das weinende Kindermädchen und die
leere Wiege! Sie wurde totenblaß und rief ängstlich:
»Ach, was ist geschehen? Was ist geschehen? Wo ist mein Kind? Sprechen
Sie doch, wo ist das liebe Kind?«
Die Diener konnten zuerst kein Wort sprechen, aber endlich erfuhr die
arme Mutter alles.
»Ja, ja, das Kind ist gestohlen worden,« sagte sie. »Die Musikanten sind
Kinderräuber. Nehmen Sie Pferde, reiten Sie schnell in den Wald und
suchen Sie mein Kind überall. Sie werden es sicher noch finden. Die
Leute, die es gestohlen haben, sind arm, sie haben keine Pferde, sie
können noch nicht weit von hier sein. Gehen Sie, gehen Sie schnell!«
Die Diener liefen und ritten alle in den Wald. Sie suchten überall, aber
sie konnten weder Kind noch Musikanten finden.
Das Kindermädchen und die Gräfin suchten auch, aber sie konnten weder
Kind noch Musikanten finden.
Dann weinte die arme Gräfin bitterlich und war sehr traurig. Tag und
Nacht dachte sie an das liebe Kind, und oft sagte sie:
»Die Leute haben das Kind sicher gestohlen, um viel Geld zu haben. Warum
kommen sie nicht? Ich würde alles hingeben, um das liebe Kind wieder
hier, in meinen Armen, zu halten. Ach! wenn mein lieber Mann nur hier
wäre! Aber, ich kann ihm nicht sagen, daß unser Sohn gestohlen ist. Er
ist verwundet, und sobald er hergestellt ist, muß er für den König und
das Vaterland streiten. Ja, ich muß warten, bis der Krieg zu Ende ist,
oder bis die Räuber mein Kind zurückbringen!«
Als das Kindermädchen ihre arme Herrin so bitterlich weinen sah, wurde
sie immer unglücklicher, und endlich sagte sie zu sich selbst:
»Hier kann ich nicht länger bleiben. Ich kann das Weinen der armen
Gräfin nicht sehen. Ich habe das Kind allein gelassen. Das war nicht
recht. Ich bin bestraft, ja, ich bin bestraft! Ich kann nie wieder
glücklich sein, bis das Kind seiner Mutter zurückgegeben ist. Aber ich
kann nicht hier im Schlosse bleiben und meine Herrin trauern sehen, ich
muß fort.«
Das arme Kindermädchen ging fort, um ihr Brot weit von dem Schlosse
Eichenfels zu verdienen.