Es war einmal ein König, der eine wunderschöne Tochter hatte. Sie war
schön, aber sie war immer so traurig, daß sie nie lachte, und so
hochmütig, daß sie immer »nein« sagte, wenn ein Prinz kam, um sie zu
heiraten. Der König war nicht zufrieden und zuletzt sagte er: »Meine
Tochter muß heiraten, und ich werde sie dem Manne geben, der sie lachen
machen kann.«
Als die Freier (die Männer, welche die Prinzessin heiraten wollten)
dieses hörten, wollten sie alle die Prinzessin lachen machen, und sie
kamen alle, einer nach dem anderen, und doch lachte die Prinzessin
nicht. Diese jungen Freier waren alle so komisch, daß der König, die
Königin und alle ihre Diener sehr lachen mußten, nur die traurige
Prinzessin lachte nicht.
Nahe bei dem Palaste wohnte ein armer Mann. Er hatte drei Söhne, und als
diese hörten, daß der König die Hand der Prinzessin dem Manne geben
wolle, der sie lachen machen konnte, wollten sie alle drei in den Palast
gehen.
Der Vater sagte: »Sie können doch nicht alle drei auf einmal als Freier
dahin gehen.«
»Der älteste Sohn kann zuerst gehen, und wenn er die Prinzessin nicht
lachen machen kann, dann kann der zweite gehen. Wenn es ihm auch nicht
glückt, kann der dritte zuletzt auch gehen.«
Der älteste Sohn machte sich zuerst auf den Weg. Er kam bald zu dem
Palaste. Da stand er vor dem König und sagte stolz:
»König, ich bin gekommen, um Ihre Tochter lachen zu machen, denn ich
will sie zur Frau haben.«
»Nun, Sie sollen sie zur Frau haben, junger Mann, wenn es Ihnen gelingt,
sie lachen zu machen, aber viele Freier haben es schon versucht, und sie
konnten es nicht thun. Wenn Sie es auch nicht thun können, werde ich Sie
bestrafen, denn ich bin der Freier müde, die nichts thun können.«
»Das ist mir recht,« sagte der erste junge Mann, und er ging vor die
Prinzessin und sagte:
»Als ich einmal Soldat werden sollte, mußte ich das Exerzieren lernen,
aber da ich sehr ungeschickt bin, mußten Soldaten und Offiziere sich
beinahe halb tot lachen, wenn ich exercierte.«
Dann brachte man eine Uniform und ein Gewehr, und der junge Mann
exercierte. Er war so ungeschickt, daß es zum totlachen war. Aber,
obgleich der König, die Königin und alle Ihre Diener laut lachten,
lachte die Prinzessin doch nicht, und als der König das sah, war er sehr
böse und bestrafte den Jüngling.
Dann kam der zweite Jüngling. Er war Schullehrer. Er kam zum König und
sagte:
»Ich möchte Ihre Tochter heiraten und ich weiß, daß ich sie lachen
machen kann, denn meine Schüler lachen ja immer, wenn ich Psalmen
singe.«
Der König sagte: »Das ist gut, Schullehrer; aber wenn Sie die Prinzessin
nicht lachen machen können, so werden Sie bestraft.«
»Das ist mir recht,« antwortete der Schullehrer, und er kam vor die
Prinzessin und begann Psalmen zu singen. Er sang so schlecht und sah
auch so komisch aus, daß alle laut lachen mußten.
Alle lachten laut, nur die Prinzessin nicht, und da sie nicht lachen
wollte, sagte der König:
»Bestrafen Sie den Schullehrer, er kann meine Tochter mit seinem Singen
nicht lachen machen.«
Der arme Schullehrer wurde bestraft, und ging traurig nach Hause. Dann
machte sich der dritte Jüngling auf den Weg. Er kam auch zum Palaste,
aber er sagte nicht, wie seine Brüder, daß er die Prinzessin lachen
machen wolle, ach nein, er war viel zu klug. Er fragte nur, ob der König
nicht einen Diener brauche.
Der König sagte: »Ja, ich brauche einen Mann, um Holz und Wasser in die
Küche zu tragen.«
»Das ist mir schon recht!« antwortete der Jüngling. »Ich will Holz und
Wasser in die Küche tragen.«
Eines Tages, als er Wasser holen wollte, sah er einen großen Fisch in
dem Brunnen. Der Fisch lag so still im Wasser, daß der Jüngling ihn in
seinem Eimer fangen konnte. Als er mit dem Fische in dem Eimer nach
Hause ging, begegnete er einer alten Frau, die eine goldene Gans an
einer Schnur führte.
»Guten Tag, gute Frau. Sie haben da eine wunderschöne Gans, und ihre
Federn sind auch wunderschön.«
»Ja,« sagte die alte Frau, »meine goldene Gans ist schön, aber Ihr Fisch
ist noch schöner.«
»Ach!« sagte der Jüngling. »Ich will Ihnen den Fisch für die goldene
Gans geben.«
»Das ist mir schon recht,« antwortete die Frau. »Ich gebe Ihnen meine
goldene Gans. Sie ist eine wunderschöne Gans. Wenn jemand sie streichelt
(die Hand auf die Gans legt), rufen Sie nur laut: Halten Sie fest, wenn
Sie mitkommen wollen, und dann werden die Leute mitgehen müssen.«
»Nun,« sagte der Jüngling, »das ist schön, die Gans ist viel besser als
mein Fisch.«
Der Jüngling gab der alten Frau seinen Fisch und führte die Gans an der
Schnur. Er war nicht weit gegangen, da begegnete er einer anderen alten
Frau. Sie bewunderte (sagte: »Ach, wie schön«) die goldene Gans und
sagte:
»Ach, ich möchte die schöne Gans streicheln!«
»Thun Sie es, gute Frau!« antwortete der Jüngling. Die alte Frau
streichelte die Gans, und der Jüngling rief laut: »Halten Sie fest, gute
Frau, wenn Sie mitkommen wollen!«
Da konnte sich die Frau nicht mehr von der goldenen Gans losreißen, und
sie mußte mitgehen.
Der Jüngling ging weiter, von der Gans und von der jammernden alten Frau
gefolgt.
Bald begegneten sie einem bösen Manne. Er stieß mit dem Fuße nach der
Gans. Dann rief der Jüngling laut:
»Halten Sie fest, böser Mann, wenn Sie mitkommen wollen!«
Und der Mann mußte mitgehen, auf einem Fuße springend, denn er konnte
den anderen Fuß nicht losreißen.
So kamen sie alle vier in den Hof vor dem Palaste. Da war der Schmied.
Er sagte: »Ich bin so stark, ich kann den Jüngling, die goldene Gans,
die alte Frau und den bösen Mann, der nur auf einem Fuße geht, sicher
festhalten. Ich will sie halten, denn wenn sie so vor die Prinzessin
kommen, wird sie sicher lachen, und dann kann sie nicht meine Frau
werden.«
Der Schmied nahm seine große Zange und hielt den Mann damit. Aber da
rief der Jüngling laut:
»Halten Sie fest, Freund Schmied, wenn Sie mitkommen wollen.«
Der starke Schmied konnte sich nicht mehr losreißen. Die Zange hielt ihn
fest, und er mußte dem Jüngling, der Gans, der alten Frau und dem bösen
Manne, der nur auf einem Fuße gehen konnte, folgen.
Als dieser Zug an den Fenstern des Palastes vorbei ging, sah ihn die
traurige Prinzessin. Es war so komisch, daß alle laut lachten, und die
Prinzessin lächelte.
Der Jüngling sah, daß die Prinzessin lächelte, aber er war mit einem
Lächeln nicht zufrieden, und er sagte zu sich selbst:
»Ein Lächeln ist nicht genug. Die Prinzessin muß laut lachen. Sie muß
sich halb zu Tode lachen!«
Dann ging der Zug an der Küche vorbei. Da war die Köchin. Sie war eine
sehr dicke Frau, und als sie den Zug sah, lachte sie auch laut.
»Ach,« sagte sie, »die Leute sind komisch, aber die Gans ist
wunderschön. Ich möchte die Gans streicheln. Junge,« rief sie laut,
»kann ich Ihre wunderschöne goldene Gans ein wenig streicheln?«
»Ach,« sagte der Schmied, »streicheln Sie mich lieber, dicke Köchin!«
Als die Köchin das hörte, war sie sehr böse, denn sie wollte nicht dick
genannt sein, und sie nahm einen sehr großen Löffel und schlug auf den
Schmied. Dann rief der Jüngling laut:
»Halten Sie fest, dicke Köchin, wenn Sie mitkommen wollen,« und jetzt
mußte die dicke Köchin auch nachfolgen, und sie war so böse und schrie
so laut, daß der König, die Königin und alle ihre Diener sich halb
totlachen mußten. Und als die traurige Prinzessin den komischen Zug sah,
mußte sie auch laut lachen. Sie lachte so laut und so lange, daß der
König endlich sagte:
»Jetzt haben Sie für einmal genug gelacht, liebe Tochter, und jetzt
sollen Sie den Jüngling sogleich heiraten, der Sie lachen machte.«
Die Prinzessin sagte nicht »nein,« und bald kam die Trauung. Das war ein
schönes und ein großes Fest. Die Leute tanzten alle und sangen viel. Die
Prinzessin sang, tanzte und lachte auch, und der Jüngling war sehr froh,
denn er hatte eine schöne Frau, ein reiches Land, und zuletzt ward er
auch König.
(8) This version of the well-known fairy-story is taken from Dasent's
Collection of Norse Tales. Similar stories are found in Grimm, "The
Golden Goose," and in Wratislaw's "George with the Goat." Dasent's
story is entitled Taper Tom, and can be found related at length in his
"Tales from the Fjeld."