Es war einmal ein Mann. Der Mann war arm. Er hatte eine Frau. Die Frau
war auch arm. Der Mann hatte auch ein Kind, ein kleines Kind. Der Mann
und die Frau liebten das Kind. Das Kind war ein Knabe, ein schöner,
kleiner Knabe.
Der Mann hatte ein kleines Haus. Das Haus stand nahe am See. Der Mann
war ein Fischer. Er fischte in dem See. Er hatte auch ein Boot, ein
kleines Boot. Er ging in dem Boote auf den See, wenn er Fische fangen
wollte.
Es war auch ein anderer Mann in diesem Lande. Dieser Mann war groß, sehr
groß, er war ein Riese (ein sehr großer Mann). Er war auch stark, sehr
stark, und er war weise, sehr weise. Eines Tages kam der Riese zu dem
armen, kleinen Hause. Er klopfte an die Thür. Die Frau öffnete die Thür.
»Guten Tag, Riese. Was wollen Sie, guter Riese?« fragte sie.
»Guten Tag, gute Frau!« sagte der Riese. »Wo ist Ihr Mann?«
»Mein Mann ist hier im Hause!« antwortete die Frau.
»Ich möchte Ihren Mann sehen!« sagte der Riese.
»Gut!« antwortete die Frau. »Kommen Sie herein!«
Der Riese kam herein. Er sah den Mann.
»Guten Tag!« sagte der Riese.
»Guten Tag!« antwortete der Fischer. »Setzen Sie sich dahin, guter
Riese!« Und der Mann gab dem Riesen einen Stuhl.
Der Riese setzte sich auf den Stuhl, und dann sagte er:
»Nun, Fischer, haben Sie heute viele Fische gefangen?«
»Ja wohl!« antwortete der Fischer. »Ich habe heute viele Fische
gefangen.«
»Haben Sie große Fische gefangen?«
»Ja!« antwortete der Fischer, »ich habe einige große und einige kleine
Fische gefangen!«
»Ich bin froh, daß Sie so viele Fische gefangen haben,« sagte der Riese.
»Ich habe keine Fische gefangen. Ich bin kein guter Fischer, aber ich
bin ein sehr guter Schachspieler. Schach kann ich gut spielen.«
»O, das kann ich auch!« sagte der Fischer. »Ich kann auch Schach
spielen. Ich bin auch ein guter Schachspieler. Im Winter spiele ich oft
mit meiner Frau. Aber meine Frau kann nicht so gut spielen als ich.«
»Nein!« sagte der Riese, »und Sie können nicht so gut spielen als ich.«
»Das wollen wir sehen!« antwortete der Fischer. Der Fischer stand auf,
er holte das Schachspiel. Er legte das Schachspiel auf den Tisch.
Der Riese setzte sich an den Tisch. Der arme Fischer setzte sich auch an
den Tisch. Sie wollten Schach spielen. Sie spielten lange, lange. Der
Fischer spielte sehr gut, und der Riese auch. Der Fischer spielte das
erste Mal besser als der Riese. Der Fischer gewann das erste Spiel. Aber
das zweite Mal spielte der Riese besser als der Fischer. Der Riese
gewann das zweite Spiel.
»Jetzt wollen wir das dritte Spiel spielen!« sagte der Riese. »Und dann
werden wir sehen, wer besser spielen kann!«
»Das kann ich!« sagte der Fischer. »Das kann ich!«
»Nein, ich kann besser spielen als Sie!« antwortete der Riese. »Was
wollen Sie wetten, daß Sie das Spiel gewinnen werden?«
»Ach,« sagte der Fischer, »ich kann nichts wetten. Ich bin zu arm. Ich
habe weder Hahn noch Katze, weder Hund noch Kuh, ich habe nichts.«
»O ja!« sagte der Riese. »Sie haben da einen schönen, kleinen Knaben.
Wetten Sie den Knaben darauf!«
»Nein, nein,« sagte der Mann, »mein Kind kann ich doch nicht wetten!«
Aber der Riese lachte laut und sagte: »Ja wohl, das Kind wollen Sie
nicht darauf wetten, weil Sie wissen, daß ich besser Schach spielen kann
als Sie.«
»Nein!« sagte der Mann. »Ich weiß sehr gut, daß ich besser spielen
kann!«
»Dann wetten Sie doch das Kind darauf,« sagte der Riese, und der Mann
wettete den Knaben auf das Spiel.
Der Fischer und der Riese spielten. Sie spielten beide sehr gut, denn
sie wollten beide gewinnen. Der Riese wollte gewinnen, denn er wollte
den Knaben haben, und der Fischer wollte gewinnen, denn er wollte dem
Riesen den Knaben nicht geben.
Sie spielten lange, und endlich gewann der Riese das Spiel.
Der arme Fischer war traurig, sehr traurig, denn er liebte sein Kind.
Die Frau war auch traurig, und sie weinte sehr viel, denn sie liebte das
Kind auch, und sie sagte:
»Ach lieber, lieber Mann! Warum haben Sie mit dem Riesen Schach
gespielt? Warum haben Sie das liebe Kind darauf gewettet? Jetzt nimmt
der böse Riese das liebe Kind. Wir werden kein Kind haben!« Und die arme
Frau weinte bitterlich.
Der Riese, der die gute Frau weinen hörte, sagte endlich: »Nun, gute
Frau. Das Kind ist mein, aber da Sie so traurig sind, so werde ich es
bis morgen hier lassen. Morgen komme ich, das Kind zu holen. Aber wenn
Sie das Kind verstecken können, so daß ich es nicht finden kann, dann
werden Sie das Kind behalten können.«
Die arme Frau weinte noch, aber sie war doch froh, daß sie den Knaben
bis morgen behalten konnte, und der starke Riese ging fort.
Dann sagte die Frau zu ihrem Manne: »Ach, lieber Mann, wie können wir
das Kind verstecken? Der Riese ist klug (weise), er ist sehr klug. Er
wird den Knaben finden. Ja, er wird ihn gewiß finden.«
»Ja wohl,« sagte der Mann, »der Riese ist klug, er ist klüger als wir.
Er wird den Knaben gewiß finden. Aber liebe Frau, wenn wir das Kind
nicht gut verstecken können, so wird der Gott Wuotan es vielleicht thun
können. Wir wollen zu Wuotan um Hülfe beten.«
»Ja,« sagte die Frau, »das ist ein guter Einfall, wir wollen zu Wuotan
um Hülfe beten.«
Der Mann und die Frau beteten lange, und endlich hörte Wuotan ihr Gebet.
»Was wollen Sie, meine guten Leute (Männer und Frauen), was wollen Sie?
Warum beten Sie so laut?« fragte Wuotan.
»Ach!« sagte der Mann, »wir sind so traurig, lieber Wuotan. Morgen kommt
ein Riese, und er will unser Kind nehmen, wenn wir es nicht so gut
verstecken, daß er es nicht finden kann. Wir können das Kind nicht gut
genug verstecken. Der Riese wird es gewiß finden, denn er ist klug, und
er hat sehr gute und scharfe Augen. Helfen Sie uns, lieber Wuotan,
helfen Sie uns!«
»Gut,« sagte Wuotan. »Ich werde Ihnen helfen. Wo ist das Kind?«
Dann nahm Wuotan das Kind und er versteckte es. Damit der Riese den
Knaben nicht finden konnte, versteckte er ihn in ein Samenkorn. Den
Kornsamen versteckte er in eine Ähre. Die Ähre versteckte er in ein
Kornfeld, und dann sagte er zu den Eltern:
»Jetzt ist Ihr Kind gut versteckt, gute Leute, und der kluge Riese kann
es sicher nicht finden!«
Der Morgen kam. Der kluge Riese kam auch. Er klopfte an die Thür. Die
Frau machte die Thür auf.
»Guten Morgen, liebe Frau, ich bin gekommen, um das Kind zu holen. Haben
Sie es versteckt?«
»Ja,« sagte die Frau, »das Kind ist versteckt. Finden Sie es, kluger
Riese, wenn Sie es finden können.«
Der Riese, der so klug war, sah überall hin. Dann ging er hinaus.
Endlich sah er das Kornfeld, das schöne Kornfeld, und sagte: »Ah! da ist
schönes Korn. Ich muß das Korn haben.«
Der Riese nahm das Korn und suchte lange, lange. Endlich fand er die
Ähre mit dem Samenkorn, worin das Kind versteckt war. Er nahm die Ähre.
Er nahm alle Samenkörner. Dann suchte er noch lange. Endlich fand er das
Samenkorn, worin das Kind versteckt war. Aber als er es nehmen wollte,
nahm Wuotan das Kind. Er nahm es schnell (nicht langsam), und in einigen
Minuten war das Kind wieder zu Hause bei seinen Eltern.
Dann kam der Riese. Der Riese war böse, sehr böse, und sagte: »Das war
nicht recht (gut). Nein, das war nicht recht. Ich hatte das Kind und
Wuotan hat es genommen! Morgen komme ich wieder. Verstecken Sie das Kind
wieder und wenn ich es finden kann, so ist es mein!«
Der Riese ging fort, und die Frau sagte zu Wuotan: »Ach, guter Gott
Wuotan, helfen Sie uns wieder. Wir können den Knaben nicht gut genug
verstecken. Helfen Sie uns wieder!«
»Nein,« sagte Wuotan, »ich habe Ihnen schon einmal geholfen. Jetzt kann
ich Ihnen nicht mehr helfen!« und der Gott Wuotan ging fort.
Dann weinte die arme Frau bitterlich, bis der Mann sagte: »Liebe Frau,
das Weinen hilft nichts. Wir müssen beten, wir müssen zu Hönir beten.
Vielleicht wird uns Hönir helfen!«
Die beiden Eltern beteten zu Hönir, und endlich hörte der Gott Hönir ihr
Gebet. Er hörte, kam zu ihnen und fragte:
»Nun, gute Leute, warum beten Sie so laut um Hülfe?«
»Ach, lieber Hönir,« antwortete der Mann. »Helfen Sie uns! Morgen kommt
der kluge Riese, um das Kind zu nehmen, wenn wir es nicht so gut
verstecken, daß er es nicht finden kann. Wir können das Kind nicht gut
genug verstecken, denn wir sind nicht klug genug. Helfen Sie uns, lieber
Hönir, helfen Sie uns, bitte, bitte.«
Dann sagte der gute Gott Hönir: »Ja, ich will Ihnen helfen. Ich will den
Knaben verstecken, und ich kann ihn so gut verstecken, daß der Riese ihn
nie finden kann.«
Hönir nahm das Kind und er versteckte es in eine kleine Feder. Die Feder
versteckte er in einen Schwan. Der Schwan konnte gut schwimmen, und der
Schwan schwamm immer auf dem See.
Am Morgen kam der Riese. Er klopfte an die Thür. Die Frau machte die
Thür auf. Der Riese sagte:
»Guten Morgen, liebe Frau. Ist das Kind versteckt?«
»Ja,« sagte die Frau, »das Kind ist gut versteckt, und dieses Mal werden
Sie es nicht finden können.«
»Nun, das wollen wir sehen!« sagte der kluge Riese. Er suchte lange, und
endlich kam er zu dem See. Er sah den Schwan, der so gut schwimmen
konnte, und er fing den Schwan. Er suchte lange unter den Federn.
Endlich fand er die Feder, worin das Kind versteckt war. Er wollte die
Feder nehmen. Aber da kam ein Wind, ein starker Wind. Der Wind war
Hönir. Der Wind blies die Feder aus der Hand des Riesen.
Der Wind blies die Feder in das Haus des armen Fischers.
Dann kam der Riese. Er war böse und sagte laut: »Das war nicht recht.
Morgen komme ich wieder. Verstecken Sie das Kind wieder und wenn ich es
finden kann, so ist das Kind mein.«
Der Riese ging fort und die Eltern sagten: »Ach Hönir, guter Gott Hönir.
Helfen Sie uns wieder, denn wir können das Kind nicht gut genug
verstecken.«
»Nein,« sagte Hönir, »das kann ich nicht. Ich habe Ihnen einmal
geholfen. Jetzt kann ich nicht mehr helfen,« und der Gott Hönir ging
fort.
Dann weinte die arme Frau bitterlich, bis ihr Mann sagte: »Meine Frau,
das Weinen hilft nichts. Wir wollen jetzt beten. Wir wollen zu Loge, dem
Gott des Feuers, beten. Vielleicht wird uns Loge helfen.«
Die armen Eltern beteten lange, und sie beteten so inbrünstig (so laut
und so gut), daß Loge das Gebet endlich hörte. Loge kam und fragte: »Was
wollen Sie, gute Leute, warum beten Sie so inbrünstig?«
»Ach,« sagte der Mann, »morgen kommt ein kluger Riese, um unser liebes
Kind fortzunehmen, wenn wir es nicht verstecken, so daß er es nicht
finden kann. Wuotan und Hönir haben beide das Kind versteckt, und
zweimal hat der böse Riese das Kind gefunden. Helfen Sie uns, Loge, und
verstecken Sie das Kind, bitte, bitte.«
»Gut,« sagte Loge, »ich will das Kind verstecken, so daß der Riese es
nicht finden kann, und wenn er es findet, so werde ich den bösen Riesen
töten.« Dann sagte Loge zu dem Fischer: »Wo ist Ihr Boot. Ich muß
fischen.«
Der Fischer ging mit Loge auf den See. Loge fischte. Er fing drei
Fische. Die Fische waren schön. Loge öffnete einen Fisch. Er fand viele
Eier in dem Fische. Er versteckte das Kind in ein kleines Fischei. Dann
ließ er die Fische wieder in das Wasser gehen und sagte:
»Nun, Fischer, kann der böse Riese das Kind sicher nicht finden.«
Loge ging dann in das Haus. Da sagte er: »Wo ist eine Stange? Ich muß
eine Stange, eine sehr spitzige Stange haben.«
Der Fischer gab Loge eine spitzige Stange. Loge machte die Stange an der
Wand des Hauses fest, so daß das spitzige Ende gegen die Thür war. Dann
sagte er: »Jetzt kann der böse Riese kommen!«
Am Morgen kam der böse Riese. Der Fischer stand vor der Thür des kleinen
Hauses.
»Nun, Fischer,« sagte er. »Haben Sie das Kind versteckt?«
»Ja,« sagte der Fischer, »es ist versteckt, finden Sie es, wenn Sie
können.«
Der Riese sagte: »Gut, ich will das Kind suchen!« Und er sprang in das
Boot, ging auf den See und fischte lange. Endlich fing der Riese drei
Fische. Er nahm den einen Fisch, öffnete ihn, sah die vielen Eier und
suchte lange. Dann fand er das kleine Ei, worin das Kind versteckt war.
Er wollte das Ei nehmen, aber da kam Loge. Er nahm das Ei schnell aus
der Hand des Riesen, und in einer Minute war das Kind auf dem Lande.
Loge sagte dann zu dem Kinde: »Springe in das Haus und mache die Thür
zu, da kommt der böse Riese!«
Das Kind sprang in das Haus und machte die Thür schnell zu.
Da kam der böse Riese. Er wollte das Kind fangen. Er sprang auch schnell
in das Haus, aber da er sehr groß war, durchbohrte ihn die spitzige
Stange, und in einigen Minuten war der böse Riese tot.
Jetzt konnte er nie wiederkommen. Jetzt konnte er das Kind nie
fortnehmen, und die Eltern waren sehr froh, daß er tot war. Sie küßten
das liebe Kind und sagten zu Loge:
»Danke, Loge, danke tausendmal. Sie sind gut, Loge. Sie haben uns gut
geholfen und jetzt sind wir froh, sehr froh, denn wir haben den Knaben,
den lieben Knaben, und der Riese kann ihn nie mehr nehmen.«
(5) This story is based upon one of the myths of northern literature,
and will be found related at length in Simrock's "Deutsche
Mythologie," or in the author's "Myths of Northern Lands," in the
chapter on Loki.