Am nächsten Tag feierte man Christi Himmelfahrt.
Zum erstenmal saßen Wilms und Hedwig in der Fliederlaube beim Kaffee.
Schwüle, dumpfig-warme Luft strich über die Erde, Bäume und Blumen
standen regungslos, als sähen sie furchtsam zu den grauen Wolken empor,
die sich dort oben zu gewaltigen schwarzen Bergen zusammenballten, die
Hofschwalben umkreisten die Scheunen in schrägem, niedrigem Flug, dumpfe
Gewitterstille ließ Menschen und Vieh verstummen, nur die Heuschrecken
und Frösche auf der Wiese summten und quakten lauter als je.
Und still und schwül türmte sich auch etwas zwischen den beiden Menschen
auf, die lautlos einander in der Laube gegenüber saßen. Geschäftig und
leidenschaftlich für ihn besorgt, hatte Hedwig dem Pächter alles
bereitet und zurecht gemacht, er hatte auch manchmal wie zum Dank mit
dem Kopf genickt, jetzt aber brütete er wieder, das Haupt in die Hand
gestützt, düster in das brauende Unwetter hinein, das wie an ungeheuren
schwarzen Seilen bereits vom Himmel herunterhing. Schon klatschten
einzelne, schwere Tropfen von der Höhe auf den Rasen.
Da erhob sich der Landmann, und Hedwig vernahm, wie er nach dem Kutscher
rief, zugleich bemerkte sie auch, daß vor der Einfahrt bereits das
Korbfuhrwerk wartete.
»Willst du fortfahren?« begann sie befangen.
Wilms nickte.
»Geschäftlich?«
Wieder neigte der Pächter schwerfällig das Haupt.
»Wirst du lange fort bleiben, Wilms?«
Noch immer suchten die Augen des Mannes scheu den Boden, aber zum
erstenmal seit Tagen erteilte er doch eine Antwort. Gepreßt kam es
heraus: »Ja, es kann woll -- ein paar Tage dauern.«
Da freute sich das Mädchen, daß sie die erste war, die wieder seine
Stimme vernahm, und im überwallenden Gefühl streckte sie ihm beide Hände
entgegen, um sich von ihm zu verabschieden.
Aber er rührte ihre Finger nicht an. Düster stand der große Mann vor
ihr. Wohl blieben seine überbuschten Augen groß und starr an ihrer
rosigen Haut haften, wie wenn sie sich von dem Anblick nicht trennen
könnten, als er aber scheu den Kopf hob, da umfaßte er das Mädchen mit
einem so jammervollen, so verängsteten und geistig zerrütteten Ausdruck,
seine breiten Lippen zitterten derartig krampfhaft, daß das Mädchen in
jähem Entsetzen zurückbebte.
Ein kalter Schrecken rann durch alle ihre Glieder.
Sah sie nicht, daß der gequälte Mann mehrfach ansetzte, als wollte er
dennoch ihre Hand ergreifen, um bald darauf seine Rechte wieder sinken
zu lassen?
Was hinderte ihn nur?
Etwas Unsichtbares, Unerklärliches mußte sich regelmäßig vor ihm
erheben, und mit einem plötzlichen Entschluß riß er sich jäh von dem
Mädchen los und lief, ohne ein weiteres Wort, wie gehetzt zu seinem
Wagen.
Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, und bald hörte die
Zurückbleibende, wie der Wagen davonrollte.
Matt lehnte sie sich an die Wand der Laube und sah abgespannt in den
grauumzogenen Himmel hinauf, von dem der Gewitterregen noch immer nicht
auf das lechzende Land niederrauschen wollte.
»Das also ist das Ende?« dachte sie. Sie griff sich an die Stirn und
fuhr auf. Ihre ganze Umgebung schien ihr plötzlich so fremd; wie konnte
sie nur in diesem öden, verwunschenen Gehöft so lange gesäumt und
geharrt haben, sie, die doch mit ganz anderen Hoffnungen in die Welt
hinausgetreten war?
Ein langes blendendes Leuchten ging über den Horizont, ein dumpfes
fernes Murren schob sich dazwischen, und ein kurzer Regenguß pfiff über
das Land.
Die Bäume schüttelten sich und richteten sich auf. Auf Blättern und
Halmen perlten große Tropfen.
Aber auch Hedwig war aufs neue erfrischt, sie hatte ihre Schwäche
überwunden. -- Spielend dehnte sie ihre Gestalt und schritt mit ihrem
kräftigen Gang in die Wirtschaftsgebäude, um ruhig und sicher, wie
früher, das Gesinde zu leiten und in Wilms Abwesenheit die Geschäfte des
kleinen Gutes zu besorgen.
»Nimm die leeren Säcke dort vor dem Fenster fort, Dörthe,« ordnete sie
mit ihrer frischen Stimme an.
»Ja Fräulen, die liegen man noch da, damit die sel'ge Frau nich durch
das Wagengerassel gestört werden sollt.«
»Nun ja -- aber meine Schwester braucht sie jetzt nicht mehr, wir aber
könnten die Säcke vielleicht noch nötig haben.«
Die Leute gehorchten ihr. Unbedingte Ordnung und widerspruchsloser
Gehorsam waren in das Gehöft eingekehrt.
Und Hedwig selbst hatte ihre ganze Sicherheit zurückgewonnen.
Sie wußte jetzt, daß über Wilms der finstere Geist der Schwermut
schwebe, daß die Tote dennoch aus dem Grabe auferstanden sei, um
unversöhnt die beiden, die nach einander verlangten, auseinander zu
scheuchen. Aber sie scheute die Frau im weißen Hemde nicht. Die Lebende
war vor ihr gewichen, und deshalb wollte sie alle Kraft einsetzen, um
auch den blutlosen Schatten aus dem Hause zu jagen.
Draußen schlugen harte Tropfen gegen das Wirtschaftsgebäude, aus den
grauen Nebelwänden rollte und polterte es dumpf heran.
Eine zischende Windsbraut wirbelte über das Gehöft.
* * * * *
Wilms fuhr die Landstraße entlang. Sein Ziel waren ein paar große Güter
in der Umgegend von Greifswald. Als er an der Kirche von Boltenhagen
vorüberkam, schallte Orgelklang und Gesang heraus, so daß er aus seiner
Versunkenheit aufgestört wurde.
Er wunderte sich.
»Jochen, was is heut für ein Tag?« fragte er seinen Kutscher.
»Ja Herr, weiten Se dat nich? Hüt hewwen wi ja unsen Herrn Christ sin
Himmelfahrt.«
Wilms faßte sich an den Kopf.
Hatte er denn alle Zeitrechnung verloren, daß er von dem hohem Festtag
gar nichts wußte? Früher hatte er an diesem Tage stets neben Else im
eichenen Kirchenstuhl gesessen und andächtig mitgesungen. -- Seitdem aber
Hedwig auf dem Gehöft wirkte -- -- -- nein, nein, er wollte nicht weiter
denken.
Rasch sprang er vom Wagen herab und schritt hastig über die Treppen in
das Gotteshaus hinein.
Vielleicht wohnte hier doch das Heil, vielleicht konnte hier die
unselige, feige Angst von ihm genommen werden.
Die Kirche war gedrängt voll. Eben schwieg die Orgel, und der kleine
Pastor Schirmer begann von der Kanzel zu predigen. Rührend und beweglich
schilderte er die Leiden und göttliche Sanftmut des Gottessohnes, und
wie er nach seiner Auferstehung den Jüngern, die ihn nicht kannten, in
seinem weißen Gewande am See Tiberias erschienen sei, um sie den
gesegneten Fischzug tun zu lassen.
»Und seine Gestalt war wie der Blitz, und sein Kleid weiß wie der
Schnee.«
Da zuckte Wilms, der auf der hintersten Bank Platz genommen hatte,
erbleichend zusammen. Das Wahnbild, das ihm vorschwebte, trat wieder vor
seine Augen, es wurde schwarz vor ihm, Kirche und Menschen drehten sich
im Kreise.
Die stürmische Angst jagte ihn von dannen.
Nur hinaus -- in die Luft -- ins Freie, daß er atmen konnte. Schwankend
erhob er sich.
Allein der Eintritt des Pächters war von seinen Nachbarn bemerkt worden.
Leise flüsterten sie sich zu, wie elend, krank und abgezehrt der
Landmann aussehe, und Förster Eltze, der in seiner Nähe gesessen, folgte
ihm hinaus.
Und gerade als der nach Luft Ringende seinen Wagen erreicht hatte,
ergriff der gutmütige Riese die Hand des Pächters und hielt ihn zurück.
»Wilms, sind Sie krank?«
Der Pächter starrte den andern an.
»Ja -- Eltze -- ich kann -- in der Nacht nich mehr schlafen.«
»Ach, Unsinn, alter Freund, warum denn nicht?«
»Weil -- weil meine Frau immer bei mir is.«
»Wilms -- um Gottes willen -- alter Freund, das reden Sie sich bloß ein.«
Der Pächter zuckte die Achseln, und während er sein Gefährt bestieg,
antwortete er wehmütig: »Das kann woll sein,« dann grüßte er den Förster
noch kurz, und im nächsten Moment rollte das Fuhrwerk in das graue
Unwetter hinein.
»Jochen, gib auf den Herrn Obacht,« rief Eltze voller Besorgnis den
Abfahrenden nach.
Und er hatte recht mit seiner Warnung, der gutmütige Weidmann.
Der finstere Geist, der den Unglücklichen mit seinen schwarzen Fittichen
beschattete, senkte sich immer tiefer auf sein Opfer herab, so daß die
Nacht noch düsterer in ihm wurde.
Am Himmel zuckte und leuchtete es, in langen Linien schossen die
schmalen Feuerstreifen dahin, aus den dunklen Wolkengründen heraus
rollte der Donner und hallte verendend über die weite Ebene.
So waren die Reisenden an einen unbeträchtlichen Landsee gelangt, der
mit einem Wasserarm die Chaussee unterbrach, so daß sie an dieser Stelle
überbrückt war.
Aus Binsen und Schilf, die das unbewegte Wasser umgaben, quollen feuchte
graue Dünste empor, fahl und farblos lag die Fläche, nur an der Brücke
erhoben sich ein paar verkrüppelte Silberweiden.
Eben rasselte das Gefährt über das morsche Holz, als Wilms Blick
gleichgültig über den schweigenden See schweifte.
Aber dann -- der Pächter richtete sich auf und stierte auf das jenseitige
Ufer hinüber.
Er mußte etwas Furchtbares erschauen, denn kalter Fieberschweiß brach
ihm aus allen Poren, mit der Hand umfaßte er die Schulter seines
Knechtes.
»Jochen,« schrie er, »kehr' um.«
»Herr -- Herr Jesus -- wat is denn?«
»Jochen -- Jochen -- kehr' um.«
Der Kutscher begann am ganzen Leibe zu zittern:
»Herr, Se sünd woll krank? Wat is denn dor äwern See? -- Seggen Se mi's
doch -- ick fürcht mi.«
Aber der Landmann brachte kein Wort hervor. Mit weit aufgerissenen Augen
starrte er über die graue Fläche, denn der düstere Geist, der über ihm
war, malte ein entsetzliches Bild.
Dort drüben stand eine weibliche Gestalt, ihr Hemd war »weiß wie der
Schnee«, ihre Augen funkelten wie grelle Blitze, und über ihr entlud
sich schmetternd ein krachender Donnerschlag.
Da begann es dem Knecht vor dem hinstarrenden Manne zu grausen, mit
aller Kraft warf er die Pferde herum und jagte unter prasselndem Regen
mit seinem ohnmächtigen Insassen den Weg, den er gekommen, wieder
zurück.
* * * * *
Zwei lange, bange Wochen verstrichen, dann konnte der Pächter das große
Bett in der Wohnstube, an dem Hedwig Tag und Nacht gewacht hatte,
verlassen.
Es schnitt allen ins Herz, als sich der ehemals so riesenhafte Mann
kraftlos reckte und sich mit einem wehmütig lächelnden Blick im Spiegel
beschaute.
»Na, Wilms, nu frische Luft,« rief der dicke Dr. Rumpf -- »und dann,
Kinding, die Fenster auf und was Ordentliches für den Magen -- -- paar
Buddeln Rotspohn, und Hauptsache: raus, raus!«
Und am Arm des Physikus ließ sich Wilms in den Garten leiten, in dem
jetzt die Linden blühten und einen erquickenden, würzigen Duft
verbreiteten.
»Ach, hier ist es schön,« sagte der Landmann, als er in der Laube saß,
bewundernd, »komm, Heting -- und Sie auch, Herr Doktor, wir wollen noch
ein bißchen zusammenbleiben.«
Die beiden andern warfen sich einen bedeutsamen Blick zu und gedachten
ihn durch ein harmloses Gespräch ein wenig aufzumuntern, jedoch der
Pächter ließ sie nicht zu Worte kommen.
Er war so gesprächig, wie seit vielen Jahren nicht. Alles, womit ihn die
Natur umgab, erinnerte ihn an Begebenheiten aus seiner Jugend, aus
seinen Lehrjahren und erweckte auch das Andenken an seine Mutter.
»Trägst du noch den Ring, Heting? -- Nicht wahr, den wirst du doch immer
in Ehren halten? Weißt du noch -- am Weihnachtsabend?«
Nur Else erwähnte er nicht. Es schien, als ob das Grab sie nun doch
festhalte, als ob die Erde sich endlich dauernd über ihr geschlossen
hatte.
Als der Physikus nach einiger Zeit seinen Wagen bestieg, folgte ihm
Hedwig und fragte rasch und verzweifelt:
»Nun, Herr Doktor, nun?«
»Ja, was soll ich sagen? -- Ernährung, mein Kind, Ernährung. Das ist das
allereinzigste Mittel.«
»Ja aber, Herr Doktor, er ißt ja fast gar nichts.«
»Heting,« sprach der Physikus ernst und strich dem Mädchen über die
heiße Stirn, »jetzt hängt alles von dir ab, verstehst du?«
»Nein.«
»Der Mann ist seelisch krank,« sagte der Doktor langsam, indem er ihr
fest in die Augen sah, »verstehst du jetzt, warum alles von dir
abhängt?«
Da wurde das Mädchen blaß und wieder dunkelrot und sah vor dem alten
Freunde zu Boden.
Sie verstand ihn.
»Und morgen komm' ich wieder,« rief der Physikus in anderem Ton, küßte
seiner jungen Freundin im Vorübergehen die Hand und fuhr vom Hofe
herunter.
Mit glühenden Wangen lief Hedwig in den Garten, jetzt wußte sie es, was
der erfahrene Arzt verlangte, sie sollte den geliebten Mann verlassen. --
Sie -- sie selbst hielt man für die Ursache, daß er nicht zur Ruhe kommen
könnte; war es möglich, daß ihre Gegenwart ihn quälte und peinigte? --
Glaubte er sich wirklich sündenbeladen, weil er ihr blühendes Leben der
Todverfallenen vorgezogen? -- Die Tote siegte, die Tote ging im Hause
umher, die Tote behauptete den Platz an seiner Seite. -- Nein, so konnte
sie sich nicht verscheuchen lassen. -- Schmeichelnd setzte sie sich neben
Wilms, und als er sie musternd anlächelte, schlang sie ihre weichen Arme
um den abgezehrten Mann, und flüsterte mit ihrer angsterfüllten bebenden
Stimme: »Wilms, ich liebe dich ja so sehr, nicht wahr, jetzt wirst du
auch wieder gesund werden?«
Und wie ihre Lippen sich auf die seinen legten, da war es ihm, als ob
ein köstlicher, erfrischender Heiltrank in ihn hinüberströme, der alle
seine Glieder mit einer wohltuenden Schlaffheit erfüllte, so daß er sein
Haupt müde an ihre Brust lehnte und dort zu schlummern strebte.
»Ja, Heting,« murmelte er erquickt, »nun werden wir bald sehr glücklich
sein.«
»Und nicht wahr, an Else erinnerst du dich nicht mehr so wie damals?«
»Nein, nein, Heting -- laß das -- an meine Frau denke ich nich mehr -- will
nich mehr -- nur du.«
Waren es die Lindenblüten, die der leise Wind von den Zweigen
schaukelte, war es Hedwigs Nähe, der müde Mann schlummerte an ihrer
atmenden Brust wie ein beruhigtes Kind sanft und sicher ein.
Eine Schwarzdrossel nistete oben in der Krone der Linde. Die sang das
Schlummerlied.
Aber in dem Mädchen zehrte und bohrte der Gedanke an die verlangte
Trennung weiter.
* * * * *
Ein andermal sah der Kranke aufmerksam und nachdenklich auf Hedwigs
stolzen, weißen Hals, von dem sich ein schmales, goldenes Kettchen
abhob.
»Heting, trägst du da nicht -- -- --?«
»Ja, Elsens Goldherz.«
»Das besitzt du?«
»Ja, ich hab' es ihr abgenommen.«
Der Pächter stützte das Haupt und blickte sinnend vor sich hin.
»Mir is es doch lieb,« sagte er endlich, »daß sie es nicht mitgenommen
hat in die Erde. -- Mir wär' es dann immer gewesen, als wär mein Herz mit
begraben. -- So aber liegt es bei dir.«
Dann streckte er die Arme aus und zog sie an sich. Und beide klammerten
sich aneinander, als ob sie Schutz suchten vor dem weißen Schatten, der
unerbittlich durch das Haus ging.
Und als sie sich immer leidenschaftlicher in seine Arme schmiegte, da
ging es wie ein Beben durch den kranken Körper. »Heting -- Heting,«
stammelte er, »ich werd' -- wohl nie wieder ganz glücklich werden.«
Da fröstelte das liebeglühende Mädchen zusammen und verstand ihn.
* * * * *
Wilms Seelenzustand wurde immer trübsinniger. Oft, wenn Hedwig
unvermutet zur Tür hereintrat, dann traf sie ihn, wie er starr auf die
Schwelle hinblickte, auf der einst Else entseelt dahingesunken, und wenn
sie dann auf ihn zuflog, um ihn durch ihre Liebe zu ermuntern, dann kam
ein Ausdruck von Furcht in seine Augen, als wenn ihn ihre Zärtlichkeit
quäle.
Und einmal rang er sich schwer die Worte ab: »Heting, küß mich nich so --
mir is es immer, als wenn Else zusäh.«
Da zuckte das Mädchen zusammen, und so oft sie sich ihm in den nächsten
Tagen näherte, immer glaubte sie etwas Kaltes, Frostiges zu spüren, das
an ihr vorbei strich.
Sie faßte sich an die Stirn und begann schmerzlich zu lächeln. Sie fing
an, an Gespenster zu glauben.
Mit der Zeit begann der Kranke auch Elses Namen immer häufiger in seine
Reden zu mischen. Bald erinnerte er sich an Worte seiner Frau, bald an
allerlei Eigentümlichkeiten, und eines Tages, beim Mittagbrot, merkte
Hedwig, daß sie der Pächter mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen
beobachtete:
»Was hast du denn, Wilms?«
»Du -- du siehst -- ihr doch sehr ähnlich,« stammelte der Landmann
fassungslos und ließ Messer und Gabel aus seiner Hand klirren.
Und am Nachmittag nahm Hedwig aus der Nebenstube wahr, daß Wilms,
anstatt zu schlafen, bitterlich vor sich hin schluchzte.
Dagegen vermochte sie nichts. Die Tote siegte.
Ihr wunderbarer, prachtvoller Körper blühte neben ihm, und der Kranke
koste und scherzte mit der Verwesten.
* * * * *
»Onkel Doktor,« weinte Hedwig vor sich hin, als sie mit dem weißbärtigen
Physikus, den sie hatte holen lassen, in der Laube saß, »was soll ich
dagegen tun?«
Sie hatte dem alten Freunde alles gebeichtet, was sie seit dem einen
Jahre auf diesem Gehöft erlebt hatte.
»Was du tun sollst?« fragte der alte Herr und legte die beiden Hände des
jungen, fiebernden Geschöpfes in die seinen. »Heting, mein Kind, ich
hab' dich lieb und habe Wilms lieb, und deshalb sag' ich, du mußt fort.«
Sie starrte ihn mit ihren großen, braunen Augen an, und der Physikus
fühlte an ihren Händen, wie das Blut in den Adern hämmerte und schoß.
»Still, Kind, still,« sagte er, »du willst ihn doch nicht zugrunde
richten, und sieh, so oft er dich anblickt, immer wird er in dir die
Ursache sehen, die die Verstorbene in den Tod getrieben. -- Nein, nein,
mein Kind, bleib ruhig, ich weiß ja, du liebst ihn sehr, aber eben
deshalb, Heting, bitt' ich dich, befrei' den armen Kerl von all' den
bösen Erinnerungen. Glaub mir, so lange du hier bleibst, bleibt auch die
Tote bei ihm. -- Nicht wahr, das hast du doch selbst schon bemerkt?«
Hedwig senkte das Haupt, aber sie nickte leise. Dann sah sie mit
sehnsüchtigem Blick auf den blühenden Garten hinaus, auf die anstoßende,
saftige Wiese, auf die fernen Äcker, auf denen sonnendurchleuchteter
Staub dahinzog.
Überall hatte sie hier gewirkt und geschafft. Ordnung und Wohlstand
hatte sie zurückgezwungen. Das hatte die Tote doch nicht vermocht.
Unter ihren Tränen zog ein trotziges Lächeln über das blasse Gesicht.
»Nun, Heting,« fragte der Physikus und stand auf: »Weißt du nun, was du
zu tun hast?«
Sie nahm noch immer das Bild der blühenden Felder in sich auf, mit
bebender Brust sog sie die frische Landluft in sich ein. Ja, sie hatte
alles für eine glückliche Zukunft vorbereitet, aber einwandern sollte
sie nicht in das gelobte Land.
»Heting?« fragte der Arzt dringender.
»Sehen Sie, Herr Doktor,« rief das Mädchen, indem sie mit der Hand nach
dem schönen Gut zeigte: »Diese Saat habe ich bestellt, sehen Sie dort
drüben die grünen Halme? Aber ernten mag sie ein anderer,« flüsterte sie
mit erstickter Stimme.
Da streichelte der alte Herr dem jungen Geschöpf die welligen braunen
Haare aus der heißen Stirn, nahm sie in seine Arme, und während ihr
Schluchzen zu ihm heraufdrang, sagte er wie zu einem kleinen Kinde:
»Recht -- recht -- du bist ein tapferes, kleines Ding, es wird auch alles
wieder gut.«
* * * * *
»Heting,« sagte Wilms an einem der nächsten Tage, als sie nach dem
Kaffee in der Wohnstube zusammen saßen, »du bist ja so vornehm
angezogen, willst du ausfahren?«
Das Mädchen sah ihn lange und ernsthaft an, als wollte sie sich jeden
seiner Züge einprägen, dann schüttelte sie trübe lächelnd das Haupt,
aber sie wandte sich ab und ließ ihren Blick lange auf dem Hof ruhen
und sah grüßend zu den Pappeln der Landstraße hinüber.
Nach einer Weile kehrte sie dem gebeugten Mann ihr schönes Gesicht zu
und fragte einfach und doch voll verschlossenen Wehs:
»Wilms, hast du mich wirklich ein bißchen liebgewonnen?«
»Wie kannst du nur so fragen, Heting.«
»Und mehr -- mehr als Else?«
»Ich bitt' dich, Kind -- daran mußt du nicht rühren -- laß sie doch
ruhen.«
Er verzog die Stirn und schüttelte matt den Kopf.
»Bist du mir böse?« rief Hedwig plötzlich leidenschaftlich, und während
sie sich vor dem Stuhl des gebeugten Mannes in die Knie warf, umschlang
sie den Kranken und hob sich selbst zu ihm empor: »Nicht wahr, du bist
nicht böse auf mich?« flüsterte sie mit schwankender Stimme und
schmiegte sich an ihn, »ich habe doch alles bloß aus Liebe zu dir getan,
das weißt du doch, Wilms?«
Der Landmann wurde gerührt. »Ja, mein Kinding, ja,« sprach er liebevoll
und streichelte ihr das goldglänzende, braune Haar.
Da stand Hedwig langsam auf und sah sich noch einmal aufmerksam in der
Stube um. Dann schritt sie rasch zum Klavier, um Wilms, wie sie das um
diese Zeit schon gewöhnt war, etwas vorzuspielen. Müde und erschlafft,
wie er war, wiegten ihn die Töne noch immer am leichtesten in den
ersehnten Schlummer.
»Was soll ich spielen?«
»Ganz gleich, es is ja alles schön.«
»Nein, was du gern hast.«
»Nun, dann das von Weihnachten, du weißt ja, Heting.«
Sie schloß die Augen, ein süßer Schauer durchfuhr sie zum letztenmal.
Und dann spielte sie das alte Volkslied, das schon so unendlich viel
Müde eingesungen.
Draußen rollte ein Wagen auf der Chaussee heran, Hedwigs Herz klopfte
zum Zerspringen, aber sie ließ sich nichts merken und spielte tapfer den
alten Sang, so leise und wehmütig und klagend, daß dem Kranken, der doch
nicht wußte, was ihm bevorstand, die Tränen in die Augen traten.
Und er schlummerte wirklich sanft und lächelnd ein, während das
Abschiedslied leise austönte. Als er erwachte, war das Zimmer leer.
Alles war still, nur von der Landstraße hörte man dumpfen Hufschlag und
das Rollen eines enteilenden Gefährts.
* * * * *
Der Förster hatte Hedwig in seinem Wagen zur Bahn gebracht, und sah zu
ihr bewundernd in das Coupé hinauf.
Feurig und blutrot ging am Himmel die Sonne zur Rüste, davon mochte das
Mädchen so rosig übergossen sein, als sie zum Fenster hinaus nach der
Gegend spähte, wo Wilmshus lag.
Aber das Gehöft war längst hinter dem Tannenschlag versunken, und
merkwürdig, wie Hedwig jetzt am Fenster lehnte, war sie wieder die
vornehme, junge Dame, die vor mehr als einem Jahr an dieser Stelle
angekommen war.
Sie begriff sich selbst nicht; seit der öde Pachthof hinter ihr
verschwunden war, strömte ihr frischere Luft entgegen, ihr war es, als
hätte sie selbst ein Jahr lang siech gelegen und sollte jetzt zum
erstenmal wieder in die lachende, sonnenfunkelnde Welt hinaus.
»Wohin gehen Sie jetzt, Fräulein Hedwig?« fragte der Förster.
»Ich weiß nicht. -- Überall, wo es für mich etwas zu tun und zu schaffen
gibt. -- Die Welt ist groß.«
»Da haben Sie recht. -- Und kommen Sie vielleicht bald hierher wieder
zurück?«
»Auch das kann sein. Wir Menschen wissen ja nie, was die nächste Stunde
bringt.«
Die Glocke klang. -- Der Förster schwenkte seinen grünen Hut.
»Grüßen Sie Wilms,« rief Hedwig mit hervorbrechenden Tränen.
Der Zug bewegte sich, und rascher und rascher fuhr er in die rotgoldene
Abendglut hinein.
Hedwig sah nicht mehr zurück.
Von Georg Engel erschienen ferner:
Hann Klüth. Roman.
Der Reiter auf dem Regenbogen. Roman.
Der verbotene Rausch. Heitere Novellen.
Zauberin Circe. Berliner Liebesroman.
Die Furcht vor dem Weibe. Roman.
Das Hungerdorf.