Bluntschli [der schon sitzt]: Nichts, nichts!
Petkoff [der sich an seinen früheren Platz auf die Ottomane legt]:
Das ist recht. [Er bemerkt Louka.] Ist etwas los Louka?
Louka: Nein, gnädiger Herr.
Petkoff [gemütlich]: Das ist auch recht! [Er niest:] Sei so gut, geh
zu meiner Frau und verlang meinen Rock, hörst du? [Sie wendet sich
um und will gehorchen, aber Nicola tritt eben mit dem Rock ein. Sie
tut, als hätte sie Arbeit im Zimmer, und stellt den kleinen Tisch mit
der Tabakspfeife an die Wand in die Nähe des Fensters.]
Raina [erhebt sich rasch, als sie auf Nicolas Arm den Rock erkennt]:
Hier ist dein Rock, Papa; gib ihn mir, Nicola, und leg' im Ofen etwas
nach. [Sie nimmt den Rock, bringt ihn dem Major, der aufsteht, um
ihn anzuziehen. Nicola macht sich beim Feuer zu schaffen.]
Petkoff [zu Raina, sie liebenswürdig neckend]: Schau, schau, du
sorgst ja sehr lieb für deinen armen alten Papa! Wohl heute mal zur
Feier seiner Rückkehr aus dem Kriege?
Raina [mit feierlichem Vorwurf]: Oh, wie kannst du nur so etwas sagen,
Papa!
Petkoff: Es ist schon gut, nur ein kleiner Scherz--gib mir einen Kuß.
[Sie küßt ihn:] Jetzt gib mir den Rock.
Raina: Nein, ich will dir helfen, wende dich um. [Er dreht sich um
und sucht mit den Armen nach den Ärmeln. Raina nimmt geschickt die
Photographie aus der Tasche und wirft sie Bluntschli auf den Tisch zu,
der sie vor Sergius' Augen mit einem Bogen Papier bedeckt. Dieser
sieht sprachlos vor Erstaunen zu, während sein Verdacht den
Siedepunkt erreicht. Raina hilft dann Petkoff in den Rock hinein.]
So, mein lieber Papa...Fühlst du dich jetzt wohl?
Petkoff: Vollkommen, mein Schatz, ich danke dir. [Er setzt sich,
Raina kehrt zu ihrem Platz an den Ofen zurück.] Apropos, ich habe
etwas Merkwürdiges in meiner Tasche gefunden! Was soll das bedeuten?
[Er greift mit der Hand in die leere Tasche.] Was ist denn das?
[Sucht in der anderen Tasche:] Nein, ich hätte schwören mögen...[Sehr
verdutzt sucht er in der Brusttasche.] Ich begreife nicht...[Wieder
in die erste Tasche greifend.] Wo kann sie nur sein--?[Ein Licht geht
ihm auf, er erhebt sich und ruft aus:] Deine Mutter wird sie
herausgenommen haben!
Raina [sehr rot]: Was denn?
Petkoff: Deine Photographie mit der Inschrift: "Raina ihrem
Pralinésoldaten zum Andenken". Es ist klar, daß da mehr
dahintersteckt, als man auf den ersten Blick sieht, und das muß ich
herausbringen. [Laut rufend:] Nicola!
Nicola [läßt ein Stück Holz fallen, wendet sich um]: Gnädiger Herr!
Petkoff: Hast du heute morgen Fräulein Raina irgendeine Speise
verdorben?
Nicola: Wie Sie gehört haben, gnädiger Herr; Fräulein Raina hat es
gesagt.
Petkoff: Das weiß ich, du Trottel! Aber ist es wahr?
Nicola: Ich bin überzeugt, daß Fräulein Raina unfähig ist, etwas
anderes als die Wahrheit zu sagen, gnädiger Herr.
Petkoff: Bist du das? Wahrhaftig? Dann bin ich es nicht. [Sich zu
den anderen wendend:] Geht! Glaubt Ihr, daß ich nicht längst alles
durchschaut habe? [Er geht zu Sergius und klopft ihm auf die
Schulter.] Sergius, du bist der Pralinésoldat, nicht wahr?
Sergius [fährt zusammen]: Ich! ein Pralinésoldat? Gewiß nicht.
Petkoff: Nicht? [Er sieht sich um; sie sind alle sehr ernst und sehr
verständnisvoll.] Willst du damit sagen, daß Raina auch andern
Männern Photographien zum Andenken schenkt?
Sergius [rätselvoll]: Die Welt ist kein so unschuldiger Ort, wie wir
früher glaubten, Petkoff.
Bluntschli [sich erhebend]: Schon gut, Herr Major: ich bin der
Pralinésoldat. [Petkoff und Sergius sind beide erstaunt.] Diese
liebenswürdige junge Dame hat mir das Leben gerettet! Sie gab mir
Schokolade, als ich am Verhungern war; werde ich jemals ihren Duft
vergessen! Mein verstorbener Freund Stolz hat Ihnen die Geschichte
in Pirot erzählt--der Flüchtling bin ich!
Petkoff: Sie? [Er schnappt nach Luft.] Sergius, erinnerst du dich,
wie sich die beiden Damen benommen haben, als wir die Geschichte
heute morgen erzählten? [Sergius lächelt zynisch, Petkoff mustert
Raina strenge.] Du bist mir ein nettes Frauenzimmer, das muß ich
schon sagen!
Raina [bitter]: Major Saranoff hat seine Ansicht geändert, und als
ich diese Worte auf mein Bild schrieb, da wußte ich nicht, daß
Hauptmann Bluntschli verheiratet ist.
Bluntschli [fährt heftig protestierend auf]: Ich bin nicht
verheiratet!
Raina [sehr vorwurfsvoll]: Sie sagten doch, daß Sie verheiratet wären.
Bluntschli: Das habe ich nicht gesagt, ganz bestimmt nicht; ich war
in meinem ganzen Leben nie verheiratet.
Petkoff [außer sich]: Raina! Willst du mir gefälligst sagen,--wenn
es nicht zu unbescheiden ist, daß ich frage--mit welchem von diesen
beiden Herren du verlobt bist?
Raina: Mit keinem von beiden. Diese junge Dame, [zeigt auf Louka,
die sie alle stolz ansieht,] ist jetzt der Gegenstand von Major
Saranoffs Neigung.
Petkoff: Louka!? Bist du verrückt geworden, Sergius?--das Mädchen
ist doch mit Nicola verlobt.
Nicola [nach vorne kommend]: Entschuldigen Sie, gnädiger Herr, das
ist ein Irrtum; Louka ist nicht mit mir verlobt.
Petkoff: Nicht mit dir verlobt, du Schuft--was? Du hast doch von mir
am Tage deiner Verlobung fünfundzwanzig Leu bekommen, und sie bekam
dieses goldene Armband von Fräulein Raina.
Nicola [mit kalter Salbung]: So haben wir angegeben, aber es war nur
ein Schutz für Louka; sie ist zu Höherem geboren, und ich war nichts
anderes als ihr vertrauter Diener. Ich habe die Absicht, wie
gnädiger Herr wissen, später einen Laden in Sofia aufzumachen: und
ich hoffe auf Loukas Kundschaft und Empfehlung für den Fall, daß sie
in den Adel hineinheiraten sollte. [Er geht mit sichtlicher
Diskretion hinaus, alle starren ihm nach.]
Petkoff [das Schweigen brechend]: Na, ich bin...hm!
Sergius: Das ist entweder edler Heroismus oder kriecherische
Niedrigkeit! Entscheiden Sie, Bluntschli, was ist es?
Bluntschli: Kümmern Sie sich nicht darum, ob es Heldentum oder
Niedrigkeit ist. Nicola ist der fähigste Mann, den ich bis jetzt in
Bulgarien kennen gelernt habe. Ich werde ihn zum Leiter eines Hotels
machen, falls er Deutsch und Französisch sprechen kann.
Louka [bricht plötzlich gegen Sergius los]: Ich bin hier von
jedermann beleidigt worden. Sie gingen sogar mit dem Beispiel voran.
Sie sind zu einer Entschuldigung verpflichtet! [Sergius kreuzt
sofort die Arme über der Brust, wie eine Repetieruhr, deren Feder
berührt wurde.]
Bluntschli [bevor Sergius etwas sagen kann]: Vergebliche Mühe--er
entschuldigt sich nie!
Louka: Nicht vor Ihnen, seinesgleichen und seinen Feinden; mir,
seiner armen Dienerin, wird er eine Entschuldigung nicht versagen.
Sergius [zustimmend]: Sie haben recht. [Er beugt das Knie; in seiner
pathetischesten Weise:] Verzeihen Sie mir.
Louka: Ich verzeihe Ihnen. [Sie reicht ihm schüchtern ihre Hand, die
er küßt.] Diese Berührung macht mich zu Ihrer Braut.
Sergius [aufspringend]: Oh, das habe ich vergessen!
Louka [kalt]: Sie können Ihr Wort zurücknehmen, wenn Sie wollen.
Sergius: Zurücknehmen? Niemals! Sie sind mein. [Er umarmt sie,
Katharina kommt herein, findet Louka in Sergius' Armen und sieht, wie
alle Louka und Sergius fassungslos anstarren.]