Raina: Wissen Sie nicht, daß die beiden verlobt sind?
Sergius: Nicola? Öffnen sich neue Abgründe?...Nicola?
Raina [sarkastisch]: Ein empörendes Opfer, nicht wahr? Diese
Schönheit, dieser Geist, diese Anmut, vergeudet an einen Diener in
mittleren Jahren! Wirklich, Sergius, Sie dürfen das nicht länger
dulden. Das sind Sie Ihrer Ritterlichkeit schuldig.
Sergius [seine Selbstbeherrschung ganz verlierend]: Natter! Schlange!
[Er läuft schäumend auf und ab.]
Bluntschli: Hören Sie, Saranoff, Sie ziehen den kürzeren.
Raina [zorniger]: Begreifen Sie, was er getan hat, Hauptmann
Bluntschli? Er hat uns dieses Mädchen als Spionin auf den Hals
geschickt, und zum Lohn dafür macht er ihr den Hof.
Sergius: Das ist nicht wahr! Das ist ungeheuerlich!
Raina: Ungeheuerlich? [Ihn mit den Blicken messend:] Können Sie
leugnen, daß Louka Ihnen gesagt hat, Hauptmann Bluntschli sei in
meinem Zimmer gewesen?
Sergius: Nein, aber-Raina [unterbrechend]: Können Sie leugnen, daß
Sie ihr Liebeserklärungen gemacht haben, als Sie Ihnen das sagte?
Sergius: Nein, aber ich sage Ihnen-Raina [ihm heftig und
verachtungsvoll ins Wort fallend]: Es ist ganz überflüssig, uns noch
irgend etwas zu sagen. Das genügt uns vollkommen! [Sie wendet sich
von ihm ab und schwebt majestätisch zurück an das Fenster.]
Bluntschli [während Sergius aufs tiefste beleidigt und empört auf die
Ottomane sinkt und abgewandt seinen Kopf zwischen die Fäuste nimmt,
sehr ruhig]: Ich habe Ihnen doch gesagt, Saranoff, daß Sie den
kürzeren ziehen.
Sergius: Pantherkatze!
Raina [läuft aufgeregt zu Bluntschli]: Sie hören, wie dieser Mensch
mich beschimpft, Hauptmann Bluntschli.
Bluntschli: Was soll er denn anfangen, verehrtes Fräulein? Irgendwie
muß er sich doch verteidigen. [Mit viel Suada:] Gehen Sie; nicht
streiten! was nützt das? [Raina setzt sich schwer atmend auf die
Ottomane, und nach vergeblicher Anstrengung, Bluntschli böse
anzusehen, fällt sie ihrem Sinn für Humor zum Opfer und kann sich
kaum des Lachens enthalten.]
Sergius: Verlobt mit Nicola! [Er erhebt sich.] Haha! [Geht nach dem
Ofen--steht mit dem Rücken dagegen.] Jawohl, Bluntschli, Sie tun
wirklich gut daran, diese schwindelhafte Welt ruhig aufzufassen.
Raina [schelmisch zu Bluntschli, mit unwillkürlichem Begreifen seines
Gedankenganges]: Mir scheint, Sie halten uns für zwei große Kinder.
Sergius [lacht höhnisch und grimmig]: Natürlich, natürlich Schweizer
Zivilisation bemuttert Bulgariens Barbarei, nicht wahr?
Bluntschli [errötend]: Durchaus nicht, ich versichere Ihnen, ganz
gewiß nicht. Ich bin nur froh, daß Sie beide sich endlich etwas
beruhigen. Na, gehen Sie, wir wollen vergnügt sein und die Sache
freundschaftlich besprechen. Wo ist die andere junge Dame?
Raina: Wahrscheinlich horcht sie an der Tür.
Sergius [zuckt zusammen, wie von einer Kugel getroffen; ruhig, aber
mit tiefer Entrüstung]: Ich will beweisen, daß dies wenigstens eine
Verleumdung ist. [Er geht mit Würde zur Tür und öffnet. Ein
Wutschrei entringt sich seiner Brust, nachdem er hinausgesehen. Er
springt in den Gang und kommt zurück, Louka nachschleppend, die er
heftig gegen den Tisch stößt. Er ruft aus:] Richten Sie diese Elende,
Bluntschli,--Sie, Sie, der kalte, unparteiische Mann! Richten Sie
die Horcherin an der Wand! [Louka bleibt aufrecht, stolz und ruhig.]
Bluntschli [den Kopf schüttelnd]: Ich darf sie nicht richten. Ich
habe selbst einmal vor einem Zelt gehorcht, als darin eine Meuterei
beschlossen wurde. Es kommt immer auf die Veranlassung dazu an, und
was auf dem Spiele steht,--es ging um mein Leben!
Louka: Es ging um meine Liebe. [Sergius zuckt zusammen und schämt
sich ihrer gegen seinen Willen.] Ich brauche mich nicht zu schämen.
Raina [verachtungsvoll]: Ihre Liebe? Sie meinen Ihre Neugier!
Louka [blickt ihr ins Gesicht, und gibt ihr ihre Verachtung mit
Zinsen zurück]: Meine Liebe--die größer ist als alles, was Sie fähig
sind, zu empfinden, selbst für Ihren Pralinésoldaten!
Sergius [mit plötzlichem Verdacht zu Louka]: Was soll das heißen?
Louka [heftig]: Das heißt-Sergius [sie geringschätzig unterbrechend]:
Oh, ich entsinne mich! Der Eispudding! Was für eine armselige
Stichelei! [Major Petkoff kommt in Hemdärmeln herein.]
Petkoff: Entschuldigen Sie die Hemdärmel, meine Herren! Raina!
Einer hat meinen Rock angehabt, ich könnte darauf schwören, einer,
der breitere Schultern hat als ich. Am Rücken ist die Naht ganz
aufgetrennt, deine Mutter näht sie eben zu. Hoffentlich wird sie
bald fertig sein, ich werde mich sonst erkälten. [Er sieht
aufmerksam nach ihnen hin:] Ist etwas los?