Samuel 136

Helias der Thesbit 155

Erster Gesang 155

Zweiter Gesang 173

Dritter Gesang 192

Elisa 213

Erster Gesang 213

Zweiter Gesang 232

Die Makkabäer 250

I. Mathathias 250

II. Eleazar 280

III. Die Mutter mit den sieben Söhnen 292

IV. Judas Makkabäus 319

Anmerkungen zu den Perlen der heiligen Vorzeit 335

Abraham 335

Moses 340

Samuel 352

Helias der Thesbite 354

Elisa 358

Die Makkabäer 361

An die Harfe.

Tön’st du, o heilige Harf’, im goldnen Schimmer des Abends

Dort an der Wand schon wieder mit herzerschütterndem Wehlaut?

Wer entlockt’ ihn dir in der Stund’ ersehneter Stille?

Ach, mir fließet die Thräne herab an den Wangen! Erbebend

Schau’ ich nach dir, und horche dem leis’umsäuselnden Lüftchen:

Ob mich nicht mit erbarmender Huld, aus den öden Gefilden

Nächtlicher Gegenwart, auf die Pfade der schöneren Vorwelt

Führ’ ein himmelnentschwebender Freund, und die Trauer verscheuche,

Die mir den Busen beklemmt? Wie im Hauch des brausenden Nordwinds,

Der den herbstlichen Hain durchwüthete, früherer Winter

Nah’t, und sogleich, umhüllt von stöberndem Schnee, in den Fluren

Rings das regsame Leben erstirbt: so haben die Menschen

Auch, in der letzten unseligen Zeit, voreilend, gealtert.

Zeit voll Graun’s -- du entflohst! Ein Schimmer der besseren Zukunft

Hob uns die Brust; doch schnell, wie zuweilen am nächtlichen Himmel,

Flammt, und fleugt, und entschwindet ein täuschendes Licht: so

entschwand er

Wieder. Zu lange, zu laut erhob gottlästernde Frechheit

Ihren empörenden Ruf; zu oft wechselte Stolz und Vertrauen,

Angst und Verzweiflung, bei Glück und Verlust, im Busen der Menschen;

Wandte den Sinn von Gott nach dem Irdischen; pflanzt’ in die Herzen

Liebe zu schnödem Gewinn, und Empfindungen niedriger Selbstsucht

So, daß ein Gottesmann, wie Abraham selber, der Vater

Seines Volk’s; wie Moses, der herrliche Führer des Volkes;

Samuel dann, und mit ihm Helias, und auch Elisaus,

Glühend all’ für Jehovas Ruhm und das Beste der Menschheit,

Kommen sollten vom Himmel herab in Feuer und Flammen,

Sie zu erwärmen für Gott und die heilige Tugend; die Mutter

Kommen, der Sieben, die Makkabäerinn, himmlischer Kraft voll,

Ihnen im Kreis’ der heldenmüthigen Söhne zu dräuen,

Daß sie, erschüttert im Geist, entsagten dem schmählichen Kaltsinn

Und aufstrebten zu Gott: in ihm zu beginnen des Lebens

Weise, die uns erfüllet mit Muth und Eifer, zu wirken

Jegliches Gute und Schön’ in freudiger Herzensempfindung.

Euch, ihr Seligen, nannte mein Mund? Wie ergreift mich die Wonne

Euch zu weih’n dieß Lied, daß erschüttert im Busen, die Menschen

Aufschau’n wieder zu Gott, und wandeln die Wege des Heiles,

Die er gelehrt! Helltönende Harfe, herab von der Wand dort:

Meng’ in den Weihegesang melodischen Laut, und erhebe

Allen das Herz, die dir aus Liebe zum Ewigen hold sind!

Abraham.

Verheißung.

Nahe dem bräunlichen Zelt, das kühlumschattet von Mamres[1]

Luftigem Hain, sich erhob, ruht’ Abraham aus in des Mittags

Stund’, und blickte zurück auf das Land voll weidender Heerden,

Wo er sich eben erging, und Segen gewahrte die Fülle.

Thränen des Danks umschimmerten hell ihm die Augen; er hob sie

Freudig zum Himmel empor, und lispelt’ ein leises Gebeth hin.

Doch nun wandt’ er das Haupt: er sah, mit wachsendem Staunen,

Kommen den Hügel herab drei Fremd’ in männlicher Schönheit,

Eng’ verschlungen am Arm, und jetzt noch einen dem andern

Aehnlich an Höhe, Gestalt, und Gesicht, als wäre nur Einer

Von des Glases gebrochenem Strahl dem Auge verdreifacht.

Schwebend däucht’ ihn ihr Gang, und es wichen der Hain und die Fluren

Hinter den Hohen zurück, wie ein Nebelgewölk in des Sturmes

Brausendem Hauch. Doch so, wie im Abendschein vor dem Westwind

Eilend im Fluge dahin, das Gewölk bald purpurn erglänzet,

Bald in dunkelen Schatten verglimmt: so schwand von den Beiden,

Die an der Seite des Herrn[2] als dienende Männer erschienen,

Plötzlich der Hoheit Strahl, und nur er, in der Mitte der Beiden,

Heischte Verehrung durch Huld und Ernst in den herrschenden Blicken.

Abraham fuhr in die Höh’, da es schien, als gingen die Pilger

Eilig vorüber an seinem Gezelt’. Ehrwürdigen Anseh’ns

Schritt er einher, der Hirtenfürst, dem, rings in den Fluren

Canaans, Jung und Alt annahte mit kindlicher Ehrfurcht.

Unter dem schneeigen Bund, gewebt aus der Wolle des Baumes,

Der ihm die Stirn’ und die Scheitel umgab, erglänzten die Augen

Ihm so mild, und der Bart in braun gekräuselten Wellen,

Hüllt’ ihm die Brust umher, von welcher herab zu den Füßen

Sank das häusliche Unterkleid in räumigen Falten.

Doch nun beugt’ er sich tief zum Staub vor den nahenden Fremden,

Stand dann flehenden Blicks, und sprach voll Trauer zu ihnen:

„Winkte nicht Wanderern stets der Eingang meines Gezeltes

Freundlich willkommen zum Gruß, und ihr denkt vorüber zu ziehen,

Ungelabt, jetzt in der Hitze des Tags? O, kommt, und erholt euch

Dort im Schatten des Baum’s! Bald soll im Becken des Wassers

Silberfluth die ermüdeten Füß’ euch, reinend, umspülen,[3]

Und erquicken euch noch, eh’ ihr weiterreiset, ein Stückchen

Brot, mit freudigem Herzen gereicht: denn wahrlich, ein Segen

Ist es von oben, ihr Herrn, daß ihr an dem einsamen Zelt hier

Eueres Dieners vorüber kommt: so mußt’ es sich treffen!“

D’rauf begann der Ein’ in der Mitte der Beiden: „Du ladest

Uns gastfreundlich zu dir: wir folgen dem Rufe mit Freuden.

Stets beglücke dich selbst und die Deinen der Segen des Himmels!“

Also der Fremd’, und eilte sogleich mit seinen Gefährten

Nach dem Gezelt. Sie ruhten im Schatten des säuselnden Eichbaum’s.

Abraham trat nun schnell in das Zelt, und sagte der Gattinn:

„Theuere, nimm drei Maß des feinsten Mehles, und backe,

Wie du’s trefflich gelernt, das Brot für die Fremdlinge draußen,

Die uns der Herr gesandt: denn stets willkommen erscheinet

Uns der Reisend’ allhier, und ihn zu bewirthen, ist löblich.

Aber ich selbst enteile zur Heerd’,[4] und wähle mit Vorsicht

Dort das fetteste Kalb aus der Zahl der andern, daß solches

Dann der wohlerfahrene Knecht bereite zur Nahrung:

Schürend gehörig die Gluth in der Grub’, und, kundig zerstücket,

Legend die saftige Brust und die Schenkel voll reichlichen Fettes,

Auf Steinplatten umher, wo verhüllt, im eigenen Dunst noch

Schneller sich brate das Fleisch zur herzerfreuenden Mahlzeit.[5]

Liebe, nicht soll es dann auch an der labenden Milch uns gebrechen!“

Also enteilt’ er zur Heerd’, und trieb den blöckenden Säugling

Bald in den Hofraum ein, der hinter dem Zelt sich erstreckte,

Wo der treffliche Knecht und die sorgsamwaltende Gattinn

Seines Herrn, mit den Mägden vereint, Alljedes bestellten,

Wie er es ihnen geboth. Er trug nun selber die Speisen:

Käse mit Brot, im zierlichgeflochtenen Korb’, und den Braten

Vor den Fremdlingen auf, und ging, und kehrete wieder,

Bringend im hölzernen Napf die süß’ und geronnene Schafmilch

Eilig zum labenden Trunke heran, und rief dann ermunternd:

„Möchte doch euch, ihr Herrn, es gefallen, von eueres Dieners

Gaben euch nun zu erquicken nach Lust, und zu ruh’n in des Baumes

Schatten allhier, bis uns die heisseren Stunden entfliehen,

Abendkühl’ uns die Stirn’ umweht, und ermüdeten Pilgern

Freudige Kraft einhaucht zur eilegebiethenden Wand’rung.“

Sagt’ es, und ließ sich am Zelteingang vor den Schweigenden nieder.

Als nun diese von Speis’ und Trank, stillschweigend, genossen,

Sprach der Ein’ in der Mitte der Beiden zu Abraham also:

„Trefflich hast du uns heut’ in der einsamen Steppe bewirthet,

Redlicher! Doch verkünd’ uns jetzt: weß Stamm’s und Geschlechtes

Du dich rühmest, und ob du schon lang’ hier wohnest, ein Fremdling?

Heiß ist der Tag; gern weilen wir noch im lieblichen Schatten.“

Jener begann alsbald: „Mit Freuden verkünd’ ich, weß Stammes

Und Geschlechts ich mich rühm’, und woher ich gekommen ein Fremdling:

Denn ich preise dadurch des Ewigen Huld und Erbarmung.

Noch ist die Erde nicht alt; wir schau’n zu den Tagen der Schöpfung

Noch hinauf;[6] doch ach, mit herzbeklemmender Trauer:

Denn nicht ertrug das erst’ erschaffene Paar in des Edens

Himmlischen Auen sein Glück, und ward durch arge Verführung,

Ungehorsam und stolz, und mit allen kommenden Menschen,

Wie der Sünde, so auch der Strafe der Sünde: dem Tod selbst

Unterthan! Weh’ ihm, so der Herr nicht selber den Retter

Ihm aus seinem Geschlechte verhieß![7] Schon blutete Abel,

Sterbend von Bruders Hand; entsetzlich erhob sich auf Erden

Frechheit, Mord, und Verrath, und es tilgte die schreckliche Sündfluth

Bald das Menschengeschlecht ob seiner Vergehungen schnell hin.

Sieh’, und ob auch der Herr den siebenfarbigen Bogen

Hebend empor an des Himmels Gewölb, zum ewigen Zeichen

Seiner Gericht’ ihm wies, so verleitet’ es wieder der Dünkel

Bald zu erneuerter Schuld! Es wurden die stolzen Erbauer

Eines g’en Himmel ragenden Thurms verwirrt, und auf Erden

Rings zerstreut umher: die Väter unseliger Kinder.

Aber es zeugte noch Adam den Seth; aus dem Samen des Frommen

Kam dann Noah zur Welt, der Erhalter der Menschen im Fluthschiff;

Dessen Erzeugter war Sem, und diesem entsproß mein Erzeuger

Terach. Fern in Chaldäas Flur erblickt’ ich mit Nachor,

Und mit Haran, den Brüdern, das Licht der freundlichen Sonne,

Ward gesegnet an Hab’, und mächtig umher in dem Land dort,

Bis der Herr mir geboth: „Zieh’ aus von dem Erbe der Väter,

Aus von dem traulichen Kreis’ der theuern Verwandten: ich will dir

Geben ein herrliches Land zum Besitz, dich erhöhen als Vater

Eines erlesenen Volk’s, und mit dauerndem Segen beglücken:

Denn er komme durch dich auf alle Völker auf Erden!“

Schnell gehorcht’ ich dem Herrn, und zog mit Sara, der Gattinn,

Allen Genossen des Hauses, und Lot, dem Sohne des Bruders

Haran, nach Canaan her, und errichtet’ ihm, früher zu Sichem,

Am Terebinthen-Hain, dann Bethel, zu Ehren, den Altar.“[8]

„Doch einst drückte die Hungersnoth das Land, und wir eilten

Nach Aegypten hinab, als Fremdlinge Rettung zu suchen.

Schwester vom Vater her war mir die Gattinn: ich hieß sie

Schwester im fremden Gebieth’, und als der Ruf von der Schönheit

Sara’s in Pharaos[9] Ohren erscholl, ward sie nach des Herrschers

Hofe geführt, ihm dort als Gattinn die Rechte zu reichen.

Aber der Herr verhängte zuvor erschütternde Strafen

Ueber Pharaos Haupt, daß er schnell sie wieder zurückgab,

Und ich kehrte mit ihr und den Meinen nach Canaans Fluren,

Reich an Silber, an Gold, und landdurchweidenden Heerden.

Nimmer reichte für jene des Lot, und die meinen, des Grases

Menge mehr hin, und wir trennten uns: er bewohnte des Jordans

Wasserreiches Gefild bis Sodomas Marken hinunter;

Mir ward kargeres Land, bei Hebron, am Terebinthen-Hain

von Mamre, zu Theil; doch lohnte mich reichlicher Segen.“

„Drauf entspann sich im Land’ ein Krieg. Die Fürsten[10] verheerten

Sodom, die Stadt, auch Gomorra, und führten Lot mit den Seinen

Schmählich gefangen mit fort. Ich waffnete meine Genossen

Dreihundert an der Zahl, und eilte den Feinden im Nachtgraun

Rastlos nach, bis ich sie, im Lager vom Schlafe bezwungen,

Fand, mit Geschrei angriff, und besiegt’. Erfreuende Kriegsbeut

Sammelt’ ich dann, und gab auch Lot und den Seinen die Freiheit.

Da kam Melchisedek, der König von Salem, und Priester

Gottes, des wahren und einigen; trug herbei in den Händen

Brot und Wein, und begann: „Gesegnet sey von dem Höchsten,

Von dem einen, allmächtigen Herrn der Erd’ und des Himmels,

Abram;[11] doch der Unendliche sey gelobt, daß er jetzt ihm

Gegen die Feinde den Sieg verlieh, auf immer und ewig!“

Schaudernd vor Ehrfurcht sah ich dem Greis’ in die Augen; mich

däuchte:

Vor mir stehe, verklärt, ein Vorbild künftiger Zeiten,

Deutend auf Huld zur Rettung der schuldbelasteten Menschheit.

Aber ich gab ihm den zehnten Theil der Beute zum Eigen!“

„Jahr’ entfloh’n -- da schwebten mir hehre Gesichte vorüber.

Leise verscholl des Tages Geräusch’, und nächtliche Stille

Sank auf die schlummernde Flur, als ich, vor dem einsamen Zeltthor

Sitzend, mit Trauer im Blick empor zu den schimmernden Sternen

Sah, und zuweilen laut aufseufzte vor inniger Wehmuth:

Denn mein Haar ergraut’, und mir fehlte der Erbe noch immer.

Plötzlich erscholl mir die Stimme des Herrn, erschütternd im

Nachtgraun:

„Fürchte dich nicht! Geschirmt von meiner gewaltigen Rechten

Lebst du im Frieden allhier, und sieh’, noch größere Wohlthat

Soll dir werden: du wirst die Völker der Erde beglücken!“

„Herr!“ entgegnet’ ich d’rauf mit tiefbekümmertem Herzen,

„Was erfüllete mir jetzt mehr die Brust an des Lebens

Neige mit Trost? Scheid’ ich doch kinderlos von hienieden,

Und mein Erbe wird dann Elieser, der redliche Diener.“

Wieder erscholl die Stimme des Herrn mit erhebendem Laut mir:

„Nein, nicht dieser -- du irrst: dich beerbe dein eigner Erzeugter.

Hebe die Augen empor zu dem leuchtenden Himmel: unzählbar

Siehst du die Stern’ erglüh’n: so zahllos werden die Scharen

Seyn des erlesenen Volk’s, das deinen Lenden entsprießet,

Und dir geb’ ich dieß Land auf immer zum reichen Besitz hin.“

„Herr,“ rief ich, „welch’ Zeichen bestätiget mir die Verheißung?“

„Sieh’, ein Gewittergewölk’ aufthürmte sich plötzlich im Westen,

Endlos; rasch durchfuhr zuweilen der röthliche Blitzstrahl

Seinen dunkelen Schooß, erhellte des rauschenden Bergstroms

Fluthen im weitumschlängelnden Lauf’, und der furchtbare Donner

Rollte dumpf, bald nah’, bald fern’ im Gewölbe des Himmels.

Da geboth mir der Herr: ich solle die Ziege, den Widder,

Und die Kuh’, dreijährig sie all’, als Zeichen des Bundes

Mitten entzwei getheilt, an dem Pfad hinlegen, und diesen,

Unzerstückt, noch die Taub’ und die Turteltaube vereinen:

Wie es zum Sinnbild dient, seit lange, den Bundesgenossen,

Die, inmitten der blutenden Thier’ auf dem Pfad sich begegnend,

Sollten sie freveln am Wort, zu gleicher Strafe sich weihen.[12]

Also geschah’s. Ich setzte mich nun, und verjagte mit Sorgfalt

Von den Geschlachteten dort Raubvögel in wimmelnder Anzahl.

Plötzlich sank ich, verzücket, dahin: es wandelte furchtbar

Sich der Abend in Nacht; noch schrecklicher flammte der Blitzstrahl --

Krachte der Donner umher, und Angst und Beben ergriff mich,

Als die Stimme des Herrn erscholl aus den wetternden Wolken:

„Sieh’, es sollen am Nil dein’ Enkeln als Fremdlinge wohnen

Vierhundert Jahr’ entlang, und, in Sklavenbanden mißhandelt,

Dienen dem Herrscher selbst und dem grausamgesinneten Volk dort;

Aber ich will mich an ihm verherrlichen; reich an Geschenken

Werden sie dann auszieh’n mit ihrem erlesenen Führer.[13]

Doch dir wird in dem spätesten Alter ein Grab in dem Land hier,

Das ich dir geben will, und den Deinen, nach meiner Verheißung.“

Als er gesprochen das Wort, da fuhr, wie aus finsteren Essen,

Qualmender Rauch empor, und die Opferstücke durchbraus’te,

Flammend, die Gluth. Ich erwacht’, und sah noch den Rauch und die

Flamme:

Mir zum Zeichen des Bund’s, und unendlicher Huld und Erbarmung.

„Sara, die Gattinn, gebar noch nicht. Nach Kindern verlangend

Wünschte sie selbst, daß Hagar, ihr’ ägyptische Sklavinn,

Fruchtbarer etwa denn sie, mir gebe den Sohn der Verheißung.

Und sie gebar mir nun den Ismael, als sie vertrieben

Erst von der zürnenden Hausfrau, fern aus den einsamen Wüsten

Heim von dem Engel geleitet ward mit freundlichem Zuruf.

Doch der Hehre verkündet’ ihr dort: ein schrecklicher Krieger

Würd’ er seyn mit allen von ihm abstammenden Völkern.[14]

D’rauf erscholl mir die Stimme des Herrn von neuem, gebiethend:

Alle vom Männergeschlecht, nebst mir und Ismael selber,

Freie und Knecht’, und Jung und Alt der Genossen des Hauses

Soll ich beschneiden, und dieß sey dann ein heiliges Denkmaal

Des mit mir geschlossenen Bund’s, auf ewige Zeiten.[15]

Schnell gehorcht’ ich dem Rufe des Herrn, der jetzt mir den Nahmen

_Abraham_ gab, daß ich heiss’: „ein erhabener Vater der Völker.“[16]

Seht, so naht’ ich dem hundertsten Jahr’ des beseligten Lebens!“

Nun erhob sich der Herr mit den beiden Gefährten, und sagte:

„Sprich: wo ist Sara, dein Weib?“ Und Jener: „Sie ruhet im Zelt dort.“

„Wohl,“ so begann dann wieder der Herr, „kehr’ ich nach dem Zeitraum

Eines Jahres zurück, dann soll dir Sara den Knaben --

Ihn, den Sohn der Verheißung und Huld, zur Freude gebären!“

Sara, vernehmend das Wort, dicht hinter der hüllenden Zeltwand,

Lachte für sich leis’ auf, und dacht’ im zweifelnden Herzen:

„Meinem bejahrten Gemahl werd’ ich, die bejahrte, gebären?“

Aber, verweisend, rief der Erhabene jetzt nach dem Zelt hin:

„Sara lachte? Warum denkt sie, noch zweifelnd: wie könnte

Solches gescheh’n, da neun- und neunzig der Jahre sie zählet --

Dir schon hundert entfloh’n? Was wäre vor Gott denn unmöglich?

Ja, ich betheure es dir, erneut: eh’ im rollenden Lauf noch

Euch entschwindet ein Jahr, wird sie den Erben dir geben!“

Jetzo winkt’ er voll Ernst den beiden Gefährten. Sie beugten

Schweigend das Haupt, und zogen den Pfad g’en Sodomas Mauern,

Eilenden Schrittes, hinab. Doch Abraham trat in das Zelt ein,

Warf den Mantel behend’ um beide Schultern und Lenden,

Faßte den Stab, und kam, nach der Sitte des heiligen Gastrechts,

Auch das Ehrengeleit dem Fremdling zu geben. Sie schritten

Langsam erst, dann rasch den Sandpfad fort an dem Berg’ auf,

Der in das herrliche Land am Jordanstrome hinabschaut.

Als sie erreichten die Höh’n, da sah die leuchtende Sonne,

Scheidend, noch einmal mit sanfterglühendem Blick von des Abends

Goldenem Thore heran, und sank hinunter am Erdrand.

Röthlicher Duft umhüllte die Erd’; aufwogte des Jordans

Silberstrom in dem Widerschein des rosigen Aethers;

Aus den Zweigen umher, aus dem Wolkenreich, und dem Saatfeld

Tönete jubelnder Ruf der befiederten Lüftebewohner,

Und unendlicher Staub hob sich aus den weiten Gefilden,

Wirbelnd, empor: denn heim von der ferneren Weide getrieben,

Eilte die blöckende Heerd’, im Gebell des muthigen Schafhund’s

Und im Gesang’ und Schalmeiengetön der fröhlichen Hirten.

Doch nun saßen sie dort, und ruheten. Plötzlich erhob sich

Von dem Boden der Herr, und sah auf Abraham nieder.

Dieser fuhr, erst staunend, und dann von Schauder ergriffen,

Rasch in die Höh’, er wollt’ aufschreien -- vermocht’s nicht, und

beugte

Nun, auf die Kniee gesunken, die Stirn’, erbebend, zum Boden:

Denn er erkannte den Herrn an dem Blick voll himmlischer Klarheit.

„Abraham,“ also erscholl des Ewigen Stimme dem Frommen,

„Richte dich auf, und horch! Was ich zu vollbringen gesonnen

Bin -- wie sollt’ ich es nun vor Abraham bergen, dem Vater

Eines unzähligen Volk’s, in dem der Erde Bewohner

Ehren des Retters Stammherrn einst, und auf den ich vertraue,

Daß er den Seinen mit Ernst einprägen wird: die Gesetz’ all’

Ihres Gottes zu halten; zu thun, was gut und gerecht ist,

Und ich erfüllen könn’ an ihm das Wort der Verheißung.“

„Abraham,“ fuhr er dann fort mit erschütternder Stimme, „betrachte

Sodomas Mauern noch und Gomorras drüben im Blachfeld:

Wie sie ragen empor, erhellet vom Schimmer des Abends,

Wie die Gefild umher so schön, so blühend und fruchtbar

Lächeln, als hätte sich dort die Pracht des einstigen Eden

Wieder erneut... und morgen soll, zur Strafe, Zerstörung

Tilgen die beiden Städt’, und die Fluren verwandeln in Wüsten,

Schrecklich anzuschau’n noch kommenden Menschengeschlechtern:

Denn laut schrie von jenen die Sünd’ empor zu dem Himmel,

Und ich gehe nun hin, an den Frevlern Rache zu üben!“

Abraham fuhr zusammen: ihm bebte das Herz vor Entsetzen

Ob der unendlichen Schuld der beiden Städte der Frevler;

Doch in des Frommen Brust wohnt gern versöhnendes Mitleid --

Solches erfüllet’ auch ihn: er nahte dem furchtbaren Richter,

Bleich vor inniger Angst, und rief mit flehendem Blick so:

„Wolltest du, Herr, den Frommen zugleich mit dem Sünder vernichten?

Wären in Sodom vielleicht noch fünfzig Fromme zu finden,

Wie, du würdest sie nicht um der fünfzig willen verschonen?

Nein, du Erbarmer, nein, das wirst du nicht thun: dem Gerechten

Und dem Gottlosen ein und dasselbe Verderben bereiten

So, daß es hieß’: Ein’s sey’s, ob gottlos, oder gerecht wir

Leben! Nicht wirst du, o Herr, der du der Richter des Weltalls

Bist, so richten im Zorn -- so wirst du nicht strafen, Erbarmer!“

Sanft entgegnet’ ihm d’rauf der Herr: „So ich fünfzig der Frommen

Fänd’ in der Stadt, soll sie noch um dieser willen verschont seyn.“

Hastig trat jetzt Abraham ihm noch näher, und sagte:

„Hab’ ich zuvor es gewagt -- ich, Staub und Asche, zu reden

Vor dem Antlitz des Herrn, und er zürnte nicht, will ich noch einmal

Flehend ihm nah’n! Wenn dort der Gerechten nur vierzig und fünf noch

Lebten -- verschonst du sie nicht? So klein ist der Mangelnden

Anzahl.“

„Nein,“ sprach wieder der Herr, „nicht treffe sie Fluch und Verderben,

Wenn sie in ihrem Schooß der Gerechten nur vierzig und fünf zählt.“

„Auch um der Zahl von vierzigen nicht?“ rief jener mit Angst auf.

„Auch um der vierzig wegen noch nicht,“ so erscholl ihm die Antwort.

Abraham wandte sich jetzt, vergehend vor Schmerz, von dem Herrn ab,

Stand, und zitterte. Sollt’ er noch einmal es wagen, und flehen

Um Erbarmen, wo ihm schon jegliche Hoffnung dahinschwand?

Dennoch, es sprach der Erhab’ne so mild! begann er, gewendet,

Wieder vor ihm: „Ach, Herr, nicht zürne mir, daß ich zu reden

Mich erkühnte! Vielleicht sind doch noch dreißig -- noch zwanzig

Fromme daselbst: willst du auch um dieser willen verschonen?“

„Ja,“ sprach jetzt, nach einigem Zögern zu ihm der Erbarmer,

„Find ich die zwanzig nur, so sey dir die Bitte gewähret!“

Abraham stand verstört. Zwei Mal erhob er die Augen,

Wollte sprechen -- umsonst! Die erstarrende Zunge versagt’ ihm

Jegliches Wort; doch endlich rief er mit sterbendem Laut noch:

„Fändest du zehn?“ „Auch dann verschon’ ich,“ so tönte die Antwort.

Jetzt schwand ihm auf immer der Muth: er ließ sich, ermattet,

Nieder im Gras’, verhüllte mit beiden Händen die Augen,

Und ihm rann, wie ein Strom, die Thräne herab von den Wangen.

Sieh’, und als er sich wieder erhob, und forschend umhersah,

Stand er allein: ihm war der Herr entschwunden im Nachtgraun!

Doch wie erfüllete sich das Gottesgericht an den Städten

Sodoma und Gomorra, schon heut’, am dämmernden Morgen?

Beide Gefährten des Herrn (ihm dienende Geister des Himmels)

Nahten in Menschengestalt den Thoren der ersteren, gestern

Noch in dem Abendlicht, und fanden, im Kreise der Richter

Sitzend daselbst, auch Lot.[17] Er ward ein Städtebewohner.

Als er die beiden jetzt gastfreundlich zur nächtlichen Herberg

Führete; d’rauf die schändlichen, gottvergessenen Städter,

Schauend das holde Gesicht und die Jugendanmuth der Fremden,

Schmähliches dort mit entflammter Begier zu verüben entschlossen,

Stürmten das Haus mit Geschrei in todandräuender Anzahl:

Da kämpft’ er mit redlichem Eifer, die wüthenden Frevler

Abzuhalten von ihm, bis jene die himmlischen Bothen

Blendeten so, daß alle herum im Finsteren tappend,

Nicht mehr fanden die Thür’, und heim, entmuthiget, kehrten.

Aber die beiden Gefährten des Herrn ermahneten dringend

Lot, daß er eile sogleich mit der Gattinn vereint und den Töchtern,

Nach den Bergen hinaus, und sich rette von nahem Verderben.

Und da er zögerte, nahm der ein’ ihn bei’m Arm, und der and’re

Führte die Frau mit den Töchtern entlang des offenen Stadtthors

Wölbung, voll Hast, durch Hain und Flur nach dem winkenden Bergpfad.

Sieh’, und eh’ sie ihm nahten, begann der eine der Engel:

„Lot, nun rette dich schnell! Wenn dir dein eigenes Leben

Werth ist, und jenes der Deinen mit ihm, so wende die Augen

Nicht mehr zurück; nicht rast’ in dem Thal; erklimme die Berghöh’n.“

„Herr,“ entgegnete Lot, „nach Zoar, dem sicheren Städtchen

Laß uns zieh’n, uns droht auch dort auf den Höhen Verderben!“

„Wohl, so ziehet denn hin,“ sprach jener, „bis ihr’s nicht erreichet,

Kann ich die Rach’ an den fluchbeladenen Städten nicht üben.“

Laut rief er’s, und entschwand den Augen der flüchtenden Wand’rer

Dann mit dem trauten Gefährten zugleich. Doch jene gedachten

Seines dräuenden Wort’s, und eileten rascher den Pfad fort.

Abraham saß auf den Höh’n, wo er gestern in flehender Stellung

Stand vor dem Herrn, und sah auf die dämmernden Fluren hinunter.

Lieblich weht’ ihn der Frühwind an, und der herrlichste Morgen

Sank vom Himmel herab, zum letzten Male die Gegend

Noch um die Städte herum, zu schau’n, paradiesischer Schönheit:

Ach, denn es solle sie bald unendliche Trauer umhüllen!

Aber schon hob sich der junge Tag, rothwangig, in Osten

Heiter empor. Wie das Kind an dem Busen der zärtlichen Mutter,

Leise geküsset von ihr, erwacht, und mit glänzenden Augen

Schaut, holdlächelnd, umher: so sah er, mit Rosen bekränzet,

Drüben aus Osten heran. Schon glühete heller und heller

Ueber ihm hoch das zarte Gewölk, bis jetzt von dem Erdrand

Plötzlich ein Strahl auffuhr, und d’rauf in erschütternder Hoheit

Sich die Sonn’ erhob, zu beginnen die herrliche Laufbahn.

Sie begrüßte vom Feld, von dem säuselnden Hain und des Himmels

Blauem Gezelt der jubelnde Ruf unzähliger Vögel,

Und die Wälder, die duftende Blum’, und ein jeglicher Grashalm,

Schimmernd im reichsten Schmuck von des Thau’s hellblitzenden Perlen,

Beugten sich ihr in des Lüftchens Hauch, willkommend, entgegen.

Aber ach, da erscholl urplötzlich von Süden herüber,

Furchtbarn Lautes, ein Sturm; da zog im brausenden Eilflug

Her ein schwarzes Gewittergewölk, verhüllte der Sonne

Strahlende Bahn, und umnachtete rings die Städt’ und die Fluren!

Sieh’, und alsbald fuhr, wie im Sommer der prasselnde Hagel

Dicht aus dem Luftraum stürzt, und die Aehrengefilde vernichtet,

Blitz auf Blitz’, im Donnergetümmel, auf jene herunter --

Nimmer rastend, bis sie nicht allein zerstöret im Schutte

Lagen mit allem Volk, das sie bewohnete, sondern

Unterirdische Glut, genährt von Schwefel und Erdharz,

Aus der berstenden Erde herauf, gleich Fluthen getrieben,

Sich auf die Felder ergoß, und rings Verderben zu schau’n war!

Abraham stand, an den Stamm der Eiche gelehnt, vor Erstaunen

Starr, und an jeglicher Nerv’ erbebend vor Angst und Entsetzen;

Hob die Hände zum Himmel empor, und wollte noch einmal

Fleh’n um Erbarmen -- umsonst, ihm erstarb der Laut auf den Lippen.

Als er hinab auf den Jammer starrete, wogte der Flamme

Bläulicher Widerschein, erzeugt von des brennenden Schwefels

Odemerstickendem Qualm, auf seinen erblasseten Wangen.

Heiße Thränen umhüllten sie schon: denn Lot’s und der Seinen

Schrecklicher Tod schwebt’ ihm vor den Augen; nicht war ihm die

Rettung

Seines Verwandten bekannt, er wähnt’ ihn verloren im Gluthmeer.

Jetzt verstummte der Sturm; die Wolken entschwanden; der Donner

Schwieg. Vom bläulichen Aether herab sah wieder die Sonne

Strahlenden Blick’s; doch ach, sie erhellt’ auf Sodomas Fluren

Und Gomorras nur qualerregende Schau der Zerstörung!

Dort, wo sonst die goldenen Halm’ im Hauche des Lüftchens

Wogten im Feld, die Gärten, mit Edens Reizen geschmücket,

Voll fruchttragender Bäum’ und gewürzreichduftender Blumen

Schimmerten, und auf der Weid’ unzählige Heerden, dem Eigner

Inner den Mauern der Städte zur Lust, sich letzten, bedeckte

Jetzt ein schwärzlicher See die Gefild’, um welchen sich rings her,

Völlig verödet und kahl, die versengeten Ufer erhoben.

Nie durchschwimmt die muntere Schar von gleitenden Fischen

Sein Gewässer: ein _todtes Meer_[18] genennet der Nachwelt

Noch, wo, bebend, der Wanderer einst die Spuren der Strafen

Gottes: am seichteren Strand aufragende Mauern und Pfeiler

Jener versunkenen Stadt’, umhüllt von harzigem Salzschlamm,

Schaut; im dürren Gefild von kränklichen Zweigen die Frucht bricht,

Die in der Hand alsbald in Staub und Asche zerstiebet,

Und nicht weilet daselbst in der weitumherrschenden Stille:

Denn er fühlt sich ergriffen von Angst und heimlichem Schauder,

Denkend der schrecklichen Schuld und der schweren Gerichte des

Himmels.

Schon gedachte der Greis der Heimkehr, als er, verwundert,

Einen ergrauten Mann im Gefolg zwo blühender Mädchen,

Gegen sich kommen sah auf dem Seitenpfade der Felshöh’n.

„Wie,“ so begann er, und rieb sich noch mit den Fingern die Augen,

Klarer zu schau’n, da jen’ ihm naheten, „Lot -- und die Töchter

Lot’s, errettet vom Herrn? O, Preis ihm auf immer und ewig!“

Sagt’ es, und ließ sich dann, vor Freude zitternd, im Sandstaub

Nieder, sie dort zu erwarten, bereit, mit Gruß und Umarmung.

Doch nun setzten auch sie, mit zögernden Schritten genahet,

Sich vor ihm hin, und Lot, ergriffen von schrecklichem Herzleid,

Streuete Staub auf sein grauendes Haupt, und weinte; die Töchter

Weinten mit ihm, ihr Aug’ im erhobenen Schleier verbergend.

Aber nach dauerndem Schweigen begann jetzt Abraham also:

„Jammer und Noth ist das Los des Sterblichen hier auf des Lebens

Dornenpfad’. Wohl ihm, so er schuldlos duldet -- und dennoch

Muß er obsiegen dem Schmerz mit gottergebenem Herzen:

Dann ist der Trost ihm gewiß, und sicher des Ewigen Beifall.

Zwar ereilte vor uns die sündigen Städtebewohner

Dort entsetzliche Straf’; doch laßt uns gebeugt in dem Staub hier

Ehren die hohen Gerichte des Herrn, und rein uns bewahren

Von Vergehung und Schuld, daß uns nicht ein Gleiches geschehe.

Seine Macht errettete dich mit den Töchtern; nur seh’ ich

Deine Gattinn noch nicht: wird sie mit den Eidamen folgen?“

Furchtbarer schwieg nun Lot; doch endlich kündet’ er, schluchzend

Erst, dann, steigenden Grimm’s, dem Abraham Alles und Jedes,

Was sich mit ihm begab vor Sodoma’s grauser Zerstörung

Wie er die Fremden (die Bothen des Herrn: sie erschienen als Engel

Später ihm erst) gastfreundlich auf, in sein räumiges Haus nahm;

Wie die unendliche Schmach an ihnen das Volk zu verüben

Droht’, und er muthig sie schirmt’ in der Nacht, bis selbes geblendet

Heimzog; wie sie ihn mahnten, dem Gottesgericht zu entfliehen,

Schnell mit der Gattinn vereint, mit den Töchtern und ihren Verlobten,

Und ihn d’rauf, als dies’, ungläubig, verhöhnten die Mahnung,

Faßten am Arm, und die Gattinn zugleich mit den weinenden Töchtern,

Führten hinaus auf das Feld, und dort urplötzlich verschwanden.

„Doch, eh’ solches gescheh’n,“ so sprach er nach einigem Zögern,

„Warnten sie uns zwei Mal mit tieferschütterndem Laut noch,

Daß wir, fliehend, die Blicke nicht mehr zurück nach den Mauern

Wenden, an welchen der Herr, mit all den frechen Bewohnern

Sich zu rächen beschloß, schon jetzt, ob schändlichem Frevel.

Glücklich erreichten wir bald, Zoars, des sicheren Städtchens,

Marken auf eiliger Flucht: ach, da gedachte die Mutter

Meiner Kinder der Eidame noch, und des Goldes und Silbers

Das sie zu retten vergaß, und wandte die Schritte zur Stadt hin!

Plötzlich fuhr im brausenden Sturm ein Donnergewitter

Von dem Himmel herab: der Erd’ entströmte des Schwefels

Feuriger Brodem, vermengt der trübaufschäumenden Salzfluth;

Ueberall barst der Boden entzwei, und, wehe, die Gattinn

Sank, vom Verderben ereilt, in eine der Gruben; die Salzfluth

Brandet’ an ihr empor, und umzog mit harzigen Krusten

Rings die Entseelete so, daß sie, der Säule von Marmor

Gleichend, am Strande des Sees noch jetzo mit Schrecken zu schaun

ist!“

Jetzo begann, erneut, vor Abraham Klagen und Weinen;

Aber er rief: „Der Wille des Herrn gescheh’!“ und erhob sich

Von dem Boden, die drei unglücklichen, theuren Verwandten

Heim in das eigene Zelt mit gastlicher Sorgfalt zu leiten,

Doch sie folgten dem Liebenden nicht. Geschreckt von dem Jammer

Unten auf ebener Flur, gedachten sie eine der Höhlen

Auf den felsigen Höh’n zu bewohnen in einsamer Stille.

Ach, nicht ahneten sie’s, daß dort der Erde gezeuget

Würden die Völker Moab und Ammon, in grauser Umarmung!

Abraham schritt dann schweigend und ernst nach seinem Gezelt heim.

Schon entfloh ihm ein Jahr, seit er der hohen Verheißung

Worte vernahm; doch heut, was reget so laut, so geschäftig

Auf die dienende Schar in des Zeltes dunkelen Räumen?

Emsig eilen die Mägd’ und die Knecht’, in festlichen Kleidern

Alle, heraus und hinein, und stellen so manches Geräth dort,

Reingescheuert am Quell, zurecht; besorgen zum Gastmahl

Jeden Bedarf, und geben mit vielgesprächigen Zungen

Unter sich frohen Bescheid im Winke der lächelnden Augen.

Doch der ergrauete Hirtenfürst sitzt draußen im Schatten

Auf der niederen Bank, an den Stamm des mächtigen Eichbaums

Lehnend den Rücken, im Festgewand’, und heftet die Augen,

Sinnenden Ernstes, hinab auf den Boden. Zuweilen erhebt er

Sie, und ein Lächeln erhellt sein leis’erröthendes Antlitz

Dann, geweckt von des seligen Herzens Empfindung; zuweilen

Schaut er dankend empor zu dem gütigen Vater im Himmel

Und es drängt sich die Freudenthrän’ ihm schnell aus den Wimpern.

Ha, was bewegt ihn so in dem lauten Gezelt mit den Seinen?

Wahrlich das höchste Glück für die überseligen Aeltern:

Denn ein Sohn ward heut den kinderlosen geboren!

Isaak nannt’ er ihn d’rauf, beschnitt ihn, der Worte gedenkend

Seines Herrn, an dem achten Tag, zum Zeichen des Bundes,

Den er geschlossen mit ihm, inmitten der blutenden Opfer,

Und bereitet’ ein herrliches Mahl, als der Säugling entwöhnt ward.

Aber der Knabe gedieh, und wuchs in blühender Schönheit

Munter heran. Einst fing er im Angesichte der Mutter,

Die dem Spielenden oft mit Wonn’ im Blick, vor dem Zeltthor

Zusah, jauchzend ein Täubchen auf, wie es eben verwundet

Durch den grausamen Weih’, im Flug’ aus den Lüften herabsank.

Aber er sah, daß es blutete. Schmerz ergriff ihn; er eilte,

Rasch nach dem ragenden Zelt’, und holte die Milch aus der Kammer,

Ihm, hinknieend im Gras’, die blutende Wunde zu kühlen.

Siehe, da kam mit wildem Gejauchz’ sein finsterer Bruder,

Ismael, aus dem Hain gesprungen, herbei, und ersehend

Isaaks fromme Sorg’ um das Thier, verhöhnt’ er den Knaben

Frech; naht’ ihm, und zertrat es mit stampfendem Fuß in dem Staub

dort!

Isaak strebte das Täubchen vor ihm zu schützen -- vergeblich:

Denn schon lag es zermalmt in dem Staub. Da fing er zu weinen

An mit so kläglichem Laut, daß Sara, die liebende Mutter

Bebend vor Schreck, hersprang, und des Stiefsohns Frevel gewahrend,

Unaussprechlichen Zorns, dem nahenden Abraham zurief:

„Wehe, daß ich mir selbst mit der Magd den Jammer bereitet

Hab’, im verzeihlichen Wunsch, dir endlich den Erben zu geben:

Denn nun siehst du ihn dort, den Störer des häuslichen Friedens,

Wie er mit dunkelem Aug’ umspäht, und im brauneren Antlitz

Kenntlich als Sohn der Aegypterinn, die Wuth in dem Herzen

Nährt, zu betrüben vor mir mein zartgesinnetes Kind da!

Wahrlich, so du nicht bald vertreibest die Magd mit dem Knaben,

Denkend als Gatt’ und Vater der Pflicht um die Deinen, so bricht mir

Sicher das Herz, und mich tödtet mit unserm Erzeugten der Kummer!“

Glühender Schmerz durchzuckte die Brust des ehrwürdigen Greises,

Abraham, als er die Worte vernahm. Er sollte den Knaben,

Hagars Sohn, mit der Mutter zugleich auf immer entlassen,

Und er war ihm doch auch, gleich jenem der hohen Verheißung,

Isaak, ein theuerer Sohn, von der ewigen Huld ihm gewähret?

Aber er schwieg, und ging in des Abends sinkender Dämm’rung

Nach dem räumigen Zelt, in der einsamen Kammer zu ruhen.

Dort erweckt’ ihn der Herr alsbald mit den tröstenden Worten:

„Abraham fasse nur Muth, und erfülle Saras Verlangen

Ohne Verzug: denn so wie ihr Sohn unzähligen Volkes

Stammherr wird, so sollen auch Ismaels Enkeln sich mehren

Sonder Zahl, und ihr Muth auf der Jagd und im Kampfe bewährt seyn.“

Solches vernahm er im Geist. D’rauf reicht’ er am dämmernden Morgen

Hagar zur Nahrung Brot; umhing ihr den Schlauch mit dem Wasser,

Und entließ, gefaßt, die Weinende dann mit dem Knaben,

Daß sie wandle hinaus in das Land im Segen des Himmels.

Bald verirrten sie sich, durch die Wüste Berseba ziehend.[19]

Leer war schon von erfrischender Fluth der Schlauch; in dem Sandstaub

Nirgend der rieselnde Bach, nicht der kühlige Brunnen zu schauen,

Und kein schattender Baum both ihnen Erholung. Verschmachtend

Lag der Knabe im Sand vor der lautaufheulenden Mutter.

Doch sie riß sich, ergrimmt, von ihm auf, und sagte für sich hin:

„Nein, nicht kann ich den schrecklichen Tod des theuern Erzeugten

Schauen dahier: so weit ein Pfeil von der Sehne geschleudert

Fleugt, will ich, hinsinkend im Staub’, in Verzweifelung harren

Selber des Hungertod’s, da mir denn solcher bestimmt ist!“

Aber ihr scholl von des Himmels Höh’n, die Stimme des Engels:

„Hagar, was sinnest du da? Erhebe dich! Ismaels Thränen

Wurden im Himmel gezählt: führ’ ihn nach der Wüste von Pharan

Jetzo zuerst; erlies ihm dann, in den reiferen Jahren,

Selber, nach freier Gewalt, wie die fromme Sitt’ es erheischet,[20]

Sorgend für ihn mit Mutterhuld, die liebende Gattinn:

Denn er werd’ als Jäger berühmt, und gepriesen als Vater

Eines mächtigen Volk’s, das weithin herrscht in den Wüsten!“

Als die Stimme verscholl, da sah mit frohem Erstaunen

Hagar die rieselnde Quelle vor sich: ein Wunder der Allmacht,

Ihr zur Rettung gewährt. Sie labte sogleich den Erzeugten;

Füllete dann den Schlauch, und sie wallten fort auf des Lebens

Wechselndem Pfad, geschirmt von des Herrn allmächtiger Rechten;

Denn alljegliches wurd’ erfüllt nach den Worten des Engels.

Sieh’, jetzt naht’, ein Tag für Abraham, wo er, im Glauben

Vor dem Herrn geprüft, der Zukunft herrliches Vorbild

Weis’ in seinem Geschlecht, zur Rettung der sündigen Menschheit!

„Abraham, höre!“ so rief ihm der Herr, und mit inniger Demuth

Sprach er sogleich: „Hier bin ich; gebiethe mir nur: ich gehorche!“

„Wohl, denn,“ fuhr der Ewige fort, „so nimm den Erzeugten

Isaak, welchen du liebst, und opf’re ihn mir auf dem Altar

Von geschichtetem Holz, auf dem Berg’ in Morrias Gefilden.“[21]

Abraham stand, erschüttert im Geist’, und ihm bebten die Glieder

All’ im plötzlichen Schreck; doch bald bezwang er des Herzens

Odemberaubendes Weh’; er warf mit hehrem Vertrauen

Sich auf die Knie’, und bethete leise die Wege des Herrn an.

Jetzo, nach schlafloser Nacht, erweckt’ er am dämmernden Morgen

Isaak mit Vorsicht, daß ihn die liebende Mutter nicht höre;

Ließ auch das Saumthier schnell von zwei verschwiegenen Knechten

Satteln; es dann mit gespaltenem Holz zu dem Opfer, beladen,

Und begab mit dem Sohn’ und den beiden Knechten, verstummend,

Sich auf die Reis’ in Morrias Gefild zu dem winkenden Ziel hin.

Dort an dem Fuße des Berg’s, nach drei erschöpfenden Tagen

Angelangt, ließ er die Knechte zurück mit dem weidenden Saumthier;

Lud das gespaltene Holz auf die Schultern des Sohnes; ergriff dann

Schnell das Geräth’: in der Linken die Gluth, in der Rechten das

Messer

Tragend, und stieg mit dem Sohn’ aufwärts zu den ragenden Höhen.

Immer schwieg er noch still; da begann, tiefathmend im Aufgang

Unter der Last, der fromm- und mildgesinnete Jüngling:

„Vater!“ Und er: „Ich höre, mein Sohn!“ „Wohl seh’ ich das Messer,

Sehe die Gluth,“ fuhr jener noch fort, „doch nirgend ein Opfer?“

Abraham hielt sich die Brust mit der Rechten, und sagte beklommen:

„Still, mein Sohn: das wird sich der Herr schon selber erlesen!“

Und sie erstiegen die Höh’n Morria, des heiligen Berges.

Dort errichtete nun, mit Thränen im Auge, der Vater

Einen Altar von dem Holz’, und der Sohn -- errathend der Thränen

Quell’, und, lesend im Auge des Vaters des Ewigen Rathschluß,

Both nun tief, wie ein Lamm verstummend, das auf der Schlachtbank

Liegt, und ergeben dem Willen des Herrn, die Hände den Banden,

Daß er, den Opfern gleich, gebunden, lieg’ auf dem Holz dort.

Schauernd ruhten die Lüft’ umher; durch Wolken verhüllet

War das hehre Gezelt des bläulichen Himmels; die Fluren

Bebten verstummt, und feierlich schwiegen die Hain’ und die Wälder,

Als der erhabene Augenblick des Opfers genaht war.

Abraham griff nach dem Stahl’, erhob ihn... da scholl aus den Wolken

Plötzlich der herzerschütternde Laut auf Abraham nieder:

„Halte das Messer zurück. Genug ist gethan: denn bewähret

Hat sich dein Glaub’ an mich in demuthvoller Ergebung,

Weil du aus Liebe zu mir den eigenen Sohn nicht verschontest.

Dunkel liegen die Wege des Herrn vor Sterblicher Augen;

Nicht verschonet er einst des eigenen Sohnes, nur _Er_ kann

Sühnen unendliche Schuld vor dem Richterstuhle des einen,

Wahren, unendlichen Gott’s, und erretten die sündige Menschheit.

Zahllos, wie an dem Strande des Meers gehäufet der Sand liegt,

Und an dem Himmels-Gewölb die funkelnden Sterne sich weisen,

Sollen aus dir die Enkeln blüh’n, und Großes vollbringen;

Doch in dem _Einen_ allein ihr Heil die Völker erlangen.“

Also der Herr. Da beugte sich Abraham bethend zum Boden,

Und, ersehend im Strauch den am Horn gefangenen Widder,

Opfert’ er ihn dem Herrn auf dem erst errichteten Altar;

Faßte den Sohn an der Hand, und kehrte mit ihm in das Zelt heim.

Sara erreichte ihr Lebensziel in Arba[22], dem Städtchen

Canaans. Dort erschien jetzt Abraham, sie, auf dem Boden

Sitzend im Schmerz, zu beweinen durch sieben Tage der Trauer.

Dann begrub er die theuere Leich’ an dem Felsen des Haines

Machpela, bei Hebron, den er von dem Volk der Chetiten

Kaufte zum Eigenthum, und zum Grabe für sich und die Seinen.[23]

Doch schon fühlt’ er, gebeugt, des jahrebelasteten Alters

Schwindende Kraft stets mehr, und sann für den Sohn der Verheißung,

Isaak, die liebliche Braut, mit väterlichsorgender Weisheit

Selbst auf Jegliches achtend, zu frei’n. O seliges Bündniß,

Wenn in der Rosenzeit des blühendentfalteten Lebens,

Von dem liebenden Herzen gedrängt, der treffliche Jüngling

Sich die Hold’ erkies’t im Schmucke der Schönheit und Unschuld,

Und sie auf immer dann zu glücklicher Ehe sich einen!

Also gedacht’ er, für ihn Rebekka, die Enkelinn Nachors,

Seines Bruders, zu frei’n, in Chaldäas blühender Landschaft,

Die er als Knabe geliebt.[24] Er rief in geheim Elieser,

Seines Gehöft’s Verwalter, herbei, und sprach zu ihm also:

„Redlicher, horch: du zieh’st in den reichen Gefilden Chaldäas

Eilig nach Charan hinab, wo meine Verwandten noch leben --

Nachor mit seinem Geschlecht’, um dort für meinen Erzeugten,

Um die ersehnete Braut, aus jenem, gebührend, zu werben;

Aber schwöre mir erst bei Gott, dem wahren und einen,

Daß du mir jen’ allein, nicht eine von Canaans Töchtern,

Götzenverehrern entsprossene Brut, uns allen zum Unglück

Heimbringst!“ Als der Treue den Eid, laut bethend, geschworen,

Schüttelt’ er sinnend das Haupt, und begann: „So ich aber die Jungfrau

Nicht bewegte zur Reise hieher, soll ich den Erzeugten

Dir hinführen, daß er um sie werb’, ein glücklicher Freier?“

„Nein,“ rief Abraham laut, „nicht darf er aus Canaan zieh’n mehr:

Also will es Jehova, der Herr, der mir, und den Meinen

Selbes zum Eigen verhieß auf immer und ewige Zeiten.

Seinen Engel wird er vor dir her senden, und Segen

Dir gewähren, daß du zu uns her die Ersehnte geleitest.“

Sagt’ es, und übergab dem Treuen an Gold und an Silber

Reiche Geschenke, die er auf zehn Kameele mit Allem,

Was an Bedarf die Reis’ in die Fern’ erheischte, geladen

Hatte zuvor, und entließ ihn dann mit den Knechten im Segen.

Als Elieser jetzt unferne den Mauern des Städtchens

Charan, den Brunnen ersah im Rosenschimmer des Abends,

Hielt er, gedenkend des wichtigen Ziels, mit seinem Gefolg’ an:

Denn aus dem Thore der Stadt kam ihm ein blühendes Mädchen

Freundlich entgegen. Sie trug den irdenen Krug auf der Schulter

Eilig einher, ihn heim, mit Wasser gefüllet, zu bringen.

Schnell erhob Elieser die Recht’ und die Augen zum Himmel;

Flehte zu Gott, und sprach mit lispelnder Zunge für sich hin:

„Herr, so ich jetzt den Trunk verlang’, und es labt mich das Mädchen,

Das dort naht; auch meine Kameel’ erquickt mit des Brunnens

Milderfrischender Fluth, so dien’ es mir heute zum Zeichen:

Jene sey’s, die ich such’, und zu finden mein heißester Wunsch ist!“

Sagt’ es, und staunte der hohen Gestalt der herrlichen Jungfrau:

Ihrem bräunlichen Haar, das sich, gar zierlichgeflochten,

Rings an der Scheitel umher aufwand, und von welchem der Locken

Zween, wie die Wellen des Sees, wenn säuselnde Lüftchen sie heben,

Wogten auf ihrer schneeigen Brust und dem Halse voll Anmuth;

Auch der edelen Stirn’ und den hellerglänzenden Augen,

Welche dennoch so mild, in dunkelbläulichem Schimmer

Glüheten; dann der zartgeformten Nase, der Lippen

Rosiger Gluth, und dem lieblichen Kinn, dem Zeichen der Sanftmuth.

Eilig kam sie heran, und ihr Kleid, aus glänzender Wolle,

Welches die stattlichen Glieder umfing, erhob sie an Huld noch

Mehr vor dem prüfenden Aug’, in züchtiggeordneten Falten.

Als sie hinab zur Quell’ auf den steinernen Stufen gestiegen,

Und das erfüllte Gefäß, mit der Linken und Rechten die Henkeln

Fassend, zum Kranz des Brunnens herauftrug, rief Elieser:

„Reiche den Labetrunk, du Gute, dem dürstenden Wand’rer!“

„Trink’, mein Herr!“ so sprach sie mit holderklingender Stimme,

„Nach Genügen; auch will ich dann noch den müden Kameelen

Schöpfen die Fluth, bis alle sich satt getrunken.“ Sie reichte

Freundlich den Krug ihm dar. Doch als er jetzo des Durstes

Lechzende Gier gestillt, und den Krug ihr dankend zurückgab,

Stieg sie noch oft zu der Quelle hinab, und kehrete wieder,

Stets entleerend den Krug an der Tränk’ in die eichenen Rinnen,

Bis die Thiere sich dort mit vollem Behagen erlabten.

Freud’ erfüllte das Herz des redlichen Dieners, und dennoch

Hielt er noch, klugvorschauend, an sich, zu erforschen in Wahrheit:

Ob es die Jungfrau sey, die Isaak ersehnte zur Gattinn?

Jetzt langt’ er Kleinode hervor, Armbänder und Kettchen,

Schimmernd von Gold. „Nimm hin, die selt’nen Geschenke,“ so sprach er,

„Für den gefälligen Dienst, den du mir erzeigtest, dem Fremdling.

O, wie erhebend ist’s, wenn uns wohlwollende Seelen

Auf des Lebens unsicherem Pfad’ begegnen, uns freundlich

Reichen die Hand, und hold sich erweisen in liebender Sorgfalt!

Sey dir Segen des Himmels dafür! Doch sprich: wie erfahr’ ich,

Wessen Erzeugte du seyst; ob Raum in eurer Behausung

Für mich selbst, und die Thiere sich find’ in der sinkenden

Dämm’rung?“

Freudig erröthend nahm die werthen Geschenke das Mädchen,

Hob den Krug auf die Schulter, und sprach nach dem Thore sich wendend:

„Bethuels Tochter rühm’ ich mich, des Erzeugten des Nachor,

Den ihm Milka gebar. Genügender Raum ist im Wohnhaus

Meines Vaters für dich, und die Thier’ auch Futter die Fülle;

Folge mir nach: ich künde dich nun den Meinen zur Freud’ an.“

Thränen des Danks umhüllten das Auge des redlichen Dieners,

Als er der Eilenden stumm nachsah. Dann bethet’ er also:

„Ewiger, Lob sey dir, weil du an deinem Verehrer,

Abraham, huld- und erbarmungsvoll auch heut’ dich erwiesen

Hast: mich geleitend hieher in seines Bruders Behausung!“

Und nun brach er mit seinem Gefolg nach dem Thore des Städtchens

Auf. Da kam Laban, der ältere Bruder Rebekkas,

Ihm entgegen, und rief: „Sey uns willkommen, o Fremdling,

Den uns der Segen des Herrn beschied! Tritt ein in die Wohnung

Nachors; dein harrt die freundliche Kammer, und deinen Gefährten

Oeffnen die Hallen sich weit, wie auch deinen Kameelen die Ställe

Mit erquickender Streu und der Menge des nährenden Futters.“

„Möge der Herr,“ sprach jener, „euch all’, ob euerer Großmuth

Und erfreuender Huld, hinfort, und auf immer beglücken!“

Also betrat er das Haus mit segnenden Worten, aus welchem

Er nun bald heimführen soll die erlesene Jungfrau,

Seinem Gebiether zur Wonn’, und zum Glück noch spätester Nachwelt:

Denn aus Abrahams Stamm kömmt ihr der Retter gesendet.

Als denn Jedes besorgt, und erfüllet das freundliche Wort war,

Riefen sie nun den Fremdling zum Mahl; doch sagt’ er: nicht woll’ er

Deß sich erfreu’n, so er ihnen zuvor nicht verkündet die Bothschaft

Seines Gebiethers an sie. Man hieß ihn reden, und alsbald

Saßen all’ um ihn her, da er muthig begann zu erzählen:

Wie ihn aus Canaans Fluren heran sein hoher Gebiether,

Abraham, dem der Herr unendlichen Reichthum verliehen,

Sandte, daß er für Isaak, den, erst im Alter mit Sara,

Seiner Gattinn, erzeugten Sohn, begehre zur Hausfrau --

Ihre aus seinem Geschlecht’ entsprossene Tochter, Rebekka;

Wie, fürwahr, nach Abrahams Worten, der Ewige selber

Sandte den Engel vor ihm einher, daß er glücklich nach Charan

Kam; zum frohen, von Gott erbethenen Zeichen, die Jungfrau

Eben am Brunnen erschien; ihn selbst, sein Gefolg’ und die Saumthier’

Labte mit kühlendem Trunk’, und endlich zur freundlichen Herberg

Lud, wo ihm auch von ihnen viel Huld und Liebe geworden!

„Doch,“ so sprach er nun mit bewegterem Herzen, „erklärt euch

Offen noch heut’: ob ihr ihm die blühende Tochter gewähret,

Oder versagt, und ich dann heimkehr’, ein Bothe des Unglücks?“

Sieh’, da rief Laban, der erfahrene Bruder der Jungfrau,

Hebend die Händ’ empor zum Himmel, in freudiger Hast auf:

„Ha, dieß kömmt von Gott: wir können dem Wink nicht entgegen

Handeln, im thörichten Wahn’: als sey ihr ein Bess’res beschieden!

Redlicher, nimm sie denn hin; hier steht Rebekka, die Schwester:

Denn es entraffte der Tod uns jüngst den trefflichen Vater,

Lieblich erblühet vor dir; zieh’ freudiger heim mit der Guten,

Daß sie, wie Gott es gefügt, dort Isaak, als Gattin, vereint sey!“

Sagt’ es, und stellte sie ihm nun dar, bei der Rechten sie fassend;

Doch sie neigte sich sanft, wie die Ros’ in knospender Fülle,

Hold erröthend des Bruders Red’: ein Engel an Unschuld;

Schlug die Augen zur Erd’, und weinete häufige Thränen.

Auch die liebende Mutter umfaßt’ an dem Hals’ und den Schultern,

Heftig, die Tochter jetzt, und drang mit thauenden Wimpern

In Elieser, daß er ihr dreißig der Tage gewähre

Unter den Ihren zu seyn, und dann erst beginne den Heimzug.

Aber als er der Eile gedacht’, und Rebekka befragt ward,

Sprach sie beherzt: „Ich reise mit ihm nach des Ewigen Rathschluß.“

Alsbald langt’ er Geschenk’ an silbern- und gold’nen Gefäßen,

Und an kostbarn Kleidern hervor, und gab sie der Braut hin;

And’re der Mutter dann, und den Brüdern. Nun endlich genossen

Sie des köstlichen Mahls, und eilten zu ruhen die Nacht durch.

Doch kaum färbte das Morgenroth den Saum des Gebirges

Drüben in Osten, so zäumt’ Elieser, vereint mit den Knechten,

Rasch die Kameel’, und hob die verschleierte Braut, mit der Amme

Dann auf die stattlichsten; sprach den tiefbewegten Verwandten

Rührende Worte des Trost’s, und trabte hinaus auf dem Feldweg;

Aber sie riefen ihr dort, lautweinend, noch Segen und Glück nach.

Welch Getümmel der Freud’ erschallt um Abrahams Zelt her?

Siebenzig Pfannen mit Pech und brodelndem Oehle gefüllet,

Tragen die Jüngling’ auf Stäben von Holz, und es leuchtet die Flamme

Hoch empor in die Nacht. Gesang, dem Getöne der Zither

Lieblichvereint, erschallt aus der Ferne; des Zeltes Bewohner

Eilen heraus auf den Rain, die jauchzenden Gäste zu schauen:

Denn vom Gehöft Eliesers führt, hochzeitlichgekleidet,

Isaak die herrliche Braut nach Abrahams, seines Erzeugers,

Wohnung heran. Schon war sie vor zehn entflohenen Tagen

Angelangt dort mit dem Treu’n aus der fernentlegenen Heimath,

Und verweilte bei ihm, der frommen Sitte gehorchend.[25]

Doch nun schritt sie im Kreis’ der Gespielinnen, brautlichgeschmücket

Erst mit der Kron’ auf dem Haupt’ und dem antlitzhüllenden Schleier,

Nach dem Geliebten einher; auch ihn umgab der Gefährten

Blühende Schar, und erblickend am Thor des hellen Gezeltes

Abraham, der schon zitternd vor Freud’ und inniger Sehnsucht,

Ihrer harrete, sank sie vor ihm auf die Knie’, und umfaßte

Sie mit den Armen in glühender Hast und mit thränenden Augen.

Mild erhob der Greis die Weinende; drückte sie zwei Mal

Fest an die Brust, und begann vor den schnell verstummenden Scharen:

„Seht, wie erhaben und groß, barmherzig und gütig der Herr ist!

Jegliches wurd’ erfüllt, was seine unendliche Weisheit

Ueber mich und die Meinen verhängt’ in den Tagen der Prüfung.

Freudig gewahr’ ich vor mir die künftige Mutter der Kinder

Meines Erzeugten -- des Sohn’s der himmlischen, hohen Verheißung.

Ach, daß Sara, die sein’, ein solches Glück nicht erlebte!

Doch du, Gute,“ so sprach er zu ihr, „verließest die Mutter,

Von Elieser gedrängt, in Trauer: nicht gönnt’ er im Eifer

Ihr die ersehnete Zeit der Brautausstattung zu denken.

Groß ist der liebenden Mutter Müh’ und Sorg’ um die Tochter,

Von dem Tag der Verlobung zu jenem, wo sie sich auf immer

Mit dem Erwählten vereint. Geschäftig schafft zu dem Haushalt

Sie das Ein’ und das And’re herbei, und rastet, und ruht nicht,

Bis nicht im Ueberfluß ein Jedes, genügend, erscheinet;

Dennoch, kömmt nun die Stunde heran, wo draußen im Hofraum

Laut der Gesang der Hochzeitgäst’ erschallt, und die Tochter,

Noch vor dem einenden Spruch ihr naht mit Thränen des Dankes

Abschied zu nehmen, und dann zu gehören dem Manne für immer:

Wendet sie sich, wie entrüstet, von ihr, und schluchzet im Stillen,

Daß sie von ihr sich trennt, und die weinende Mutter zurückläßt.

Ach, daß Sara für uns solch glücklichen Tag nicht erlebte:

Denn sie wär’ auch dir die liebende Mutter geworden!

Doch, nun tretet herbei: ihr sollt für immer vereint seyn!“

Sagt’ es, und legte die Rechte des Sohn’s in jene Rebekkas;

Hob die Händ’ empor, und rief mit umschallender Stimme:

„Komme der Segen des Herrn in nieversiegender Fülle

Ueber euch, daß ihr, wandelnd vor ihm mit redlichem Herzen,

Spät im grauenden Alter noch die glücklichen Enkeln

Eurer Erzeugten schaut, und auf sie den Segen vererbet!“

Lauter Jubel erscholl ringsher aus den wimmelnden Scharen.

Dann ergötzten sich all’ an dem Hochzeitmahl’ in des Zeltes

Schimmerndem Raum; nur Rebekka enthielt sich der Speis’ und des

Trunkes,

Schweigend, und hold verschämt, bis jetzt nach dem heiteren Festmahl

Isaak mit ihr, umjauchzt, entschwand in die brautliche Kammer.

Jahr’ entfloh’n; da saß im sinkenden Schatten des Abends

Abraham vor dem Gezelt’, und sah, bald auf zu des Himmels

Funkelndem Sternenheer’, und bald nach dem Sand auf dem Boden,

Thränenden Blickes, hinab. Er dachte der hohen Verheißung,

Welch’ ihm ward: daß ein Volk, gleich diesem, und jenem, unzählbar,

Seinen Lenden entsprieß’ in der endlosdauernden Zukunft;

Daß die Völker ihr Heil durch +Einen+ aus seinem Geschlecht nur

Finden dereinst, und, daß gütig der Herr ihm jeglichen Segen

Spendete so, daß er überbeglückt noch am Rande des Grabes

Schaue vergnügt zurück’ auf das wonnegesättigte Leben.

Jetzt erhob sich der volle Mond an des Himmelsgewölbes

Oestlichem Rand’, und beschien, stets heller schimmernd im

Nachtgrau’n,

Abrahams milde Stirn und seine erblassenden Wangen;

Doch er streckte dem freundlichen jetzt -- sein Ende gewahrend,

Weit die zitternden Händ’ entgegen, und stammelte sterbend

Noch ein Dankgebeth mit brechendem Auge für sich hin,

Als er gesenkt das Kinn an die Brust, verhauchte das Leben.

Isaak begrub mit Ismael ihn an der Seite der Mutter,

Sara, im Felsengrab nach den Tagen unsäglicher Trauer.

Vater von Israels Volk, du wandeltest selig hinüber

Nach dem ewigen Reich der göttlichen Huld und Erbarmung:

Denn wie ein Blitz auffuhr vor deinen entschleierten Augen,

Ehe du schiedst, das Bild der Rettung der sündigen Menschheit,

Und du sah’st, entzückt, den +Einen+, den Sohn der Verheißung,

Kommen aus deinem Geschlecht als huldvollwaltenden Mittler

Zwischen dem ernsten Richter und uns, und, schuldlos ihn sterben

Auf dem Holz, um uns all’ von dem ewigen Tod zu erretten!

Aus Gehorsam verschonetest du den einzigen Sohn nicht,

Hatte der Herr ihn nicht selber verschont; doch ein rührendes Vorbild

War er von ihm auf dem Holz’, erhöht zum Opferaltar dort,

Das er geduldig selbst auf den Schultern getragen. O, Heil, dir,

Edeler Greis! Den Glauben an Gott, den wahren und einen,

Mußte bewahren dein Volk bis hin zu der Fülle der Zeiten,

Wo der Verheißene kam im Siegesrufe der Rettung!

Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3) · 第 5 / 38 题