Mein lieber Feind,
bisher bist mein Freund Du gewesen, aber mein gehaßter Freund. Und von
diesem Haß, den Du vielleicht nie geahnt hast, wird heute noch viel die
Rede sein ... Vorläufig das eine: sei statt dessen, was Du mir bisher
warst, lieber mein Feind; mein lieber Feind, wenn Du willst.
Seit vier Jahren, seit wir einander kennen, ... verkennen wir einander.
Unausgesetzt hast Du mich mißverstanden, unermüdlich. Du hast mich
mißverstehn wollen, das ist das Schlimme, und daß es dir auch gelungen
ist, nur eine nebensächliche Verschärfung ... Erinnre Dich nur, was für
merkwürdige Eigenschaften, die ich ganz und gar nicht besitze, Du in mir
entdeckt hast. Vor allem ist Dir immer meine Feinheit bewundernswert
gewesen, meine zarten und eigentümlichen Fingerbewegungen, »diese
Aquarelle von Liebesstunden, die Mousseline des Benehmens, die
Zierstücke seltsamer Einflüsterungen« ... Nun wisse (Du weißt es schon
längst, immer), ich bin gar nicht so vornehm geartet, bin gar nicht so
eigentümlich. Ich würde es für beleidigend halten, wenn jemand eine
kultivierte Frau mich benennte. Ich bin eine schöne Frau, weiter nichts.
Mein Äußeres ist mein Tiefstes, wirkt als einziger Schatz um so
glänzender vor dem im übrigen schattigen Hintergrund meiner gewöhnlichen
Persönlichkeit ... Und ich verzichte gern darauf, den klügsten Männern
ebenbürtig und Arbeitsgenosse zu sein. Da ich sie beherrschen kann.
Du hast mir ferner eingeredet, ich sei gut. Nicht im Sinne der
herkömmlichen Sittlichkeit, die ich um Deinetwillen oft gering schätzte.
(Und das tut mir auch heute nicht leid, das nicht.) Aber ich sei brav,
sagtest Du, von Mildheit zukünftiger Generationen erfüllt, dem
kategorischen Imperativ einer bessern Welt gehorsam. Und so unschuldig
sei ich, sagtest Du ... Was für Unsinn. Ich lehne es entschieden ab,
unschuldig zu sein. Unschuldige Frauen sehen dumm aus. Und nur die
Schuldigen wissen Mienen von Unschuldigen zu tragen.
Du dichtetest mir an, ich sei treuer als die andern; Du ließest mich
unkokett sein (unschädlich mithin für Dich und weniger zeitraubend. Wie
fein war das eingefädelt.)
Meine Redeweise, ehe ich in den Verkehr mit Dir geriet, war höchst
läppisch. Ich gefiel mir in Witzen, in Wortspielen, in Stacheln und
Qualen ... Du hast als mir eigentümlich mir eine Lyrik der Sätze
beigebracht. Glockentöne in der Stellung der Vokale und durch
merkwürdige Drehungen der syntaktischen Fügung erzeugte Melodien. Weil
es Dir gefiel, im Sommer abends am Flußnebel unklare Gespräche,
geschmückt mit sehr langen Pausen, zu haben, deutetest Du meine
Ratlosigkeit damals als ein Schweigen infolge verständnisvoller
Stimmung. Ohne Unterlaß hast Du mich umgedeutet. Immer hast Du nur das
an mir gesehn und gehört, was Du hören und sehn wolltest ... So oft war
ich trivial, meiner Natur nachgebend, habe alltägliche Dinge gesagt,
ganz einfach Sprichworte, moralische Lehren aus dem Abreißkalender. Und
Du bliebst auch dann stets noch heuchlerisch genug, diese dummen
Redensarten in Entzückung einzufangen, die durch meine Lippen in
Schwingung versetzte Luft mit kostbaren Ausrufen der Freude zu umrahmen.
Du wolltest mich glauben machen, ich sei Dir ebenbürtig, ganz von selbst
fließe mir eine Welle bedeutsamer Ansichten unversieglich zu und alles,
was ich rede, klinge reizend, sanft und entrückt ... Und Deine
bestimmten Entgegnungen, wenn ich mich weigerte, wenn ich sagte, Du
überschätzest mich! Deine manchmal beinahe überzeugenden Zwischenrufe,
wenn ich im Zuge war, meine Werktäglichkeit zu beichten!...
Ohne darüber nachzudenken, daß ich vielleicht mir eigentümliche Vorzüge
haben könnte, hast Du mir kurzwegs einige Vorzüge nach Deinem Geschmack
obenauf angeschminkt. Du hast retouchiert. Schließlich war ich eine
Vollkommenheit von Deinen Gnaden, ich danke schön.
Wenn Dir nur jemals irgend eine lebenskräftige Dummheit entschlüpft
wäre! Aber nein, selbst Deine Dummheiten waren hübsch anzusehen,
verzeihliche Streiche eines liebenswürdigen Kindes. Wenn Du mich nur
jemals gelangweilt hättest! Aber nein, Du hast mich immer entzückt. Das
verträgt keine Frau.
Wie ich Dich immer gehaßt habe! Mein Gott, wie ich Dich gehaßt habe!
Wenn ich so zu Dir kam, ein fehlerhafter Mensch, aber doch ein Mensch;
frischauf atmende Lungen, ungleichmäßige Herzschläge, Finger voll Gift,
boshaft-lebendige Wangen ... wenn ich die Treppen zu Deiner Wohnung
hinaufstürmte, mit dem festen Entschluß, heute Dir alles ins Gesicht zu
schreien, Dir ins Gesicht zu schreien: Liebe mich, aber liebe mich
endlich einmal so gemein, wie ich bin!... und wenn ich dann die Türe
öffnete, die schauspielernde Luft Deiner Zimmer, den Dunstkreis des
Unendlichen eintrank ... dann war alles wieder vorbei ... Wir sahn als
zwei seltsame Menschen einander in die Augen, ich war bezaubert, ich war
nach Deinem Wunsch. Wohin versanken da die Entschlüsse, die
Selbständigkeiten ...
Ein umgekehrter Fall der Nora: wie gern wäre ich die Puppe geblieben!
Aber Du wolltest mich jedenfalls zu Gott weiß was Besonderem machen.
Ja, ich war glücklich ... Welch eine sichere Zeit atmete ich bei Dir,
nichts konnte mir etwas anhaben. Wir besprachen dies und jenes. Wir
stellten zwecklose Dinge an. Wir küßten einander in aller Liebe, aber
immer ein wenig pierrotmäßig. Alles war ein Spaß, ein Luftzug, eine
Frage. Und die brutale Realität schien entfernt, das Leben ein
klein-harmloses, unzerreißbares Bilderbuch nur ... Und o! wie hast Du es
immer abgewehrt, wenn ich Dir sagte: Du betrachtest das Leben als einen
Spaß. Das durfte nicht ausgesprochen werden, durch so grobe
Konstatierungen wären wir schon wieder ins Reich des Tätlichen gerückt.
Daß Du das Leben wahrhaftig als einen Spaß betrachten konntest, wurde
nur dadurch ermöglicht, daß Du immer behauptetest: O nein, ich nehme das
Leben sehr ernst ... Wie wunderbar warst Du oft durch das, was Du
verschwiegst. Und nicht einmal das ließest Du zu, daß man Dein
Verschweigen bewundere. Einen Firnis von Schlichtheit, Ungeschicklichkeit
sogar legtest Du über Deine feinsten Dinge. Und durch graziöse
Schnörkel des Schweigens und Sagens hieltest Du uns beide
beständig in der Höhe, über den Wahrheiten. Nie machten wir einander
Geständnisse. Nie waren wir intim und vertraut. Aber wenn ich zu Dir
kam, verschwanden alle meine Sorgen, machten alle Befürchtungen ein
unwichtiges, fast drolliges Gesicht. Gerade dadurch, daß Du mich nicht
tröstetest, tröstetest Du mich ... Und wie schön, wenn wir uns Mühe
gaben, einander näher zu kommen! Diese Selbstbekenntnisse geschahn so
unwegsam, in einer so verzwickten und schwierigen Manier, daß wir
einander immer nur noch verhüllter, interessanter wurden. O diese
fluoreszierenden Auseinandersetzungen, diese Erleuchtungen ohne Halt,
diese unrichtigen Klarheiten und diese Unklarheiten!
Wie glücklich war all dies!
Wie ich dich immer geliebt habe! Mein Gott, wie ich Dich geliebt habe!
Ach, vielleicht ist es ein Unrecht, daß ich diesen Brief Dir schreibe.
Gewiß tue ich Dir Unrecht, denn Du warst immer gut zu mir ... Und jetzt
verwirrt sich mir alles. Als ich diese Zeilen begann, war mir unser
Verhältnis so klar, so schlimm, so verächtlich. Ein Magazin von
Kontrasten und Angriffen stand mir zur Verfügung ... Wie kommt es, daß
in diesem Augenblicke verschwimmende Gebirge über mich stürzen, rosige
Bergketten vom bewegten Horizont her, Zweifel, Subtilitäten ohne
Zahl ...
Vielleicht ist alles, was ich Dir heute schreibe, auch nichts anderes
als solch eine fluoreszierende, verzwickte Auseinandersetzung, durch die
wir einander nur noch interessanter werden?...
Ich will nicht darüber nachdenken. Aber eines: Habe Mitleid mit mir!
Mitleid! Und wenn auch gerührte Leidenschaft, Verständnis für Tragik
Deine Sache nicht ist .... aus Mitleid begreife dieses eine Mal die
nackte Wahrheit, den großen Ernst der Tatsachen, die Schrecken meiner
inneren Krisis. Gib mich frei. Gib mich endlich frei. Ich will Dir nie
mehr schreiben. Ich will Dich nie mehr sehn. Es ist mein fester
Entschluß, mich nicht länger von Dir beeinflussen zu lassen. Ich bitte
Dich, vergiß mich oder sei mein Feind. Gib mich frei!
=Anfissa.=