Zweiter Auftritt

Lisa, Anna Dmitrijewna Karenina, die Kinderfrau mit dem Kinde.

Karenin und Anna Pawlowna treten ein.

_Anna Pawlowna_ ($küßt Lisa und Anna Dmitrijewna$): Viktor hat mich

getroffen und hergebracht.

_Anna Dmitrijewna_: Sehr recht von ihm.

_Anna Pawlowna_: Ja, gewiß. Ich dachte oft, ich möchte euch einmal

wiedersehen, schob es aber immer auf. Da bin ich nun mitgekommen und

werde, wenn ihr mich nicht fortjagt, bis zum Abendzuge hier bleiben.

_Karenin_ ($küßt seine Frau, seine Mutter und den Knaben$): Und ich bin

so glücklich, -- ihr könnt mir gratulieren. Ich kann zwei Tage zu Hause

bleiben. Morgen werden sie sich auf dem Büro ohne mich behelfen.

_Lisa_: Das ist ja prächtig! Zwei Tage! Das ist lange nicht dagewesen.

Laß uns nach dem Klösterchen fahren; ja?

_Anna Pawlowna_: Wie ähnlich das Kind seinem Vater ist! Und was ist er

für ein forscher Junge geworden! Wenn er nur nicht alles von seinem

Vater geerbt hat; dessen gutes Herz, nun ja ...

_Anna Dmitrijewna_: Aber nicht seine Schwäche.

_Lisa_: Er ist sein vollständiges Ebenbild. Aber Viktor ist mit mir

derselben Ansicht, daß, wenn er nur von klein auf richtig erzogen

wird ...

_Anna Pawlowna_: Nun, ich verstehe das alles nicht; ich kann nur sagen:

ich vermag nicht an ihn zurückzudenken, ohne daß mir die Tränen kommen.

_Lisa_: Mir geht es ebenso. Wie er in unserer Erinnerung gewachsen ist!

_Anna Pawlowna_: Ja, das finde ich auch.

_Lisa_: Wie schien doch eine Zeitlang alles unlösbar verworren zu sein!

Und wie entwirrte sich dann plötzlich alles!

_Anna Dmitrijewna_: Nun, Viktor, hast du die Wolle mitgebracht?

_Karenin_: Gewiß, gewiß! ($Er nimmt seine Reisetasche und holt allerlei

daraus hervor.$) Da ist die Wolle, und da die =Eau de Cologne=, und da

die angekommenen Briefe, und da ein amtliches Schreiben an dich. ($Er

gibt es seiner Frau.$) Nun, Anna Pawlowna, wenn Sie Lust haben, sich

nach der Fahrt zu waschen, so werde ich Sie führen. Auch ich muß mich

säubern; wir essen sogleich zu Mittag. Lisa, ich soll Anna Pawlowna

doch wohl in das Eckzimmer im Parterre bringen? ($Lisa, die ganz blaß

geworden ist, hält das Schriftstück in den zitternden Händen und liest

es.$)

_Karenin_: Was ist dir, Lisa? Was steht darin?

_Lisa_: Er ist am Leben. Mein Gott! Wann wird er mich endlich

freigeben?! Viktor! Wie hängt das zusammen? ($Sie schluchzt.$)

_Karenin_ ($nimmt das Schriftstück und liest es$): Das ist entsetzlich!

_Anna Dmitrijewna_: Was denn? So sprich doch!

_Karenin_: Das ist entsetzlich. Er ist am Leben. Und sie ist eine

Bigamistin, und ich bin ein Verbrecher. Dieses Schreiben kommt vom

Untersuchungsrichter, der Lisa vorladet.

_Anna Dmitrijewna_: Welch ein entsetzlicher Mensch! Warum hat er das

angerichtet?!

_Karenin_: Es ist alles Lüge, alles Lüge.

_Lisa_: O, wie ich ihn hasse! Ich weiß nicht, was ich rede. ($Sie geht

weinend ab, Karenin folgt ihr.$)

Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern) · 第 92 / 111 题