Lisa, Anna Dmitrijewna Karenina, die Kinderfrau mit dem Kinde.
Karenin und Anna Pawlowna treten ein.
_Anna Pawlowna_ ($küßt Lisa und Anna Dmitrijewna$): Viktor hat mich
getroffen und hergebracht.
_Anna Dmitrijewna_: Sehr recht von ihm.
_Anna Pawlowna_: Ja, gewiß. Ich dachte oft, ich möchte euch einmal
wiedersehen, schob es aber immer auf. Da bin ich nun mitgekommen und
werde, wenn ihr mich nicht fortjagt, bis zum Abendzuge hier bleiben.
_Karenin_ ($küßt seine Frau, seine Mutter und den Knaben$): Und ich bin
so glücklich, -- ihr könnt mir gratulieren. Ich kann zwei Tage zu Hause
bleiben. Morgen werden sie sich auf dem Büro ohne mich behelfen.
_Lisa_: Das ist ja prächtig! Zwei Tage! Das ist lange nicht dagewesen.
Laß uns nach dem Klösterchen fahren; ja?
_Anna Pawlowna_: Wie ähnlich das Kind seinem Vater ist! Und was ist er
für ein forscher Junge geworden! Wenn er nur nicht alles von seinem
Vater geerbt hat; dessen gutes Herz, nun ja ...
_Anna Dmitrijewna_: Aber nicht seine Schwäche.
_Lisa_: Er ist sein vollständiges Ebenbild. Aber Viktor ist mit mir
derselben Ansicht, daß, wenn er nur von klein auf richtig erzogen
wird ...
_Anna Pawlowna_: Nun, ich verstehe das alles nicht; ich kann nur sagen:
ich vermag nicht an ihn zurückzudenken, ohne daß mir die Tränen kommen.
_Lisa_: Mir geht es ebenso. Wie er in unserer Erinnerung gewachsen ist!
_Anna Pawlowna_: Ja, das finde ich auch.
_Lisa_: Wie schien doch eine Zeitlang alles unlösbar verworren zu sein!
Und wie entwirrte sich dann plötzlich alles!
_Anna Dmitrijewna_: Nun, Viktor, hast du die Wolle mitgebracht?
_Karenin_: Gewiß, gewiß! ($Er nimmt seine Reisetasche und holt allerlei
daraus hervor.$) Da ist die Wolle, und da die =Eau de Cologne=, und da
die angekommenen Briefe, und da ein amtliches Schreiben an dich. ($Er
gibt es seiner Frau.$) Nun, Anna Pawlowna, wenn Sie Lust haben, sich
nach der Fahrt zu waschen, so werde ich Sie führen. Auch ich muß mich
säubern; wir essen sogleich zu Mittag. Lisa, ich soll Anna Pawlowna
doch wohl in das Eckzimmer im Parterre bringen? ($Lisa, die ganz blaß
geworden ist, hält das Schriftstück in den zitternden Händen und liest
es.$)
_Karenin_: Was ist dir, Lisa? Was steht darin?
_Lisa_: Er ist am Leben. Mein Gott! Wann wird er mich endlich
freigeben?! Viktor! Wie hängt das zusammen? ($Sie schluchzt.$)
_Karenin_ ($nimmt das Schriftstück und liest es$): Das ist entsetzlich!
_Anna Dmitrijewna_: Was denn? So sprich doch!
_Karenin_: Das ist entsetzlich. Er ist am Leben. Und sie ist eine
Bigamistin, und ich bin ein Verbrecher. Dieses Schreiben kommt vom
Untersuchungsrichter, der Lisa vorladet.
_Anna Dmitrijewna_: Welch ein entsetzlicher Mensch! Warum hat er das
angerichtet?!
_Karenin_: Es ist alles Lüge, alles Lüge.
_Lisa_: O, wie ich ihn hasse! Ich weiß nicht, was ich rede. ($Sie geht
weinend ab, Karenin folgt ihr.$)