_Fedja_: Ich kann diesen Herrn nicht leiden.
_Pjetuschkow_: Er hat sich beleidigt gefühlt.
_Fedja_: Na, meinetwegen. Ich kann mir nicht helfen: wenn so ein
Mensch dabeisitzt, bringe ich kein Wort heraus. Sehen Sie, in Ihrer
Gesellschaft fühle ich mich wohl und behaglich. Wovon redete ich doch
gerade?
_Pjetuschkow_: Sie sagten, Sie seien eifersüchtig gewesen. Nun, und auf
welche Weise haben Sie sich von Ihrer Frau getrennt?
_Fedja_: Ach! ($Er wird nachdenklich.$) Das ist eine wunderliche
Geschichte. Meine Frau ist verheiratet ...
_Pjetuschkow_: Wie denn das? Ist eine Scheidung erfolgt?
_Fedja_: Nein. ($Er lächelt.$) Sie ist als meine Witwe zurückgeblieben.
_Pjetuschkow_: Aber wie meinen Sie denn das?
_Fedja_: Nun ja, als meine Witwe. Ich lebe nicht mehr.
_Pjetuschkow_: Sie leben nicht mehr?
_Fedja_: Nein. Ich bin ein Leichnam. Ja. ($Artemjew biegt sich herüber
und horcht.$) Sehen Sie, Ihnen kann ich es ja sagen. Es ist schon lange
her, und meinen richtigen Familiennamen kennen Sie nicht. Die Sache
trug sich so zu. Als ich meine Frau schon ganz zermartert, alles, was
ich konnte, vergeudet hatte und ganz unerträglich geworden war, da
erschien ein Beschützer für sie. Glauben Sie nicht, daß da irgendetwas
Schmutziges, Häßliches vorgegangen wäre; nein, der Betreffende war
mein eigener Freund und ein guter, sehr guter Mensch, nur in jeder
Hinsicht das gerade Gegenteil von mir. Und da ich viel mehr schlechte
Eigenschaften besitze als gute, so war und ist er denn ein guter, sehr
guter Mensch: ehrenhaft, charakterfest, enthaltsam, mit einem Worte
tugendhaft. Er hatte meine Frau von Jugend auf gekannt, sie geliebt und
dann, als sie mich heiratete, sich mit seinem Schicksal ausgesöhnt.
Später aber, als ich so garstig wurde und anfing, sie zu quälen, da
begann er häufiger bei uns zu verkehren. Ich wünschte das selbst. Und
sie gewannen einander lieb; ich aber geriet zu jener Zeit ganz und gar
auf Abwege und sagte mich selbst von meiner Frau los. Und dann kam noch
Mascha hinzu. Ich machte ihnen selbst den Vorschlag, sie möchten sich
heiraten. Sie wollten es nicht. Aber ich machte mich immer unmöglicher,
und die Sache endete damit, daß ...
_Pjetuschkow_: Wie immer ...
_Fedja_: Ich bin davon überzeugt und weiß, daß sie rein blieben. Er ist
ein religiöser Mensch und hielt eine Ehe ohne kirchlichen Segen für
Sünde. Na, sie begannen also die Scheidung zu verlangen; ich sollte
dazu meine Einwilligung geben. Wenn aber die Scheidung durchgesetzt
werden sollte, mußte ich die ganze Schuld auf mich nehmen und mich
zu einer großen Lügerei verstehen. Und das brachte ich nicht fertig.
Werden Sie es glauben: es wäre mir leichter geworden, mir das Leben zu
nehmen als zu lügen. Und ich wollte mir auch schon das Leben nehmen.
Aber da sagte eine gute Person zu mir: „Warum willst du das tun?”
Und es wurde alles arrangiert. Ich ließ ihnen einen Abschiedsbrief
zukommen, und am andern Tage fand man am Ufer meine Kleider und meine
Brieftasche mit verschiedenen an mich gerichteten Briefen. Schwimmen
kann ich nicht.
_Pjetuschkow_: Nun, und wie war es mit der Leiche? Wurde die nicht
gefunden?
_Fedja_: Ja, die wurde gefunden; denken Sie sich nur: eine Woche
darauf wurde eine Leiche gefunden. Meine Frau wurde zur Besichtigung
hinzugerufen. Die Leiche war schon stark in Verwesung übergegangen.
Meine Frau sah sie an. „Ist er es?” wurde sie gefragt. „Ja, er
ist es!” antwortete sie. Und dabei blieb es denn auch. Ich wurde
begraben, und sie heirateten sich und leben hier und fühlen sich
glücklich. Und ich lebe auch; ich lebe und trinke. Gestern ging ich
an dem Hause der beiden vorbei. Hinter den Fenstern war Licht; der
Schatten eines Menschen glitt an dem Rouleau vorüber. Manchmal ist mir
dabei scheußlich zumute; aber manchmal mache ich mir nichts daraus.
Scheußlich ist mir zumute, wenn ich kein Geld habe ... ($Er trinkt.$)
_Artemjew_ ($tritt näher$): Na, nehmen Sie es nicht übel, ich habe Ihre
Geschichte mit angehört. Es ist eine sehr nette und vor allen Dingen
eine sehr nützliche Geschichte. Sie sagen, es sei Ihnen scheußlich
zumute, wenn es Ihnen an Geld fehle. Allerdings, es gibt nichts
Scheußlicheres. Aber Sie in Ihrer Lage müßten doch eigentlich immer
Geld haben. Sie sind ja ein Leichnam. Nun gut ...
_Fedja_: Erlauben Sie! Ihnen habe ich das nicht erzählt, und ich
wünsche Ihre Ratschläge nicht.
_Artemjew_: Ich aber wünsche sie Ihnen dennoch zu geben. Sie sind ein
Leichnam, und wenn Sie wieder aufleben, dann sind jene beiden, Ihre
Gattin und der betreffende Herr, die sich jetzt so glücklich fühlen,
einfach Bigamisten und spazieren günstigsten Falls nach einem nicht
allzu entlegenen Verbannungsorte. Also warum sollte es Ihnen an Geld
fehlen?
_Fedja_: Ich ersuche Sie, mich in Ruhe zu lassen.
_Artemjew_: Schreiben Sie ganz einfach einen Brief! Oder wenn Sie
wollen, werde ich einen schreiben; Sie brauchen mir nur die Adresse zu
geben. Sie werden mir später noch dankbar sein.
_Fedja_: Scheren Sie sich weg, sage ich Ihnen! Ich habe Ihnen nichts
mitgeteilt.
_Artemjew_: Doch, das haben Sie getan. Da ist ein Zeuge. Der Kellner
hat es gehört, daß Sie sagten, Sie seien ein Leichnam.
_Der Kellner_: Ich weiß von nichts.
_Fedja_: Sie Taugenichts!
_Artemjew_: Ich ein Taugenichts?! He, Schutzmann! Es muß ein Protokoll
darüber aufgenommen werden!
_Fedja_ ($steht auf und geht hinaus$). ($Artemjew halt ihn fest. Ein
Schutzmann kommt.$)
Vorhang.