Erster Auftritt

Fedja und Pjetuschkow.

_Pjetuschkow_: Ich verstehe, ich verstehe. Ja, das ist echte Liebe.

Nun, und was dann?

_Fedja_: Ja, wissen Sie, wenn diese Gefühle bei einem jungen Mädchen

aus unserer Sphäre zutage kämen, so daß sie für den geliebten Mann

alles zum Opfer brächte, dann würde man das noch erklärlich finden;

aber hier handelt es sich um eine Zigeunerin, deren ganze Erziehung auf

Eigennutz gerichtet war; und dabei doch diese reine, selbstlose Liebe!

Sie gibt alles hin, ohne für sich selbst auch nur das geringste zu

verlangen. Dieser Kontrast ist besonders merkwürdig.

_Pjetuschkow_: Ja, das nennt man bei uns in der Malerei =valeur=.

Ein volles, grelles Rot kann man nur dann herausbringen, wenn

ringsumher Grün ist. Na, aber das gehört nicht hierher. Ich verstehe,

ich verstehe ...

_Fedja_: Ja, und das ist, glaube ich, die einzige gute Tat, die ich zur

Rettung meiner Seele getan habe, daß ich ihre Liebe nicht mißbrauchte.

Und wissen Sie warum?

_Pjetuschkow_: Aus Mitleid.

_Fedja_: Ach nein. Mein Gefühl ihr gegenüber war nicht Mitleid. Ich

war, wenn ich sie sah, immer voller Entzücken, und wenn sie sang, --

ach, wie sang sie! Auch jetzt singt sie vielleicht noch -- Und immer

blickte ich zu ihr wie zu einem höheren Wesen empor. Ich habe sie

einfach deswegen nicht unglücklich gemacht, weil ich sie liebte, sie

innig liebte. Und selbst jetzt noch ist das für mich eine schöne,

schöne Erinnerung. ($Er trinkt.$)

_Pjetuschkow_: Sehen Sie, ich verstehe das, ich verstehe das. Das ist

etwas Ideales.

_Fedja_: Ich will Ihnen was sagen: ich habe seinerzeit auch so meine

Schwärmereien und Liebschaften gehabt. Und so war ich denn auch

einmal verliebt, in eine schöne Dame, und ich war in einer häßlichen,

sinnlichen Art verliebt, und sie gab mir ein Rendezvous. Und ich blieb

weg, weil ich der Ansicht war, das sei eine Gemeinheit gegen den

Ehemann. Und bis auf den heutigen Tag geht es mir merkwürdig: wenn ich

daran zurückdenke, so möchte ich mich freuen und mich dafür loben, daß

ich ehrenhaft gehandelt habe; aber -- ich bereue es wie eine Sünde.

Aber hier, bei Mascha, ist es gerade umgekehrt. Ich freue mich immer,

freue mich sehr, daß ich dieses mein Gefühl mit nichts beschmutzt habe.

Ich kann noch tiefer sinken, kann ganz verkommen, alles, was ich auf

dem Leibe habe, verkaufen, kann verlaufen und die Krätze bekommen; aber

dieser Brillant, oder besser, dieser Sonnenstrahl, ja, der bleibt für

immer das Eigentum meiner Seele.

_Pjetuschkow_: Ich verstehe, ich verstehe. Wo ist sie denn jetzt?

_Fedja_: Ich weiß es nicht. Und ich möchte es auch gar nicht wissen.

Das gehörte alles einem andern Leben an. Und jenes Leben will ich nicht

mit meinem jetzigen vermischen. ($Man hört das Geschrei einer Frau an

dem hinteren Tische. Der Wirt tritt heran; ein Schutzmann erscheint;

die Frau wird abgeführt. Fedja und Pjetuschkow schauen hin, hören zu

und schweigen.$)

_Pjetuschkow_ ($nachdem es dort wieder ruhig geworden ist$): Ja, Ihr

Leben ist ein ganz wundersames gewesen.

_Fedja_: Nein, ein ganz gewöhnliches. Wir alle in der Lebenssphäre, in

der ich geboren bin, haben zwischen drei Dingen die Wahl, nur zwischen

dreien. Erstens, ein Amt zu bekleiden, Geld zu verdienen, den Schmutz,

in dem wir leben, noch zu vergrößern; das war mir zuwider; vielleicht

verstand ich es auch nicht; aber die Hauptsache war: es war mir

zuwider. Zweitens, diesen Schmutz zu bekämpfen; dazu muß man ein Held

sein, und ich bin kein Held. Oder drittens, sich selbst zu vergessen,

zu trinken, zu bummeln, zu singen; und eben dies habe ich getan. Und

nun ist das Lied ausgesungen. ($Er trinkt.$)

_Pjetuschkow_: Nun, und das Familienleben? Ich wäre glücklich, wenn ich

eine Frau hätte. An meinem Unglück ist meine Frau schuld.

_Fedja_: Das Familienleben? Ja. Meine Frau war eine ideale Frau. Sie

ist auch jetzt noch am Leben. Aber was soll ich Ihnen sagen? Es fehlten

die kleinen Rosinen. Wissen Sie, die kleinen Rosinen im Kwas?[2] Es

fehlte in unserm Leben das Element des heiteren Spieles. Und es war mir

doch Bedürfnis, mich zu vergessen. Und ohne solches heiteres Spiel kann

man sich nicht vergessen. Und da fing ich an, garstige Dinge zu tun.

Sie wissen ja aber: wir lieben die Menschen wegen des Guten, das wir

ihnen getan haben, und empfinden Abneigung gegen sie wegen des Bösen,

das wir ihnen zugefügt haben. Und ich habe ihr viel Böses zugefügt. Sie

schien mich zu lieben.

_Pjetuschkow_: Warum sagen Sie: „Sie schien”?

_Fedja_: Das sage ich, weil sie mir seelisch nie so nahe gestanden hat

wie Mascha. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Sie war in andern

Umständen, und dann nährte sie das Kind; ich aber trieb mich umher

und kam betrunken nach Hause. Natürlich liebte ich sie eben deswegen

immer weniger. Ja, ja. ($Er gerät in Entzücken.$) Da fährt mir eben

ein Gedanke durch den Kopf: darum liebe ich Mascha, weil ich ihr Gutes

getan habe und nicht Übles. Darum liebe ich sie. Jene aber habe ich

gequält, und darum ... aber ich kann nicht sagen, daß ich Abneigung

gegen sie empfände; nein ich liebe sie einfach nicht. Eifersüchtig bin

ich gewesen, ja; aber auch das gehört der Vergangenheit an.

Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern) · 第 87 / 111 题