Sechster Auftritt

Karenin und Lisa.

_Lisa_: Was steht darin? Was steht darin?

_Karenin_: Das ist schrecklich!

_Lisa_ ($greift nach dem Briefe$): So lies doch vor!

_Karenin_ ($liest$): „Lisa und Viktor, ich wende mich an Euch beide.

Ich will nicht lügen, indem ich Euch die Beiworte ‚lieb’ und ‚teuer’

gäbe. Wenn ich an Euch und Eure wechselseitige Liebe und an Euer

Glück denke, so kann ich mich eines bitteren Gefühles nicht erwehren;

Vorwürfe mache ich allerdings nur mir selbst, aber doch bereiten sie

mir Qual. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich, trotzdem ich der Ehemann

bin, Euch seinerzeit doch nur infolge einer Reihe von Zufälligkeiten

gehindert habe, ein Paar zu werden. =C'est moi qui suis l'intrus.= Aber

doch kann ich ein Gefühl der Bitterkeit und der Kälte Euch gegenüber

nicht unterdrücken. Theoretisch liebe ich Euch beide, besonders Lisa,

die gute Lisa; aber in Wirklichkeit bin ich mehr als kalt. Ich weiß,

daß ich daran unrecht tue; aber ich kann mich nicht ändern.”

_Lisa_: Wie kann er nur ...

_Karenin_ ($liest weiter$): „Aber zur Sache! Eben dieses zwiespältige

Gefühl veranlaßt mich dazu, Euren Wunsch in anderer Weise, als Ihr

es gewollt habt, zur Ausführung zu bringen. Zu lügen, eine unwürdige

Komödie aufzuführen, die Beamten des Konsistoriums zu schmieren, und

was der garstigen Dinge mehr sind, all das ist mir widerwärtig und

unerträglich. Wie garstig ich auch selbst sein mag, wenn auch garstig

in einem anderen Sinne, so kann ich mich doch an diesem garstigen Tun

nicht beteiligen; ich kann es einfach nicht. Der andere Ausweg, den ich

jetzt einschlage, ist der allereinfachste! Ihr wollt Euch heiraten, um

glücklich zu werden; ich bin Euch hinderlich; folglich muß ich aus dem

Leben scheiden!...”

_Lisa_ ($faßt Karenin an den Arm$): Viktor!

_Karenin_ ($liest weiter$): „... muß ich aus dem Leben scheiden. Und

das werde ich auch zur Ausführung bringen. Wenn Ihr diesen Brief

erhaltet, bin ich nicht mehr. =P.S.= Es tut mir sehr leid, daß Ihr

mir Geld zur Betreibung der Scheidung geschickt habt. Mir war das

unangenehm, und Eurem ganzen Wesen entsprach es nicht. Na, da hilft nun

nichts. Ich habe so viele Fehler begangen, da könnt Ihr auch einmal

einen begehen. Das Geld geht Euch wieder zu. Mein Ausweg ist kürzer,

billiger und sicherer. Um eines bitte ich Euch: seid mir nicht böse

und behaltet mich in gutem Andenken! Und noch etwas: hier lebt ein

Uhrmacher, namens Jewgenjew; könnt Ihr dem nicht helfen und seine

wirtschaftlichen Verhältnisse ordnen? Er ist ein schwacher, aber braver

Mensch. Lebt wohl! Fedja.”

_Lisa_: Er hat sich das Leben genommen! Ja ...

_Karenin_ ($klingelt und läuft in das Vorzimmer$): Rufen Sie Herrn

Wosnesenski zurück!

_Lisa_: Ich habe es gewußt, ich habe es gewußt! Fedja, lieber Fedja!

_Karenin_: Lisa!

_Lisa_: Es ist nicht wahr, nicht wahr, daß ich ihn nicht geliebt hätte

und auch jetzt nicht liebte. Ich liebe nur ihn allein. Ich liebe ihn.

Und ich habe ihn ins Verderben getrieben! Laß mich! ($Wosnesenski tritt

ein.$)

Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern) · 第 83 / 111 题