Karenin und Lisa.
_Lisa_: Was steht darin? Was steht darin?
_Karenin_: Das ist schrecklich!
_Lisa_ ($greift nach dem Briefe$): So lies doch vor!
_Karenin_ ($liest$): „Lisa und Viktor, ich wende mich an Euch beide.
Ich will nicht lügen, indem ich Euch die Beiworte ‚lieb’ und ‚teuer’
gäbe. Wenn ich an Euch und Eure wechselseitige Liebe und an Euer
Glück denke, so kann ich mich eines bitteren Gefühles nicht erwehren;
Vorwürfe mache ich allerdings nur mir selbst, aber doch bereiten sie
mir Qual. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich, trotzdem ich der Ehemann
bin, Euch seinerzeit doch nur infolge einer Reihe von Zufälligkeiten
gehindert habe, ein Paar zu werden. =C'est moi qui suis l'intrus.= Aber
doch kann ich ein Gefühl der Bitterkeit und der Kälte Euch gegenüber
nicht unterdrücken. Theoretisch liebe ich Euch beide, besonders Lisa,
die gute Lisa; aber in Wirklichkeit bin ich mehr als kalt. Ich weiß,
daß ich daran unrecht tue; aber ich kann mich nicht ändern.”
_Lisa_: Wie kann er nur ...
_Karenin_ ($liest weiter$): „Aber zur Sache! Eben dieses zwiespältige
Gefühl veranlaßt mich dazu, Euren Wunsch in anderer Weise, als Ihr
es gewollt habt, zur Ausführung zu bringen. Zu lügen, eine unwürdige
Komödie aufzuführen, die Beamten des Konsistoriums zu schmieren, und
was der garstigen Dinge mehr sind, all das ist mir widerwärtig und
unerträglich. Wie garstig ich auch selbst sein mag, wenn auch garstig
in einem anderen Sinne, so kann ich mich doch an diesem garstigen Tun
nicht beteiligen; ich kann es einfach nicht. Der andere Ausweg, den ich
jetzt einschlage, ist der allereinfachste! Ihr wollt Euch heiraten, um
glücklich zu werden; ich bin Euch hinderlich; folglich muß ich aus dem
Leben scheiden!...”
_Lisa_ ($faßt Karenin an den Arm$): Viktor!
_Karenin_ ($liest weiter$): „... muß ich aus dem Leben scheiden. Und
das werde ich auch zur Ausführung bringen. Wenn Ihr diesen Brief
erhaltet, bin ich nicht mehr. =P.S.= Es tut mir sehr leid, daß Ihr
mir Geld zur Betreibung der Scheidung geschickt habt. Mir war das
unangenehm, und Eurem ganzen Wesen entsprach es nicht. Na, da hilft nun
nichts. Ich habe so viele Fehler begangen, da könnt Ihr auch einmal
einen begehen. Das Geld geht Euch wieder zu. Mein Ausweg ist kürzer,
billiger und sicherer. Um eines bitte ich Euch: seid mir nicht böse
und behaltet mich in gutem Andenken! Und noch etwas: hier lebt ein
Uhrmacher, namens Jewgenjew; könnt Ihr dem nicht helfen und seine
wirtschaftlichen Verhältnisse ordnen? Er ist ein schwacher, aber braver
Mensch. Lebt wohl! Fedja.”
_Lisa_: Er hat sich das Leben genommen! Ja ...
_Karenin_ ($klingelt und läuft in das Vorzimmer$): Rufen Sie Herrn
Wosnesenski zurück!
_Lisa_: Ich habe es gewußt, ich habe es gewußt! Fedja, lieber Fedja!
_Karenin_: Lisa!
_Lisa_: Es ist nicht wahr, nicht wahr, daß ich ihn nicht geliebt hätte
und auch jetzt nicht liebte. Ich liebe nur ihn allein. Ich liebe ihn.
Und ich habe ihn ins Verderben getrieben! Laß mich! ($Wosnesenski tritt
ein.$)