Zweiter Auftritt

Karenin, Lisa. Die Kinderfrau mit dem Knaben tritt ein. (Der Knabe

geht zur Mutter. Sie nimmt ihn auf den Schoß.)

_Karenin_: Was sind wir doch für unglückliche Menschen!

_Lisa_: Wieso? ($Sie küßt das Kind.$)

_Karenin_: Als du dich verheiratet hattest und ich bei meiner Rückkehr

aus dem Auslande dies erfuhr und fühlte, daß ich dich verloren hatte,

da war ich unglücklich; aber ich freute mich, als ich erfuhr, daß du

dich meiner noch erinnertest. Das genügte mir. Als sich dann später

freundschaftliche Beziehungen zwischen uns herausbildeten und ich

fühlte, daß du mir freundlich gesinnt warst, und daß in unserer

Freundschaft ein Fünkchen eines Gefühles glimmte, das stärker war als

bloße Freundschaft, da war ich beinahe glücklich. Es quälte mich nur

das ängstliche Gefühl, daß ich Fedja gegenüber nicht ehrlich war.

Indessen hatte ich immer ein so festes Bewußtsein von der Unmöglichkeit

anderer als rein freundschaftlicher Beziehungen zu der Gattin meines

Freundes (und ich kannte ja auch dich hinlänglich), daß ich mich nicht

mit Selbstanklagen peinigte und ganz zufrieden war. Als dann nachher

Fedja dich durch seinen Lebenswandel zu quälen begann und ich fühlte,

daß ich dir eine Stütze war, und daß du dich vor meiner Freundschaft

fürchtetest, da war ich bereits sehr glücklich, und eine unbestimmte

Hoffnung regte sich in mir. Später, als er schon unmöglich geworden

war und du dich entschlossen hattest, dich von ihm zu trennen, und

ich dir zum erstenmal alles sagte und du nichts erwidertest, aber in

Tränen von mir weggingst, da war ich schon vollkommen glücklich. Und

wenn ich gefragt worden wäre, welchen Wunsch ich noch hätte, so würde

ich erwidert haben: keinen. Aber dann zeigte sich die Möglichkeit, mein

Leben mit dem deinigen zu vereinigen; meine Mutter gewann dich lieb;

diese Möglichkeit begann sich zu verwirklichen; du sagtest mir, daß du

mich geliebt hättest und liebtest; und dann sagtest du mir, wie jetzt

eben, daß er für dich nicht mehr existiere, daß deine Liebe nur mir

gelte: was bleibt mir da noch zu wünschen übrig, sollte man meinen?

Aber nein, jetzt, jetzt quäle ich mich mit der Vergangenheit herum

und möchte, daß diese Vergangenheit nicht vorhanden wäre, daß nichts

vorhanden wäre, was mich an sie erinnert.

_Lisa_ ($vorwurfsvoll$): Viktor!

_Karenin_: Verzeih mir, Lisa! Ich sage das nur, weil ich nicht will,

daß irgendein Gedanke in meiner Seele, der dich betrifft, dir verborgen

sei. Alles dies habe ich absichtlich gesagt, um dir zu zeigen, wie

schlecht ich bin, und wie wohl ich weiß, daß ich mit mir selbst kämpfen

und mich überwinden muß. Und ich habe mich überwunden. Ich liebe ihn.

_Lisa_: So ist es recht. Ich habe alles getan, was ich konnte. Oder

vielmehr: in meinem Herzen hat sich alles so herausgebildet, wie du es

nur wünschen konntest; jedes andere Bild außer dem deinen ist daraus

verschwunden.

_Karenin_: Jedes?

_Lisa_: Ja, jedes, jedes. Sonst würde ich es nicht sagen.

Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern) · 第 79 / 111 题