Karenin, Lisa. Die Kinderfrau mit dem Knaben tritt ein. (Der Knabe
geht zur Mutter. Sie nimmt ihn auf den Schoß.)
_Karenin_: Was sind wir doch für unglückliche Menschen!
_Lisa_: Wieso? ($Sie küßt das Kind.$)
_Karenin_: Als du dich verheiratet hattest und ich bei meiner Rückkehr
aus dem Auslande dies erfuhr und fühlte, daß ich dich verloren hatte,
da war ich unglücklich; aber ich freute mich, als ich erfuhr, daß du
dich meiner noch erinnertest. Das genügte mir. Als sich dann später
freundschaftliche Beziehungen zwischen uns herausbildeten und ich
fühlte, daß du mir freundlich gesinnt warst, und daß in unserer
Freundschaft ein Fünkchen eines Gefühles glimmte, das stärker war als
bloße Freundschaft, da war ich beinahe glücklich. Es quälte mich nur
das ängstliche Gefühl, daß ich Fedja gegenüber nicht ehrlich war.
Indessen hatte ich immer ein so festes Bewußtsein von der Unmöglichkeit
anderer als rein freundschaftlicher Beziehungen zu der Gattin meines
Freundes (und ich kannte ja auch dich hinlänglich), daß ich mich nicht
mit Selbstanklagen peinigte und ganz zufrieden war. Als dann nachher
Fedja dich durch seinen Lebenswandel zu quälen begann und ich fühlte,
daß ich dir eine Stütze war, und daß du dich vor meiner Freundschaft
fürchtetest, da war ich bereits sehr glücklich, und eine unbestimmte
Hoffnung regte sich in mir. Später, als er schon unmöglich geworden
war und du dich entschlossen hattest, dich von ihm zu trennen, und
ich dir zum erstenmal alles sagte und du nichts erwidertest, aber in
Tränen von mir weggingst, da war ich schon vollkommen glücklich. Und
wenn ich gefragt worden wäre, welchen Wunsch ich noch hätte, so würde
ich erwidert haben: keinen. Aber dann zeigte sich die Möglichkeit, mein
Leben mit dem deinigen zu vereinigen; meine Mutter gewann dich lieb;
diese Möglichkeit begann sich zu verwirklichen; du sagtest mir, daß du
mich geliebt hättest und liebtest; und dann sagtest du mir, wie jetzt
eben, daß er für dich nicht mehr existiere, daß deine Liebe nur mir
gelte: was bleibt mir da noch zu wünschen übrig, sollte man meinen?
Aber nein, jetzt, jetzt quäle ich mich mit der Vergangenheit herum
und möchte, daß diese Vergangenheit nicht vorhanden wäre, daß nichts
vorhanden wäre, was mich an sie erinnert.
_Lisa_ ($vorwurfsvoll$): Viktor!
_Karenin_: Verzeih mir, Lisa! Ich sage das nur, weil ich nicht will,
daß irgendein Gedanke in meiner Seele, der dich betrifft, dir verborgen
sei. Alles dies habe ich absichtlich gesagt, um dir zu zeigen, wie
schlecht ich bin, und wie wohl ich weiß, daß ich mit mir selbst kämpfen
und mich überwinden muß. Und ich habe mich überwunden. Ich liebe ihn.
_Lisa_: So ist es recht. Ich habe alles getan, was ich konnte. Oder
vielmehr: in meinem Herzen hat sich alles so herausgebildet, wie du es
nur wünschen konntest; jedes andere Bild außer dem deinen ist daraus
verschwunden.
_Karenin_: Jedes?
_Lisa_: Ja, jedes, jedes. Sonst würde ich es nicht sagen.