Vierter Auftritt

Fedja, Fürst Abreskow, welcher eintritt.

_Fürst Abreskow_: Ich bitte um Verzeihung. Ich bin wider meinen Willen

Zeuge einer unangenehmen Szene geworden.

_Fedja_: Mit wem habe ich die Ehre?... ($Er erkennt ihn.$) Ah! Fürst

Sergei Dmitrijewitsch! ($Er begrüßt ihn.$)

_Fürst Abreskow_: Ja, unfreiwilliger Zeuge einer unangenehmen Szene.

Ich hätte gewünscht, sie nicht mit anzuhören. Aber da ich sie nun

einmal mit angehört habe, so halte ich es für meine Pflicht zu sagen,

daß dies geschehen ist. Man hatte mich hierher gewiesen, und ich mußte

an der Tür warten, bis diese Herrschaften weggingen. Um so mehr, da

mein Klopfen wegen des sehr lauten Redens nicht gehört wurde.

_Fedja_: Ja, ja. Bitte ergebenst, Platz zu nehmen. Ich bin Ihnen

dankbar dafür, daß Sie mir das gesagt haben. Das gibt mir das Recht,

Ihnen diese Szene zu erklären. Was Sie von mir selbst denken, ist mir

ganz gleichgültig; aber ich möchte Ihnen sagen, daß die Vorwürfe,

die Sie diesem jungen Mädchen, einer Zigeunerin, Sängerin, machen

hörten, ungerechtfertigt sind. Dieses junge Mädchen ist sittlich so

rein wie eine Taube. Und meine Beziehungen zu ihr sind lediglich

freundschaftlicher Art. Und wenn sie vielleicht einen poetischen Anflug

haben, so beeinträchtigt das die Reinheit und die Ehre dieses jungen

Mädchens nicht. Das ists, was ich Ihnen sagen wollte. Also was wünschen

Sie von mir? Womit kann ich Ihnen dienen?

_Fürst Abreskow_: Ich möchte erstens ...

_Fedja_: Verzeihen Sie, Fürst! Ich bin jetzt zu einer solchen Stellung

in der Gesellschaft gelangt, daß meine oberflächliche und schon weit

zurückliegende Bekanntschaft mit Ihnen mir keinen Anspruch auf einen

Besuch von Ihnen verleiht, wenn nicht eine geschäftliche Angelegenheit

Sie zu mir führt; also worin besteht diese?

_Fürst Abreskow_: Ich will es nicht in Abrede stellen; Sie haben

es erraten. Ich habe allerdings eine geschäftliche Angelegenheit.

Aber dennoch bitte ich Sie zu glauben, daß die Veränderung Ihrer

gesellschaftlichen Stellung keinerlei Einfluß auf meine Beziehungen zu

Ihnen haben kann.

_Fedja_: Davon bin ich vollkommen überzeugt.

_Fürst Abreskow_: Was mich herführt ist dies: der Sohn meiner alten

Freundin Anna Dmitrijewna Karenina sowie diese selbst haben mich

gebeten, mich geradezu und direkt bei Ihnen danach zu erkundigen,

welches Ihre Beziehungen ... Sie gestatten mir von Ihren Beziehungen zu

Ihrer Gemahlin Jelisaweta Andrejewna Protasowa zu sprechen?

_Fedja_: Meine Beziehungen zu meiner Frau (ich kann sagen: zu meiner

ehemaligen Frau) sind vollständig gelöst.

_Fürst Abreskow_: So habe auch ich die Sache aufgefaßt. Und nur

deswegen habe ich diese schwierige Mission übernommen.

_Fedja_: Diese Beziehungen sind gelöst, und ich beeile mich, die

Erklärung abzugeben, daß dies nicht durch ihre, sondern durch meine

Schuld geschehen ist, einzig und allein durch meine Schuld. Sie selbst

war eine makellose Frau und ist das auch geblieben.

_Fürst Abreskow_: Und nun, sehen Sie, hat mich Viktor Karenin sowie

ganz besonders seine Mutter gebeten, Sie nach Ihren weiteren Absichten

zu befragen.

_Fedja_ ($hitzig werdend$): Was meinen Sie für weitere Absichten? Ich

habe keine solchen. Ich lasse ihr völlige Freiheit. Ja, noch mehr: ich

werde ihre Ruhe niemals stören. Ich weiß, daß sie Viktor Karenin liebt.

Mag sie das tun! Ich halte ihn für einen sehr langweiligen, aber sehr

braven, ehrenhaften Menschen und glaube, daß sie mit ihm, wie man sich

gewöhnlich ausdrückt, glücklich werden wird. Und =que le bon Dieu les

bénisse=! Weiter habe ich nichts zu sagen.

_Fürst Abreskow_: Ja, aber wir würden gern ...

_Fedja_ ($unterbricht ihn$): Und glauben Sie nicht, daß ich auch nur

im geringsten eifersüchtig wäre. Wenn ich von Viktor gesagt habe,

er sei langweilig, so nehme ich diesen Ausdruck zurück. Er ist ein

vortrefflicher, ehrenhafter, sittlich guter Mensch, beinah das reine

Gegenteil von mir. Und er hat sie von der Kinderzeit her geliebt.

Vielleicht hat auch sie ihn schon damals geliebt, als sie mich

heiratete. So etwas kommt vor. Die beste Liebe pflegt diejenige zu

sein, von der man selbst nichts weiß. Ich glaube, sie hat ihn immer

geliebt, hat aber als ehrenhafte Frau dies nicht einmal sich selbst

eingestehen mögen. Aber das ... es lag eine Art von Schatten auf unserm

Eheleben ... indessen wozu mache ich Ihnen solche Geständnisse?

_Fürst Abreskow_: Bitte, fahren Sie fort! Sie können mir glauben, daß

mich zu diesem Besuche bei Ihnen in erster Linie der Wunsch veranlaßt

hat, in diese Beziehungen einen vollständigen Einblick zu gewinnen. Ich

verstehe Sie; ich verstehe, daß ein solcher Schatten, wie Sie sich so

treffend ausdrückten, vorhanden sein konnte ...

_Fedja_: Ja, er war vorhanden, und vielleicht war das der Grund,

weswegen das Familienleben, das sie mir gewährte, mich nicht

befriedigen konnte, so daß ich anderwärts umhersuchte und auf Abwege

geriet. Aber das klingt fast, als versuchte ich, mich zu rechtfertigen.

Das liegt nicht in meiner Absicht, und das kann ich auch nicht. Ich

bin ein schlechter Ehemann gewesen, das sage ich ganz offen; ich bin

es gewesen, denn jetzt bin ich in meinem Bewußtsein schon längst kein

Ehemann mehr. Ich betrachte sie als vollständig frei. Also da haben Sie

die Antwort auf Ihre Mission.

_Fürst Abreskow_: Ja, aber Sie kennen Viktors Familie und ihn selbst.

In seinen Beziehungen zu Jelisaweta Andrejewna hat er immer eine

respektvolle Entfernung innegehalten und tut das auch jetzt. Er hat ihr

beigestanden, als sie sich in schwieriger Lage befand.

_Fedja_: Ja, ich habe durch meinen liederlichen Lebenswandel zu der

gegenseitigen Annäherung der beiden mitgewirkt. Was ist zu machen? Es

hat wohl so sein sollen.

_Fürst Abreskow_: Sie kennen seine und seiner Familie streng

rechtgläubigen Anschauungen. Ich teile diese Anschauungen nicht. Ich

betrachte die Dinge von einem freieren Standpunkte aus. Aber ich achte

diese Anschauungen und habe für sie Verständnis. Ich verstehe, daß für

ihn und ganz besonders für seine Mutter ein nahes Verhältnis zu einer

Frau ohne kirchliche Eheschließung undenkbar ist.

_Fedja_: Ja, ich kenne seine dum ... seine schlichte, konservative

Denkungsart in dieser Hinsicht. Aber was wollen die beiden? Die

Scheidung? Ich habe ihnen schon längst gesagt, daß ich bereit bin

darein zu willigen, daß aber, wenn ich die Schuld auf mich nehmen und

mich der ganzen damit verbundenen Lügerei unterziehen soll, das doch

eine sehr schwere Bedingung ist.

_Fürst Abreskow_: Ich verstehe Sie vollkommen und teile Ihre

Anschauung. Aber was soll geschehen? Ich meine, es wird sich doch in

dieser Weise ein Arrangement finden lassen ... Übrigens haben Sie

recht. Das ist furchtbar, und ich verstehe Sie.

_Fedja_ ($drückt ihm die Hand$): Ich danke Ihnen, lieber Fürst.

Ich habe Sie immer als einen ehrenhaften, guten Menschen gekannt.

Nun, sagen Sie also, wie soll ich mich verhalten? Was soll ich tun?

Versetzen Sie sich ganz in meine Lage! Ich suche mich nicht besser zu

machen, als ich bin. Ich bin ein Taugenichts. Aber es gibt Dinge, die

ich nicht ruhigen Herzens tun kann. Ich kann nicht ruhigen Herzens

lügen.

_Fürst Abreskow_: Aber eines ist mir an Ihnen unverständlich: Sie sind

ein so wohlbefähigter, kluger Mensch mit einem so feinen Gefühle für

das Gute: wie konnten Sie so auf Abwege geraten und dermaßen all die

Anforderungen vergessen, die Sie selbst an sich stellen? Wie sind Sie

so weit gekommen? Wie haben Sie es fertiggebracht, Ihr eigenes Leben zu

zerstören?

_Fedja_ ($unterdrückt die Tränen, die ihm die Erregung in die Augen

treibt$): Jetzt führe ich mein Lotterleben schon zehn Jahre lang, und

zum ersten Male hat mich ein Mann wie Sie bemitleidet. Meine Kumpane

und die Weiber haben mich bedauert; aber ein verständiger, guter Mann

wie Sie hat das niemals getan. Ich danke Ihnen. Wie ich dazu gekommen

bin, mich ins Verderben zu stürzen? Da ist erstens der Wein. Nicht,

daß ich so besonders viel Geschmack an ihm fände. Aber ich mag tun,

was ich will, immer habe ich die Empfindung, daß es nicht das Richtige

ist, und dann schäme ich mich. Da rede ich jetzt gerade mit Ihnen und

schäme mich. Wenn ich Adelsmarschall war, wenn ich Hasard spielte, da

schämte ich mich, schämte mich gewaltig. Und nur wenn ich trinke, hört

dieses Schamgefühl auf. Und dann die Musik ... ich meine nicht Opern

und Beethoven, sondern die Zigeunermusik -- da durchströmt einen ein

solches Leben, eine solche Energie! Und dazu noch freundliche schwarze

Augen und ein heiteres Lächeln. Und je mehr man sich davon hinreißen

läßt, um so mehr schämt man sich nachher.

_Fürst Abreskow_: Nun, aber die Arbeit?

_Fedja_: Auch damit habe ich es versucht. Aber es war alles nicht das

Richtige; mit allem war ich unzufrieden. Aber wozu rede ich da von mir

selbst? Ich danke Ihnen.

_Fürst Abreskow_: Was soll ich also meinen Auftraggebern sagen?

_Fedja_: Sagen Sie ihnen, ich würde tun, was sie wünschen. Sie wollen

sich ja doch heiraten und wünschen, daß ihnen dabei nichts im Wege

stehe?

_Fürst Abreskow_: Gewiß.

_Fedja_: Ich werde das bewirken; sagen Sie ihnen, ich würde das

bestimmt bewirken.

_Fürst Abreskow_: Wann denn?

_Fedja_: Warten Sie einmal! Nun, sagen wir: in vierzehn Tagen. Genügt

das?

_Fürst Abreskow_ ($steht auf$): Das darf ich also bestellen?

_Fedja_: Ja. Leben Sie wohl, Fürst; ich danke Ihnen nochmals. ($Fürst

Abreskow geht hinaus.$)

Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern) · 第 66 / 111 题