Fedja, Fürst Abreskow, welcher eintritt.
_Fürst Abreskow_: Ich bitte um Verzeihung. Ich bin wider meinen Willen
Zeuge einer unangenehmen Szene geworden.
_Fedja_: Mit wem habe ich die Ehre?... ($Er erkennt ihn.$) Ah! Fürst
Sergei Dmitrijewitsch! ($Er begrüßt ihn.$)
_Fürst Abreskow_: Ja, unfreiwilliger Zeuge einer unangenehmen Szene.
Ich hätte gewünscht, sie nicht mit anzuhören. Aber da ich sie nun
einmal mit angehört habe, so halte ich es für meine Pflicht zu sagen,
daß dies geschehen ist. Man hatte mich hierher gewiesen, und ich mußte
an der Tür warten, bis diese Herrschaften weggingen. Um so mehr, da
mein Klopfen wegen des sehr lauten Redens nicht gehört wurde.
_Fedja_: Ja, ja. Bitte ergebenst, Platz zu nehmen. Ich bin Ihnen
dankbar dafür, daß Sie mir das gesagt haben. Das gibt mir das Recht,
Ihnen diese Szene zu erklären. Was Sie von mir selbst denken, ist mir
ganz gleichgültig; aber ich möchte Ihnen sagen, daß die Vorwürfe,
die Sie diesem jungen Mädchen, einer Zigeunerin, Sängerin, machen
hörten, ungerechtfertigt sind. Dieses junge Mädchen ist sittlich so
rein wie eine Taube. Und meine Beziehungen zu ihr sind lediglich
freundschaftlicher Art. Und wenn sie vielleicht einen poetischen Anflug
haben, so beeinträchtigt das die Reinheit und die Ehre dieses jungen
Mädchens nicht. Das ists, was ich Ihnen sagen wollte. Also was wünschen
Sie von mir? Womit kann ich Ihnen dienen?
_Fürst Abreskow_: Ich möchte erstens ...
_Fedja_: Verzeihen Sie, Fürst! Ich bin jetzt zu einer solchen Stellung
in der Gesellschaft gelangt, daß meine oberflächliche und schon weit
zurückliegende Bekanntschaft mit Ihnen mir keinen Anspruch auf einen
Besuch von Ihnen verleiht, wenn nicht eine geschäftliche Angelegenheit
Sie zu mir führt; also worin besteht diese?
_Fürst Abreskow_: Ich will es nicht in Abrede stellen; Sie haben
es erraten. Ich habe allerdings eine geschäftliche Angelegenheit.
Aber dennoch bitte ich Sie zu glauben, daß die Veränderung Ihrer
gesellschaftlichen Stellung keinerlei Einfluß auf meine Beziehungen zu
Ihnen haben kann.
_Fedja_: Davon bin ich vollkommen überzeugt.
_Fürst Abreskow_: Was mich herführt ist dies: der Sohn meiner alten
Freundin Anna Dmitrijewna Karenina sowie diese selbst haben mich
gebeten, mich geradezu und direkt bei Ihnen danach zu erkundigen,
welches Ihre Beziehungen ... Sie gestatten mir von Ihren Beziehungen zu
Ihrer Gemahlin Jelisaweta Andrejewna Protasowa zu sprechen?
_Fedja_: Meine Beziehungen zu meiner Frau (ich kann sagen: zu meiner
ehemaligen Frau) sind vollständig gelöst.
_Fürst Abreskow_: So habe auch ich die Sache aufgefaßt. Und nur
deswegen habe ich diese schwierige Mission übernommen.
_Fedja_: Diese Beziehungen sind gelöst, und ich beeile mich, die
Erklärung abzugeben, daß dies nicht durch ihre, sondern durch meine
Schuld geschehen ist, einzig und allein durch meine Schuld. Sie selbst
war eine makellose Frau und ist das auch geblieben.
_Fürst Abreskow_: Und nun, sehen Sie, hat mich Viktor Karenin sowie
ganz besonders seine Mutter gebeten, Sie nach Ihren weiteren Absichten
zu befragen.
_Fedja_ ($hitzig werdend$): Was meinen Sie für weitere Absichten? Ich
habe keine solchen. Ich lasse ihr völlige Freiheit. Ja, noch mehr: ich
werde ihre Ruhe niemals stören. Ich weiß, daß sie Viktor Karenin liebt.
Mag sie das tun! Ich halte ihn für einen sehr langweiligen, aber sehr
braven, ehrenhaften Menschen und glaube, daß sie mit ihm, wie man sich
gewöhnlich ausdrückt, glücklich werden wird. Und =que le bon Dieu les
bénisse=! Weiter habe ich nichts zu sagen.
_Fürst Abreskow_: Ja, aber wir würden gern ...
_Fedja_ ($unterbricht ihn$): Und glauben Sie nicht, daß ich auch nur
im geringsten eifersüchtig wäre. Wenn ich von Viktor gesagt habe,
er sei langweilig, so nehme ich diesen Ausdruck zurück. Er ist ein
vortrefflicher, ehrenhafter, sittlich guter Mensch, beinah das reine
Gegenteil von mir. Und er hat sie von der Kinderzeit her geliebt.
Vielleicht hat auch sie ihn schon damals geliebt, als sie mich
heiratete. So etwas kommt vor. Die beste Liebe pflegt diejenige zu
sein, von der man selbst nichts weiß. Ich glaube, sie hat ihn immer
geliebt, hat aber als ehrenhafte Frau dies nicht einmal sich selbst
eingestehen mögen. Aber das ... es lag eine Art von Schatten auf unserm
Eheleben ... indessen wozu mache ich Ihnen solche Geständnisse?
_Fürst Abreskow_: Bitte, fahren Sie fort! Sie können mir glauben, daß
mich zu diesem Besuche bei Ihnen in erster Linie der Wunsch veranlaßt
hat, in diese Beziehungen einen vollständigen Einblick zu gewinnen. Ich
verstehe Sie; ich verstehe, daß ein solcher Schatten, wie Sie sich so
treffend ausdrückten, vorhanden sein konnte ...
_Fedja_: Ja, er war vorhanden, und vielleicht war das der Grund,
weswegen das Familienleben, das sie mir gewährte, mich nicht
befriedigen konnte, so daß ich anderwärts umhersuchte und auf Abwege
geriet. Aber das klingt fast, als versuchte ich, mich zu rechtfertigen.
Das liegt nicht in meiner Absicht, und das kann ich auch nicht. Ich
bin ein schlechter Ehemann gewesen, das sage ich ganz offen; ich bin
es gewesen, denn jetzt bin ich in meinem Bewußtsein schon längst kein
Ehemann mehr. Ich betrachte sie als vollständig frei. Also da haben Sie
die Antwort auf Ihre Mission.
_Fürst Abreskow_: Ja, aber Sie kennen Viktors Familie und ihn selbst.
In seinen Beziehungen zu Jelisaweta Andrejewna hat er immer eine
respektvolle Entfernung innegehalten und tut das auch jetzt. Er hat ihr
beigestanden, als sie sich in schwieriger Lage befand.
_Fedja_: Ja, ich habe durch meinen liederlichen Lebenswandel zu der
gegenseitigen Annäherung der beiden mitgewirkt. Was ist zu machen? Es
hat wohl so sein sollen.
_Fürst Abreskow_: Sie kennen seine und seiner Familie streng
rechtgläubigen Anschauungen. Ich teile diese Anschauungen nicht. Ich
betrachte die Dinge von einem freieren Standpunkte aus. Aber ich achte
diese Anschauungen und habe für sie Verständnis. Ich verstehe, daß für
ihn und ganz besonders für seine Mutter ein nahes Verhältnis zu einer
Frau ohne kirchliche Eheschließung undenkbar ist.
_Fedja_: Ja, ich kenne seine dum ... seine schlichte, konservative
Denkungsart in dieser Hinsicht. Aber was wollen die beiden? Die
Scheidung? Ich habe ihnen schon längst gesagt, daß ich bereit bin
darein zu willigen, daß aber, wenn ich die Schuld auf mich nehmen und
mich der ganzen damit verbundenen Lügerei unterziehen soll, das doch
eine sehr schwere Bedingung ist.
_Fürst Abreskow_: Ich verstehe Sie vollkommen und teile Ihre
Anschauung. Aber was soll geschehen? Ich meine, es wird sich doch in
dieser Weise ein Arrangement finden lassen ... Übrigens haben Sie
recht. Das ist furchtbar, und ich verstehe Sie.
_Fedja_ ($drückt ihm die Hand$): Ich danke Ihnen, lieber Fürst.
Ich habe Sie immer als einen ehrenhaften, guten Menschen gekannt.
Nun, sagen Sie also, wie soll ich mich verhalten? Was soll ich tun?
Versetzen Sie sich ganz in meine Lage! Ich suche mich nicht besser zu
machen, als ich bin. Ich bin ein Taugenichts. Aber es gibt Dinge, die
ich nicht ruhigen Herzens tun kann. Ich kann nicht ruhigen Herzens
lügen.
_Fürst Abreskow_: Aber eines ist mir an Ihnen unverständlich: Sie sind
ein so wohlbefähigter, kluger Mensch mit einem so feinen Gefühle für
das Gute: wie konnten Sie so auf Abwege geraten und dermaßen all die
Anforderungen vergessen, die Sie selbst an sich stellen? Wie sind Sie
so weit gekommen? Wie haben Sie es fertiggebracht, Ihr eigenes Leben zu
zerstören?
_Fedja_ ($unterdrückt die Tränen, die ihm die Erregung in die Augen
treibt$): Jetzt führe ich mein Lotterleben schon zehn Jahre lang, und
zum ersten Male hat mich ein Mann wie Sie bemitleidet. Meine Kumpane
und die Weiber haben mich bedauert; aber ein verständiger, guter Mann
wie Sie hat das niemals getan. Ich danke Ihnen. Wie ich dazu gekommen
bin, mich ins Verderben zu stürzen? Da ist erstens der Wein. Nicht,
daß ich so besonders viel Geschmack an ihm fände. Aber ich mag tun,
was ich will, immer habe ich die Empfindung, daß es nicht das Richtige
ist, und dann schäme ich mich. Da rede ich jetzt gerade mit Ihnen und
schäme mich. Wenn ich Adelsmarschall war, wenn ich Hasard spielte, da
schämte ich mich, schämte mich gewaltig. Und nur wenn ich trinke, hört
dieses Schamgefühl auf. Und dann die Musik ... ich meine nicht Opern
und Beethoven, sondern die Zigeunermusik -- da durchströmt einen ein
solches Leben, eine solche Energie! Und dazu noch freundliche schwarze
Augen und ein heiteres Lächeln. Und je mehr man sich davon hinreißen
läßt, um so mehr schämt man sich nachher.
_Fürst Abreskow_: Nun, aber die Arbeit?
_Fedja_: Auch damit habe ich es versucht. Aber es war alles nicht das
Richtige; mit allem war ich unzufrieden. Aber wozu rede ich da von mir
selbst? Ich danke Ihnen.
_Fürst Abreskow_: Was soll ich also meinen Auftraggebern sagen?
_Fedja_: Sagen Sie ihnen, ich würde tun, was sie wünschen. Sie wollen
sich ja doch heiraten und wünschen, daß ihnen dabei nichts im Wege
stehe?
_Fürst Abreskow_: Gewiß.
_Fedja_: Ich werde das bewirken; sagen Sie ihnen, ich würde das
bestimmt bewirken.
_Fürst Abreskow_: Wann denn?
_Fedja_: Warten Sie einmal! Nun, sagen wir: in vierzehn Tagen. Genügt
das?
_Fürst Abreskow_ ($steht auf$): Das darf ich also bestellen?
_Fedja_: Ja. Leben Sie wohl, Fürst; ich danke Ihnen nochmals. ($Fürst
Abreskow geht hinaus.$)