Sechster Auftritt

Fedja und Sascha treten ein.

_Sascha_ ($verlegen$): Verzeih mir, Fedja, wenn ich dir ungelegen

komme; aber höre mich an; ich bitte dich inständig! ($Die Stimme

zittert ihr.$)

_Fedja_ ($geht im Zimmer auf und ab. Sascha hat sich hingesetzt und

sieht ihn an$).

_Sascha_: Fedja, kehre nach Hause zurück!

_Fedja_: Höre, Sascha, ich verstehe dich sehr wohl. Liebe Sascha, wenn

ich an deiner Stelle wäre, so würde ich ebenso handeln: ich würde mir

Mühe geben, alles wieder irgendwie in den alten Zustand zurückzuführen;

aber wenn du, du liebes, feinfühliges Mädchen, an meiner Stelle wärest,

wie seltsam es auch sein mag, das zu sagen, dann würdest du gewiß

dasselbe tun, was ich tue, das heißt, du würdest deiner Wege gehen und

ein fremdes Leben nicht länger stören ...

_Sascha_: Wieso stören? Kann denn Lisa überhaupt ohne dich leben?

_Fedja_: Ach, liebe Sascha, mein Täubchen, das kann sie, das kann sie,

und sie wird noch glücklich werden, weit glücklicher, als sie es mit

mir gewesen ist.

_Sascha_: Niemals!

_Fedja_: Das scheint dir nur so. ($Er hält ihre Hand in der seinigen.$)

Aber darum handelt es sich nicht. Die Hauptsache ist, daß ich es nicht

kann. Weißt du, biege ein Stück dickes Papier hin und her; du kannst

das hundertmal tun, und es hält; aber biege es zum hundertundersten

Male, und es geht entzwei. So steht es auch mit den Beziehungen

zwischen mir und Lisa. Es ist mir zu peinlich, ihr in die Augen zu

sehen. Und ihr ebenfalls, das kannst du mir glauben.

_Sascha_: Nein, nein.

_Fedja_: Du sagst nein, weißt aber selbst, daß es so ist.

_Sascha_: Ich kann nur nach mir urteilen. Wenn ich an ihrer Stelle wäre

und du mir so antwortetest, wie du es jetzt tust, so würde das für mich

schrecklich sein.

_Fedja_: Ja, für dich ... ($Stillschweigen; beide sind verlegen.$)

_Sascha_ ($steht auf$): Soll es wirklich dabei bleiben?

_Fedja_: Es muß wohl.

_Sascha_: Fedja, kehre zurück!

_Fedja_: Ich danke dir, liebe Sascha. Du wirst mir allzeit eine teure

Erinnerung bleiben ... aber lebe wohl, mein Täubchen! Erlaube, daß ich

dich küsse! ($Er küßt sie auf die Stirn.$)

_Sascha_ ($aufgeregt$): Nein, ich nehme nicht Abschied, und ich glaube

es nicht und will es nicht glauben ... Fedja ...

_Fedja_: Nun, so höre! Aber gib mir dein Wort, daß du das, was ich dir

sage, niemandem wiedersagen wirst. Gibst du mir dein Wort?

_Sascha_: Natürlich.

_Fedja_: Nun, so höre, Sascha! Ich bin allerdings ihr Mann, der Vater

ihres Kindes; aber ich bin ein überflüssiger Mensch ... Warte, warte,

erwidere mir nichts! Du glaubst, ich sei eifersüchtig? Ganz und gar

nicht. Erstens habe ich kein Recht dazu; und zweitens habe ich keinen

Anlaß. Viktor Karenin ist ein alter Freund von ihr und ebenso von mir.

Und er liebt sie, und sie liebt ihn.

_Sascha_: Nein.

_Fedja_: Sie liebt ihn so, wie eine ehrenhafte, sittsame Frau lieben

kann, die es sich nicht erlauben will, einen andern als ihren Mann zu

lieben. Aber sie liebt ihn und wird ihn lieben, sobald dieses Hindernis

($er zeigt auf sich selbst$) beseitigt sein wird, und ich werde es

beseitigen, und sie werden glücklich sein. ($Die Stimme zittert ihm.$)

_Sascha_: Fedja, sprich nicht so!

_Fedja_: Du weißt ja, daß das die Wahrheit ist, und ich werde mich über

das Glück der beiden freuen und kann gar nichts Besseres tun ... Ich

werde nicht zurückkehren und gebe ihnen volle Freiheit ... Das bestelle

du ihnen nur! Und nun sage weiter nichts, sage weiter nichts; lebe

wohl! ($Er küßt sie auf den Kopf und öffnet ihr die Tür.$)

_Sascha_: Fedja, ich bewundere dich!

_Fedja_: Lebe wohl, lebe wohl! ($Sascha geht fort.$)

Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern) · 第 46 / 111 题