Fünfter Auftritt

Dieselben. Karenin tritt ein und sieht sich ringsum.

_Fedja_: Ah, Viktor! Na, dich hätte ich hier nicht zu sehen erwartet!

Leg ab! Welcher Wind hat dich hierher geweht? Na, setz dich! Hör mal

das Lied „Nicht der Abendstern” mit an.

_Karenin_: =Je voudrais vous parler sans témoins.=

_Fedja_: Worüber?

_Karenin_: =Je viens des chez vous. Votre femme m'a chargé de cette

lettre, et puis ...=

_Fedja_ ($nimmt den Brief hin, liest ihn und macht ein finsteres

Gesicht; dann lächelt er wieder freundlich$): Hör mal, Karenin, du

weißt gewiß, was in diesem Briefe steht?...

_Karenin_: Ja; und ich möchte dir sagen ...

_Fedja_: Warte mal, warte mal! Bitte, glaube nicht, daß ich betrunken

bin und meine Worte unzurechnungsfähig sind, ich will sagen, daß ich

nicht zurechnungsfähig bin. Ich bin betrunken; aber in dieser Sache

sehe ich ganz klar. Nun also, was ist dir aufgetragen zu sagen?

_Karenin_: Es ist mir aufgetragen, dich aufzusuchen und dir zu sagen,

daß ... sie ... dich erwartet. Sie bittet dich, alles zu vergessen und

zurückzukehren.

_Fedja_ ($hört schweigend zu und sieht ihm in die Augen$): Ich verstehe

aber nicht, warum gerade du ...?

_Karenin_: Jelisaweta Andrejewna ließ mich rufen und bat mich ...

_Fedja_: So ...

_Karenin_: Aber ich bitte dich nicht sowohl im Namen deiner Frau als in

meinem eigenen Namen: komm mit nach Hause!

_Fedja_: Du bist besser als ich. Was rede ich da für Unsinn! Besser als

ich zu sein, das ist nicht schwer. Ich bin ein Taugenichts; aber du

bist ein guter, ein sehr guter Mensch. Und gerade deswegen werde ich

meinen Entschluß nicht ändern. Und nicht allein deswegen. Ich kann es

einfach nicht und will es nicht ... Na, sag selbst: wie könnte ich so

hinfahren?

_Karenin_: Komm jetzt mit mir in meine Wohnung. Ich werde ihr sagen,

daß du zurückkehren wirst, und morgen ...

_Fedja_: Und morgen was? Ich werde immer ich bleiben, und sie immer

sie. ($Er tritt an den Tisch und trinkt.$) Das Beste ist, den Zahn mit

einem Male auszuziehen. Ich habe ihr ja gesagt, wenn ich wieder mein

Wort nicht hielte, dann solle sie sich von mir lossagen. Ich habe mein

Wort nicht gehalten, und nun ist alles zu Ende.

_Karenin_: Für dich, aber nicht für sie.

_Fedja_: Es ist erstaunlich, wieviel Mühe du dir gibst, daß unsere Ehe

nicht zerstört werde.

_Karenin_ ($will etwas erwidern. Mascha tritt hinzu$).

_Fedja_ ($läßt ihn nicht zu Worte kommen$): Hör mal zu, wie sie das

„Flachslied” singt. Mascha! ($Die Zigeuner sammeln sich.$)

_Mascha_ ($flüsternd$): Wie redet man ihn an?

_Fedja_ ($lacht$): Sage zu ihm: Herr Viktor Michailowitsch. ($Die

Zigeuner singen.$)

_Karenin_ ($hört zerstreut zu; dann erkundigt er sich, wieviel er geben

soll$).

_Fedja_: Na, gib fünfundzwanzig Rubel!

_Karenin_ ($gibt das Geld$).

_Fedja_: Das war wundervoll. Jetzt das „Flachslied”. ($Die Zigeuner

singen.$)

_Fedja_ ($blickt sich um$): Karenin hat sich davongemacht. Na, hol ihn

der Teufel! ($Die Zigeuner zerstreuen sich.$)

Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern) · 第 30 / 111 题