Neunter Auftritt

Anna Pawlowna und Viktor Karenin.

_Viktor Karenin_ ($tritt ein und begrüßt Anna Pawlowna$): Jelisaweta

Andrejewna hat mir einen Brief geschickt mit der Aufforderung

herzukommen. Ich hatte sowieso die Absicht, heute abend bei Ihnen

vorzusprechen, und habe mich daher sehr gefreut ... Befindet sich

Jelisaweta Andrejewna wohl?

_Anna Pawlowna_: Sie befindet sich wohl; aber das Kindchen ist ein

bißchen unruhig. Sie wird gleich kommen. ($In traurigem Tone:$) Ja, ja,

es ist eine schwere Zeit. Sie wissen ja wohl alles?

_Karenin_: Allerdings. Ich war ja vorgestern hier, als sein Brief

ankam. Aber ist denn das wirklich unwiderruflich beschlossen?

_Anna Pawlowna_: Aber selbstverständlich. Das alles noch einmal

durchzumachen wäre doch schrecklich.

_Karenin_: Ein solcher Trennungsschnitt will doch zehnmal überlegt

sein. Ins lebendige Fleisch zu schneiden, das ist doch eine schwere

Aufgabe.

_Anna Pawlowna_: Natürlich ist es eine schwere Aufgabe. Aber die

Ehe der beiden war ja schon längst halb zerschnitten. Und daher war

die vollständige Trennung weniger schwer, als es scheint. Er sieht

selbst ein, daß nach allem Geschehenen seine Rückkehr ein Ding der

Unmöglichkeit ist.

_Karenin_: Wieso?

_Anna Pawlowna_: Aber wie können Sie das nur für möglich halten

nach all den garstigen Dingen, die er begangen hat, und nachdem er

geschworen hat, dergleichen werde nicht wieder vorkommen, und wenn es

doch vorkäme, so verzichte er auf alle seine Rechte als Ehemann und

gebe ihr ihre volle Freiheit wieder ...

_Karenin_: Ja, aber was will die Freiheit einer Frau besagen, die durch

die Ehe gebunden ist?

_Anna Pawlowna_: Es soll die Scheidung erfolgen. Er hat ihr die

Scheidung versprochen, und wir werden darauf bestehen.

_Karenin_: Ja, aber Jelisaweta Andrejewna hat ihn so geliebt ...

_Anna Pawlowna_: Ach, ihre Liebe ist so harten Prüfungen ausgesetzt

gewesen, daß von ihr kaum etwas übriggeblieben ist. Es fallen ihm

Trunksucht, Hintergehung und Untreue zur Last. Kann man denn einen

solchen Mann lieben?!

_Karenin_: Der Liebe ist alles möglich.

_Anna Pawlowna_: Sie reden von Liebe; aber wie kann man denn einen

solchen Waschlappen lieben, auf den gar kein Verlaß ist? Was hat er

noch jetzt eben für einen Streich begangen! ($Sie sieht sich nach

der Tür um und beeilt sich mit ihrer Erzählung.$) Der ganze Haushalt

ist ruiniert, alles versetzt, kein bares Geld vorhanden. Da schickt

ihm sein Onkel endlich zweitausend Rubel, um die Zinsen der Schulden

zu bezahlen. Er entfernt sich mit diesem Gelde und ist verschwunden.

Seine Frau sitzt mit dem kranken Kinde da und wartet; endlich erhält

sie einen Brief, sie möchte ihm Wäsche und andere Sachen seines

persönlichen Bedarfes schicken.

_Karenin_: Ja, ja, ich weiß.

Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern) · 第 16 / 111 题