Anna Pawlowna und Viktor Karenin.
_Viktor Karenin_ ($tritt ein und begrüßt Anna Pawlowna$): Jelisaweta
Andrejewna hat mir einen Brief geschickt mit der Aufforderung
herzukommen. Ich hatte sowieso die Absicht, heute abend bei Ihnen
vorzusprechen, und habe mich daher sehr gefreut ... Befindet sich
Jelisaweta Andrejewna wohl?
_Anna Pawlowna_: Sie befindet sich wohl; aber das Kindchen ist ein
bißchen unruhig. Sie wird gleich kommen. ($In traurigem Tone:$) Ja, ja,
es ist eine schwere Zeit. Sie wissen ja wohl alles?
_Karenin_: Allerdings. Ich war ja vorgestern hier, als sein Brief
ankam. Aber ist denn das wirklich unwiderruflich beschlossen?
_Anna Pawlowna_: Aber selbstverständlich. Das alles noch einmal
durchzumachen wäre doch schrecklich.
_Karenin_: Ein solcher Trennungsschnitt will doch zehnmal überlegt
sein. Ins lebendige Fleisch zu schneiden, das ist doch eine schwere
Aufgabe.
_Anna Pawlowna_: Natürlich ist es eine schwere Aufgabe. Aber die
Ehe der beiden war ja schon längst halb zerschnitten. Und daher war
die vollständige Trennung weniger schwer, als es scheint. Er sieht
selbst ein, daß nach allem Geschehenen seine Rückkehr ein Ding der
Unmöglichkeit ist.
_Karenin_: Wieso?
_Anna Pawlowna_: Aber wie können Sie das nur für möglich halten
nach all den garstigen Dingen, die er begangen hat, und nachdem er
geschworen hat, dergleichen werde nicht wieder vorkommen, und wenn es
doch vorkäme, so verzichte er auf alle seine Rechte als Ehemann und
gebe ihr ihre volle Freiheit wieder ...
_Karenin_: Ja, aber was will die Freiheit einer Frau besagen, die durch
die Ehe gebunden ist?
_Anna Pawlowna_: Es soll die Scheidung erfolgen. Er hat ihr die
Scheidung versprochen, und wir werden darauf bestehen.
_Karenin_: Ja, aber Jelisaweta Andrejewna hat ihn so geliebt ...
_Anna Pawlowna_: Ach, ihre Liebe ist so harten Prüfungen ausgesetzt
gewesen, daß von ihr kaum etwas übriggeblieben ist. Es fallen ihm
Trunksucht, Hintergehung und Untreue zur Last. Kann man denn einen
solchen Mann lieben?!
_Karenin_: Der Liebe ist alles möglich.
_Anna Pawlowna_: Sie reden von Liebe; aber wie kann man denn einen
solchen Waschlappen lieben, auf den gar kein Verlaß ist? Was hat er
noch jetzt eben für einen Streich begangen! ($Sie sieht sich nach
der Tür um und beeilt sich mit ihrer Erzählung.$) Der ganze Haushalt
ist ruiniert, alles versetzt, kein bares Geld vorhanden. Da schickt
ihm sein Onkel endlich zweitausend Rubel, um die Zinsen der Schulden
zu bezahlen. Er entfernt sich mit diesem Gelde und ist verschwunden.
Seine Frau sitzt mit dem kranken Kinde da und wartet; endlich erhält
sie einen Brief, sie möchte ihm Wäsche und andere Sachen seines
persönlichen Bedarfes schicken.
_Karenin_: Ja, ja, ich weiß.