Vierter Auftritt

Anna Pawlowna und Sascha.

_Anna Pawlowna_: Die Kinderfrau sagt, sie weint immerzu. Daß sie sich

immer noch nicht beruhigen kann!

_Sascha_: Nein, Mama, über Sie muß man sich wirklich wundern. Sie

soll sich von ihrem Manne, dem Vater ihres Kindes, lossagen, und Sie

verlangen, sie solle dabei ruhig sein!

_Anna Pawlowna_: Daß sie dabei ruhig sein soll, verlange ich nicht.

Aber was geschehen ist, das ist geschehen. Wenn ich als Mutter es

nicht nur zugelassen habe, sondern mich sogar darüber freue, daß

meine Tochter sich von diesem Manne lossagt, so muß er das doch wohl

verdienen. Nicht grämen sollte sie sich, sondern sich freuen, daß sie

von einem so schlechten Subjekte, von einem solchen Goldmenschen frei

kommt.

_Sascha_: Mama, warum reden Sie so? Sie wissen ja doch, daß das

nicht wahr ist. Er ist kein schlechter, sondern im Gegenteil ein

vortrefflicher, ganz vortrefflicher Mensch, trotz seiner Schwächen.

_Anna Pawlowna_: Na ja, ein vortrefflicher Mensch! Sobald er nur Geld

in die Hände bekommt, sei es eigenes oder fremdes ...

_Sascha_: Mama, er hat nie fremdes Geld genommen.

_Anna Pawlowna_: Ganz egal, das Geld seiner Frau.

_Sascha_: Aber er hat ja doch sein ganzes Vermögen seiner Frau

hingegeben.

_Anna Pawlowna_: Warum hätte er es ihr auch nicht hingeben sollen, da

er ja wußte, daß er sonst doch alles durchbringen würde.

_Sascha_: Ob er es nun durchbringt oder nicht, ich weiß nur, daß man

sich von seinem Manne nicht scheiden lassen darf, und am wenigsten von

einem solchen wie Fedja.

_Anna Pawlowna_: Nach deiner Meinung muß man damit warten, bis er alles

durchgebracht hat und seine Zigeunerliebsten ins Haus bringt?

_Sascha_: Er hat keine Liebsten.

_Anna Pawlowna_: Das ist eben das Malheur, daß er euch alle irgendwomit

behext hat. Nur mich nicht; ich durchschaue ihn, und er weiß das. An

Lisas Stelle würde ich mich nicht erst jetzt von ihm losmachen, sondern

ich hätte es schon vor einem Jahre getan.

_Sascha_: Wie Sie das nur so leichten Herzens sagen können!

_Anna Pawlowna_: Nein, nicht leichten Herzens. Mir als Mutter ist es

ein Schmerz, meine Tochter als geschiedene Frau zu sehen. Glaube mir,

daß mir das ein großer Schmerz ist. Aber es ist doch immer noch besser,

als daß sie ihr junges Leben zugrunde richtet. Nein, ich danke Gott,

daß sie sich jetzt entschlossen hat, und daß nun alles zu Ende ist.

_Sascha_: Vielleicht ist es doch noch nicht zu Ende.

_Anna Pawlowna_: Ach was! Wenn er nur erst in die Scheidung einwilligt.

_Sascha_: Was soll daraus Gutes hervorgehen?

_Anna Pawlowna_: Nun, sie ist noch jung und kann noch glücklich werden.

_Sascha_: Ach, Mama, es ist schrecklich, was Sie da sagen; Lisa kann

doch keinen andern liebgewinnen.

_Anna Pawlowna_: Warum sollte sie das nicht können? Wenn sie erst frei

sein wird? Es gibt Männer, die tausendmal besser sind als euer Fedja,

und die sich glücklich schätzen werden, Lisa zur Frau zu bekommen.

_Sascha_: Mama, es ist nicht recht von Ihnen, so zu reden. Ich weiß,

Sie denken dabei an Viktor Karenin.

_Anna Pawlowna_: Warum soll ich nicht an ihn denken? Er liebt sie schon

zehn Jahre lang, und sie liebt ihn.

_Sascha_: Sie liebt ihn, aber nicht so wie ihren Mann. Das ist eine

Jugendfreundschaft.

_Anna Pawlowna_: Diese Jugendfreundschaften kennt man! Wenn nur erst

die Hindernisse beseitigt sind.

Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern) · 第 11 / 111 题