Der Ratsherr lachte aus vollem Halse: „Er ist toll. Weiß Er am End

auch schon, daß man am weichsten auf dem Leder geht, das man aus

dem Rücken der anderen schneidet? Hat Er darüber nachgedacht, warum

wir von der gleichen Konfession die gleiche Anzahl Ratsherren,

Pfaffen, Stadtausrufer, Hochzeitansager, Büchsenmacher, Glockengießer,

Apotheker, Ärzte und Scharfrichter haben, warum aber nur ein

Bürgermeister regiert? Hat Er noch nicht bemerkt, daß der katholische

Totengräber seine Leute mit einem anderen Gesicht eingräbt als der

lutherische? Und was will Er machen, wenn Er, wie ich als Armenadvokat,

eines Tages zum Waisenvater und Rentmeister des Waisenhauses zugleich

ernannt wird und in die seltsamste Zwickmühle gerät? Setz Er den

Fall, der Waisenvater -- Er -- befehle dem Rentmeister -- Ihm --, den

unglücklichen Waisenkindern einen Osterkuchen aus Weizenmehl backen zu

lassen, und der Rentmeister weigere sich, Seinem Befehl zu gehorchen,

weil kein Geld in der Kasse ist? Wird Er den Lümmel nicht koramisieren?

Wird Er -- als Waisenvater -- dulden, daß der Rentmeister Ihm auf

ein ungeschriebenes ~Promemoria~ von hundert Seiten keine Antwort

gibt, sondern Ihn vielleicht gar auf die immerwährende Frankenthaler

Kirchweih lädt? Wenn Er in solchen Lagen, wie ich sie zu hundert

Malen durchgemacht habe, nicht zum voraus Bescheid weiß, versteht

Er nichts ~in politicis~, und ich rat Ihm als guter Freund, lieber

heut als morgen eine gut dotierte Stellung in dem Utopien des weiland

Kanzlers Morus zu suchen, nicht aber in einer paritätischen Republik,

deren Verfassung auf dem Westfälischen Frieden gutgeheißen wurde und

dem kaiserlichen Hofrat in Wien auch heut noch zuweilen den heiligen

Amtsschlaf stört. Ich will Ihm, falls Er als Scriba beim Amt zu

bleiben und das Juramentum zu leisten gedenkt, einen guten Rat geben:

Trag Er nur fein immer den Hut in der Hand, wenn Er dem regierenden

Herrn Bürgermeister oder einem hochmögenden Ratsherrn begegnet, und

katzenbuckle Er wie ein Hungerleider, der Schlehen für Pflaumen frißt,

wenn die Not an den Mann geht. Und wenn von der hochmögenden Obrigkeit

die Rede ist, die, wie ich jüngst in einem alten Hexenurteil gelesen,

von Gott eingesetzt und mit scharfem Verstand begabt ist, so sitz Er

mit ehrfürchtigem Gesicht da und laß Er Seine Ohren hängen, wie es die

bockigen Esel tun. Sollte Er zufällig ein Weinglas vor sich stehen

haben, so kann Er trinken; aber Er lasse es nicht merken, daß Er es

vielleicht tut, um Seinen Ärger hinabzuspülen. Vor allem aber mach

Er sich nie mit der Geistlichkeit zu schaffen; denn da wird Er, wie

ich Ihm auf Eid und Treu versichern kann, immer den kürzeren ziehen,

obwohl ich Leute kenne, welche die wohlehrwürdigen, großachtbaren und

hochgelahrten Herren mit und ohne Beffchen zu eigenem Gaudio hie und

da hübsch gezaust haben, hihi. Und wenn Er Geld hat, laß Er es nie

merken, sondern sperre Seine errackerten Kronentaler in einen Strumpf

ohne Loch; denn die Strümpfe sind nicht dazu da, daß man darauf gehe,

sondern daß man sie voller Batzen im Bettstroh verstecke. Und wenn Er,

was nicht immer ein Glück ist, Söhne bekommt, so laß Er sie nicht in

den metaphysischen ~Terris incognitis~ herumvagieren, sondern laß Er

sie wieder Stadtschreiber werden, welches Amt mit Gehalt und Gefällen

seinen Mann redlich und kümmerlich nährt in Ewigkeit. Amen.“

„Sie hat keinen Menschen auf der Welt,“ jammerte der Stadtschreiber,

der immer wieder an Babette dachte, weiter.

„Will Er um eines Weibsbilds willen auf die schönste Stadtschreiberei

in der schönsten Stadt Kleinfrankens verzichten, über deren Rathaustor

die vielsagenden Buchstaben ~S. P. Q. F.~, das heißt ~Senatus

Populusque Frankenthalensis~, eingemeißelt stehen? Weiß Er, wie Hunger

tut, und wie kleine Kinder schreien, wenn sie kein Brot haben? Meint

Er, Verliebte leben von Nektar und Ambrosia? Oder will Er wirklich in

der Welt draußen Seinen gelahrten Mann stellen und sehen, wie Er sich

in den Händeln ein Haus zimmert?“

„Den Bettel werf ich ihnen vor die Füße,“ schrie der Kanzler.

„Weiß Er, daß man an weltlichen Höfen kriechen und an geistlichen ein

Aug zudrücken muß, falls man eine schöne Frau mitbringt?“

„Heut noch geh ich aus der Stadt.“

„Will Er das wirklich? Nun, vielleicht ist Er der Mann, um an einem

geistlichen Hof besser fortzukommen als in dieser Stadt, von der ihre

Nachbarn seit Methusalems Zeiten absonderliche Schwänke erzählen.

Es heißt, unter dem Krummstab ist gut wohnen, und die hochgeborenen

Domherren in Mainz, Würzburg oder Bamberg haben Leute, die nach dem

Verse ‚~On trouve avec le ciel des accommodements~‘ leben, nicht ungern

um sich. Aber wenn Er solche Pläne in Seinem Cerebro wälzt, so nehm

Er sich auch gefälligst eine gute Lehre von dem Mohren mit, der auf

unserem alten Wachturm dem ganzen heiligen römischen Reich die Zunge

zeigt und den Leuten mit dieser Geste verkündet, was ein Biedermann von

ihnen und der Welt ~sub rosa~ zu denken hat. Aber eh Er Seine Höhle

aufsucht, will ich Ihm noch etwas Hübsches zeigen.“

Ehe er sich erhob, blickte Christopher Kemmeter mit gespitztem Mund in

die Kanne, um zu sehen, ob sie leer sei, und dann nahm er den wild

dreinblickenden Kanzler am Arm, führte ihn eine knarrende Holztreppe

hinauf und stieß ihn in eine Gerümpelkammer, wo Babette blaß und gefaßt

bei einer geschnäbelten Öllampe am Tische saß und ein Waisenhemdlein

säumte. Sie wollte aufflammen, als Friedrich Lerch stolpernd eintrat;

als sie aber sein gedrücktes Wesen bemerkte, warf sie sich in seine

Arme und brach in herzzerreißendes Weinen aus. Er streichelte ihr

zärtlich die blassen abgemagerten Backen; aber er wagte noch lange kein

Wort zu reden, bis sie endlich tief aufseufzte und fragte: „Was soll

nun werden?“

Da erwachte der Mann in Friedrich Lerch, und er besaß mit einem Male

eine Menge von Talenten und Schlichen, mit deren Hilfe er es zu einem

schönen Ämtchen in einem der zahllosen Ländchen des Gaus zu bringen

gedachte. Er tat, als ob er zeit seines Lebens nur mit Domherren,

Kammerdirektoren, Rentmeistern und Sekretären Umgang gepflogen hätte,

und ließ sein Rößlein immer wilder steigen. Babette hörte ernsthaft

zu; als er aber mit dem Auskramen seiner Pläne fertig war und wieder

in seine alte Mutlosigkeit zurücksinken wollte, gab sie ihm einen

zärtlichen Rippenstoß, und als er ihre schimmernden Augen gewahrte,

empfand er die tröstliche Gewißheit, daß die alte Babette noch lebe,

und glückselig schloß er die Erglühende zum erstenmal in seinem Leben

in die Arme.

So saßen sie eine Weile wortlos da, bis die wie ein Vögelein sich

duckende Babette sich plötzlich losmachte und fragte: „Wenn ich nun

aber doch ein Hexle wär?“ Und als Friedrich Lerch leise lachte, verzog

sie schmollend ihr blühendes Mündchen und seufzte: „Ach ja, das kommt

davon!“

Die Wahl des Friedrich Lerch zum Stadtschreiber wurde von den

hochmögenden Regierenden in Frankenthal nicht bestätigt. Die

Evangelischen setzten es durch, daß, nach altem Recht und Brauch,

einer der Ihrigen an die Stelle kam, und zu ihrem Erstaunen erhob der

Spitalpfleger Christopher Kemmeter keine Einsprache. Er wurde überhaupt

in diesen Tagen selten in der Stadt und im Rat gesehen, und wenn Gaffer

kamen, um nach ihm zu sehen, erzählte er ihnen des langen und breiten,

daß sein guter Freund, der Abt von Fulda, drei Fässer Zypernwein bei

ihm bestellt habe, die er in nächster Zeit zu liefern gedenke. Wenn die

Rede auf die verschwundene Hexe kam, spielte er den Schwerhörigen, und

wenn ihm einer auf den Kopf zusagte, daß er bei dem Handel die Hand

im Spiele habe, brummte er, ihm tue nur leid, daß die Gerichtsherren

um ihr dreitägig Fasten gekommen seien. Er wußte, daß die Anhänger

des Bürgermeisters sein Haus umschlichen und auch draußen, vor den

Mauern, ihre Späher hatten; allein die Späher fanden es doch in der

Ordnung, daß eine Woche nach dem Verschwinden Babettes ein Wagen mit

drei Fässern vor dem Keller des Ratsherrn hielt, und kein Mensch ahnte,

daß Babette unter dem mittleren, das keinen Boden hatte, saß und mit

angstvollen Ohren dem Spiel des Postillions lauschte, der eine fromme

Weise blies, als er langsam aus dem Falkentore fuhr. --

Friedrich Lerch selbst war eines Tages ohne Sang und Klang aus der

Stadt verschwunden, und ein Gerücht wollte bald darauf wissen, er sei

mit der Hexe Babette Glock in Bischofsheim gesehen worden.

Der Ratsherr Christoph Kemmeter erbot sich daraufhin, bei dem

kurmainzischen Oberamtmann, dem Herrn Hans Rüdt von Collenberg, Klage

zu erheben, falls das Gerücht von dem sündhaften Hexenschutz auf

Wahrheit beruhen sollte. Als er in einem alten Roquelaure, der seit

zwanzig Jahren unbenützt im Schranke hing und da und dort Mottenlöcher

sehen ließ, in den Postwagen steigen wollte, hörte er, daß zwei

Wäscherinnen im Nachbarsgarten die Hexe Babette Glock gesehen haben

wollten, wie sie, mit fliegendem Haar und auf einem Besenstiel reitend,

dreimal um den Türmersturm geflogen sei und dem zungenreckenden Mohren

ihr spitzes Zünglein gezeigt habe. Die beiden Gevatterinnen schwuren

hoch und teuer, daß ihnen das Luder nicht mehr entwischen werde, wenn

sie sie wieder fangen würden. Der Herr Spitalpfleger ließ sich die

Geschichte zweimal erzählen und bemerkte dann, die Nürnberger hätten

noch nie eine Hexe verbrannt, ohne sie zu haben, und so riet er auch

den beiden Gevatterinnen, doch ja den Rat dafür zu stimmen, daß dieser

löbliche Rechtsbrauch der Nürnberger nicht in Verfall gerate.

In der alten Tauberstadt ging er erst seinen Weingeschäften nach und

ließ sich dann bei dem Junker Emmerich melden, den er in dem schmalen

Schloßgarten zwischen zwei geputzten Frauenzimmern auf und ab wandelnd

fand: es waren die junge Freifrau Ottilie und Babette, die nun ganz

französisch ausstaffiert war und ein bemaltes Fächerchen in der Hand

trug, an der ein goldenes Ringlein glänzte. Sie lief leichtfüßig auf

den alten Ratsherrn zu, gab ihm einen Kuß und flüsterte ihm ins Ohr:

„Wir halten übermorgen Hochzeit. Und dann will ich _ihn_ ziehen.“

Und dann floh sie wieder zu ihrer neuen Freundin und faßte sie, wie

Zuflucht suchend, am Arm, während der Junker seine Fahrt an den Hof zu

Mainz erzählte und dem Gast den beklagten Gebetsstuhl der Familie von

Collenberg zur Verfügung stellte. --

Da in diesem Augenblicke Friedrich Lerch aus der Rentstube daherkam,

um seinen Gönner zu begrüßen, benützte dieser die Gelegenheit zu einem

Scherze; er rief: „Er kommt gelegen. Er kennt doch die Geschichte von

dem Gebetsstuhl, den mir der Herr Baron soeben zum Gebrauch für eine

Hochzeit angeboten? So sag Er mir doch, welchen Bescheid Er hätte

ergehen lassen, wenn Er Geheimer Rat des durchlauchtigsten Erzkanzlers

gewesen wär.“

Friedrich Lerch sah Babette an und entgegnete nach einer Weile: „Wir

Johann Karl Friedrich von Gottes Gnaden, des Heiligen Römischen Reiches

durch Germanien Erzkanzler und Kurfürst etc. fügen Unserm lieben

getreuen Amtmann zu wissen, daß der beklagte Gebetsstuhl in Unserer

Pfarrkirche zu Bischofsheim an seinem Platz zu bleiben hat; aber Wir

geben ihm den wohlmeinenden Rat, den Vorhang offen zu halten, wenn

der Herr Dekan predigt oder das Hochamt zelebriert, und die beklagte

Schließung des Vorhangs, die Wir seiner christlichen Demut zugute

halten wollen, für die Predigten und stillen Messen der Vikare und

Kapläne zu versparen --“

Der Ratsherr lachte: „Er hat etwas gelernt! Er wird Sein Glück an einem

Hof machen.“

Doch da mischte sich Babette ins Gespräch: „Und wie haben wir uns im

Betstuhl zu verhalten?“

Der Frankenthaler Ratsherr entgegnete: „Die Jungfer wird nie das

Gelüsten haben, den Vorhang zuzuziehen; denn die Frauenzimmer wollen

auch beim Beten gesehen werden.“

Babette knickste und ergriff die Hand ihres Liebsten, um mit der

Gesellschaft den Gang in die Kirche anzutreten, wo der Betstuhl in

seiner funkelnagelneuen Pracht mitten in dem Hauptgang vor dem Chore

stand. --

Christopher Kemmeter kam erst nach einer vollen Woche mit einem

Hochzeitssträußchen an seinem Roquelaure und einem verschmitzten

Gesicht heim. Er sprach zuerst bei der Margret Hippler vor, die wie

sonst mit friedlichem Gesicht an ihrem Spinnrad saß, und erzählte dann

in der Trinkstube und im Geheimen Rat, daß er in der Stadt der heiligen

Lioba zwar auch einen festen, runden Hexenturm, aber keine Hexe darin

gefunden habe, da die Hexen im Taubergrunde gründlich ausgestorben

seien.

Friedrich Lerch half dem kurmainzischen Amtmann Collenberg eine

Zeitlang bei dessen Amtsgeschäften, und später, als der Graf Stadion

den Junker Emmerich als Rat des Erzkanzlers nach Mainz zog, begleitete

er den jungen Herrn an den kurfürstlichen Hof, wo er selbst bald darauf

eine Stellung als Geheimschreiber fand und durch Josef II. in den

Adelsstand erhoben wurde. Babette Glock schenkte ihm ein einziges

Töchterchen, das sich im Blütenalter von sechzehn Jahren mit dem

Hauptmann Ignaz von Schreckenbach vermählte und sieben Söhne zur Welt

brachte, die nach Wien gerieten und da in kaiserliche Dienste traten.

Sie hatten alle sieben das Gemüt ihrer Großmutter geerbt, und wenn es

heute unter den vielgepriesenen Wienerinnen noch viele heimliche Hexen

gibt, so ist diese Wesenheit gewiß zu einem kleinen Teil auf das Blut

der letzten Frankenthaler Hexe zurückzuführen.

Im Insel-Verlag zu Leipzig

erschienen von

Wilhelm Weigand

Die Frankenthaler. Roman. 11.-15. Tausend.

Der Ring. Ein Novellenkreis.

Wendelins Heimkehr. Eine Erzählung aus der Fremdenlegion.

(Insel-Bücherei Nr. 167.)

Der verschlossene Garten. Gedichte aus den Jahren 1901-1909.

Könige. Ein Schauspiel in fünf Akten.

Psyches Erwachen. Ein Schauspiel in drei Akten.

Stendhal und Balzac. Essays.

Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig

Die Hexe: Eine Erzählung · 第 4 / 4 段