Und Klaus Kreuzer dachte nur: ›Traud -- das kann nicht wahr sein ...‹

Am anderen Morgen trat er die Fahrt nach Marburg an. »Ich werde dem

Minister mitteilen,« sagte Marianne beim Abschied, »daß du deinen

Entschluß von deiner Erholung abhängig machtest.« Und er nickte und war

mit seinen Gedanken bei dem Jungen.

Am Abend traf er in Marburg ein. Der Bahnhof lag öde und still, und er

beeilte sich, ihn zu verlassen. Geradenwegs ging er zu Traud Werders

Haus.

»Klaus,« rief sie und stand im weißen Rahmen der Stubentür, mädchenhaft

rot und erregt vor Freude und fand nichts als seinen Namen.

»Guten Abend, Traud,« sagte Klaus Kreuzer, beugte sich über ihre Hand

und küßte sie. »Ist Walter zu Hause?«

»Walter?« fragte sie verwundert. »Ist etwas passiert? Aber so komm doch

herein und trag mir die Ruhe nicht heraus.«

Er trat ein, ließ sich Hut und Mantel aus den Händen nehmen und setzte

sich.

»Traud, du fragst mich, ob etwas passiert sei, und ich komme hierher,

um es dich zu fragen.«

»Der Walter ist gesund wie ein Fisch im Wasser und vergnügt wie ein

Vogel in der Luft. Das Beste, was man für ein junges Gemüt nur wünschen

kann.«

»Traud,« sagte er nach einer Pause, »Traud, du versprachst mir, auf

den Jungen zu achten, so -- als ob du seine Mutter wärst. Meinetwegen

und seinetwegen. Sonst -- sonst wäre das, was uns zusammenführte,

unser Frühlingsglaube, doch nur ein -- ein mit hübschen Unwahrheiten

aufgeputzter Egoismus. Sag selber, Traud.«

Die mädchenhafte Röte war längst aus ihrem Gesicht geschwunden. Sie sah

ihn an und fand sich nicht zurecht in ihm und in seinen Worten.

Aber sie sah, daß er litt, und das genügte ihr, um über ihre

Enttäuschung hinwegzukommen.

»Klaus,« und es war der alte, lustige Ton, mit dem sie zu ihm sprach,

»Klaus, meinst du, weil sich der Walter geschlagen hat? Ja, du hast

recht, es war eine törichte Geschichte, aber gerade deshalb war sie so

lieb. Bedenke doch selbst, ein Füchslein, das sich für seine Tanzdame

schlägt. Ein Erlanger Student war ihr unhöflich begegnet. Der Walter

gab ihm Lebensregeln, der Junge, und die Couleur stellte ihn auf seine

Bitten vorzeitig heraus, weil er sich in der Fechtstunde als firmer

Schläger erwiesen hatte. Da stach der Walter zur höheren Ehre seiner

Dame den Erlanger auf ein paar fürchterliche Gesichtsquarten ab.«

»Würdest du,« sagte Klaus Kreuzer, »würdest du, ohne mir böse zu sein,

wohl etwas weniger studentisch sprechen?«

Sie hob den Kopf. Ihr frohes Lachen war zerflattert. Ihre Augen

blickten mit einem Male ernst und fest.

»Nein,« erwiderte sie ruhig. »Nein, das werde ich nicht, bevor du nicht

offen erklärt hast, was dich hergeführt hat.«

»Es ist ein Brief eingetroffen, von der Frau des Dekans. Marianne

erhielt ihn, und mich hattest du nicht vorbereitet. In dem Briefe

stand, daß Walter im Kolleg nicht zu sehen sei. Ist das wahr?«

»Angenommen, daß es wahr sei.«

»Daß Walter statt dessen schon seine erste Mensur geschlagen hat,

weiß ich nun. Ich billige es gerade nicht, mache ihm aber auch keine

Vorwürfe. Aber daß er, der unreife Junge, mit Mädchen in Wäldern und

Feldern herumschwärmt --«

»Das ist wahr.«

»-- seinen Wechsel übersteigt und Schulden macht --«

»Ich hab' sie ihm gestrichen.«

»Also das ist auch wahr, und wahr, wahr, daß du ihn in seinem Tun

bestärkt hast.«

Er erhob sich und ging mit hastigen Schritten zum Fenster.

Sie stand mit blassen Lippen im Zimmer, wartete eine Weile und sagte

laut: »Dummer Klaus!«

»O bitte, mache dich nur lustig.«

»Und ich bitte, daß du mir nicht den Rücken kehrst. Ich will deine

Augen sehen. So -- ich danke dir. Und nun sieh mich nochmal an, und

dann frage dich selber, ob ich -- ich imstande bin, dem Menschen, den

ich am liebsten habe, sein Fleisch und Blut zu verderben. Ob du mich so

einer Tempelschändung für fähig hältst.«

»Traud, weshalb hast du es getan?«

»Ach du,« sagte sie, »jetzt merke ich doch, wie weit, weit du schon von

der Jugend fort warst, da deine Gedanken zur eigenen Jugend so schwer

zurückfinden können. Und willst doch ein Menschenbildner sein, der die

Form verstehen muß, wie den Inhalt. Soll ich dich fragen, wie es mit

_dir_ stand in deinen ersten Semestern? Ob du dir ein Fünkchen Sonne

hast wegfangen lassen, das dir vor den Augen blinzelte? Ob du einem

Mädchenzopf aus dem Wege gegangen bist oder gar einem Mädchenmund?

Und deine paar Dukaten dir immer hübsch eingeteilt hast nach Wochen

und Tagen, und nicht ein einziges Mal nach der Stunde, die gerade so

köstlich war, als könnte keine köstlichere im Leben mehr kommen? Nein,

Klaus, ich spreche hier nicht, um der gedankenlosen Leichtlebigkeit

eine Verteidigungsrede zu halten, aber um die Jungen vor der

Selbstgerechtigkeit der Älteren zu schützen, die ihre einst so süßen,

törichten Streiche vergessen haben wollen oder sie nachträglich gern

als Taten mit einem wackern Untergrund und bewußten Idealen hinstellen.«

»Traud, ich --?«

»Nein, jetzt bin ich an der Reihe, das heißt: eigentlich ist Walter an

der Reihe, aber da ich dir versprach, seine Mutter zu sein, so kann

ich ebensogut für ihn reden. Und das sage ich dir, die ich den Jungen

so herzlich lieb gewann, und überdies, weil es der deine ist: Erst war

er ein Kind und spielte mit Puppen. Und dann kam die Schule, und er

spielte nicht mehr mit Puppen. Und jetzt kommt das Lebensstudium, das

Berufsstudium und das Studium der Menschen, die ihm darin freundlich

und feindlich begegnen. Da laß dem jungen Herzen eine Zwischenspanne,

eine kurze, sonnige, in der er noch einmal und zum letztenmal träumen

darf, er spiele und dürfe kinderselig spielen, bevor es _wieder_ zur

Schule geht. Der Verlust eines Semesters kann nachgeholt und eingeholt

werden. Dieser Spielverlust aber nie, oder doch nur auf weniger

unschuldige Weise. Laß ihn ruhig ein Mädchen küssen und nochmal eins.

Daran ist noch kein Mensch gestorben, oder unsere besten Männer und

Frauen lebten längst nicht mehr. Aber geworden ist mancher daran und

zum Leben erwacht und hat sich gesagt: Donnerwetter, das ist doch der

Mühe wert, und hat sich extra zu diesem Zweck die Bücher vor die Nase

genommen. Du ja auch. Und --«

»Traud -- hör mich mal an!«

»Und wenn der Sohn dann herangewachsen ist und lebt wie sein Vater in

Amt und Würden und sitzt mit diesem Vater abends hinterm Familientisch

oder in der Studierstube, dann langweilen sich diese Menschen nicht

gegenseitig und gähnen sich an und reden höchstens von ledernen

Berufsgeschichten und den ewigen Avancementsfragen, die bis zum Tode

kein Ende finden. Sondern sie reden von -- nun, von was wohl? Von

Sonnentagen und Burschenfahrten, von Becherklang und Liedersang und

von so vielen, vielen lieben Mädels und schönen Frauen, daß es so warm

zwischen ihnen wird, als wären sie und könnten sie nie und nimmer aus

der Jugend heraus; daß sie spüren: es war doch der Mühe wert, trotz

Berufs- und Familiensorgen, und der Vater sagt: Junge, das laß ich

mich eine Flasche kosten. Und der Junge: Prosit, Vater, auf deine

Jugend.«

»Traud! Traud!«

»Hörst du, Klaus, so möchte ich, daß dein Junge einmal wird, und

deshalb und deinetwegen habe ich ihn so -- so mütterlich behandelt. Nun

schimpfe. Ich habe ein köstlich reines Gewissen.«

Er aber hatte sich ihrer Hände bemächtigt und seinen Mund darauf

gedrückt ...

Ganz laut schlugen ihre Herzen.

Und dann sagte sie nach einer langen Weile: »Du hast sie mir schon

vorhin geküßt, Klaus, und ich muß wohl sehr schöne Hände haben, daß du

mich schon wieder damit stehen lassen willst und gar nichts anderes an

mir findest.«

»Du!« stieß er hervor und lachte ihr in die Augen. Und dann schloß sie

die Augen und spürte seinen Mund ...

»So -- nun ruf mir mal den Walter.«

»Er ist fort.«

»Fort? Wohin?«

»Ins goldne Ferienland hinein. Studenten und Studentinnen miteinander.«

»Und du hast es ihm erlaubt?«

»Ja, Klaus, es ist wohltuend und erzieherisch zugleich. Heut abend

wollt' ich dir's schreiben.«

Und Klaus Kreuzer tat einen tiefen Atemzug. »Der glückliche Junge.« Und

wandte sich Traud Werder zu.

»Da habe ich nun meinen Wandereranzug im Koffer und den Rucksack

dazu und drei -- drei goldene Ferienmonate. Wie sagtest du doch, was

dem jungen Herzen not täte vor neuer Arbeit? Ein Traum von seliger

Jugendzeit. Traud -- und mir tut er not. Heute -- oft ...«

»Du willst mich fragen, ob ich mit dir wandern will, Klaus?«

»Ja, Traud.«

»Um Walter einzuholen und seine Kameraden und Kameradinnen?«

»Nur so nahe, um die Fühlung mit der Jugend nicht zu verlieren.«

Sie legte ihm den Arm um den Hals und sah ihn an. »Ich bin ja schon

immer mit dir gewandert. Weshalb sollte ich jetzt zurückbleiben wollen,

wo du mich brauchst ...«

Und sie wanderten in früher Morgensonne durch die goldenen Ährenfelder

des Lahntales, die der Ernte entgegendufteten, um neuem Blühen den

Platz zu bereiten, durch die Wälder mit ihren goldenen Lichtern, durch

die Sommerwelt, weiter und weiter. -- -- --

[Illustration]

Die Welt in Gold: Novelle · 第 16 / 18 题