(Napoleon mit Überzeugung:) Weil es Sie nach diesem Brief so sehr

verlangt hätte, daß Sie, um ihn zu erlangen, jede Angst würden

ertragen haben. Es gibt nur einen Trieb, der allgemein ist: die

Furcht. Von all den tausend Eigenschaften, die ein Mann haben mag,

ist die einzige, die Sie sowohl beim jüngsten Tambour als auch bei mir

finden werden, die Furcht. Sie ist es, die die Menschen in den Kampf

treibt: Gleichgültigkeit macht, daß sie davonlaufen. Furcht ist die

Haupttriebfeder des Krieges--Furcht!--Ich kenne die Furcht wohl,

besser als Sie, besser als irgend ein Weib. Ich sah einst, wie ein

Regiment guter Schweizer Soldaten vom Pariser Mob massakriert wurde,

weil ich mich fürchtete einzugreifen. Ich fühlte mich als Feigling

bis in die Fußspitzen, als ich dabei zusah. Vor sieben Monaten rächte

ich meine Feigheit, indem ich diesen Mob mit Kanonenkugeln zu Tode

knallte. Nun--was ist dabei? Hat die Furcht jemals einen Mann von

irgend etwas, das er wirklich wollte, zurückgehalten, oder auch nur

eine Frau? Niemals!--Kommen Sie mit mir, und ich will Ihnen

zwanzigtausend Feiglinge zeigen, die jeden Tag dem Tod ins Auge

schauen um den Preis eines Glases Branntwein. Und glauben Sie, daß es

keine Frauen in der Armee gibt, die tapferer sind als die Männer, weil

ihr Leben weniger wert ist? Pah, ich halte gar nichts--weder von

Ihrer Furcht noch von Ihrem Mut. Wenn Sie bei Lodi zu mir hätten

kommen müssen, Sie würden keine Furcht gehabt haben: einmal auf der

Brücke wäre vor der Notwendigkeit jedes andere Gefühl geschwunden--

vor der Notwendigkeit, Ihren Weg an meine Seite zu finden, um zu

bekommen, was Sie haben wollten. Und nun nehmen Sie an, daß Sie

davongekommen wären mit jenem Brief in Ihrer Hand und um die Erfahrung

reicher, daß in der Stunde der Not Ihre Furcht Ihnen nicht das Herz

zusammenschnürte, sondern die Ausführung Ihres Planes unterstützte,

daß sie aufgehört hätte, "Furcht" zu sein, und sich in Stärke,

Scharfsinn, verdoppelte Aufmerksamkeit und eiserne Entschlossenheit

verwandelt hätte,--wie würden Sie dann antworten, wenn Sie gefragt

würden, ob Sie ein Feigling sind?

(Dame sich erhebend:) Ah, Sie sind ein Held--ein wirklicher Held!

(Napoleon.) Pah! wirkliche Helden gibt es nicht. (Er schlendert durch

das Zimmer, ihren Enthusiasmus leicht nehmend, aber durchaus nicht

unzufrieden mit sich, ihn hervorgerufen zu haben.)

(Dame.) O ja--es gibt welche. Es ist ein Unterschied zwischen dem,

was Sie meinen Mut nennen, und dem Ihrigen. Sie wollten die Schlacht

bei Lodi für niemand andern, als für sich selbst gewinnen--nicht wahr?

(Napoleon.) Selbstverständlich! (Sich plötzlich besinnend:)

Halt--nein! (Er rafft sich ehrfürchtig zusammen und sagt wie ein Mann,

der einen frommen Dienst verrichtet:) Ich bin nur ein Diener der

französischen Republik. Ich folge demütig den Fußtapfen der Helden

des klassischen Altertums. Ich gewinne Schlachten für die

Menschheit--für mein Vaterland--nicht für mich!

(Dame enttäuscht:) Oh, dann sind Sie doch auch nur ein weibischer Held.

(Sie setzt sich wieder, den Ellbogen auf die Lehne des Sofas, die

Wange in die Hand gestützt; alle ihre Begeisterung ist gewichen.)

(Napoleon höchst erstaunt:) Weibisch?!

(Dame teilnahmslos:) Ja, wie ich. (Mit tiefer Melancholie:) Glauben

Sie, wenn ich jene Depeschen nur für mich brauchte, daß ich mich dann

ihretwegen in eine Schlacht wagen würde? Nein! wenn das alles wäre,

würde ich nicht einmal den Mut finden, Sie in Ihrem Hotel aufzusuchen.

Mein Mut ist bloß Sklaverei. Ich weiß damit für meine eigenen Zwecke

nichts anzufangen. Nur aus Liebe, aus Mitleid, aus dem Instinkt

heraus, einen andern zu retten und zu beschützen, kann ich Dinge tun,

die mich entsetzen.

(Napoleon verachtungsvoll:) Pah! (Er wendet sich geringschätzig von

ihr fort.)

(Dame.) Aha! nun begreifen Sie, daß ich nicht wirklich mutig bin.

(Fällt wieder in ärgerliche Teilnahmslosigkeit zurück.) Aber was für

ein Recht haben Sie, mich zu verachten, wenn Sie Ihre Schlachten auch

nur für andere gewinnen? Für Ihr Land, aus Patriotismus--das ist es,

was ich weibisch nenne: das ist der echte Franzose.

(Napoleon wütend:) Ich bin kein Franzose!

(Dame unschuldig:) Ich glaubte zu hören, daß Sie sagten, Sie hätten

die Schlacht bei Lodi für Ihr Land gewonnen, General Bu... soll ich es

französisch oder italienisch aussprechen?

(Napoleon.) Sie verlassen sich auf meine Geduld, Madame. Ich wurde

als französischer Untertan geboren, aber nicht in Frankreich.

(Dame kreuzt ihre Arme am Rande des Sofas und stützt sich darauf mit

einem deutlich aufflammenden Interesse:) Ich glaube, Sie sind

überhaupt nicht als Untertan geboren.

(Napoleon hocherfreut, beginnt einen neuen Spaziergang:) Sieh da! Das

meinen Sie also?

(Dame.) Ich bin davon durchdrungen!

(Napoleon.) Nun, nun, Sie mögen vielleicht recht haben. (Die

Selbstgefälligkeit seiner Beipflichtung fällt ihm selbst auf. Er hält

errötend inne und begibt sich in eine feierliche, den Helden des

klassischen Altertums nachgeahmte Pose und nimmt einen höchst

moralischen Ton an.) Aber wir dürfen niemals ausschließlich für uns

leben, liebes Kind. Vergessen Sie nie, daß wir immer an andere denken

sollen, für andere arbeiten, sie zu ihrem Besten lenken und regieren.

Selbstaufopferung ist die Grundlage aller echten Charaktergröße.

(Dame gibt mit einem Seufzer ihre Stellung wieder auf:) Daran sieht

man leicht, daß Sie sie selbst nie versucht haben, Herr General.

(Napoleon entrüstet, vergißt alles über Brutus und Scipio:) Was wollen

Sie mit diesen Worten sagen, Madame?

(Dame.) Haben Sie nicht beobachtet, daß die Menschen den Wert der

Dinge, die sie nicht besitzen, immer überschätzen? Die Armen glauben,

daß sie nichts als Reichtümer brauchten, um vollkommen glücklich und

gut zu sein. Jedermann betet Wahrheit, Reinheit, Selbstlosigkeit aus

demselben Grunde an,--weil er auf diesen Gebieten keine Erfahrung hat.

Oh, wenn Sie nur wüßten!

(Napoleon mit ärgerlichem Hohn:) Wenn Sie nur wüßten--? Ich bitte Sie,

haben (Sie) vielleicht Erfahrung darin?

(Dame läßt die Arme fallen und faltet die Hände über den Knien, gerade

vor sich hinblickend:) Ja, ich hatte das Unglück, gut auf die Welt zu

kommen. (Einen Augenblick zu ihm aufschauend:) Und ich kann Ihnen

versichern, es (ist) ein Unglück, Herr General. Ich bin wirklich

wahrheitsliebend und selbstlos und alles, was dazu gehört, aber das

ist nichts als Feigheit, Mangel an Charakter, Mangel an dem Mut,

wirklich mit aller Kraft und unbedingt sich selbst treu zu sein.

(Napoleon.) Ha! (Wendet sich rasch zu ihr um, mit einem Aufleuchten

starken Interesses:)

(Dame ernst, mit wachsendem Enthusiasmus:) Was ist das Geheimnis Ihrer

Macht? Nur, daß Sie an sich selbst glauben. Sie können nur für sich

kämpfen und siegen--für niemand sonst. Sie haben keine Angst vor

Ihrem eigenen Schicksal, Sie zeigen uns, was wir (alle) erreichen

könnten, wenn wir den Willen und den Mut dazu hätten, und das

(plötzlich vor ihm auf die Knie fallend:) ist der Grund, warum wir Sie

alle anzubeten beginnen. (Sie küßt seine Hände.)

(Napoleon in Verlegenheit:) Aber--aber--bitte, erheben Sie sich,

Madame!

(Dame.) Weisen Sie meine Huldigung nicht zurück. Sie haben ein Recht

darauf--Sie werden einst als Kaiser über Frankreich herrschen----

(Napoleon rasch:) Nehmen Sie sich in acht, das ist Hochverrat!

(Dame darauf bestehend:) Jawohl--als Kaiser über Frankreich--dann über

Europa--vielleicht über die ganze Welt... Ich bin nur der erste

Untertan, der Ihnen Treue schwört. (Küßt wieder seine Hand.) Mein

Kaiser!

(Napoleon hebt sie überwältigt auf:) Ich bitte Sie--nein, nein, Kind,

das ist Wahnsinn! Gehen Sie, beruhigen Sie sich! (Sie streichelnd:)

So, so, liebes Kind!

(Dame mit Glückstränen kämpfend:) Ja, ich weiß, daß es unverschämt ist,

Ihnen Dinge zu sagen, die Sie viel besser als ich wissen müssen.

Aber Sie sind mir nicht böse--nicht wahr, nein?

(Napoleon.) Böse? Nein, nein, nicht im geringsten, nicht im

geringsten! Gehen Sie, Sie sind eine sehr gescheite, vernünftige und

interessante kleine Frau. (Er streichelt ihre Wangen:) Wollen wir

Freunde sein?

(Dame hingerissen:) Ihre Freundin! Sie wollen mir gestatten, Ihre

Freundin zu sein? Oh! (Sie reicht ihm ihre beiden Hände mit einem

strahlenden Lächeln.) Sie sehen, ich beweise Ihnen mein Vertrauen.

(Napoleon mit einem Wutschrei und blitzenden Augen:) Was?!

(Dame.) Was ist geschehen?

(Napoleon.) Ihr Vertrauen! damit ich Ihnen dafür mein Vertrauen

schenken und Ihnen gestatte, mir mit meinen Depeschen davonzugehen--was?

Ah, Delila, Delila! Sie haben Ihre Künste an mir versucht, und ich war

ein ebenso großer Einfaltspinsel wie mein Esel von einem Leutnant. (Er

geht drohend auf sie los.) Geben Sie die Depeschen--schnell! Ich lasse

jetzt nicht mehr mit mir spaßen!

(Dame um das Sofa herumfliehend:) Herr General--

(Napoleon.) Ich sage Ihnen--rasch! (Er geht rasch durch die Mitte des

Zimmers und vertritt ihr den Weg, als sie sich gegen den Weingarten

wenden will.)

(Dame bietet ihm die Stirne wie ein gehetztes Tier:) Wie können Sie es

wagen, in diesem Tone mit mir zu sprechen?

(Napoleon.) Wagen?!

(Dame.) Ja--wagen! Wer sind Sie, daß Sie sich herausnehmen dürfen,

mit mir auf so grobe Weise zu sprechen? Oh, der niedrig geborene,

gemeine, korsische Abenteurer tritt sehr leicht bei Ihnen zutage.

(Napoleon außer sich:) Sie Teufelin, Sie--(Wild:) Zum letztenmal:

Wollen Sie mir die Papiere geben oder soll ich sie Ihnen

entreißen?--mit Gewalt! (Dame läßt die Hände sinken:) Ja, entreißen

Sie sie mir--mit Gewalt! (Während er sie anstarrt wie ein

sprungbereiter Tiger, kreuzt sie in Märtyrerstellung ihre Arme über

der Brust. Diese Geste und Pose wecken augenblicklich Napoleons

theatralischen Instinkt. Er vergißt seine Wut, um ihr zu zeigen, daß

er ihr auch im Komödienspielen gewachsen ist. Er läßt sie einen

Augenblick in Erwartung, dann hellt sich sein Gesicht plötzlich auf,

er legt die Hände mit herausfordernder Kälte auf den Rücken, sieht an

ihr ein paarmal hinauf und hinab, nimmt eine Prise Schnupftabak,

wischt seine Finger sorgfältig ab und steckt sein Taschentuch ein.

Ihre heroische Pose wird dadurch immer lächerlicher.)

(Napoleon endlich:) Nun?

(Dame verlegen, aber die Arme noch immer in Ergebung gekreuzt:) Nun,

was wollen Sie beginnen?

(Napoleon.) Ihre Pose verderben!

(Dame.) Sie roher Patron! (Ihre Stellung aufgebend, geht sie an das

Sofaende, wendet sich mit dem Rücken dagegen, lehnt sich an und steht

ihm, mit den Händen auf dem Rücken, gegenüber.)

(Napoleon.) So ist's besser. Nun hören Sie mir zu. Sie gefallen

mir--und was mehr ist, ich schätze Ihre Achtung.

(Dame.) Dann schätzen Sie, was Sie nicht besitzen.

(Napoleon.) Ich werde sie gleich besitzen. Hören Sie: gesetzt den

Fall, ich würde mich von der Achtung, die ich Ihrem Geschlecht, Ihrer

Schönheit, Ihrem Heldentum und allem übrigen schuldig bin, bestimmen

lassen. Nehmen Sie an, daß ich, obwohl nichts als solch sentimentaler

Kram zwischen diesen meinen Muskeln und jenen mir so wichtigen

Papieren stünde, die Sie bei sich haben und die ich haben will and

auch bekommen werde, nehmen Sie an, daß ich mit der Beute vor mir

schwankend werden und mit leeren Händen mich hinwegschleichen würde,

--oder, was noch ärger wäre, daß ich meine Schwäche zu verdecken

suchte, indem ich den großen Helden spielte und Ihnen den Gewaltakt

ersparte, den ich nicht anzuwenden wagte--würden Sie mich nicht aus

der tiefsten Tiefe Ihrer weiblichen Seele verachten? Würde irgendeine

Frau so dumm sein? Nun,--Bonaparte kann zeigen, daß er auch dieser

Lage gewachsen ist und, wenn nötig, unmännlich handeln darf.

Verstehen Sie mich? (Ohne ein Wort au sprechen, richtet sich die Dame

auf und nimmt ein Paket mit Briefen aus den Brustfalten ihres Kleides.

Einen Moment fühlt sie sich versucht, sie ihm ins Gesicht zu werfen,

aber ihre gute Erziehung hält sie davon ab, ihrem Herzen auf gemeine

Weise Luft zu machen. Sie überreicht sie ihm höflich und wendet bloß

den Kopf dabei ab. Im Augenblick, als er sie nimmt, eilt sie nach der

entgegengesetzten Seite des Zimmers, bedeckt ihr Gesicht mit den

Händen und setzt sich, indem sie sich umwendet und das Gesicht der

Stuhllehne zukehrt.)

(Napoleon sich an den Papieren weidend:) Ah, so ist's recht! (Bevor

er sie öffnet, blickt er nach ihr hin und sagt:) Sie entschuldigen...

(Er bemerkt, daß sie ihr Gesicht verdeckt hat.) Sehr böse auf

mich--wie? (Er bindet das Paket auf, dessen Siegel schon erbrochen

sind und legt es auf den Tisch, um seinen Inhalt zu untersuchen.)

(Dame ruhig, nimmt ihre Hände herab und zeigt, daß sie nicht weint,

sondern bloß nachdenkt:) Nein, Sie hatten recht--aber Sie tun mir leid.

(Napoleon hält in der Tätigkeit, den obersten Brief aus dem Paket zu

nehmen, inne:) Ich tue Ihnen leid--warum?

(Dame.) Ich werde sehen müssen, wie Sie Ihre Ehre verlieren.

(Napoleon.) Hm... ist das alles? (Er nimmt den Brief in die Hand.)

(Dame.) Und Ihr Glück.

(Napoleon.) Glück, meine Liebe, ist mir das langweiligste Ding von der

Welt. Wäre ich, was ich bin, wenn ich mich um Glück scherte? Sonst

noch etwas?

(Dame.) Nichts--(Er unterbricht sie mit einem Ausruf der Befriedignng;

sie fährt ruhig fort:) als daß Sie eine sehr komische Figur in den

Augen Frankreichs abgeben werden.

(Napoleon rasch:) Was?! (Die Hand, die den Brief hält, fällt

unwillkürlich herab. Die Dame blickt ihn rätselhaft an und verharrt

in ruhigem Schweigen. Er wirft den Brief hin und bricht in einen

Strom von Schmähungen aus:) Was meinen Sie damit, wie? Beginnen Sie

Ihre Kunststücke von neuem? Glauben Sie, daß ich nicht weiß, was

diese Papiere enthalten?... Ich will es Ihnen sagen. Erstens die

Verständigung über Beaulieus Rückzug... er hat ja nur die Wahl

zwischen zwei Dingen, die er tun kann, dieser dickköpfige Idiot!

Entweder sich in Mantua einschließen oder die Neutralität Venedigs

durch die Einnahme von Peschiera verletzen. Sie sind einer von den

Spionen des alten Idioten. Er hat entdeckt, daß er verraten wurde,

und hat Sie ausgesandt, um diese Nachricht um jeden Preis zu vereiteln.

Als wenn ihn das vor mir retten könnte, den alten Narren! Die

andern Papiere enthalten nur meine gewöhnliche Pariser Korrespondenz,

über die Sie nichts wissen.

(Dame rasch und geschäftsmäßig:) Herr General, lassen Sie uns ehrlich

teilen: nehmen Sie die Nachrichten, die Ihnen Ihre Spione über die

österreichische Armee gesandt haben, und geben Sie mir die Pariser

Korrespondenz--das soll mir genügen.

(Napoleon ganz atemlos über die Ruhe, mit der sie diesen Vorschlag

macht:) Ehrlich tei... (Er schnappt nach Luft.) Mir scheint, Madame,

daß Sie meine Briefe als Ihr rechtmäßiges Eigentum betrachten, dessen

ich Sie zu berauben versuche!

(Dame ernst:) Nein, bei meiner Ehre, ich verlange keinen Ihrer

Briefe--nicht ein Wort, das von Ihnen oder an Sie geschrieben wurde.

Dieses Paket enthält einen gestohlenen Brief: einen Brief, den eine

Frau einem Manne geschrieben hat, einem Manne, der nicht ihr Gatte ist,

--einen Brief, der Schande, Infamie bedeutet--

(Napoleon.) Einen Liebesbrief?

(Dame bitter-süß:) Was sonst als ein Liebesbrief könnte so viel Haß

aufrühren?

(Napoleon.) Warum wurde er an mich gesandt? Um den Gatten in meine

Gewalt zu geben--was?

(Dame.) Nein, nein--er kann Ihnen in keiner Weise nützlich sein. Ich

schwöre Ihnen, daß es Sie nichts kosten wird, wenn Sie ihn mir geben.

Er wurde Ihnen aus reiner Bosheit zugesandt--einzig und allein, um die

Frau, die ihn geschrieben hat, zu kompromittieren.

(Napoleon.) Warum hat man ihn nicht ihrem Manne geschickt? Was soll

ich damit?

(Dame vollkommen aus dem Text gebracht:) Oh! (Sie sinkt in den Stuhl

zurück:) Ich... weiß es nicht. (Sie bricht zusammen.)

(Napoleon.) Aha! ich dacht' es gleich,--ein kleiner Roman, um die

Papiere zurückzubekommen. (Er wirft das Paket auf den Tisch und tritt

vor sie hin, in zynisch guter Laune,) Per Bacco, kleine Frau! ich kann

nicht umhin, Sie zu bewundern! Wenn ich so zu lügen verstünde wie Sie,

ich könnte, mir viele Mühe ersparen.

(Dame die Hände ringend:) Oh, wie ich wünschte, daß ich Ihnen wirklich

bloß eine Lüge erzählt hätte! Dann würden Sie mir geglaubt haben!

Das einzige, was niemand glauben will, ist die Wahrheit.

(Napoleon mit roher Vertraulichkeit, behandelt sie, als ob sie eine

Marketenderin wäre:) Ausgezeichnet, ausgezeichnet! (Er legt seine

Hände hinter sich auf den Tisch und setzt sich mit in die Seite

gestemmten Armen und weit auseinander gestreckten Beinen auf den Tisch.)

Gehen Sie! Ich bin ein echter Korse in meiner Vorliebe für

Geschichten! Aber ich könnte sie besser erzählen als Sie, wenn ich

mir's angelegen sein ließe. Wenn man Sie wieder einmal fragen sollte,

warum man einen Brief, der eine Frau kompromittiert, nicht ihrem

Gatten schicken soll, dann antworten Sie einfach: Weil ihn der Gatte

nicht lesen würde.--Oder bilden Sie sich ein, Sie kleine Unschuld, daß

ein Ehemann von der öffentlichen Meinung gezwungen werden will, eine

Szene zu machen, ein Duell auszufechten, infolge eines Skandales

seinen Haushalt aufzugeben, seine Karriere zu zerstören, wenn er all

das verhindern kann, indem er sich hütet, etwas zu wissen?

(Dame empört:) Und wenn dieses Paket einen Brief über Ihre eigene Frau

enthielte?

(Napoleon beleidigt, den Tisch verlassend:) Sie werden unverschämt,

Madame!

(Dame demütig:) Verzeihen Sie mir--Cäsars Frau ist über jeden Argwohn

erhaben.

(Napoleon mit wohlerwogener Überlegenheit:) Sie haben eine

Indiskretion begangen--ich verzeihe Ihnen. In Zukunft erlauben Sie

sich aber nicht, wirkliche Personen in Ihre Romane einzuführen.

(Dame höflich eine Rede überhörend, die ihr nur eine Vernachlässigung

der guten Manieren bedeutet, erhebt sie sich, um an den Tisch zu gehen:)

Herr General,--es ist wirklich der Brief einer Frau darunter. (Auf

das Paket zeigend:) Geben Sie ihn mir.

(Napoleon grob und kurz, mit einer Bewegung, die verhindern soll, daß

sie den Briefen zu nahe kommt:) Warum?

(Dame.) Er ist von einer alten Freundin, wir waren zusammen in der

Schule; sie hat mir geschrieben und mich angefleht, zu verhindern, daß

der Brief in Ihre Hände falle.

(Napoleon.) Warum wurde er mir geschickt?

(Dame.) Weil er den Direktor Barras kompromittiert.

(Napoleon die Stirne runzelnd, sichtlich erregt:) Barras? (Hochmütig:)

Nehmen Sie sich in acht, Madame. Der Direktor Barras ist mein

treuer, persönlicher Freund.

(Dame nickt gelassen:) Ja--Sie wurden durch Ihre Frau mit ihm

befreundet.

(Napoleon.) Schon wieder! Habe ich Ihnen nicht verboten, von meiner

Frau zu sprechen? (Sie fährt fort, ihn neugierig anzublicken, ohne

diese Zurechtweisung zu beachten. Mehr und mehr erregt, läßt er seine

hochmütige Art fallen, die ihm selbst etwas lästig wird, und sagt

argwöhnisch, mit leiser Stimme:) Wer ist diese Frau, mit der Sie so

tief sympathisieren?

(Dame.) Oh, Herr General, wie könnte ich Ihnen das sagen?!

(Napoleon übellaunig, beginnt er wieder ärgerlich verwundert auf und

ab zu gehen:) Ja, ja--die eine hilft der andern--Ihr Weiber seid alle

gleich!

(Dame entrüstet:) Wir sind nicht alle gleich--nicht mehr, als Ihr es

seid! Glauben Sie, daß, wenn ich einen andern Mann liebte, ich

vorgeben würde, meinen Mann weiter zu lieben, oder mich fürchten würde,

ihm oder der ganzen Welt alles zu sagen? Aber diese Frau ist nicht

aus solchem Stoff geschaffen--sie beherrscht die Männer, indem sie sie

betrügt, und (verachtungsvoll:) sie lieben das und lassen sich von ihr

beherrschen. (Sie setzt sich wieder nieder, mit dem Rücken gegen ihn.)

(Napoleon sich um sie nicht bekümmernd:) Barras! Barras! (Wendet

sich drohend gegen sie, sein Gesicht verfinstert sich.) Nehmen Sie

sich in acht! nehmen Sie sich in acht!--hören Sie! Sie könnten zu

weit gehen!

(Dame wendet ihm unschuldig ihr Gesicht zu:) Was haben Sie?

(Napoleon.) Auf was spielen Sie an? Wer ist diese Frau?

(Dame begegnet seinem ärgerlich forschenden Blick mit ruhiger

Gleichgültigkeit und bleibt, zu ihm aufsehend, mit übergeschlagenen

Beinen sitzen und läßt den rechten Arm leicht auf der Lehne des

Stuhles ruhen:) Ein eitles, dummes, verschwenderisches Geschöpf, das

einen sehr fähigen und ehrgeizigen Mann hat, der sie durch und durch

kennt--der weiß, daß sie ihn über ihr Alter, ihr Einkommen, ihre

soziale Stellung, über alles, worüber dumme Frauen Lügen erzählen,

belogen hat,--der weiß, daß sie unfähig ist, irgendeinem Prinzip oder

irgendeinem Menschen treu zu sein, und doch nicht umhin kann, sie zu

lieben,--dessen männlicher Instinkt ihm sogar erlaubt, sie zu benützen,

um mit ihrer Hilfe bei Barras etwas zu erreichen.

(Napoleon mit einem leisen, kalt wilden Flüstern:) Das ist Ihre Rache,

Sie Katze, weil Sie mir die Briefe herausgeben mußten!

(Dame.) Unsinn! Oder halten Sie sich selbst für so einen Menschen?

(Napoleon außer sich, schlingt die Hände auf dem Rücken ineinander,

seine Finger zucken, und er sagt, während er aufgeregt von ihr fort

zum Kamin geht:) Dieses Weib wird mich noch um den Verstand bringen!

(Zu ihr:) Gehen Sie!

(Dame bleibt unbeweglich sitzen:) Nicht ohne jenen Brief.

(Napoleon.) Hinaus, sage ich Ihnen! (Er geht vom Kamin bis gegen den

Weingarten und wieder zurück an den Tisch.) Sie werden keinen Brief

bekommen--Sie gefallen mir nicht! Sie sind ein unausstehliches

Frauenzimmer and häßlich wie der leibhaftige Satan! Ich lasse mich

nicht von fremden Weibern belästigen! Machen Sie, daß Sie fortkommen!

(Er wendet ihr den Rücken zu. Sie stützt ihre Wange in die Hand und

lacht in stillem Vergnügen über ihn. Er wendet sich wieder um, ihr

ärgerlich nachahmend:) Hahaha! Worüber lachen Sie?

(Dame.) Über Sie, Herr General. Ich habe schon oft Menschen Ihres

Geschlechtes aufgebracht und sich wie Kinder benehmen sehen, aber ich

habe das noch nie zuvor an einem wirklich großen Manne beobachtet.

(Napoleon brutal, ihr die Worte ins Gesicht schleudernd:) Pah!

Schmeichelei! Schmeichelei! plumpe, unverschämte Schmeichelei!

(Dame springt mit jähem Erröten auf:) Oh, Sie gehen zu weit! Behalten

Sie Ihre Briefe, lesen Sie darin die Geschichte Ihrer eigenen Schande,

und möge sie Ihnen gut bekommen! Leben Sie wohl! (Sie geht entrüstet

zur inneren Türe.)

(Napoleon.) Meine eigene--! Bleiben Sie! Kommen Sie zurück! Ich

befehle Ihnen zu bleiben! (Sie mißachtet stolz seinen wilden

befehlshaberischen Ton und setzt den Weg zur Tür fort. Er springt auf

sie zu, faßt sie beim Handgelenk and zerrt sie zurück.) Jetzt werden

Sie mir sagen, was Sie meinen... erklären Sie sich! Erklären Sie,

sage ich Ihnen, sonst--! (Bedroht sie. Sie sieht ihn mit furchtlosem

Trotz an.) Brr! Sie hartnäckiger Teufel, Sie! warum wollen Sie eine

höfliche Frage nicht beantworten?

(Dame durch seine Heftigkeit tief verletzt:) Warum fragen Sie mich?

Sie haben ja die Erklärung.

(Napoleon.) Wo?

(Dame zeigt auf den Tisch mit den Briefen:) Dort! Sie brauchen nur zu

lesen. (Er nimmt das Paket auf, zögert, sieht sie argwöhnisch an und

wirft es wieder hin.)

(Napoleon.) Sie scheinen die Sorge um die Ehre Ihrer alten Freundin

vergessen zu haben?

(Dame.) Jetzt läuft sie keine Gefahr mehr: sie versteht ihren Mann

nicht ganz.

(Napoleon.) Soll ich den Brief also lesen? (Er streckt seine Hand aus,

als ob er das Paket wieder aufgreifen wollte, den Blick auf sie

gerichtet.)

(Dame.) Ich sehe nicht, wie Sie jetzt noch vermeiden könnten, ihn zu

lesen. (Er zieht seine Hand sofort zurück.) Oh, fürchten Sie sich

nicht. Sie werden mancherlei interessante Dinge darin finden.

(Napoleon.) Zum Beispiel?

(Dame.) Zum Beispiel: ein Duell--mit Barras, eine häusliche Szene,

einen aufgelösten Haushalt, einen öffentlichen Skandal, eine zerstörte

Karriere--allerlei interessante Dinge--

(Napoleon.) Hm! (Er sieht sie an, nimmt das Paket und betrachtet es,

spitzt die Lippen und wiegt es in der Hand, sieht sie dann wieder an,

nimmt das Paket in seine linke Hand und stellt es hinter seinen Rücken;

seine rechte Hand erhebt er, um sich am Hinterkopf zu kratzen, indem

er sich umwendet und an die Schwelle des Weingartens geht, wo er einen

Augenblick stehen bleibt und, in tiefe Gedanken versunken, nach den

Weinreben blickt. Die Dame beobachtet ihn schweigend, mit einiger

Geringschätzung. Plötzlich kommt er wieder zurück, voll Kraft und

Entschlossenheit:) Ich will Ihre Bitte erfüllen, Madame. Ihr Mut und

Ihre Entschlossenheit verdienen einen Erfolg. Nehmen Sie die Briefe,

für die Sie so gut gekämpft haben, und erinnern Sie sich hinfort daran,

daß Sie den niedrig geborenen, gemeinen, korsischen Abenteurer nach

der gewonnenen Schlacht dem Besiegten gegenüber ebenso großmütig

gefunden haben, wie er vorher im Angesichte des Feindes unerbittlich

war. (Er bietet ihr das Paket an.)

Der Mann des Schicksals: Komödie in einem Akt · 第 2 / 4 段