Kimargouel, der berühmte, ja komponierte Verfasser des »Erysichthon« und
der steilen »Agaoue«, war in seinen frühroten Tagen ein strebsamer Mensch.
Autochthon, Ureinwohner, dem 23. Bezirke Wiens entsprungen, kaufte dieser
Hellene als Obergymnasiast energisch ein Lotterielos. Während -- Ritualmord
und Pogrom -- seine arisch-mosaischen Mitschüler erbarmungslos, reihenweise
von Hannibal und dem schwitzenden Prosaiker Vergilius Tacitus
hingeschlachtet wurden, bat er egoistisch, für einen Augenblick austreten
zu dürfen, und begab sich auf die Weltreise. Mitnichten aus seiner
nachmaligen, posthumen Produktion -- weder aus dem explosionistischen
Gedichtband »Graue Spucke«, noch aus der apathischen Skizze »Vieldüstere
Barke« -- ließe sich diese Tatsache entnehmen.
Über die Pyramiden stolpernd oder hintanzend, des Aufenthalts im
paßverpesteten Mangohain satt, kehrte er heim in eine jähweiße Villa am
tollgrünen Meer »Breitensee«, das, den Herrn zu grüßen, schäumend über die
Ufer trat. Einziges Denkmal seiner Fahrten und Fahrscheinhefte ist das
einer bibliophilen Elite geweihte, bekanntlich in japanische Götterhaut
gebundene »Tagebuch eines Faulenzers«. Wer je in diesen Annalen, in den
schlohweißen, von solchem Unflat wie Druckerschwärze nirgends
angekränkelten, leeren Großfolioseiten gelesen hat, weiß, daß dieser
illuster schmale, ephebenschlanke Prachtband so was Profanes wie
Aufzeichnungen selbstverständlich nicht enthält, da dergleichen, und ganz
besonders ein Tagebuch, ja auch eines echten Faulenzers durchaus unwürdig
wäre. Irgendwo in einer geheimnisschweren Ecke allerdings, sozusagen als
Randleiste unter barocken Riesenlettern: den so wechselnden Titeln seiner
Büchlein, ist in winzigen Buchstaben die schmerzsaure Weisheit
dokumentarisch niedergelegt: »Meine Weltreise? Ich irrte im Irrfeld. Ich
fiel von A nach B!« Aber das ist doch wohl mehr biographisches Kuriosum und
keineswegs jene »-ische Reise«, die das deutsche Publikum seit Seume und
Goethe mit Recht von seinen rüstigen Lebensverklärern fordern darf. Ich
bitte Sie: ein Klassiker hat doch Verpflichtungen!
Doktor Oranke natürlich, sein mitleiderregender Verleger, durch eine
chimborassohohe Monatsrente an Kimargouels schriftstellerisches Schicksal
befestigt, entatmend vor Schreck und Scheck über die sterile Produktivität,
die von Kimargouel multimillionärisch-luxuriös projektierten
Ipunktsammlungen dieses Liebling-Autors seiner früh verwitweten Freundin,
verlor seine gütig philanthropische Gesinnung im Hasard an einen
Restauflagenkäufer. Festgelegt nun durch den unseligen Alleinbesitz von
Menschenhaßaktien, wollte Doktor Oranke der nebenbuhlerischen
Liebhaber-Ausgabe, dem ansonst für letale Phthisis sich entscheidenden
Kimargouel kein zweites Leben vorschießen. Kimargouel blieb nichts übrig,
als sich in einem deutsch-österreichischen Prytaneum ausspeisen zu lassen
und daran zu verhungern; er verhustete ratenweise, aber in sparsamen Dosen
seine sanft eiternden Lungenflügel. Im Endtraum bat ihn keuchend ein
herkulischer Dienstmann aus der Wurlitzergasse, der geile Riese Atlas, für
einen Augenblick austreten zu dürfen und setzte ihm das Firmament ins
Genick. Unter diesem massiven Zylinder währte die Todesangst und Agonie,
das Aussterben Kimargouels vom 29. Februar bis zum 1. April -- wie
jedermann aus dem ithyphallischen Wortnachlaß weiß, aus der soeben in
mehreren Exemplaren erscheinenden Reim-echolalie »Rast unter der
Himmelslast«.
Den letztgenannten Tag verbrachte Kimargouel in hellsichtiger Anschauung
seines Skeletts, die Knochen zählend.
Sein Ultimo, sein sonderbarer Lebensabend, sein stilgemäßer Eingang ist
wohl allen noch in schwermütiger Erinnerung. Wie der Gefeierte, plötzlich
wie ein Expressionist, tatsächlich stockend, aber doch rhythmisch aus
seiner trauerschwarzen Waldvilla kongenial hinanschritt und antikisierend,
ovidische Metamorphose, sich scheinbar wandelnd überging und entschwand in
eine von unbedruckt-schlohweißen Plakatüberklebseln bedeckte Litfaßsäule,
die allsogleich ein mißfarbig schwarzer Aussatz umzog; enträtselt wurden
nur Annoncen seiner Bücher und die in einer merkwürdigen Antiquafraktur
abgesetzten mystischen Urworte »Enschedé en Zoonen«.