Am nächsten Morgen hatten die Brüder eine längere Aussprache. Wolf
hielt auf die Anschuldigungen Jürgens diesem sofort entgegen:
»Du zwingst mich durch dein fortgesetztes Überwachen zu törichten
Ausreden, die mir selbst zuwider sind. Zieh aber keine krause Miene,
wenn ich zuweilen den Tagesdienst für ein paar Stunden satt habe.«
»Wolf! Es ist doch unser Geschäft! Das deine -- wie das meine. --
Haben wir nicht die verdammte Pflicht, jeder unser Bestes dafür
einzusetzen? Sollen deine Nachkommen einst sagen: ›Die Firma
Plüddekamp hat früher besser dagestanden!‹ Wird der Konkurrenzkampf
nicht täglich, ja sogar stündlich gewaltiger? Können doch bereits
in Stunden Gewinne verloren gehen, sogar Verluste entstehen. Die
Nichtbeachtung eines späten Telegramms kostet unter Umständen
Tausende. Man muß daher in einem derartigen Geschäftsbetriebe
fortgesetzt auf dem Posten sein! Nur durch energische Arbeit,
gepaart mit scharfem kaufmännischem Verstande, ist heute noch ein
Vorwärtskommen möglich -- und vorwärts wollen wir!«
Wolf hatte die Worte des Bruders ruhig über sich ergehen lassen.
Seine lebhaften blauen Augen irrten ein paar Sekunden an der
gegenüberliegenden Wand ziellos umher.
»Du hast mir dies schon häufiger gesagt und bist in deinem Recht,
Jürgen!« erwiderte er dann, und der Ton seiner Stimme vibrierte leise.
»Ich besitze aber auch das meine, und es lautet etwas anders: das
Leben ist nicht nur -- Arbeit, nicht nur -- Drang nach Kapitalbesitz!
Das Leben verlangt auch gebieterisch, einer inneren Stimme zu genügen.
Der eine Mensch drückt seinen Wert nur in Zahlen als Guthaben auf
dem Bankkonto aus, er ist nach amerikanischem Muster bei seinen
Mitmenschen -- fein-fein. Den andern aber, dem nicht nach weiterem
Vermögen verlangt, treibt es -- das Schöne auf der Erde zu suchen und
es an sich zu reißen, wo er es auch finden mag. Er ist ein Mensch, der
sich noch ein Stück Idealismus bewahrt hat und Zahlen nicht schätzt,
er ist in euren Augen ein -- Abtrünniger --«
»Wolf -- kein Wort weiter!« Jürgen hatte es heftig ausgerufen. Auf
seiner Stirn schwoll die Zornesader der Plüddekamp dunkelblau an.
»Unser Vater hat es gewünscht, daß ich dich ins Geschäft aufnehmen
sollte. Er kannte meine Abneigung, eine Ehe einzugehen! Meine Familie
waret ihr, -- Herta und du! Habe ich je etwas in der Sorge für euer
Wohl verabsäumt? Nun wuchern deine Vorwürfe wie schwarzes Mutterkorn
in vollreifen Ähren. Das darf nicht sein, Wolf. Sonst --«
»Nun, sonst?« fragte Wolf gereizt.
Jürgen Plüddekamp richtete seine strengblickenden Augen fest auf den
jungen Mann, aber sein Mund blieb geschlossen. Er sprach ein hartes
Wort, das er gedacht hatte, nicht aus. Erst nach einer geraumen
Weile, als die Frühpost hereingebracht wurde und Prokurist Armin die
Anordnungen entgegennehmen wollte, sagte er plötzlich:
»Es ist heute ein schöner Herbsttag. Graf Thadden-Bützenbrück verlangt
einige tausend Zentner bestgereinigten Roggen zur Aussaat! Willst du
mit ihm verhandeln, Wolf? Er ist einer unserer guten Kunden. Bleibe
nur zu Tisch dort, du erhältst sicher eine Einladung.«
Wolf schaute zur Straße hinaus. Die goldenen Sonnenstrahlen tummelten
sich dort auf den Pflastersteinen umher, blitzten auch zuweilen auf
den starken Stahlbändern des Lastautos auf, das soeben nach den
Speichern auf der Lastadie abfahren sollte. Es zog ihn mächtig
hinaus, -- nur fort aus der dumpfen, ihn bedrückenden Kontorstube! --
»Gut! Ich werde hinausreiten!« erwiderte er dann, und auf seinem
Gesicht begann ein freundliches Lächeln zu entstehen. »Ich habe also
Urlaub für den ganzen Tag -- sollte jedoch Graf Thadden nicht anwesend
sein oder mich nicht einladen --«
»Ausgeschlossen, Wolf! Übrigens reite dann weiter zum Oberamtmann
Wichers. Sage ihm einen Gruß von mir und -- horche einmal, wie hoch
die Lieferung ausfallen wird. Von seinem Boden kommt immer das vollste
Korn. Wichers ist einer unserer besten Landwirte. -- Wir können ihm
ruhig etwas mehr zahlen. Wichers Roggen -- schüttet Gold.«
»Ja, Jürgen! Zu Wichers reite ich noch auf alle Fälle. Wenn ich auch
erst in der Nacht zurückkehren kann. Die Landstraße hat einen guten
Sommerweg. -- Herr Armin,« wandte er sich an den Prokuristen, »ich
möchte die Proben für Graf Thadden mit der heutigen Preisnotierung
haben.«
Der Prokurist verließ sofort das Privatkontor, um das Gewünschte zu
holen.
»Jürgen -- du bist doch ein guter Kerl,« fuhr Wolf fort, »und meine
Worte von vorhin tun mir eigentlich leid. Du hast mich mit edler Waffe
geschlagen. Ich bringe heute todsicher ein gutes Geschäft zustande.
Am Abend spiele ich mit Lieschen Wichers vierhändig Klavier. -- Du
sagst es Herta bei Tisch, damit sie nicht mit dem Abendbrot auf mich
wartet. Und dann -- laß meine Flunkerei Jochen nicht entgelten. Ich
hatte ihn gestempelt, -- der brave Alte konnte nicht anders.«
Jürgen lachte aus vollem Halse.
»So will ich dich haben, mein Wölfchen! Nun gefällst du mir wieder,
und ich werde von heute ab den bösen Mentor einengen, wo und wie ich
es nur kann.« --
Eine halbe Stunde darauf schwang sich Wolf Plüddekamp in elegantem
Reitanzug aufs Pferd. Man sah ihm dabei sofort den flotten Reiter an.
Jürgen ging zu Wolf hinaus und klopfte den schlanken Hals des
prächtigen Fuchses mit seiner kräftigen Hand. Das Blutpferd wurde
unruhig und trat hin und her.
»Verliere die Proben nicht, Wölfchen! Du hast sie nur lose in die
Seitentasche gesteckt.« Der Fuchs wollte anspringen und kaute heftig
auf dem Gebiß. -- »Warte noch einen Augenblick, -- ich knöpfe dir die
Tasche zu,« und als dies geschehen, fuhr er fort: »Nun bist du sicher
-- und kannst so stark traben, wie du willst! Vergiß nicht, Wichers zu
grüßen.«
Der feurige Fuchs ließ sich nicht länger zurückhalten und machte
einige kräftige Sprünge. Wolf saß fest im Sattel und hatte ihn sofort
wieder am Zügel. Er grüßte mit der Reitpeitsche und trabte die Straße
hinunter, um bald auf dem weichen Reitweg der nahen Anlagen zu
verschwinden.
Jürgen schaute ihm eine Zeitlang nach.
»Allzu scharf macht schartig! Ich will ihm die Zügel etwas länger
lassen. Er kommt schon allein wieder auf das Richtige zurück,« dachte
er bei sich, als er in das Kontor ging, um noch einige Anordnungen zu
erteilen.
* * * * *
Wolf ließ den Fuchs dahintraben. Das Gefühl von Jugend und Kraft,
das ihn beseelte, brachte die glücklichste Stimmung in ihm hervor.
Lieschen Wichers war ein liebes Mädchen, ein echtes zukünftiges
Hausmütterchen, -- gut erzogen, ein wenig musikalisch, und hatte
oft lustige, schalkhafte Einfälle. Sobald sie vierhändig Klavier
spielten, schaute sie ihn neckisch an. Der Oberamtmann konnte sich
natürlich keinen besseren Schwiegersohn wünschen, seine Tochter keinen
hübscheren Mann. Wolf Plüddekamp entflammte die Herzen aller jungen
Mädchen in der Umgegend, mit deren Vätern seine Firma geschäftliche
Beziehungen pflegen mußte.
Sein Bruder sandte ihn deshalb gern zu neuen Abschlüssen. Jeder
töchterreiche Vater hoffte im stillen auf Absichten dabei, und Kauf
wie Verkauf wickelte sich schneller ab als sonst. Lieschen Wichers
war Wolf bisher ganz sympathisch gewesen, er hatte sogar manchmal
weiter gedacht und sich geprüft, ob sein Puls in ihrer Nähe schneller
schlage. -- Leider geschah es nicht, trotz der frischen Farben auf
ihren Wangen. Wie dies nur zuging? Es fehlte etwas, das er sofort in
den Augen auf Ilse Hergenbachs Bild erkannte. Ein unbewußt Anziehendes
-- ein tolles Aufjauchzen vor Lust, und doch dabei ein tiefes
Insichgekehrtsein und Zurückbeben -- miteinander streitende Gefühle,
die jede Fiber des Körpers erregten. Wie kam dies alles nur in die
Augen hinein? Es mußte sich ihm bald zeigen. Er wollte es ergründen,
es kennen lernen. Würden Körper und Seele bei ihr schon soweit
entwickelt sein, um alle Fragen beantworten zu können? -- Er erwartete
den Tag der Ankunft Ilse Hergenbachs mit größter Spannung -- alles
andere war ihm gleichgültig geworden. Klavierspiel, -- wie alltäglich!
Jetzt kam etwas Aufrüttelndes, er sehnte die Stunde herbei, in der er
endlich anfangen würde, es zu erleben. -- --
Jürgen und Herta saßen noch bei einer Partie Schach, als er spät in
der Nacht heimkehrte.
»Tee und Sandwiches stehen für dich bereit, Wölfchen,« sagte Herta
freundlich. »Du wirst sicher noch einen verborgenen Hunger haben,
trotz der kräftigen Hausmannskost bei Oberamtmann Wichers. Hat nicht
Fräulein Lieschen ihre Gänsesülze besonders gelobt?«
»Erraten, Herta! Aufs Tüpfelchen erraten! -- Spielt nur eure Partie zu
Ende, -- ich stärke mich einstweilen. Nach dem zweistundenlangen Trabe
revoltiert der Magen wirklich noch einmal!«
»Nun -- Wölfchen?« schaute Jürgen ihn fragend an, »Gutes erreicht?«
»Du wirst mit mir zufrieden sein, Jürgen. Ich bin genau deinem Rate
gefolgt. Graf Thadden hat Sorte B gekauft, -- längeres Ziel als sonst.
Hm, darüber müssen wir noch reden. Sein Sohn hat etwas zu kräftig
verbraucht. Komtesse Marie verriet es mir.«
Jürgen lächelte.
»Ein längeres Ziel macht nichts aus. Bützenbrück hat vortrefflichen
Boden, der eine Scharte rasch wieder auswetzt. Der junge Graf schlägt
über die Stränge. In Berlin verpulvert sich ein brauner Schein sehr
schnell, wenn man Graf ist und den alten Namen glänzend vorstellen
will.
Manchmal reicht kein Vermögen hin. Der alte Graf legte als
vorsichtiger Mann die Mitgift für Komtesse Marie auf der Reichsbank
fest; -- der junge Graf sorgte dafür, daß sie wieder abgehoben wurde.«
»Bei Wichers war es gemütlich wie immer,« erzählte Wolf mit
Unterbrechung, indem er einige Sandwiches verzehrte. »Er kann
zehntausend Zentner mehr liefern, als er gedacht hat. Die Proben
habe ich mit. Als die Preisfrage besprochen wurde, kam Lieschen
Wichers dreimal ins Zimmer hinein, und dabei gelang es mir richtig,
einige Prozent Skonto abzuhandeln. Es ist über tausend Mark, und der
Oberamtmann zog ein Gesicht, als wir die Abschlußnotizen in unseren
Büchern vornahmen. -- -- ›Sie sind schlimmer als Ihr Bruder,‹ meinte
er. Beim Abendessen fuhr er aber ein paar alte Flaschen Rheinwein auf
und lud mich ein, bald wieder herauszukommen.«
»Wirst du es tun, Wölfchen?« fragte Herta, vom Spiel aufsehend. Sie
hatte soeben einen Springer günstig aufgestellt und hoffte Jürgen mit
ein paar weiteren Zügen matt zu setzen.
»Vielleicht!« antwortete Wolf gleichgültig. »Wie's Wetter wird. Es ist
immer ein starker Ritt für den Fuchs nach Wershagen. Der Gaul spürt
es ein paar Tage in den Knochen.« -- Der junge Mann ließ sich den
Nachtimbiß weiter munden.
Herta und Jürgen vertieften sich in ihre Partie, die anscheinend dem
Ende zuging. Der Sieg schien sich, auf Hertas Seite zu neigen.
»Wölfchen -- komm her! Jetzt kann Jürgens König nicht mehr entweichen
-- seit langer Zeit gewinne ich einmal --«
»Noch -- nicht,« warf Jürgen gedehnt ein.
Er sann einige Minuten nach. Man sah förmlich, wie die Pläne in seinem
Kopfe entstanden, so ausdrucksvoll gestalteten sich seine Züge. Dann
ging das Spiel fort. Herta wurde in kurzem vollständig matt gesetzt.
»Bravo Jürgen! Es waren Meisterzüge! Der blinde Neid muß dir dies
lassen!« rief Wolf ihm zu.
»Gräm dich nicht darum, liebe Herta,« lächelte Jürgen freundlich. »Wir
sind nun einmal das stärkere Geschlecht.« --