»Unser jahrelanges stilles Zusammenleben erfährt durch dein Vorhaben
eine wesentliche Veränderung, Herta. Hast du es dir reiflich
überlegt?« fragte Jürgen Plüddekamp und gab seiner Schwester die
Photographie eines jungen Mädchens zurück, die er lange betrachtet
hatte.
»Ich kann meiner Freundin die Bitte nicht abschlagen,« erwiderte Herta
Plüddekamp. »Warum soll ihre Tochter nicht bei mir die Hauswirtschaft
erlernen? Es schadet nicht, wenn ein junges Mädchen mehr Leben bei uns
hineinbringt.«
»Du hast vollkommen recht, Herta,« fiel Wolf Plüddekamp, ihr jüngerer
Bruder, eifrig ein. »Ich bin sehr dafür, Ilse Hergenbach aufzunehmen.
Nach dem Bilde muß sie eine interessante Erscheinung sein.«
»Ilse war bereits in einem Dresdner Pensionat. Sie malt, spielt
Klavier und hat überhaupt künstlerischen Sinn,« erklärte Herta weiter.
»Famos! So wird in unserer Unterhaltung über das ewige
Kaufmannseinerlei endlich eine angenehme Abwechslung entstehen!« rief
Wolf erfreut aus.
Jürgen Plüddekamp, ein großer, breitschultriger Mann von etwa vierzig
Jahren, dessen Haar und Vollbart einen rötlichblonden Schimmer zeigte,
schüttelte unwillig den Kopf, ehe er begann:
»Die völlige Ruhe im Hause ist für mich eine Hauptbedingung. Darin
erstarkt die Schaffenskraft. Natürlich wird dies sofort anders sein,
wenn ein junges Mädchen hier herumtollt und unser tägliches Geleise
stört.«
»Herumtollt? -- Du drückst dich stark aus, Jürgen! Sei nicht so
selbstsüchtig,« hielt ihm Herta vor. »Ich schlug um deinetwillen die
Hand unseres Freundes Martens aus. Du weißt, welchen inneren Kampf
es mich gekostet hat und wie ich frühzeitig zu ernst geworden bin.
Verhindere jetzt, bitte, nicht, daß durch Ilse eine fröhlichere
Lebensauffassung in unsern engen Kreis gelangen kann!«
»Wieso? Ist unser Wölfchen mit seinen sechsundzwanzig Jahren
nicht genug junges Blut im Hause, Herta? Ich sollte meinen, deine
schwesterliche Liebe hat sehr zu tun, um ihn etwas im Zaume zu halten.«
Jürgen stand von dem Mittagessen auf und brannte sich eine kräftig
ausschauende Zigarre an. Beide großen, starken Hände in die
Hosentaschen steckend, stellte er sich vor Herta hin, die den
Nachmittagskaffee einschenkte. Die Geschwister tranken diesen sofort
nach der Mahlzeit. Jürgen und Wolf zogen sich dann bis zum Abend
in die im Parterre des alten Kaufherrnhauses gelegenen Kontorräume
zurück, während Herta meistens eine energische Tätigkeit für
Frauenvereine und deren Veranstaltungen entfaltete.
Alle drei liebten sich zärtlich, obwohl Jürgen nur ein Halbbruder war.
Der verstorbene Geheime Kommerzienrat Plüddekamp hatte zwei Frauen
gehabt. Die Mutter von Herta und Wolf ruhte ebenfalls seit Jahren in
dem großen mit schwedischem Granit ausgelegten Erbbegräbnis der alten
Kaufmannsfamilie.
»Laß doch Wolf seinen Jugendmut!« trat die Schwester jetzt für diesen
ein. »Es gibt noch andere Lebensaufgaben, als nur Weizen, Roggen und
Gerste zu prüfen und neue Grassorten aufzustöbern. Wir sollen nicht
vergessen, die idealen Güter der Menschheit zu pflegen.«
Jürgen ließ als Antwort ein kurzes kräftiges Lachen ertönen.
»Das Korn hat uns groß und reich werden lassen, Herta. Haus Plüddekamp
ist seit hundert Jahren das erste Getreidegeschäft in Stettin. Die
vornehmen Standesherren rechnen es sich zur Ehre an, nach Abschluß
des Geschäftes das Frühstück an unserem Tische einzunehmen. Wir
unterstützen die Landwirtschaft mit beträchtlichen Summen. Mancher
Großgrundbesitzer hätte ohne uns Haus und Hof verlassen müssen,
wenn wir in schlechten Jahren nicht eingesprungen wären. Wolf kann
eines Tages ruhig um eine Gräfin anhalten und wird im Ansehen nicht
zurückstehen.«
»Ich gönne dir dein starkes Selbstbewußtsein, lieber Jürgen! Du
erzogst auch mich dazu. -- Unser Wölfchen aber soll bei der strengen
Pflichterfüllung an deiner Seite nicht versauern und das Leben
genießen.«
»Wahr gesprochen, Goldschwester! Du hast mich nicht für Kornkammern
und kleine Komtessen bestimmt, und ich werde sicherlich einem
ganz bürgerlichen Menschenkinde die Hand reichen. Es muß nur
einen flotten Morgengalopp im Freien lieben, sich mit mir über
die ›Dollarprinzessin‹ freuen, danach einer kalten Veuve Cliquot
huldigen und mich über den neuesten Roman unterhalten können.
Beileibe aber darf sie kein Wort über Ernteerträgnisse, Kornzölle
und Grassamenbedarf fallen lassen! Dafür ist tagsüber Jürgen allein
maßgebend.«
»Spotte nur, Wölfchen!« erwiderte Jürgen, und seine Augen ruhten
dabei wohlwollend auf der schlanken, biegsamen Gestalt des jüngeren
Bruders. »Wirst du erst mein Alter erreicht haben, so pfeifst du dein
Lied etwas anders.«
»Nun, und -- Ilse?« wandte sich Wolf hastig zu Herta, als er sah,
daß diese die Photographie in den Umschlag des erhaltenen Briefes
zurücksteckte.
»Sie wird in etwa acht Tagen eintreffen, wie mir Frau Hergenbach
schreibt, und will nur ihren Geburtstag noch daheim verleben,«
erwiderte die Schwester.
»Hm,« machte Jürgen gedehnt. »Sie ist also erst knapp achtzehn Jahre
alt?« Er trank seine Tasse Kaffee stehend aus und wollte fortgehen,
gab sich jedoch noch selbst vorher die Antwort auf seine Frage, indem
er weitersprach: »Eine neue Generation -- ein Kind der Jetztzeit! Das
vorige Jahrhundert klebt ihm nicht mehr an. Es weiß nichts mehr von
ihm, als daß damals rückständige Menschen lebten. Liebe Schwester
Herta, wäre nicht Hergenbachs Brennerei in Nordhausen ein guter Kunde
von uns, ich würde die Annahme dieser Gegenlieferung gern verweigern.«
Er schloß bei den letzten Worten die hohe dunkle Tür hinter sich, und
seine starken Schritte hallten durch den großen Treppenflur des alten
Hauses.
Wolf blieb noch einen Augenblick bei der Schwester zurück.
»Jürgen ist nun einmal allen Neuerungen feind. Die Vaterstelle,
die er an uns beiden vertreten, läßt ihn auch jetzt seine Fürsorge
übertreiben.«
»Leider,« seufzte Herta leicht auf. »Ich habe mit ihm deshalb manchen
hartnäckigen Streit durchfechten müssen. Er will keine andere Ansicht
als die seine hören. Schließlich aber gibt er mir doch nach.«
»Zeig mir noch einmal das Bild von Ilse Hergenbach, Herta,« bat Wolf.
Die Schwester sah ihn einen Augenblick etwas erstaunt an. Sie zog
alsdann die Photographie aus dem Briefumschlag hervor und reichte sie
ihm.
Die lebhaften blauen Augen des jungen Mannes blieben eine Zeitlang
darauf haften.
»Die Züge sind nicht regelmäßig, aber die Augen -- -- in ihnen liegt
außerordentlich viel, Herta! Sie verlangen, daß man hineinschaut, und
je länger man es tut, desto vertiefter wird ihr Ausdruck.«
»Ei, ei!« drohte die Schwester mit dem Finger, »gib schnell das Bild
her, es verhext dich sonst.« Sie ließ es rasch wieder verschwinden
und fuhr dann in ernstem Tone fort: »Du fängst wirklich etwas schnell
Feuer, Wölfchen.«
»Ich denke nicht daran, Herta! Das flüchtige Interesse für eine
Photographie will doch nichts bedeuten! Man kann wohl in manchen
Augen Romane lesen, aber diese dort, die du schleunigst hast wieder
verschwinden lassen, -- sind noch ohne Geschichte --«
»Vielleicht liegt aber die Erwartung einer solchen in ihnen -- und
das darf nicht sein, Wolf. Ich trage die Verantwortung dafür, und du
willst sie mir doch nicht erschweren? -- Wir verplaudern uns aber --
geh hinunter! Du weißt, Jürgen liebt es nicht, wenn du bei der Öffnung
der eingegangenen Nachmittagspost fehlst.«
»Dieser ewige Zwang, Herta! Genau auf die Minute anfangen und --
aufhören, wenn der letzte Laufbursche das Kontor verläßt. Ich dürste
geradezu nach Erlösung von diesem Büroleben -- nach der Freiheit im
Fühlen, Denken und Handeln! Jürgen hätte mich nicht zwingen sollen,
in dem alten Geleise mitzutraben. Ich bin kein Paßpferd für ihn. Nun
ist es zu spät, etwas anderes zu ergreifen. -- Heute nachmittag kommen
Lieferungen für den Export, die erst in den Trieuren gereinigt werden
müssen. Den Staub dabei zu schlucken -- einfach schauderhaft! Der
Lagerhausinspektor kann aber nicht überall zugegen sein -- so heißt
es: ›Wölfchen -- du siehst natürlich nach -- wir müssen absolut reine
Ware haben.‹ -- Adieu, Schwester --« endete der junge Mann die ernst
begonnene Rede mit lautem Lachen und rief noch von der Tür zurück:
»Für den Abend, an dem Ilse eintrifft, halte ich mich frei und gehe
nicht ins Theater.«
Herta war allein. Sie ließ die elektrische Klingel ertönen, und sofort
erschien ein sauber gekleidetes junges Mädchen mit einem weißen
Häubchen auf dem Haar, das den Eßtisch abräumte.
Das letzte Stäubchen mußte entfernt sein, ehe Herta das Speisezimmer
verließ. Sie waltete mit einer Sorgfalt ihres Amts, die von den
Brüdern bewundert wurde.
Im Plüddekampschen Hause ging es musterhaft zu, und Frau Hergenbach,
eine ältere Freundin Hertas, wollte darum, daß ihre Tochter gerade
dort die Pflichten der Hausfrau erlernen sollte.
Dies Kapitel war nicht einfach. Heute verstehen die jungen Mädchen
alles eher, als die Führung eines Haushaltes, -- ›unmoderne Arbeit‹
lautet die Bezeichnung dafür. Wozu gibt es geschulte Stützen der
Hausfrau, die alle Fächer erlernt haben? Es ist immer noch Zeit,
sich diese Kenntnisse nebenbei anzueignen, inzwischen muß aber die
Jugend genossen werden. Das überschäumende, prickelnde Dasein in der
Werdezeit hat für ernste Dinge so wenig Raum.
Herta sann nach. Ob Ilse Hergenbach sich ihren Wünschen und
Anforderungen unterziehen würde? Das junge Mädchen kam aus dem
hochpulsierenden Leben Dresdens; würde es sich in den großen, dunklen
Räumen des altertümlichen Hauses wohl fühlen?
Die vorgefaßte Meinung des älteren Bruders gegen Ilse Hergenbach, --
und wiederum die lebhafte Art Wolfs, dessen Herz sogleich unruhig
wurde, wenn ihn ein schönes Frauengesicht fesselte! Der arme Bursch,
er fühlte alles stark und tief, immer sprach das innere Leben bei ihm
mit, so viel er auch scherzte und sich harmlos in seiner Bahn bewegen
wollte. Jürgen, der klare, einfache Verstandesmensch, war besser daran.
Herta befand sich plötzlich in ihrem Zimmer dem großen Wandspiegel
gegenüber und warf einen Blick hinein. Sie war eine stolze, vornehme
Erscheinung. Mit dem einfach gescheitelten Haar, den frischen Farben
auf den Wangen und den klaren Augen konnte sie wohl noch gefallen
und jene Sympathie dabei hervorrufen, die Frauenwürde beanspruchen
darf. Nur um den feingeschnittenen Mund lag ein Hauch von Herbheit,
etwas Fremdes, das zerstörend in die Gesichtslinien eingriff. -- Der
Verzicht auf eigenes Glück sprach daraus, -- die Beendigung eines
langen Seelenkampfes.
Sie kleidete sich jetzt rasch zum Ausgehen an, um ihre Pflichten im
Frauenverein zu erfüllen. Ehe sie aber das Haus verließ, gab sie
ihren Mädchen noch bestimmte Anweisungen.
Die hohen Wohnräume lagen in völliger Stille da. Von den
holzgeschnitzten Decken herab, aus den heimlichen Winkeln und Ecken
hervor ertönte ein kaum hörbares Flüstern und Raunen. Die kleinen
Hausgeister hielten ihre Zwiesprache ab. Jahrhunderte stand Haus
Plüddekamp fest in seinen Mauern und hatte allen Stürmen getrotzt.
Es zeigte die altfränkische Einfachheit der Vorfahren, den ruhigen,
lauterdenkenden Geist früherer Kaufherren. Die spöttelnden Blicke
moderner Menschenkinder prallten von dieser Kraftfülle ab, oder
sie flatterten scheu darüber hinweg, weil sie ein Verstehen alter,
vornehmer Zeit nicht mehr in sich vorfanden.
Das stolze Haus mit seinem hohen Giebel nach der Straße, dem malerisch
vorspringenden Erker, der mächtigen Toreinfahrt sprach deutlich
zu jedem, der es vernehmen wollte. Der Erker gehörte zu Jürgens
Schreibzimmer, dessen ganze innere Einrichtung schwer massiv und
altertümlich war. Nur das elektrische Licht und das Telephon hatte
sich den Eingang erzwungen. Schon Urahne, Großvater und Vater gaben
sich hier nach den täglichen Geschäftssorgen der Muße hin. Die
Hausgeister waren in diesem Zimmer am lautesten. Sie begannen in dem
entstandenen tiefen Dunkel ein ungezogenes Lärmen.
»Jürgen! Jürgen! Jürgen!« summte es hin und her. Jürgen Großvater,
Jürgen Vater, Jürgen Sohn -- alle groß, stark, von festem,
unbezwingbarem Willen getragen. Sie hingen in goldumrahmten Bildnissen
an der Wand, und die Lichtwellen der Straßenbeleuchtung huschten
zuweilen darüber hinweg.
Scharf umrissene Charakterköpfe, die nicht im Eisenpanzer gekämpft,
aber mit rastloser Tatkraft gearbeitet hatten, um den Namen und
Glanz der alten Firma zu begründen. Jürgen Plüddekamp, der Enkel,
hing bereits dort, sich den Vorfahren in allen Eigenschaften des
gediegenen, ehrenhaften Kaufmanns anreihend. Nur Wolf Plüddekamp
fehlte noch, und als sein älterer Bruder ihn eines Tages bewegen
wollte, einem Porträtmaler zu sitzen, sträubte er sich heftig dagegen.
»Ich bin noch zu jung, um abkonterfeit zu werden! Die Ölfarben für
mich sind noch nicht gemischt!« erwiderte er lachend.
Jürgen schaute ihn nach diesen Worten lange an. Wolf hatte recht;
seine sonnig-lächelnden, jugendlichen Züge paßten nicht in die Reihe
der ernstblickenden Gesichter der Vorfahren hinein. Er aber, Jürgen,
-- warum hing er schon zehn Jahre dort? Die mächtige weiße Stirn, der
kräftige Nasenrücken hatten ihm schon mit dreißig Jahren das Äußere
eines vollgereiften Mannes gegeben. Seit jener Zeit veränderte er sich
wenig. Der Geheime Kommerzienrat Jürgen Plüddekamp stellte seinen
ältesten Sohn mit achtzehn Jahren in dem Geschäft an. Drei Jahre
später wurde dieser bereits Teilhaber. Jürgen war also von Jugend auf
mit der Firma verwachsen -- und hatte für nichts anderes Gedanken
gehabt. Diese zu hüten, zu fördern, wachte er am Morgen auf, legte er
sich abends nieder.
»Jürgen! Jürgen! Jürgen!« summte es weiter an den Wänden. »Habt ihr
nicht über Arbeit und Geldaufhäufen -- das Leben vergessen? Nun ist
ein Sproß des alten Hauses gekommen, der nach dem Sonnenlicht der
Daseinsfreude Verlangen empfindet. Was kann daraus entstehen?«
Ein Lichtstrahl erhellte die alten Jürgengesichter -- ihre Augen
schauten streng in das sie umgebende Dunkel hinein. »Nicht die
vorgezeichnete Bahn verlassen,« war in ihnen zu lesen.
Langsam verschwand das Licht. Leise erstarb das summende Geräusch.
Totenstille ringsum. -- --