Fritz Brehmer
Nebel der Andromeda
Nebel der Andromeda
Das merkwürdige Vermächtnis eines Irdischen.
Von
Fritz Brehmer
Sechstes bis zehntes Tausend
L. Staackmann Verlag / Leipzig / 1920
Alle Rechte vorbehalten
Für Amerika: Copyright 1920 by L. Staackmann, Leipzig
Druck von C. Grumbach in Leipzig
»Es ist zwar ein befremdlicher und dem
Anscheine nach ungereimter Anschlag, nach
einer Idee, wie der Weltlauf gehen müßte, wenn
er gewissen vernünftigen Zwecken angemessen
sein sollte, eine _Geschichte_ abfassen zu
wollen; es scheint, in einer solchen Absicht
könne nur ein _Roman_ zustande kommen. Wenn
man indessen annehmen darf, das die Natur
selbst im Spiele der menschlichen Freiheit
nicht ohne Plan und Endabsicht verfahre, so
könnte diese Idee doch wohl brauchbar werden;
und ob wir gleich zu kurzsichtig sind, den
geheimen Mechanism ihrer Veranstaltung
durchzuschauen, so dürfte diese Idee uns doch
zum Leitfaden dienen, ein sonst planloses
Aggregat menschlicher Handlungen, wenigstens
im großen, als ein System darzustellen.«
_Imm. Kant_: »Idee zu einer allgemeinen
Geschichte in weltbürgerlicher Absicht«.
Ein Kapitän, der einige Jahre in den westindischen Gewässern kreuzte,
traf dort, und zwar in Venezuela, mit einem Manne zusammen, dessen
Erlebnisse zu dem Sonderbarsten zählen, von dem man gehört haben dürfte,
und der auch sonst in seiner Persönlichkeit weit ab von den Bezirken des
Alltäglichen stand.
Eine Verkettung von Umständen ließ den Kapitän in den Besitz der
merkwürdigen schriftlichen Hinterlassenschaft des Mannes gelangen, und
gab damit die Lösung eines geheimnisvollen Rätsels, über das hier
berichtet werden soll, in seine Hände. --
Nachdem der Kapitän schon einige Male den venezolanischen Hafenplatz
Porto Cabello angelaufen hatte, kam ihn dort eines Tages der Wunsch an,
eine Wanderung in die Vorberge zu unternehmen, aus welchen der den Hafen
bildende Fluß in einem Tale fließt, dessen wildromantische Schönheit
sowohl wie seine Fruchtbarkeit sehr gerühmt werden.
Zwar befand sich das Land gerade wieder mitten in einer der dort
üblichen Revolutionen, und ein Dutzend Meilen landeinwärts, beim Flecken
San Felipe, war einige Tage zuvor gar eine Art von Schlacht geschlagen
worden. Aber um den Hafen herum sollte noch alles ruhig sein.
Es empfahl sich also die Zeit zu nutzen, ehe die Kämpfe auch hierher
übersprangen und das Spazierengehen in den Bergen unmöglich machten. --
Der Weg hat seine eigne Schönheit. Nach einer etwa einstündigen, recht
heißen Wanderung durch die leichtansteigende Ebene gelangt man in den
Taleingang, der von einem hochgelegenen, noch aus spanischer
Kolonialzeit stammenden Bergfort bewacht wird.
Bald nachdem man in das Tal eingetreten ist, ziehen sich die Berge zu
beiden Seiten enger zusammen. Der Fluß, der bisher dem Wanderer als
ein träger, recht langweiliger und versandeter Wassergreis
entgegengeschlichen kam, zeigt sich hier in dem Übermut tollender
Jugend.
Mit sichtlicher Freude am Turnerischen springt er von Steinstufe zu
Steinstufe, teilt sich gelegentlich vor widerborstig sich
entgegenstemmenden mürrischen Felsen gewandt in mehrere Teile, vereinigt
sich hinter den Verdutzten wieder mit gurgelndem Lachen zu verdoppelter
Sprühkraft, spielt darauf in einem stillen, buchtartigen und tiefblauen
Wasserbecken den Harmlosen, um sich gleich darauf wieder mit gewaltigem
Satze brausend in eine Tiefe zu stürzen, friedliche Steine und allerlei
ob der Störung verärgertes Geröll mit sich reißend.
Lustige Schlingels von Bächen springen ihm gelegentlich aus der
Nachbarschaft zu, werfen sich sprühend und zischend in seinen Lauf und
beteiligen sich an dem übermütigen Treiben. Sie kommen aus Nebentälern,
in denen Kakaoplantagen ihre kostbaren Produkte gedeihen lassen oder in
dunklen Orangenwäldern die goldenen Äpfel reifen. Im zerklüfteten Tale
des Flusses stehen hohe Bäume, Bananen wachsen überall, und auf den
Höhen ragen die Kokospalmen.
Ein reiches, überreiches Land, geschaffen für ein Leben in Glück und
Friede, wenn seine Bewohner eben nicht -- Menschen wären.
Am Flusse entlang ist von Fischern und Plantagenarbeitern ein Pfad
ausgetreten und gelegentlich auch in den Felsen eingehauen, den jetzt
langsam hinanzusteigen dem solcher Freuden entwöhnten Kapitän eine
Wohltat war.
Nachdem er so, sich an der wechselnden Szenerie erfreuend, ein Stündchen
einsam emporgeklommen war, bemerkte er, daß jetzt ein anderer Mann vor
ihm schritt, den er wohl eingeholt haben mochte.
Allmählich näher kommend, stellte er fest, daß dieser ein Weißer war,
ein hochgewachsener, fast riesenhafter Mann von ungewöhnlich schönem,
ebenmäßigem Körperbau. Er schritt, sich auf einen hohen Stock stützend,
langsam vorwärts. Sein Gang war elastisch, und bei jedem Schritte
spielten seine nicht massigen, aber sichtlich stahlharten Muskeln.
Der Mann trug außer einer kurzen leinenen Hose und dem Korkhelm
keinerlei Kleidung. Sein Gesicht war nicht zu sehen.
Da man in dieser Gegend außerhalb der Städte selten Weiße zu treffen
pflegt, so bedeutete das Auftreten des Mannes ein Ereignis. Der nackte
Mann, der wohl gemerkt haben mußte, daß ihm jemand folge, begann jetzt
mit seinen langen sehnigen Beinen auszuschreiten, und nun war für den
Kapitän nicht mehr daran zu denken, ihn einzuholen.
Dennoch wurde sein Wunsch erfüllt: Weit vorne über einem Grat sah man
jetzt zwischen den sich teilenden Bäumen die Silhouette eines Reiters.
Vorsichtig und anscheinend müde stieg sein Maultier bergab. Der Reiter
schien nicht fest darauf zu sitzen. Er hing stark vornüber.
Als der nackte weiße Mann mit ihm zusammentraf, hielten beide an, und
dann war zu sehen, wie der Reiter mit Hilfe des anderen mühsam vom Tiere
stieg.
Der Kapitän, an die Gruppe herankommend, sah bald, daß der Reiter,
der nur mit einer Hose, hohen braunen Stiefeln und einem
kokardengeschmückten Filzhut bekleidet war, am Oberkörper schwere
blutende Wunden trug und einen stark geschwächten Eindruck machte.
Der weiße Riese sprach mit ihm in dem verdorbenen Spanisch jenes Landes,
das aber trotz zahlreicher indianischer Beimischungen leidlich
verständlich ist.
Es handelte sich um einen Revolutionär, Halbindianer, gleich der
Mehrzahl der übrigen Landesbewohner Mischblut der alten spanischen
Kolonisten und der Ureinwohner dieser Berge. Er war in der Schlacht bei
San Felipe verwundet von seinem Trupp abgekommen, hatte sich in den
Bergen verirrt und war überdies durch Raub während des Schlafes seines
Gepäcks, seiner Waffen und seiner Oberkleidung verlustig gegangen. Jetzt
suchte er nach Porto Cabello zu gelangen. Seine Kräfte waren indessen
schon derartig erschöpft, daß man ihn unmöglich allein weiterziehen
lassen konnte.
Mit offensichtlicher Sachkenntnis untersuchte der weiße Mann die Wunden
des armen, jämmerlich stöhnenden Kerls. Dabei stellte sich heraus, daß
ein Geschoß den Brustkasten durchschlagen und, da sich auch Bluthusten
zeigte, offenbar die Lunge verletzt hatte.
Es war dringend nötig, die Wunden zu verbinden, zumal sich schon
Insekten darin festsetzten. Da aber natürlich kein Verbandzeug zur Hand
war, entledigte sich der Kapitän kurzerhand seines leinenen Hemdes und
zerschnitt es mit Hilfe des anderen in lange Streifen, aus denen dieser
mit bemerkenswerter Geschicklichkeit einen Notverband herstellte.
Gesprochen wurde dabei kein Wort.
Als die Prozedur des Verbindens beendet war, sank der Verwundete
ohnmächtig zusammen, konnte aber durch einen Schluck aus der Flasche des
Kapitäns wenigstens wieder so weit zu Kräften gebracht werden, daß man
ihn auf sein Tier zu heben vermochte.
Der nackte Mann wandte sich nun zu dem Kapitän und fragte ihn mit
wohltönender, tiefer Stimme in reinem Spanisch, ob er helfen wolle, den
Verwundeten in seine, des Fragenden, unferne Wohnung zu bringen. Die
Zustimmung verstand sich von selber.
So schritten sie, den armen Teufel von Revolutionär stützend, links und
rechts neben dem Maultier bergan.
Der Kapitän konnte jetzt in Ruhe die Züge des sonderbaren Samariters
betrachten, da dieser sich oft besorgt dem Verwundeten zukehrte, um
dessen Zustand zu beobachten.
Der Mann war offenbar germanischer Herkunft. Man hätte ihn etwa für
einen Nordländer halten können, jedenfalls ließ das schmale, bartlose
Gesicht mit stark herausgearbeiteten Zügen eine solche Vermutung zu.
Mund und Nase waren kräftig entwickelt, und das Antlitz trotz reichlich
großer, aber gesunder Oberzähne von auffallendem Ebenmaß. Als er einmal
den Korkhelm abnahm, erwies es sich, daß sein weiches volles Haar schon
ergraut war.
Das Bemerkenswerteste an dem Gesicht waren die großen, wasserklaren,
blauen Augen, die mit beinahe unheimlich langem Blicke die Dinge faßten.
Das Alter des Mannes war schwer zu schätzen: Er mochte ebensogut ein
früh ergrauter Dreißiger wie ein jugendlicher Fünfziger sein.
Ein Gespräch, das der Kapiteln einige Male anzuknüpfen versuchte,
verlief jedesmal im Sande. Der Riese ging zwar höflich darauf ein,
antwortete jedoch mit derart knappen Worten, daß der andere es vorzog,
weiterhin zu schweigen.
Nach einer kleinen halben Stunde beschwerlichen Weges an dem Flusse
entlang war man am Ziele angekommen.
An einer Stelle, wo der Fluß ein stilles bewaldetes Becken bildete, mit
kleinen Felseninseln darin, stand auf hohem Ufer, halb in den Fels
hineingebaut, ein niedriges steinernes Haus. Zwischen den vorderen Ecken
des Daches und zwei eingerammten Pfählen war ein altes Schiffssegel als
Sonnendach ausgespannt, das die Tür und die beiden einzigen Fenster
überschattete.
Unter dem Sonnensegel stand ein steinerner Tisch, und neben diesem ein
bequemer großer Korbsessel, wie er in den Tropen benutzt wird.
Unweit des Hauses, von dem aus man einen freien Blick über das Becken
und den unteren, mit einem Wasserfall beginnenden Flußlauf hatte, lag
ein kleiner, dichter Orangenhain, symmetrisch angelegt, und
bemerkenswerterweise von einem niedrigen, sauberen, festgezimmerten
Holzzaune mit einer verschlossenen Tür umgeben. Rechts und links neben
der Tür standen zwei hohe Zypressen. Die Anlage machte, zumal in dieser
Umgebung, einen sonderbar ernsten und fast feierlichen Eindruck.
Der nackte Mann zog den Mulo unter das Sonnensegel und band ihn an einen
der Pfähle. Gemeinsam hob man den verwundeten Revolutionsmann, dessen
Zustand immer bedenklicher zu werden schien, herab, und führte ihn in
den Korbstuhl.
Auf dem Tische standen die Reste eines Morgenmahles und daneben lag ein
aufgeschlagenes Buch.
Der Herr dieses kleinen Anwesens lud den Kapitän mit einer wortlosen
Gebärde ein, auf einem anderen Stuhle, den er aus dem Hause geholt,
Platz zu nehmen. Dann ging er hinein und kam nach einigen Minuten wieder
heraus. Währenddessen hatte der Gast das Buch aufgenommen und zu seinem
Erstaunen es als Goethes »Dichtung und Wahrheit«, und zwar in der
Sprache des Dichters, erkannt.
Nun trug man gemeinsam den Verletzten in das Häuschen, das nur einen
einzigen Raum enthielt, dessen Wände, wie der Kapitän zu seinem
Erstaunen feststellte, zum größten Teil mit Büchern bestanden waren.
Man legte den armen Menschen auf das große eiserne Bett, dessen
Moskitonetz schon zurückgeschlagen war. Der Hauseigentümer brachte
Wasser herbei, goß ein Glas voll, drückte eine Zitrone hinein, süßte es
mit Zucker und gab es dem Verwundeten, der es gierig austrank und dann
matt zurückfiel.
Der große Mann beugte sich über die Brust des Kranken und legte sein Ohr
daran, drehte ihn dann behutsam auf die Seite, behorchte den Rücken und
sagte, indem er sich achselzuckend aufrichtete, leise auf Spanisch: »Es
geht zu Ende.«
Der Gast schlug vor, einen Arzt aus Porto Cabello zu holen. Der Nackte
lehnte geringschätzig ab: Es seien Pfuscher. Als der andere aber
erklärte, daß er der Führer eines im Hafen liegenden Kriegsschiffes sei,
das einen Arzt an Bord habe, stimmte er zu, schlug jedoch vor, noch eine
Stunde den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten. Vielleicht wäre es
überhaupt zwecklos, den Arzt kommen zu lassen, der ohnehin kaum vor fünf
Stunden oben sein könne. Vorderhand sei es das Richtigste, dem Kranken,
der schon ein Sterbender wäre, Ruhe zu gönnen. Dies sagte er mit solcher
Sicherheit, als sei ihm die Hilfeleistung in derartigen Fällen nichts
Fremdes.
Darauf ging man hinaus und schickte sich an, indem man an dem
Steintische Platz nahm, die verabredete Stunde zu warten.
Der Wirt ging ins Haus zurück, zog sich einen weißen Anzug an, brachte
Wein, Weißbrot und Früchte heran, bot alles wortlos aber freundlich an,
setzte sich dann und blickte in die Ferne.
Auch der Gast schwieg lange, vermochte aber doch seine Begierde, näheres
über den merkwürdigen Einsiedler zu erfahren, auf die Dauer nicht zu
unterdrücken. Nach einiger Zeit nahm er den aufgeschlagenen Band in die
Hand und sagte in der Sprache Goethes: »Ein seltener Vogel in diesen
Bergen!«
Der Wirt erwiderte, die Sprache aufnehmend: »Wohl möglich. Ein
Singvogel. Die hiesigen singen nicht.«
Der Kapitän ließ nun nicht wieder locker, aber er belästigte seinen Wirt
nicht mit Fragen, sondern begann über den neutralen Goethe zu sprechen,
vorsichtig, wortknapp und wohlüberlegt.
Dem Wirte schien diese Art Unterhaltung, wohl des Gegenstandes wegen,
nicht mißzubehagen. Er fand kurze, treffsichere Antworten, die eine gute
Unterrichtung bewiesen.
Bald war man mitten in einem Literaturgespräch, zu welchem der tropische
Wasserfall befremdet herüberbrummte.
Als der Kapitän nebenbei auf die große Zahl der Bücher im Hause hinwies,
sagte der Wirt, sie seien vorzugsweise naturwissenschaftlicher und
astronomischer Art. Im übrigen habe er in seinem Vaterlande Medizin
studiert und auch die Staatsprüfung dort bestanden, ohne allerdings
lange als Arzt beruflich tätig gewesen zu sein. Im weiteren Gespräch
erfuhr der Gast noch, daß der Einsiedler auch Naturwissenschaften und
Philosophie studiert habe. Über seine sonstigen Umstände aber schwieg er
durchaus.
Das Gespräch war durch das Stöhnen und Husten des armen Teufels, der die
Ursache dieser literarischen Zusammenkunft geworden war, öfters gestört
worden. Der Wirt mußte mehrfach zu ihm hineingehen, und bedauerte, kein
Morphium zur Hand zu haben, um ihm den Todeskampf zu erleichtern. Es sei
schwer für ihn, seltenere Medikamente zu bekommen.
In der Tat währte es nicht mehr lange, bis der bedauernswerte Bursche zu
Ende gelitten hatte. Wirt und Gast standen bei ihm in seinem letzten
Augenblicke, und der erstere sprach, während er ihm die gebrochenen
Augen zudrückte, ein ernstes und gütiges Wort über das arme, verirrte
Menschlein, das hier sein junges Leben hingegeben habe für das Phantom
einer neuen Freiheit, die doch nichts anderes sei, als eine neue
Knechtschaft unter jene zahlreichen körperlichen und seelischen
Tyrannen, die der Mensch zu eigener Qual sich selber zu schaffen nicht
unterlassen könne.
Man ratschlagte, was jetzt zu tun sei, und kam zu dem Ergebnis, daß der
Kapitän nach Porto Cabello zurückkehren, dort die Behörde
benachrichtigen und sie veranlassen solle, den Toten am nächsten Tage in
der Frühe abzuholen.
Weil es aber der tropischen Temperatur wegen nicht angängig war, die
Leiche im Hause zu behalten, und der Wirt sein Bett ja auch selber
brauchte, mußte der Tote dieses jetzt räumen, wozu der Gast seine Hilfe
anbot.
Der Wirt schien zu überlegen, an welchen Ort er den toten Mann betten
solle, faßte aber schnell einen Entschluß, nahm einen Schlüssel von der
Wand, holte ein weißes Laken, und sie hoben nun miteinander den Toten
auf. Der Wirt schritt führend voran.
An der Zauntür des kleinen umfriedeten Orangenhaines machte er Halt und
legte seine traurige Last nieder, um mit dem Schlüssel die Tür zu
öffnen. Darauf schritt der kleine Kondukt weiter, einen schmalen,
zwischen den Orangenbäumen verborgenen, kurzen Fußpfad entlang, der in
das Innere des kleinen Haines führte, das von Bäumen frei und mit Gras
bestanden war.
Inmitten dieses fast hallenartigen Plätzchens, in dessen vier Ecken
abermals Zypressen gepflanzt waren, lag in feierlichem Halbdunkel ein
einzelnes, sorgfältig gepflegtes Grab. Ein kleines Stück Fels stand
darauf, dessen Vorderseite glatt gehauen war. Hier war von ungeübter
Hand, aber deutlich lesbar, ein einziges Wort eingegraben: _IRID_.
Diesem oder dieser Irid gaben sie den toten Mann als traurigen
Schlafgenossen, bedeckten ihn sorgfältig mit dem Laken gegen die
Insekten, und gingen schweigend von dannen.
Wieder vor dem Hause angelangt, verabschiedete sich der Gast von dem
Einsiedler. Dieser sagte dabei fast schüchtern und ohne Betonung: »Es
würde mich freuen, wenn Sie wiederkämen.«
* * * * *
Die Persönlichkeit des einsamen Mannes hatte den Kapitän ungemein
gefesselt, und zwar nicht nur der merkwürdigen Umstände wegen, unter
denen er lebte. Noch nie war er einem Menschen begegnet, der, trotz
herber Verschlossenheit, in solchem Maße anzuziehen vermochte. Eine Art
innerer Kraft schien von ihm auszugehen, wie sie Leuten zu eigen ist,
die später als Religionsstifter oder Heilige verehrt werden.
So geschah es, daß auf dem Rückwege zum Hafen die Gedanken des Kapitäns
sich ausschließlich mit dem sonderbaren Einsiedler beschäftigten und des
ernsten und eindrucksvollen Ereignisses des sterbenden Revolutionärs
fast ganz vergaßen.
In Porto Cabello angekommen, verständigte er sofort den Konsul, der
sogleich das Weitere veranlaßte.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr der Kapitän, daß die Persönlichkeit des
einsamen Mannes wohl bekannt war. Man erzählte von ihm das Folgende:
Er wohne schon seit längeren Jahren dort oben, führe ein vollkommen
abgeschlossenes Leben und sei als merkwürdiger Sonderling verschrien, im
übrigen aber ein nicht nur durchaus gutartiger, sondern auch stets
hilfsbereiter Mensch.
Offenbar sei er früher in seiner Heimat Arzt gewesen, und er praktiziere
auch jetzt als solcher oben in den Bergen. Eine Konzession der Regierung
habe er allerdings nie nachgesucht, und würde sie auch der
Hintertreibung der venezolanischen Ärzte wegen, die mit Recht seine
Konkurrenz fürchteten, schwerlich erhalten haben.
Man dulde ihn stillschweigend, und zwar besonders der eingeborenen
Bevölkerung wegen, die große Stücke auf ihn hielte, und ihn als eine Art
Heiligen verehre, obwohl er nach allem, was der Konsul darüber in
Erfahrung bringen konnte, niemals irgendwelche Wunderkuren oder
Charlatanerien vollführe, sondern im Gegenteile höchst sachgemäß
vorginge.
Allerdings bediene er sich in starkem Maße der Suggestion, und man
sagte, daß er durch diese in der Tat gelegentlich ganz außerordentliche
und fast rätselhafte Erfolge erziele. Niemand, der mit ihm
zusammenkomme, auch der Konsul nicht, könne sich einer starken
suggestiven Wirkung entziehen, die der Mann, sichtlich ohne es zu
wollen, und bestimmt, ohne einen bösartigen Gebrauch davon zu machen,
ausübe.
Man erzählte, daß er die Gewohnheit habe, in seiner Einsamkeit fast
nackt zu gehen. In seinen Lebensbedürfnissen sei er ungemein
anspruchslos. Seine Einkünfte bestanden ausschließlich aus Naturalien,
die ihm die Eingeborenen, denen er auch außerhalb seiner ärztlichen
Tätigkeit viel mit Rat und Tat beistehe, zutrügen.
Er habe einen regelrechten und wenn auch etwas eigenartigen, so doch
sehr erfolgreichen Schulunterricht in seiner Behausung eingerichtet.
Ferner fertige er fast die gesamten schriftlichen Arbeiten für die
Eingeborenen des Distriktes der Vorberge an: Eingaben an die Regierung,
Steuerangelegenheiten, Rechtsberatung und ähnliches. Bei Streitigkeiten
untereinander pflegten die Bergbewohner seinen Schiedsspruch anzurufen,
dem sie sich dann ohne Murren beugten.
Diese Tätigkeit übe er derartig verständig, klug und versöhnlich aus,
daß der Distrikt hinsichtlich der Verwaltung als der bequemste der
ganzen Provinz gälte. Alle bisherigen Provinzialregierungen hatten den
Fremden daher nicht nur gern geduldet, sondern ihm sogar
verschiedentlich Geldzuwendungen angeboten, die er annahm, aber nur in
der Form von Büchern, welche die Behörden ihm auf seinen Wunsch durch
Vermittlung des Konsuls beschaffen mußten.
Irgendeine andere Beziehung zu den Behörden, dem Konsul oder überhaupt
zu einem Europäer oder Gebildeten, lehne er nachdrücklich, wenn auch
nicht gerade verletzend ab. Es sei denn, daß jemand seinen ärztlichen
Rat erbäte, den er dann aber stets ohne jedes Entgelt erteile. --
Diese Erzählungen allein hätten genügt, das schon geweckte Interesse des
Kapitäns an dem seltsamen Manne zu erhöhen, der, wie der Kapitän erfuhr,
Markus Geander hieß, von den Eingeborenen aber gerne heimlich »San
Marco« oder »_el santo desnudo_«, »der nackte Heilige«, genannt wurde,
Namen, über die er aber sehr ungehalten sein sollte, da er sich
gelegentlich als ein höchst unkirchlicher Mann und als ein
ausgesprochener Atheist erwiesen hatte, wenngleich er die Eingeborenen
auch in ihren kirchlichen Angelegenheiten in durchaus versöhnlichem
Sinne beriet. Mehr aber noch als diese berichteten Dinge machte den
Einsiedler ein tiefes und rätselvolles Geheimnis, das über seiner
Herkunft lag, zum Gegenstande eines fast übersinnlich erregten Staunens.
Man berichtete darüber dem Kapitän das Nachfolgende:
Die Fischer der Bergflußgegend, in der er noch heute wohnte, hatten ihn,
von dem damals noch nie jemand ein Wort gehört, eines Morgens bei
Sonnenaufgang bewußtlos auf dem Felsen des Flusses, halb im Wasser
liegend, gefunden. In seinen Armen hatte er ein, wie die Leute
versichern, über alle menschlichen Begriffe schönes, gleich ihm
vollkommen nacktes und bewußtloses junges Weib gehalten, dessen blonde
Zöpfe fest um des Mannes Hals gebunden waren. Beide lebten noch. Er
selbst hatte sofort nach dem Auffinden die Augen aufgeschlagen und
offenbar für Sekunden das Bewußtsein wiedererlangt, um es dann aber
sofort wieder zu verlieren.
Das junge Weib war gleich darauf, ohne die Augen geöffnet zu haben,
gestorben, und man hatte sie begraben müssen, ehe der Mann aufs Neue zur
Besinnung kam.
Als dieser, den eine Fischerfamilie bei sich aufgenommen hatte, nach
Monaten von schweren inneren Verletzungen genas, hatte er den Wunsch
geäußert, an dem Orte zu bleiben, wo man ihn und sein Weib gefunden und
dieses begraben habe. Die Fischer und Plantagenarbeiter der Gegend,
denen er sich während seiner langsamen Genesung anschloß, hatten ihm
geholfen, das Häuschen zu errichten, das er jetzt bewohne.
Für die Wahrheit dieser Erzählungen, die gewiß merkwürdig klangen,
verbürgten sich zuverlässige Augenzeugen: Die Fischerfamilie, die ihn
damals aufnahm, lebte, jedenfalls in ihrer jüngeren Generation, noch
heute. Die Leute waren durchaus intelligent, verständig und in ihren
Aussagen glaubwürdig. Auch wurde der Vorfall von zahlreichen anderen
Eingeborenen der Gegend bestätigt.
Es blieb nun ein undurchsichtiges und geradezu unheimliches Rätsel, wie
der auffallende Mann, und noch dazu mit einer Frau, ohne von einem
Menschen des Küstenstriches gesehen zu sein, in die einsame Berggegend
gekommen war.
Wenn auch der Umstand der um den Hals des Mannes geknüpften Zöpfe auf
die Absicht eines gemeinsamen Selbstmordes schließen ließ, so erhöhte
die Tatsache, daß man nicht die geringste Spur irgendeiner Kleidung,
nicht einmal Ringe an den Fingern gefunden hatte, die Rätselhaftigkeit
des Falles noch bedeutend. Die Annahme einer Beraubung war bei der
Ehrlichkeit der Indianer gänzlich ausgeschlossen.
Der Mann, von dessen Anwesenheit die Behörden übrigens erst erfuhren,
als dieser schon mit der Bevölkerung ganz zusammengewachsen war,
erklärte dann auf dringendes Befragen, nur seinen Namen sagen, über
alles andere aber, solange er lebe, nie einem Menschen Auskunft geben zu
wollen. Dabei war er bis heute geblieben.
Im übrigen hatte er zugesagt, die Gesetze des Landes zwar befolgen, sie
aber nicht anerkennen zu wollen, da er außerhalb seiner selbst keinerlei
Gesetz oder Überordnung irgendwelcher Art als bestehend ansähe. Er
betrachte sich als den Mittelpunkt seiner Welt.
Man hielt ihn damals für geistesgestört, wenn auch gutgeartet, und sah
das vermeintliche Leiden als Folge seiner rätselhaften Vergangenheit an,
eine Ansicht, an der man in Porto Cabello noch heute festzuhalten
schien, die der Kapitän aber nicht zu der seinen zu machen vermochte.
Als der Kapitän von der Einladung des seltsamen Mannes erzählte, war man
allerseits verwundert. Es hatte zwar nie an Wissensdurstigen gefehlt,
die immer und immer wieder versucht hatten, sich auf alle Art dem
Sonderling zu nähern, um sein Vertrauen zu gewinnen, und dann vielleicht
das Geheimnis zu enträtseln, aber auch die taktvollsten
Anbahnungsversuche hatte er stets sofort als solche erkannt und ihnen
die bündige Erklärung entgegengesetzt, er hege den Wunsch, ganz für sich
allein zu leben. --
Es kostete den Kapitän nach diesen Eröffnungen einige Überwindung,
seinem dringenden Wunsche, den Einsamen wiederzusehen, nachzugeben, aber
die Überlegung, daß die Einladung ja, wenn auch nicht sehr
nachdrücklich, so doch ganz freiwillig erfolgt war, und daß er sich im
übrigen ja sofort wieder entfernen könne, sobald er etwa die Empfindung
habe, dem Manne lästig zu fallen, veranlaßte ihn doch, an einem der
nächsten Tage abermals den Weg das Flußtal hinauf zu machen. --
Der Einsiedler war, als der Kapitän anlangte, gerade dabei, etwa zehn
oder zwölf Indianerkindern Unterricht zu erteilen. Gegen das Sträuben
des Gastes bestand er darauf, seine Beschäftigung abzubrechen und
erklärte überdies, daß es des Sonnenbrandes wegen unmöglich sei, vor
Abend wieder in die Ebene hinabzusteigen.
Als die Kinder sich entfernt hatten, begrüßte er den Ankömmling noch
einmal herzlich, aber doch mit einiger im Kontrast zu seiner sonstigen
Sicherheit stehenden Befangenheit. Des Umganges mit Menschen seiner
Bildungsstufe seit vielen Jahren entwöhnt, bedurfte es für ihn offenbar
einiger Übung, sich wieder zurecht zu finden.
Der Kapitän rechnet den Tag, den er mit dem weltflüchtigen Manne dort
oben verlebte, zu den reichsten und eindruckvollsten seines Lebens. Von
Stunde zu Stunde gewann er den Ernsten, Rätselhaften lieber, der in
seiner körperlichen Größe und Schönheit und vermöge seiner starken, wenn
auch zurückhaltenden Suggestivkraft in der Tat dem Bilde zu gleichen
schien, das man sich von einem Heiligen machen könnte.
Die Unterhaltungen drehten sich ausschließlich um Kunst, Literatur und
Naturwissenschaften. In den beiden ersten Gebieten fragte der Wirt viel,
als wolle er sich belehren lassen, obwohl er erheblich über das
Mittelmaß europäischer Durchschnittsbildung hinaus unterrichtet war.
Mindestens zeigte er, auch wo ihm fachliches Wissen etwa mangelte, einen
sicheren Instinkt, und vermochte klar das Echte vom Gemachten zu
unterscheiden.
In naturwissenschaftlichen Dingen aber, die er von einem hohen
philosophischen Standpunkte aus behandelte, war er uneingeschränkt der
Führer der Unterhaltung. Dem Gaste dünkte es ein seltener Gewinn, ihm da
zuzuhören. Die Erscheinungen der organischen Welt waren dem Einsiedler
nur das Material, aus welchem er seine Gedanken über Vergangenheit und
Zukunft aufbaute.
Von der Technik hielt er nichts. Die riesenhafte Entwicklung der
technischen Welt, von der er sehr wohl zu wissen schien, und die er
übrigens einen Anfang nannte, interessierte ihn nur insofern, als sie
naturwissenschaftliche Entdeckungen betraf. Die sinnvolle Anwendung aber
dieser Entdeckungen schätzte er nicht als einen Gewinn für die
Menschheit ein. Er sagte darüber etwa: Was nütze es, daß man heute in
fünf Tagen von Paris nach New York fahren könne. Der Konkurrent kann es
gleichfalls. Es dient letzten Endes nur der Übervölkerung, auf welche
soziologische Erscheinung er überhaupt schlecht zu sprechen war. Und was
nütze es, daß man bei strahlendem Lichte sitze? Kant habe bei einer
Öllampe geschrieben, Shakespeare, Rembrandt und Cervantes wohl gar bei
einem Kienspan, und Homer sei vielleicht gleich ihm, dem Einsiedler, mit
Beginn der Dunkelheit zu Bett gegangen.
Die Technik der Nachrichtenübermittlung, die seit seiner europäischen
Jugendzeit gewaltige Fortschritte gemacht hatte, verachtete er tief, und
erklärte sie für einen der schlimmsten Feinde der Menschheit.
Es gäbe für ihn, so führte er aus, außerhalb der philosophischen und
naturwissenschaftlichen Erkenntnis nur ein einziges Gebiet, auf dem
unser Zeitalter Fortschritte gemacht habe: die Gesundheitslehre. Und
auch hier wäre nur ein Anfang.
Alles dies äußerte er aber keineswegs mit Anmaßung, sondern in Form und
Inhalt bescheiden, und lediglich als Resultat seines Denkens.
Als das Gespräch einmal auf das Gebiet psychologischer Forschungen kam,
lenkte er merkwürdig schnell ab. Ebenso vor kosmischen und
astronomischen Fragen, für die der Gast als Seemann eine besondere
Vorliebe hegte. Auffallend war dabei der Umstand, daß gerade auf diesen
drei Gebieten eine besonders große Zahl von Büchern, und zwar
ausschließlich gut und mit Sachkenntnis ausgewählte, vorhanden war.
Als der Gast sich nach reichem Tage am Abend verabschieden wollte,
erklärte der Wirt, ihn bis zum Talausgang begleiten zu wollen. Es sei
schwer, in der Dunkelheit den Weg zu finden.
So schritten die beiden noch stundenlang in die sinkende Nacht hinein.
Obwohl dabei des schmalen beschwerlichen Pfades und der zahlreichen
lärmenden Wasserfälle und Stromschnellen wegen nur wenig gesprochen
wurde, so schien es dem Kapitän doch, als ob gerade die zweisame stumme
Wanderung nach dem im geistigen Austausche verbrachten Tage das Hin- und
Herfließen des sympathisierenden Fluidums zwischen ihm und seinem neuen
sonderbaren Freunde merkbar verstärke.
* * * * *
Der Kapitän besuchte von nun an im Verlaufe seiner westindischen
Kreuzfahrten, während derer die Umstände ihn noch mehrere Male
veranlaßten, den Hafen von Porto Cabello anzulaufen, den Santo Desnudo,
sooft er konnte.
Diese Besuche gehörten zu den schönsten Freuden seiner
mittelamerikanischen Lebensepoche. Es bildete sich ein Verhältnis
zwischen den ungleichen Männern heraus, dem das Kriterium wirklicher
Freundschaft innewohnte, insofern als jeder der beiden Beteiligten im
Geben und Empfangen gleich innige Freude empfand.
Niemals aber ward auch nur mit einem Worte das persönliche Schicksal des
Einsamen erwähnt.
In der letzten Stunde aber, da der Kapitän, im Begriffe, nach Europa
zurückzukehren, Abschied nahm, begann der Einsame in kurzen allgemeinen
Sätzen von einem gewaltigen Erlebnis seiner Vergangenheit zu sprechen,
dessen Inhalt er zu Papier gebracht habe. Die Niederschrift wolle er dem
scheidenden Freunde als Vermächtnis überantworten.
Er übergab ihm dabei ein versiegeltes Bündel. Die Siegel waren mit einem
groben, offenbar selbst geschnittenen Petschaft hergestellt.
An die Übergabe knüpfte er die Bitte, das Bündel nicht zu öffnen, bis
die Nachricht seines Todes, für deren Übermittlung er Sorge tragen
würde, bei dem Freunde eingetroffen sei. Dann aber könne dieser, wenn er
es für richtig halte, den Inhalt der Öffentlichkeit preisgeben.
Vor einiger Zeit nun erhielt der Kapitän auf Umwegen ein amtliches
Schreiben des jetzigen Konsuls aus Porto Cabello, in welchem dieser von
dem Ableben eines gewissen Markus Geander Nachricht gibt. Der
Verstorbene habe in dem Amtsbezirke des Konsulates gewohnt und sei an
jener epidemischen Krankheit, die kürzlich die ganze Erde überzog,
zugrunde gegangen. In seinem Nachlasse habe sich die Bitte an das
Konsulat um Übermittlung dieser Nachricht gefunden.
Und somit läßt der Kapitän das Vermächtnis des einsamen Freundes
hinausgehen, des merkwürdigen Mannes, der einen Blick in die Geheimnisse
der Zukunft tat und dafür mit ewiger Traurigkeit bezahlen mußte.
Das Vermächtnis des Santo Desnudo.
In Einsamkeit und Schweigen versinken meine Tage.
Wenn aber der Tod die Qual des Lebens von mir genommen haben wird, dann
soll der Mund des Mannes nicht mehr stumm bleiben, der einen doppelten
Himmel sah, den Himmel des ewigen Kosmos und den Himmel der ewigen
Liebe.
Darum schreibe ich in der Stille meiner Abende diese Blätter, deren
Inhalt doch nicht mehr sein kann, als ein armseliger Faden durch den
Reichtum des wundersamen Labyrinthes meines Erlebens.
Mein Bericht nennt nie gehörte Geschehnisse. Wer aber an seiner Wahrheit
zweifeln sollte, den frage ich gleich Pilatus: Was ist Wahrheit?
Du armer, winziger Mensch, du dürftiges Glied einer kleinen Menschheit,
die in den Jahrmillionen des Erdenlebens für wenige hundert Jahrtausende
haften darf an diesem eifrig kreisenden und in all seiner Wichtigtuerei
nichts bedeutenden Mitläufer einer jener Sonnen, denen das Weltall ist
wie den Tropfen der Ozean, du weniger als mikrokosmisches Wesen, wie
darfst du dich ermessen zu fragen, was Wahrheit sei!
Alle Erkenntnis ist dir nur eine Vorstellung. Aus Vorstellungen baust du
das Kartenhaus deines Wissens. Vorgestellt vor die Wahrheit, gleich
einem bemalten Wandschirme, bleibt stets das Bild, wie es allein deinen
beschränkten Erkenntnisorganen zu erscheinen vermag. Nur das Bild auf
dem Wandschirme siehst du.
Ereifere dich darum nicht zu sehr. Beschaue das Bild. Irgend etwas daran
ähnelt immer der Wahrheit, die für alle Ewigkeit dahinter verborgen
bleibt.
Ich entsinne mich deutlich, schon in meiner frühesten Jugend einen
angeborenen Respekt vor dem Willen des Menschen empfunden zu haben.
Als der bedeutendste und jedenfalls wesentlichste Mensch erschien mir
mein Vater, und ich glaubte fest, daß alles geschehen könne, was er
wolle. Er brauche nur zu wollen, dann gäbe es keine Hindernisse. In der
Tat hatte ich oft genug Gelegenheit, festzustellen, daß von seinem
Willen das ganze Erdenrund meiner Kinderwelt beherrscht wurde.
Meine Mutter nannte mich eigensinnig. Heute weiß ich, daß dieser
Eigensinn nichts anderes gewesen ist, als embryonale Willenskraft. Ich
wage es heute allen Müttern zu raten, sich des Eigensinns ihrer Buben zu
freuen. Die Güte des Himmels, die ja dafür sorgt, daß immer nur wenigen
Auserwählten ein Besonderes beschieden sei, wird diese Buben vor solch'
ungewöhnlichen Folgen der Willenskraft bewahren, wie sie mir zuteil
geworden sind.
Später, nachdem ich meine Studien beendet und die Nase in die Welt
gesteckt hatte, ward ich mir mehr und mehr der Bedeutung der
Willenskraft bewußt. Ich begann mich, auch außer meiner selbst, mit ihr
planmäßig wissenschaftlich zu beschäftigen.
Dabei kam ich auf außergewöhnliche Wege: der Okkultismus, die Xenologie,
winkte mit gefährlichen Lockungen. Doch blieb ich mit den Füßen auf dem
Boden, und stellte fest, daß die greifbaren Beweise mancher scheinbar
übersinnlichen Kräfte und Erscheinungen nichts sind als das Resultat
eines auf einem ganz bestimmten Wege geführten, ungewöhnlichen Willens.
Die unerhörten Dinge, die etwa über indische Fakire glaubhaft berichtet
werden, erklärten sich mir auf diese Weise.
Überhaupt begann ich immer mehr und mehr zu erkennen, daß zu allen
Zeiten und in allen Lebensbezirken gewisse erstaunliche Geschehnisse,
die sich auf Erden zutragen und zugetragen haben, der Ausfluß entweder
der Willenskraft oder ihres Erlahmens zu sein pflegen.
Die Menschheitsgeschichte bekam unter dieser Betrachtungsweise für mich
ein eigenes, persönliches Aussehen. Ich sah willensstarke und
willensschwache Völker. Ich sah das Wachsen und das Erlahmen der
Willenskraft. Ich sah Werden und Vergehen. Ich skizzierte den Plan zu
einer Geschichte der Menschheit als Subjekt und Objekt der Willenskraft.
Und dann erstand mir Giordano Bruno, der scholastischer Wertung des
trockenen Intellekts die Kraft des Willens entgegenhielt gleich einer
lodernden Fackel.
Giordano Bruno! Herrlichstes Menschentum in seiner gloriosen Synthese
von Verstand und Geist, von Wissen und Ahnen, von physikalischem Denken
und geniehafter Intuition! Hand in Hand mit jenem Lionardo aus Vinci
schreitest du lächelnd durch die Haine der Ewigkeit. In weiter Ferne
verglimmt das Feuer des Scheiterhaufens, auf dem man deinen armen Leib
vernichtete, im ersten Jahre des Jahrhunderts, in welchem sie einen
Shakespeare begruben, und selig zu preisende Mütter einem Rembrandt van
Rhyn und einem Johann Sebastian Bach das Leben gaben. --
Um der Wahrheit willen aber muß ich berichten, daß mich bei meinen
Beobachtungen über die Willenskraft bald nicht mehr so sehr die ethische
Betrachtungsweise, die allein Giordano Brunos würdig gewesen wäre,
anzog, als vielmehr die ungewöhnlichen Erscheinungen des physischen
Willens. Ich dachte nicht etwa daran, meine Erkenntnisse zu nutzen, um
das Niveau meines eigenen Ich zu heben, oder um meine Seelenkraft zu
stärken für den Betrieb des Lebens, sondern ich beobachtete
wissenschaftlich an mir selbst die Tatsache, daß die geübte Willenskraft
imstande ist, rein physisch die unerhörtesten Leistungen zu vollbringen,
ja, daß sie es sogar vermag, die scheinbar granitenen Fundamentsätze der
Physik zu zerbrechen.
Der erste Versuch, der mir gelang, war folgender: Neben meinem Papier
lag der Bleistift. Ich hielt die geöffnete Hand in einigem Abstande
senkrecht über ihn, betrachtete ihn scharf und konzentrierte meine
ganze, schon sehr geschulte Kraft auf die Forderung, daß der Bleistift
sich in meine Hand bewegen solle. Nach einer gewissen Zeit erhob sich
dieser in der Tat und flog, entgegen den Regeln der Schwerkraft, fast
blitzartig gegen meine Handfläche. Allerdings, da ich zu überrascht war,
um die Finger sofort zu schließen, fiel er gleich wieder auf den Tisch
zurück. Erst später gelang es mir, ihn festzuhalten.
Ähnliche Experimente glückten mir immer mehr und mehr, so daß ich in
meiner Vermutung vom Vorhandensein einer großen, außerhalb aller
physikalischen Grenzen liegenden, für unsere Erkenntnis neuen Kraft
immer mehr bestärkt wurde, einer Kraft, die lediglich durch ein für
unsere Sinne unfaßbares geistiges Fluidum wirkt, und die in seinen
Dienst zu zwingen der Mensch dadurch vermag, daß er sich gewissermaßen
in die Schwingungen dieses geistigen Fluidums einschaltet, und zwar
vermittels einer uns noch unbekannten Gehirnfunktion, die erregt werden
kann, wenn der Wille aufs äußerste angestrengt wird. Diese Anstrengung,
in Schwingungen umgesetzt, muß in einem bestimmten Augenblicke der
Wellenlänge der unbekannten neuen Kraft gleichkommen. In diesem
bestimmten Augenblicke ist die Einschaltung vollzogen und die Kraft
steht im Dienste des Eingeschalteten.
Welche Zeitspanne ich jedesmal gebrauchte, um mit Hilfe meiner
Willenskraft jenen Zustand zu erreichen, vermag ich nicht zu sagen, da
die allergeringste Ablenkung von der Konzentration, wie etwa ein Blick
auf die Uhr, das Gelingen des Experimentes unmöglich machte.
Von kleinen Versuchen ging ich allmählich zu größeren und schwierigeren
über: Ich zwang andere Menschen, nach meinem Willen ungewöhnliche
Handlungen zu verrichten, über die sie sich, ohne die Ursache zu ahnen,
selber wunderten. Ich erreichte es, schwerere Gegenstände, wie etwa
Möbelstücke, lediglich vermöge meines Willens vom Flecke zu bewegen. Ich
ließ einen großen Hund sich in die Höhe heben, so daß er höchst
verwundert und ängstlich winselnd haushoch in der Luft schwebte.
Ja, es gelang mir sogar, mich selber, der ich im Garten lag, so hoch zum
Schweben zu bringen, daß meine Hände die Äste einer Linde erreichen
konnten. Die Schwerkraft bot mir keine Hindernisse mehr. Mein Wille
hatte sie überwunden!
Ich hielt diese Versuche und Beobachtungen streng geheim vor jedermann,
und zwar einmal, weil ich fürchtete, daß mich fürs erste das Mitwissen
anderer noch an der nötigen Willenszusammenfassung hindern würde, ferner
aber auch des Entschlusses halber, erst dann damit hervorzutreten, wenn
ich die Elemente meiner Entdeckungen wissenschaftlich ergründet haben
würde und, gegen jeden Zweifel gewaffnet, fest in der Hand hielte. --
Ich muß gestehen, daß mich die Jahre dieser geheimen Tätigkeit nicht
glücklich gemacht haben, wenn ich auch, meinem Ehrgeize nachgebend, hohe
Hoffnungen auf die Zukunft setzte. Meine Nervenverfassung litt ungemein
unter den häufigen Willensüberanstrengungen. Trotzdem ich mich des
Besitzes außergewöhnlicher Körperkräfte erfreute, ward ich krank, ohne
allerdings meine Umgebung dies wissen zu lassen.
Da in gleichem Schritte mit der Überanstrengung der Nerven auch die
Forderungen meiner Sinne wuchsen, so fand ich mich oft dazu verführt,
mittels der mir innewohnenden merkwürdigen Kraft auf Frauen zu wirken um
sie für mich zu gewinnen.
Dieser letzte Umstand trug mir zwar manche vorübergehend glückliche
Stunde ein, aber auch eine Fülle von Unbequemlichkeiten und ernsten
Verlegenheiten, zumal wenn ich, was sich einige Male einstellte,
seelisch beteiligt war.
In solchem Falle ward mir meine geheime Kraft zum Ekel. Mein Mannesstolz
mußte erwarten, daß ich um meiner selbst willen geliebt wurde, das
Bewußtsein aber, daß vielleicht nur mein eigener Wille die geliebte Frau
in meine Arme führte, fraß als böser, giftiger Zweifel in mir und
vergällte mir das wenige Glück, dessen ich genießen durfte.
Zwar glaube ich heute, daß einige Frauen mich redlich liebten, aber
gerade die eine -- Erna Maria -- der meine heiße Leidenschaftlichkeit
sich zuwandte, entzog sich mir kühl, als ich -- um die Echtheit ihrer
Gefühle auf die Probe zu stellen -- einmal nur einige Stunden lang meine
geheime Kraft ihr gegenüber unterdrückte.
Tief enttäuscht, körperlich und seelisch elender denn je, floh ich
hinauf in die hohen Berge, zu einem alten Freunde, dem Förster.
Er wohnt im Tal. Aber hoch oben, an der Grenze der Vegetation, steht
seine Diensthütte, mit Herd und Bett leidlich behaglich hergerichtet.
Neben der Hauswand gurgelt aus einer Röhre ein kleiner Brunnen.
Eines Morgens stieg ich dort hinauf, wo nur Gemsen meine Nachbarn
wurden, und gelegentlich ein neugieriger Hirsch mein Besucher. --
Die Tage auf dem Berge blieben sonnig und warm, und die Nächte
sternenklar und lind. In der dritten Nacht erwachte ich aus irgendeinem
bösen Traume in Schweiß gebadet und stellte fest, daß die Luft in meiner
Hütte drückend, und daß es besser sei, im Freien zu liegen. Also nahm
ich Matratze, Kissen und Decke, und bettete mich auf einem
moosbewachsenen Felsvorsprung oberhalb meines Häuschens.
Dies Lager empfand ich in solchem Maße köstlich, daß ich nicht wieder zu
schlafen vermochte. Ich lag regungslos ausgestreckt und meine Gedanken
ballten sich zu plastischer Figürlichkeit. Das Rauschen der Föhren unter
mir, das Gurgeln des Brunnens und all das melodische Geräusch der
Bergeinsamkeit unter dem unbeschreiblich klaren, glitzernden
Sternenhimmel wirkten auf mich mit fast zauberhafter Kraft.
Das Bild des deutschen Hirtenknaben Nikolaus von Cues trat vor meine
empfangsbereite Seele. Im Purpur des Kardinals zu Rom stand er vor mir.
Zweitausend Jahre nach Aristarchs Tode rief er in die geistige Enge des
Mittelalters das Wort vom gewaltigsten Begriffe aller Zeiten:
Unendlichkeit!
Und Giordano Bruno aus Nola zertrümmerte mit kühnem Schlage die letzte
der gläsernen Sphären, die noch die Planetenharmonie des Kopernikus
umgab, jenen Überrest des gigantischen Irrtums ptolomäischen Denkens,
und stieß der Menschheit die Tore auf, hinter denen der Kusaner den
freien Ausblick auf die Unendlichkeit verhießen hatte.
Nie im Leben hatte ich das Wesen der Unendlichkeit in solcher alles
überwältigenden Größe gefühlt, wie in dieser köstlichen Bergnacht.
Ich sah das unübersehbare Firmament schimmernder Lichtpunkte über mir,
und wußte, daß es ein Gewebe ist aus Sonnen, und wohl jeder einzelne
Stern der Mittelpunkt eines gewaltigen Planetensystems, ähnlich dem, in
welchem die Erde kreist.
Und da ich, versunken in dem göttlichen Gefühl des Zusammenfließens von
Ewigkeit und Unendlichkeit, mich dem Kosmos nahe zu wähnen begann,
erkannten meine geübten Augen an jener dunkeln Stelle des Himmels die
winzige Spirale des Nebelschleiers im Sternbilde der Andromeda, und ein
leises Erschauern zitterte durch meinen gemarterten Körper: das Schweben
einer andern Welt!
Einer Welt, der die Fülle der Sonnen, die als Sternenzelt, als
Milchstraße den Himmel unserer Erde bedeckt, nichts anderes gilt, als
ein zarter, kaum erkennbarer Nebelhauch.
O irdische Erde, armes Sandkorn am Strande der Unendlichkeit, die
kleinste Welle spült dich hinweg und läßt dich versinken im Ozean des
Alls! Wer es vermöchte, dich zu verlassen und sich aufzuschwingen durch
die Rätselhaftigkeiten des Äthers, zu jenen über jedes Begreifen fernen
Bezirken, von wo die ganze getürmte körperliche Furchtbarkeit eines
neuen Kosmos als nur ein winziges Wolkenflöckchen herüberdämmert!
Eine Nacht lang lag ich starr ausgestreckt, und meine Seele senkte sich
tief in diesen schauervollen Wunsch.
Alles Körperliche fiel von mir ab. Ferne Melodien erklangen, und
stundenlang lag mein zitternder Leib in der Wollust einer einzigen
großen Empfängnis.
Meine Augen wichen nicht von jenem weltenfernen weißen Hauch, dem
Andromeda ihren Namen gab. Ein anderer Perseus, war alles, was ich an
Sehnsucht aufzubringen vermochte, und alle die Regungen der
geheimnisvollen Kraft, die mir dienstbar geworden war, auf jene
himmlische Andromeda gerichtet.
Meine Augenlider erstarrten im Krampf des Zwanges zum Geöffnetsein, und
die ungeheure Konzentration meiner Seele ließ mich nicht erkennen, daß
der Morgen dämmerte hinter den östlichen Bergnachbarn, und der erste
Strahl der Sonne emporzuckte über den Felskuppen.
Da fühlte ich, wie aus der Ferne, mehr ahnungsvoll als körperlich, eine
fremdartige Veränderung meines Zustandes: eine unbegreifliche
Leichtigkeit kam über mich. Leib und Glieder schienen körperlos
geworden, in luftiger Form zerflossen, zum Geistigen gewandelt.
Mir war, als schwebe ich frei über meinem Lager. Deutlich fühlte ich,
wie ich mich mit langsam wachsender Geschwindigkeit zu heben begann. Ein
frischer Luftzug strich über meine Wangen und Hände, ein leises Summen
in meinen Ohren wuchs an zu mächtigem Brausen, und in einer heroischen
Symphonie von Geigenklingen, Harfenschwirren, Orgelton und hohen
Knabenchören, und in einem unbeschreiblich köstlichen Gefühle von
Seligkeit schwanden mir die Sinne.
Mein Erwachen war schreckartig.
Kaltes Wasser schlug mir über dem Kopfe zusammen, drang in Mund und Nase
und ließ meinen sich öffnenden Augen nichts als blaugrün-gläserne
Undurchdringlichkeit.
Ich breitete die Arme aus, um nicht tiefer zu sinken, und fühlte, daß
ich wieder stieg. Meine Glieder begannen zu arbeiten.
Ich sah deutlich den Wasserspiegel über mir, und ehe mir der Atem
ausging, tauchte ich aus der Flut auf.
Als meine Augen frei wurden, sah ich, daß ich in einem klaren See von
mäßiger Größe schwamm.
Um die nahen Ufer standen mächtige dunkle Laubbäume. Unweit der Stelle
aber, an der ich auftauchte, war das Walddunkel gelichtet. Eine
hellgrüne Wiese breitete sich ansteigend aus. In deren Mitte, in einiger
Entfernung vom Wasser, stand ein kleines weißes Haus von kubischer Form
mit einem lichtblauen Dache.
Dieser Wiese strebte ich zu. Die Arme zum Schwimmen breitend und die
Beine von mir stoßend fühlte ich eine überraschende Kraft. Ein Gefühl
von Jugend und Stärke war in mir, als sei eine Erneuerung des Fleisches
vorgegangen.
Mein Geist aber widersetzte sich der körperlichen Umwelt. Ich fühlte
nicht die Möglichkeit, über meine Lage und meinen Zustand nachzudenken.
Den kleinen Ausschnitt des Weltbildes, das mich umgab, vermochte ich
nicht mit meinem Denkvermögen in Einklang zu bringen.