Tobias Mindernickel verliess nunmehr das Haus noch seltener als früher,
denn er verspürte keine Neigung, sich mit Esau in der Öffentlichkeit zu
zeigen. Seine ganze Aufmerksamkeit aber widmete er dem Hunde, ja, er
beschäftigte sich vom Morgen bis zum Abend mit nichts Anderem, als ihn
zu füttern, ihm die Augen auszuwischen, ihm Befehle zu erteilen, ihn zu
schelten und aufs menschlichste mit ihm zu reden. Allein die Sache war
die, dass Esau sich nicht immer zu seinem Wohlgefallen betrug. Wenn er
neben ihm auf dem Sofa lag und ihn schläfrig vor Mangel an Luft und
Freiheit, mit melancholischen Augen ansah, so war Tobias voll
Zufriedenheit; er sass in stiller und selbstgefälliger Haltung da und
streichelte mitleidig Esaus Rücken, indem er sagte:
»Siehst Du mich schmerzlich an, mein armer Freund? Ja, ja, die Welt ist
traurig, das erfährst auch Du, so jung Du bist ...«
Wenn aber das Tier, blind und toll vor Spiel- und Jagdtrieb, im Zimmer
umherfuhr, sich mit einem Pantoffel balgte, auf die Stühle sprang und
sich mit ungeheurer Munterkeit überkugelte, so verfolgte Tobias seine
Bewegungen aus der Entfernung mit einem ratlosen, missgünstigen und
unsicheren Blick und einem Lächeln, das hässlich und ärgervoll war, bis
er es endlich in unwirschem Tone zu sich rief und es anherrschte:
»Lass nun den Übermut. Es liegt kein Grund vor, umherzutanzen.«
Einmal geschah es sogar, dass Esau aus der Stube entwischte und die
Treppen hinunter auf die Strasse sprang, woselbst er alsbald begann,
eine Katze zu jagen, Pferdekot zu fressen und sich überglücklich mit den
Kindern umherzutreiben. Als aber Tobias unter dem Applaus und Gelächter
der halben Strasse mit schmerzlich verzogenem Gesichte erschien, geschah
das Traurige, dass der Hund in langen Sätzen vor seinem Herrn davonlief
... An diesem Tage prügelte Tobias ihn lange und mit Erbitterung.
Eines Tages -- der Hund gehörte ihm bereits seit einigen Wochen -- nahm
Tobias, um Esau zu füttern, ein Brotlaib aus der Kommodenschieblade und
begann mit dem grossen Messer mit Knochengriff, dessen er sich hierbei
zu bedienen pflegte, in gebückter Haltung kleine Stücke abzuschneiden
und auf den Boden fallen zu lassen. Das Tier aber, unsinnig vor Appetit
und Albernheit, sprang blindlings herzu, rannte sich das ungeschickt
gehaltene Messer unter das rechte Schulterblatt und wand sich blutend am
Boden.
Erschrocken warf Tobias alles beiseite und beugte sich über den
Verwundeten; plötzlich jedoch veränderte sich der Ausdruck seines
Gesichtes, und es ist wahr, dass ein Schimmer von Erleichterung und
Glück darüber hin ging. Behutsam trug er den wimmernden Hund auf das
Sofa, und niemand vermag auszudenken, mit welcher Hingebung er den
Kranken zu pflegen begann. Er wich während des Tages nicht von ihm, er
liess ihn zur Nacht auf seinem eigenen Lager schlafen, er wusch und
verband ihn, streichelte, tröstete und bemitleidete ihn mit
unermüdlicher Freude und Sorgfalt.
»Schmerzt es sehr?« sagte er. »Ja, ja, Du leidest bitterlich, mein armes
Tier! Aber sei still, wir müssen es ertragen« ... Sein Gesicht war
ruhig, wehmütig und glücklich bei solchen Worten.
In dem Grade jedoch, in welchem Esau zu Kräften kam, fröhlicher wurde
und genas, ward das Benehmen des Tobias unruhiger und unzufriedener. Er
befand es nunmehr für gut, sich nicht mehr um die Wunde zu bekümmern,
sondern lediglich durch Worte und Streicheln dem Hunde sein Erbarmen zu
zeigen. Allein die Heilung war weit vorgeschritten, Esau besass eine
gute Natur, er begann bereits wieder, sich im Zimmer umherzubewegen, und
eines Tages, nachdem er einen Teller mit Milch und Weissbrot
leergeschlappt hatte, sprang er völlig gesundet vom Sofa herunter, um
mit freudigem Geblaff und der alten Unbändigkeit durch die beiden Stuben
zu fahren, an der Bettdecke zu zerren, eine Kartoffel vor sich her zu
jagen und sich vor Lust zu überkugeln.
Tobias stand am Fenster, am Blumentopfe, und während eine seiner Hände,
die lang und mager aus dem ausgefransten Ärmel hervorsah, mechanisch an
dem tief in die Schläfen gestrichenen Haare drehte, hob seine Gestalt
sich schwarz und sonderbar von der grauen Mauer des Nachbarhauses ab.
Sein Gesicht war bleich und gramverzerrt, und mit einem scheelen,
verlegenen, neidischen und bösen Blick verfolgte er unbeweglich Esaus
Sprünge. Plötzlich jedoch raffte er sich auf, schritt auf ihn zu, hielt
ihn an und nahm ihn langsam in seine Arme.
»Mein armes Tier« ... begann er mit wehleidiger Stimme -- aber Esau,
ausgelassen und gar nicht geneigt, sich ferner in dieser Weise behandeln
zu lassen, schnappte munter nach der Hand, die ihn streicheln wollte,
entwand sich den Armen, sprang zu Boden, machte einen neckischen
Seitensatz, blaffte auf und rannte fröhlich davon.
Was nun geschah, war etwas so Unverständliches und Infames, dass ich
mich weigere, es ausführlich zu erzählen. Tobias Mindernickel stand mit
am Leibe herunterhängenden Armen ein wenig vorgebeugt, seine Lippen
waren zusammengepresst, und seine Augäpfel zitterten unheimlich in ihren
Höhlen. Und dann, plötzlich, mit einer Art von irrsinnigem Sprunge,
hatte er das Tier ergriffen, ein grosser, blanker Gegenstand blitzte in
seiner Hand, und mit einem Schnitt, der von der rechten Schulter bis
tief in die Brust lief, stürzte der Hund zu Boden -- er gab keinen Laut
von sich, er fiel einfach auf die Seite, blutend und bebend ...
Im nächsten Augenblicke lag er auf dem Sofa, und Tobias kniete vor ihm,
drückte ein Tuch auf die Wunde und stammelte:
»Mein armes Tier! Mein armes Tier! Wie traurig alles ist! Wie traurig
wir beide sind! Leidest Du? Ja, ja, ich weiss, Du leidest ... wie
kläglich Du da vor mir liegst! Aber ich, ich bin bei Dir! Ich tröste
Dich! Ich werde mein bestes Taschentuch« ...
Allein Esau lag da und röchelte. Seine getrübten und fragenden Augen
waren voll Verständnislosigkeit, Unschuld und Klage auf seinen Herrn,
gerichtet -- und dann streckte er ein wenig seine Beine und starb.
Tobias aber verharrte unbeweglich in seiner Stellung. Er hatte das
Gesicht auf Esaus Körper gelegt und weinte bitterlich.
Druck der Freyhoffschen Buchdruckerei in Nauen.