III.

Tobias Mindernickel verliess nunmehr das Haus noch seltener als früher,

denn er verspürte keine Neigung, sich mit Esau in der Öffentlichkeit zu

zeigen. Seine ganze Aufmerksamkeit aber widmete er dem Hunde, ja, er

beschäftigte sich vom Morgen bis zum Abend mit nichts Anderem, als ihn

zu füttern, ihm die Augen auszuwischen, ihm Befehle zu erteilen, ihn zu

schelten und aufs menschlichste mit ihm zu reden. Allein die Sache war

die, dass Esau sich nicht immer zu seinem Wohlgefallen betrug. Wenn er

neben ihm auf dem Sofa lag und ihn schläfrig vor Mangel an Luft und

Freiheit, mit melancholischen Augen ansah, so war Tobias voll

Zufriedenheit; er sass in stiller und selbstgefälliger Haltung da und

streichelte mitleidig Esaus Rücken, indem er sagte:

»Siehst Du mich schmerzlich an, mein armer Freund? Ja, ja, die Welt ist

traurig, das erfährst auch Du, so jung Du bist ...«

Wenn aber das Tier, blind und toll vor Spiel- und Jagdtrieb, im Zimmer

umherfuhr, sich mit einem Pantoffel balgte, auf die Stühle sprang und

sich mit ungeheurer Munterkeit überkugelte, so verfolgte Tobias seine

Bewegungen aus der Entfernung mit einem ratlosen, missgünstigen und

unsicheren Blick und einem Lächeln, das hässlich und ärgervoll war, bis

er es endlich in unwirschem Tone zu sich rief und es anherrschte:

»Lass nun den Übermut. Es liegt kein Grund vor, umherzutanzen.«

Einmal geschah es sogar, dass Esau aus der Stube entwischte und die

Treppen hinunter auf die Strasse sprang, woselbst er alsbald begann,

eine Katze zu jagen, Pferdekot zu fressen und sich überglücklich mit den

Kindern umherzutreiben. Als aber Tobias unter dem Applaus und Gelächter

der halben Strasse mit schmerzlich verzogenem Gesichte erschien, geschah

das Traurige, dass der Hund in langen Sätzen vor seinem Herrn davonlief

... An diesem Tage prügelte Tobias ihn lange und mit Erbitterung.

Eines Tages -- der Hund gehörte ihm bereits seit einigen Wochen -- nahm

Tobias, um Esau zu füttern, ein Brotlaib aus der Kommodenschieblade und

begann mit dem grossen Messer mit Knochengriff, dessen er sich hierbei

zu bedienen pflegte, in gebückter Haltung kleine Stücke abzuschneiden

und auf den Boden fallen zu lassen. Das Tier aber, unsinnig vor Appetit

und Albernheit, sprang blindlings herzu, rannte sich das ungeschickt

gehaltene Messer unter das rechte Schulterblatt und wand sich blutend am

Boden.

Erschrocken warf Tobias alles beiseite und beugte sich über den

Verwundeten; plötzlich jedoch veränderte sich der Ausdruck seines

Gesichtes, und es ist wahr, dass ein Schimmer von Erleichterung und

Glück darüber hin ging. Behutsam trug er den wimmernden Hund auf das

Sofa, und niemand vermag auszudenken, mit welcher Hingebung er den

Kranken zu pflegen begann. Er wich während des Tages nicht von ihm, er

liess ihn zur Nacht auf seinem eigenen Lager schlafen, er wusch und

verband ihn, streichelte, tröstete und bemitleidete ihn mit

unermüdlicher Freude und Sorgfalt.

»Schmerzt es sehr?« sagte er. »Ja, ja, Du leidest bitterlich, mein armes

Tier! Aber sei still, wir müssen es ertragen« ... Sein Gesicht war

ruhig, wehmütig und glücklich bei solchen Worten.

In dem Grade jedoch, in welchem Esau zu Kräften kam, fröhlicher wurde

und genas, ward das Benehmen des Tobias unruhiger und unzufriedener. Er

befand es nunmehr für gut, sich nicht mehr um die Wunde zu bekümmern,

sondern lediglich durch Worte und Streicheln dem Hunde sein Erbarmen zu

zeigen. Allein die Heilung war weit vorgeschritten, Esau besass eine

gute Natur, er begann bereits wieder, sich im Zimmer umherzubewegen, und

eines Tages, nachdem er einen Teller mit Milch und Weissbrot

leergeschlappt hatte, sprang er völlig gesundet vom Sofa herunter, um

mit freudigem Geblaff und der alten Unbändigkeit durch die beiden Stuben

zu fahren, an der Bettdecke zu zerren, eine Kartoffel vor sich her zu

jagen und sich vor Lust zu überkugeln.

Tobias stand am Fenster, am Blumentopfe, und während eine seiner Hände,

die lang und mager aus dem ausgefransten Ärmel hervorsah, mechanisch an

dem tief in die Schläfen gestrichenen Haare drehte, hob seine Gestalt

sich schwarz und sonderbar von der grauen Mauer des Nachbarhauses ab.

Sein Gesicht war bleich und gramverzerrt, und mit einem scheelen,

verlegenen, neidischen und bösen Blick verfolgte er unbeweglich Esaus

Sprünge. Plötzlich jedoch raffte er sich auf, schritt auf ihn zu, hielt

ihn an und nahm ihn langsam in seine Arme.

»Mein armes Tier« ... begann er mit wehleidiger Stimme -- aber Esau,

ausgelassen und gar nicht geneigt, sich ferner in dieser Weise behandeln

zu lassen, schnappte munter nach der Hand, die ihn streicheln wollte,

entwand sich den Armen, sprang zu Boden, machte einen neckischen

Seitensatz, blaffte auf und rannte fröhlich davon.

Was nun geschah, war etwas so Unverständliches und Infames, dass ich

mich weigere, es ausführlich zu erzählen. Tobias Mindernickel stand mit

am Leibe herunterhängenden Armen ein wenig vorgebeugt, seine Lippen

waren zusammengepresst, und seine Augäpfel zitterten unheimlich in ihren

Höhlen. Und dann, plötzlich, mit einer Art von irrsinnigem Sprunge,

hatte er das Tier ergriffen, ein grosser, blanker Gegenstand blitzte in

seiner Hand, und mit einem Schnitt, der von der rechten Schulter bis

tief in die Brust lief, stürzte der Hund zu Boden -- er gab keinen Laut

von sich, er fiel einfach auf die Seite, blutend und bebend ...

Im nächsten Augenblicke lag er auf dem Sofa, und Tobias kniete vor ihm,

drückte ein Tuch auf die Wunde und stammelte:

»Mein armes Tier! Mein armes Tier! Wie traurig alles ist! Wie traurig

wir beide sind! Leidest Du? Ja, ja, ich weiss, Du leidest ... wie

kläglich Du da vor mir liegst! Aber ich, ich bin bei Dir! Ich tröste

Dich! Ich werde mein bestes Taschentuch« ...

Allein Esau lag da und röchelte. Seine getrübten und fragenden Augen

waren voll Verständnislosigkeit, Unschuld und Klage auf seinen Herrn,

gerichtet -- und dann streckte er ein wenig seine Beine und starb.

Tobias aber verharrte unbeweglich in seiner Stellung. Er hatte das

Gesicht auf Esaus Körper gelegt und weinte bitterlich.

Druck der Freyhoffschen Buchdruckerei in Nauen.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 45 / 47 题