9. Szene

(v. Tellheim. Das Fräulein. Franziska.)

Franziska

Und nun, gnädiges Fräulein, lassen Sie es mit dem armen Major gut sein.

Fräulein

Oh, über die Vorbitterin! Als ob der Knoten sich nicht von selbst

bald lösen müßte.

Tellheim

(nachdem er gelesen, mit der lebhaftesten Rührung). Ha! er hat sich

auch hier nicht verleugnet!--Oh, mein Fräulein, welche Gerechtigkeit!--

welche Gnade!--Das ist mehr, als ich erwartet!--Mehr, als ich verdiene!

--Mein Glück, meine Ehre, alles ist wiederhergestellt!--Ich träume

doch nicht? (Indem er wieder in den Brief sieht, als um sich nochmals

zu überzeugen.) Nein, kein Blendwerk meiner Wünsche!--Lesen Sie selbst,

mein Fräulein, lesen Sie selbst!

Fräulein

Ich bin nicht so unbescheiden, Herr Major.

Tellheim

Unbescheiden? Der Brief ist an mich, an Ihren Tellheim, Minna. Er

enthält--was Ihnen Ihr Oheim nicht nehmen kann. Sie müssen ihn lesen;

lesen Sie doch!

Fräulein

Wenn Ihnen ein Gefalle damit geschieht, Herr Major--(Sie nimmt den

Brief und lieset.) ("Mein lieber Major von Tellheim!) Ich tue Euch zu

wissen, daß der Handel, der mich um Eure Ehre besorgt machte, sich zu

Eurem Vorteil aufgekläret hat. Mein Bruder war des nähern davon

unterrichtet, und sein Zeugnis hat Euch für mehr als unschuldig

erkläret. Die Hofstaatskasse hat Ordre, Euch den bewußten Wechsel

wieder auszuliefern und die getanen Vorschüsse zu bezahlen; auch habe

ich befohlen, daß alles, was die Feldkriegskassen wider Eure

Rechnungen urgieren, niedergeschlagen werde. Meldet mir, ob Euch Eure

Gesundheit erlaubet, wieder Dienste zu nehmen. Ich möchte nicht gern

einen Mann von Eurer Bravour und Denkungsart entbehren. Ich bin Euer

wohlaffektionierter König" etc.

Tellheim

Nun, was sagen Sie hierzu, mein Fräulein?

Fräulein

(indem sie den Brief wieder zusammenschlägt und zurückgibt). Ich?

Nichts.

Tellheim

Nichts?

Fräulein

Doch ja: daß Ihr König, der ein großer Mann ist, auch wohl ein guter

Mann sein mag.--Aber was geht mich das an? Er ist nicht mein König.

Tellheim

Und sonst sagen Sie nichts? Nichts in Rücksicht auf uns selbst?

Fräulein

Sie treten wieder in seine Dienste; der Herr Major wird Oberstleutnant,

Oberster vielleicht. Ich gratuliere von Herzen.

Tellheim

Und Sie kennen mich nicht besser?--Nein, da mir das Glück so viel

zurückgibt, als genug ist, die Wünsche eines vernünftigen Mannes zu

befriedigen, soll es einzig von meiner Minna abhangen, ob ich sonst

noch jemanden wieder zugehören soll als ihr. Ihrem Dienste allein sei

mein ganzes Leben gewidmet! Die Dienste der Großen sind gefährlich

und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie

kosten. Minna ist keine von den Eiteln, die in ihren Männern nichts

als den Titel und die Ehrenstelle lieben. Sie wird mich um mich

selbst lieben; und ich werde um sie die ganze Welt vergessen. Ich

ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiß selbst nicht für welche

politische Grundsätze, und aus der Grille, daß es für jeden ehrlichen

Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um

sich mit allem, was Gefahr heißt, vertraulich zu machen und Kälte und

Entschlossenheit zu lernen. Nur die äußerste Not hätte mich zwingen

können, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen

Beschäftigung ein Handwerk zu machen. Aber nun, da mich nichts mehr

zwingt, nun ist mein ganzer Ehrgeiz wiederum einzig und allein, ein

ruhiger und zufriedener Mensch zu sein. Der werde ich mit Ihnen,

liebste Minna, unfehlbar werden; der werde ich in Ihrer Gesellschaft

unveränderlich bleiben.--Morgen verbinde uns das heiligste Band; und

sodann wollen wir um uns sehen und wollen in der ganzen weiten

bewohnten Welt den stillsten, heitersten, lachendsten Winkel suchen,

dem zum Paradiese nichts fehlt als ein glückliches Paar. Da wollen

wir wohnen; da soll jeder unserer Tage--Was ist Ihnen, mein Fräulein?

(Die sich unruhig hin und her wendet und ihre Rührung zu verbergen

sucht.)

Fräulein

(sich fassend). Sie sind sehr grausam, Tellheim, mir ein Glück so

reizend darzustellen, dem ich entsagen muß. Mein Verlust--

Tellheim

Ihr Verlust?--Was nennen Sie Ihren Verlust? Alles, was Minna

verlieren konnte, ist nicht Minna. Sie sind noch das süßeste,

lieblichste, holdseligste, beste Geschöpf unter der Sonne, ganz Güte

und Großmut, ganz Unschuld und Freude!--Dann und wann ein kleiner

Mutwille; hier und da ein wenig Eigensinn--Desto besser! desto besser!

Minna wäre sonst ein Engel, den ich mit Schaudern verehren müßte,

den ich nicht lieben könnte. (Ergreift ihre Hand, sie zu küssen.)

Fräulein

(die ihre Hand zurückzieht). Nicht so, mein Herr!--(Wie auf einmal so

verändert?--Ist dieser schmeichelnde, stürmische Liebhaber der kalte

Tellheim?--Konnte nur sein wiederkehrendes Glück ihn in dieses Feuer

setzen?--Er erlaube mir, daß ich bei seiner fliegenden Hitze für uns

beide Überlegung behalte.--Als er selbst überlegen konnte, hörte ich

ihn sagen, es sei eine nichtswürdige Liebe, die kein Bedenken trage,

ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen.--Recht, aber ich bestrebe

mich einer ebenso reinen und edeln Liebe als er.--Jetzt, da ihn die

Ehre ruft, da sich ein großer Monarch um ihn bewirbt, sollte ich

zugeben, daß er sich verliebten Träumereien mit mir überließe? daß

der ruhmvolle Krieger in einen tändelnden Schäfer ausarte?--Nein, Herr

Major, folgen Sie dem Wink Ihres bessern Schicksals--)

Tellheim

Nun wohl! Wenn Ihnen die große Welt reizender ist, Minna--wohl! so

behalte uns die große Welt!--Wie klein, wie armselig ist diese große

Welt!--Sie kennen sie nur erst von ihrer Flitterseite. Aber gewiß,

Minna, Sie werden--Es sei! Bis dahin, wohl! Es soll Ihren

Vollkommenheiten nicht an Bewundrern fehlen, und meinem Glücke wird es

nicht an Neidern gebrechen.

Fräulein

Nein, Tellheim, so ist es nicht gemeint! Ich weise Sie in die große

Welt, auf die Bahn der Ehre zurück, ohne Ihnen dahin folgen zu wollen.

--Dort braucht Tellheim eine unbescholtene Gattin! Ein sächsisches

verlaufenes Fräulein, das sich ihm an den Kopf geworfen--

Tellheim

(auffahrend und wild um sich sehend). Wer darf so sprechen?--Ah,

Minna, ich erschrecke vor mir selbst, wenn ich mir vorstelle, daß

jemand anders dieses gesagt hätte als Sie. Meine Wut gegen ihn würde

ohne Grenzen sein.

Fräulein

Nun da! Das eben besorge ich. Sie würden nicht die geringste

Spötterei über mich dulden, und doch würden Sie täglich die bittersten

einzunehmen haben.--Kurz, hören Sie also, Tellheim, was ich fest

beschlossen, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll--

Tellheim

Ehe Sie ausreden, Fräulein--ich beschwöre Sie, Minna!--überlegen Sie

es noch einen Augenblick, daß Sie mir das Urteil über Leben und Tod

sprechen!--

Fräulein

Ohne weitere Überlegung!--So gewiß ich Ihnen den Ring zurückgegeben,

mit welchem Sie mir ehemals Ihre Treue verpflichtet, so gewiß Sie

diesen nämlichen Ring zurückgenommen: so gewiß soll die unglückliche

Barnhelm die Gattin des glücklichern Tellheims nie werden!

Tellheim

Und hiermit brechen Sie den Stab, Fräulein?

Fräulein

Gleichheit ist allein das feste Band der Liebe.--Die glückliche

Barnhelm wünschte, nur für den glücklichen Tellheim zu leben. Auch

die unglückliche Minna hätte sich endlich überreden lassen, das

Unglück ihres Freundes durch sich, es sei zu vermehren oder zu lindern.

--Er bemerkte es ja wohl, ehe dieser Brief ankam, der alle Gleichheit

zwischen uns wieder aufhebt, wie sehr zum Schein ich mich nur noch

weigerte.

Tellheim

Ist das wahr, mein Fräulein?--Ich danke Ihnen, Minna, daß Sie den Stab

noch nicht gebrochen.--Sie wollen nur den unglücklichen Tellheim? Er

ist zu haben. (Kalt.) Ich empfinde eben, daß es mir unanständig ist,

diese späte Gerechtigkeit anzunehmen, daß es besser sein wird, wenn

ich das, was man durch einen so schimpflichen Verdacht entehrt hat,

gar nicht wiederverlange.--Ja, ich will den Brief nicht bekommen haben.

Das sei alles, was ich darauf antworte und tue! (Im Begriffe, ihn

zu zerreißen.)

Fräulein

(das ihm in die Hände greift). Was wollen Sie, Tellheim?

Tellheim

Sie besitzen.

Fräulein

Halten Sie!

Tellheim

Fräulein, er ist unfehlbar zerrissen, wenn Sie nicht bald sich anders

erklären.--Alsdann wollen wir doch sehen, was Sie noch wider mich

einzuwenden haben!

Fräulein

Wie? In diesem Tone?--So soll ich, so muß ich in meinen eigenen Augen

verächtlich werden? Nimmermehr! Es ist eine nichtswürdige Kreatur,

die sich nicht schämet, ihr ganzes Glück der blinden Zärtlichkeit

eines Mannes zu verdanken!

Tellheim

Falsch, grundfalsch!

Fräulein

Wollen Sie es wagen, Ihre eigene Rede in meinem Munde zu schelten?

Tellheim

Sophistin! So entehrt sich das schwächere Geschlecht durch alles, was

dem stärkern nicht ansteht? So soll sich der Mann alles erlauben, was

dem Weibe geziemet? Welches bestimmte die Natur zur Stütze des

andern?

Fräulein

Beruhigen Sie sich, Tellheim!--Ich werde nicht ganz ohne Schutz sein,

wenn ich schon die Ehre des Ihrigen ausschlagen muß. So viel muß mir

immer noch werden, als die Not erfordert. Ich habe mich bei unserm

Gesandten melden lassen. Er will mich noch heute sprechen.

Hoffentlich wird er sich meiner annehmen. Die Zeit verfließt.

Erlauben Sie, Herr Major--

Tellheim

Ich werde Sie begleiten, gnädiges Fräulein.--

Fräulein

Nicht doch, Herr Major, lassen Sie mich--

Tellheim

Eher soll Ihr Schatten Sie verlassen! Kommen Sie nur, mein Fräulein,

wohin Sie wollen, zu wem Sie wollen. Überall, an Bekannte und

Unbekannte, will ich es erzählen, in Ihrer Gegenwart des Tages

hundertmal erzählen, welche Bande Sie an mich verknüpfen, aus welchem

grausamen Eigensinne Sie diese Bande trennen wollen--

Minna von Barnhelm · 第 56 / 63 题