10. Szene

(Franziska wieder heraus, mit einem Brief in der Hand. v Tellheim.

Paul Werner.)

Franziska

Herr Major--

Tellheim

Liebe Franziska, ich habe dich noch nicht willkommen heißen können.

Franziska

In Gedanken werden Sie es doch schon getan haben. Ich weiß, Sie sind

mir gut. Ich Ihnen auch. Aber das ist gar nicht artig, daß Sie Leute,

die Ihnen gut sind, so ängstigen.

Werner

(vor sich). Ha, nun merk ich. Es ist richtig!

Tellheim

Mein Schicksal, Franziska!--Hast du ihr den Brief übergeben?

Franziska

Ja, und hier übergebe ich Ihnen--(Reicht ihm den Brief.)

Tellheim

Eine Antwort?--

Franziska

Nein, Ihren eignen Brief wieder.

Tellheim

Was? Sie will ihn nicht lesen?

Franziska

Sie wollte wohl, aber--wir können Geschriebenes nicht gut lesen.

Tellheim

Schäkerin!

Franziska

Und wir denken, daß das Briefschreiben für die nicht erfunden ist, die

sich mündlich miteinander unterhalten können, sobald sie wollen.

Tellheim

Welcher Vorwand! Sie muß ihn lesen. Er enthält meine Rechtfertigung--

alle die Gründe und Ursachen--

Franziska

Die will das Fräulein von Ihnen selbst hören, nicht lesen.

Tellheim

Von mir selbst hören? Damit mich jedes Wort, jede Miene von ihr

verwirre; damit ich in jedem ihrer Blicke die ganze Größe meines

Verlusts empfinde?--

Franziska

Ohne Barmherzigkeit!--Nehmen Sie! (Sie gibt ihm den Brief.) Sie

erwartet Sie um drei Uhr. Sie will ausfahren und die Stadt besehen.

Sie sollen mit ihr fahren?

Tellheim

Mit ihr fahren?

Franziska

Und was geben Sie mir, so laß ich Sie beide ganz allein fahren? Ich

will zu Hause bleiben.

Tellheim

Ganz allein?

Franziska

In einem schönen verschloßnen Wagen.

Tellheim

Unmöglich!

Franziska

Ja, ja; im Wagen muß der Herr Major Katz aushalten; da kann er uns

nicht entwischen. Darum geschieht es eben.--Kurz, Sie kommen, Herr

Major; und Punkte drei.--Nun? Sie wollten mich ja auch allein

sprechen. Was haben Sie mir denn zu sagen?--Ja so, wir sind nicht

allein. (Indem sie Wernern ansieht.)

Tellheim

Doch, Franziska, wir wären allein. Aber da das Fräulein den Brief

nicht gelesen hat, so habe ich dir noch nichts zu sagen.

Franziska

So? wären wir doch allein? Sie haben vor dem Herrn Wachtmeister

keine Geheimnisse?

Tellheim

Nein, keine.

Franziska

Gleichwohl, dünkt mich, sollten Sie welche vor ihm haben.

Tellheim

Wie das?

Werner

Warum das, Frauenzimmerchen?

Franziska

Besonders Geheimnisse von einer gewissen Art.--Alle zwanzig, Herr

Wachtmeister? (Indem sie beide Hände mit gespreizten Fingern in die

Höhe hält.)

Werner

St! st! Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen!

Tellheim

Was heißt das?

Franziska

Husch ist's am Finger, Herr Wachtmeister? (Als ob sie einen Ring

geschwind ansteckte.)

Tellheim

Was habt ihr?

Werner

Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, Sie wird ja wohl Spaß verstehn?

Tellheim

Werner, du hast doch nicht vergessen, was ich dir mehrmal gesagt habe,

daß man über einen gewissen Punkt mit dem Frauenzimmer nie scherzen

muß?

Werner

Bei meiner armen Seele, ich kann's vergessen haben!--Frauenzimmerchen,

ich bitte--

Franziska

Nun, wenn es Spaß gewesen ist; dasmal will ich es Ihm verzeihen.

Tellheim

Wenn ich denn durchaus kommen muß, Franziska: so mache doch nur, daß

das Fräulein den Brief vorher noch lieset. Das wird mir die Peinigung

ersparen, Dinge noch einmal zu denken, noch einmal zu sagen, die ich

so gern vergessen möchte. Da, gib ihr ihn! (Indem er den Brief

umkehrt und ihr ihn zureichen will, wird er gewahr, daß er erbrochen

ist.) Aber sehe ich recht? Der Brief, Franziska, ist ja erbrochen.

Franziska

Das kann wohl sein. (Besieht ihn.) Wahrhaftig, er ist erbrochen. Wer

muß ihn denn erbrochen haben? Doch gelesen haben wir ihn wirklich

nicht, Herr Major, wirklich nicht. Wir wollen ihn auch nicht lesen,

denn der Schreiber kömmt selbst. Kommen Sie ja; und wissen Sie was,

Herr Major? Kommen Sie nicht so, wie Sie da sind, in Stiefeln, kaum

frisiert. Sie sind zu entschuldigen, Sie haben uns nicht vermutet.

Kommen Sie in Schuhen, und lassen Sie sich frisieren.--So sehen Sie

mir gar zu brav, gar zu preußisch aus!

Tellheim

Ich danke dir, Franziska.

Franziska

Sie sehen aus, als ob Sie vorige Nacht kampiert hätten.

Tellheim

Du kannst es erraten haben.

Franziska

Wir wollen uns gleich auch putzen und sodann essen. Wir behielten Sie

gern zum Essen, aber Ihre Gegenwart möchte uns an dem Essen hindern;

und sehen Sie, so gar verliebt sind wir nicht, daß uns nicht hungerte.

Tellheim

Ich geh! Franziska, bereite sie indes ein wenig vor, damit ich weder

in ihren noch in meinen Augen verächtlich werden darf.--Komm, Werner,

du sollst mit mir essen.

Werner

An der Wirtstafel hier im Hause? Da wird mir kein Bissen schmecken.

Tellheim

Bei mir auf der Stube.

Werner

So folge ich Ihnen gleich. Nur noch ein Wort mit dem Frauenzimmerchen.

Tellheim

Das gefällt mir nicht übel! (Geht ab.)

Minna von Barnhelm · 第 35 / 63 题