Die feine, naturwahre Darstellung der Luft in ihren verschiedenen
Stimmungen -- besonders wenn sie an Farbentönen, Dunstschichten und
Wolken reich ist -- oder sobald sie, wie bei Darstellungen von
Seestücken, Wiesengründen oder flachen Gegenden, den größten Theil
des Bildes einnimmt -- gehört zu den größten Schwierigkeiten der
Aquarelltechnik, bildet aber zugleich einen ihrer hervorragendsten
Reize. Wo dagegen die Luft nur einen kleinen Theil des Bildes einnimmt,
ist sie von geringerer Wirkung und in den meisten Fällen auch von sehr
leichter, mindestens einfacher Behandlung. Hauptsache ist Zartheit und
Weichheit der Töne. -- Man darf nicht die +Farbe+, sondern nur die
+Wirkung+, die +Luft+ sehen. Der Anfänger präge sich vorerst folgende
allgemeine Bemerkungen ein:
1) Die Wolken zeichne man, sobald solche nicht allzu zahl- und
formenreich sind, in der Regel +nicht+, da es bei solchen, in steter
Veränderung begriffenen Dingen wie Wolken, auf +ganz absolute+
Wiedergabe der Formen in allen Einzelheiten nicht ankommt. Ist man
jedoch genöthigt zu zeichnen, so skizzire man nur ganz flüchtig, nur
ganz im Allgemeinen und +sehr leicht+, damit die Bleistiftstriche nicht
später durch die Farbe sich in unangenehmer Weise dem Auge bemerkbar
machen. Bleistifte mittlerer Härte sind am geeignetsten.
2) Die nöthigen Farbentöne bereite man, sobald man im Zimmer arbeitet,
in Porzellannäpfchen in +flüssigem+ Zustande und in ausreichender
Quantität, damit während der Anlage keine Unterbrechung eintritt,
was unbedingt zu vermeiden ist. Man beginne stets mit sehr hellen
Tönen -- ohne jedoch allzuviel zu wässern, da die Farben stets
+heller+ auftrocknen -- und verstärke solche nach und nach, welche
Behandlungsweise den Lufttönen ungemein zu Statten kommt.
3) Dasselbe Resultat läßt sich indessen auch erreichen, wenn man die
ersten Farbenlagen etwas dunkler als nöthig hält, nach dem Trocknen
mit breitem Pinsel die Luft mit reinem Wasser übergeht und dann die
dunkleren Töne mit einem ganz weichen Schwämmchen vorsichtig wischt,
wodurch die Töne erheblich gemildert werden. Ist nach dieser Operation
das Bild wieder getrocknet, so werden nicht selten manche Stellen zu
matt geworden sein, was durch Uebergehen mit leichten entsprechenden
Tönen ausgeglichen wird. Die Wirkung wird dann ebenfalls eine zarte und
luftige sein, jedoch ist dem Anfänger unbedingt das unter 2) angegebene
Verfahren anzurathen.
4) Jeder aufgetragene Ton muß +vollständig+ getrocknet sein, bevor ein
anderer Ton darüber gelegt werden darf. Unaufmerksamkeit in dieser
Beziehung oder Mißachtung dieser Regel kann zum gänzlichen Verderben
eines vielleicht schon weit vorgeschrittenen Bildes führen.
5) Zur Erreichung des zarten +Luft+tons auf Luft- und Wasserflächen
ist es nothwendig, daß nach +jeder+ Farbenlage die Luft mit dem
breiten Pinsel zart mit reinem Wasser übergangen wird, wodurch etwaige
überschüssige Farbe und allenfallsige Härte weggenommen werden. Die
übermäßige Feuchtigkeit wird sodann mittelst gelinden Aufdrückens
einiger Lagen reinen Löschpapieres aufgesogen. Dieses Uebergehen mit
Wasser muß übrigens auch bei ersten Anlagen +vor+ Auftrag einer Farbe
angewendet werden, da sich anderfalls an den Grenzen der Farbentöne
harte Ränder bilden.
6) Mit den Tönen für die Luft übergehe man stets auch Ferne und
Mittelgrund des Bildes, und sobald Wasser vorkommt, auch dieses. Daß
letzteres in Betreff der Waschungen ebenso wie die Luft behandelt wird,
wurde bereits angedeutet.
7) Man bringe bei Anlage der Luft etc. das Brett in geneigte Lage, und
beginne mit dem Auftrag der Töne +Oben+ und in +horizontalen+ Strichen.
Der Pinsel muß stets von entsprechender Größe und +gefüllt+ sein. Das
richtige Maß ergibt sich nach den ersten Versuchen von selbst. Ist der
erste Ton, etwa einer blauen Luft, nach dem Trocknen zu schwach in der
Farbe, so übergeht man solchen mit einem zweiten schwachen Ton. Die
Zahl der einzeln aufzutragenden Töne richtet sich überhaupt einerseits
nach der Mannigfaltigkeit der Farbentöne, andererseits nach dem Grade
der Vollendung, welchen man dem Bilde zu geben beabsichtigt. Einfache
Vorwürfe erfordern häufig nur einen einzigen Auftrag; complizirte
dagegen in der Regel eine große Zahl.
8) Man beginne nie mit dem Detail des Vorder- oder Mittelgrundes, bevor
die Luft vollendet ist, da es, besonders in den zahlreichen Fällen,
wo der Mittelgrund grüne oder grünliche Töne zeigt, nach Anlage der
grünen Töne nicht mehr räthlich ist, dieselben zu stören. +Kleinere+
Verstärkungen der Wolkenschatten oder des Blau können indessen später
immer noch ohne Nachtheil ausgeführt werden, was sogar in den meisten
Fällen bei Fertigstellung des Bildes noch nothwendig erscheint, während
umfangreichere Aenderungen in der Luft in späteren Stadien der Arbeit
nur in sehr seltenen Fällen ausführbar sind.
9) Die Wolken erfordern eine sehr aufmerksame, etwas abweichende
Behandlung. Vor allen Dingen gilt es hier nicht formlos zu werden und
bloße Flächen darzustellen, da Wolken eine, wenn auch feine, doch sehr
bestimmte Modellirung erfordern. Die erste Anlage der Wolken sei eine
breite, jeder folgende Auftrag aber beschränke sich auf kleineren
Umfang. Auch enthalte der Pinsel nur wenig Farbe, damit keine Pfützen
entstehen. Man bediene sich bei Modellirung der Wolken, d. h. bei dem
Eingehen auf die Formen, nur der +Spitze des Pinsels+ und zwar in
+Strichen von der Seite+, womit eine sehr erfreuliche Wirkung erzielt
wird. Man erhält auf diese Weise schwache, aber immerhin bestimmte,
um nicht zu sagen scharfe Striche mit vielen Lichtern dazwischen,
welche die Wirkungen von +Wind+ veranschaulichen, wie sich überhaupt
mit dieser Pinselführung alle eckigen Formen nach einiger Uebung sehr
leicht wiedergeben lassen. Flach gehalten und von der Seite über die
Fläche geschleppt oder absatzweise gezogen -- nur darf der Pinsel nicht
mit Farbe überladen sein -- lassen sich besonders zerrissene Wölkchen
mit großer Wahrheit darstellen und können solche auf keine andere Weise
gleich wirkungsvoll erreicht werden.
10) Nachträglich erforderliche kleinere Lichter in Wolken werden am
besten so dargestellt, daß man die Form derselben genau mit Wasser
übergeht, dasselbe mit Löschpapier auftrocknet und die noch feuchte
Stelle vorsichtig mit Gummi oder mit Brodkrumen reibt; mit ersterem,
wo es sich um glanzvolle, -- mit letzteren, wo es sich um schwächere
Lichter handelt. Nach Bedürfniß werden die erhaltenen lichten Stellen
sodann mit einem geeigneten schwachen Tone lasirt. Leichte, helle
Wölkchen können ebenfalls auf diese Weise dargestellt werden und
mit Brod behandelt lassen sich auch größere oder kleinere zu dunkel
gerathene Stellen leicht aufhellen. Scharfe Lichter wie auch schwächere
lassen sich auch mit einem scharfen Radirmesser geben, jedoch erfordert
dessen Anwendung Geschick und Vorsicht, damit man statt der Lichter
keine Kratzer liefere. Auch hier wie überall in der Malerei darf man
nur die +Wirkung+ -- das +Licht+ -- unmittelbar sehen, +nicht+ aber
darf das +Mittel+, wodurch es hervorgebracht worden ist, sich dem
Beschauer sofort in aufdringlicher Weise zu erkennen geben.
11) Man arbeite in den Wolken stets nur mit schwachen, flüssigen Tönen
und beobachte bei jedem Auftrag die Formen, da nur so die nothwendige
Reinheit und Klarheit im Luftton zu erreichen sind. Sind die Wolken am
oberen Rande sehr hell, so beginnt man mit reinem Wasser, welchem man
nach und nach Farbe zusetzt.
12) Bei Gemälden von größerer Vollendung läßt sich eine sehr gute,
luftige Wirkung erzielen, wenn man nach Vollendung der Luft solche mit
den Fingerspitzen mit etwas käuflich zu erhaltendem „+alcoholisirten
Bimssteinpulver+“ sanft überreibt.
13) Der Anfänger merke ferner, daß bei klarem Himmel um Mittag die Luft
vorherrschend blau ist, daß je weiter gegen Abend oder früher gegen
Morgen, desto mehr rothe oder gelbe Töne auftreten, sowie, daß die
über uns stehenden Wolken warme Schattentöne und kalte Lichter zeigen,
welches Verhältniß nach dem Horizonte hin langsam in das Gegentheil
übergeht, indem hier die Schatten kalte und die Lichter warme Töne
besitzen.
14) Man halte stets Löschpapier zum Abstreichen der überschüssigen
Farbe im Pinsel zur Hand.
* * * * *
Da die vorstehend gegebenen praktischen Fingerzeige dem ersten
Anfänger nicht nach allen Seiten hin genügen, so gebe ich nunmehr in
Folgendem die specielle +technische+ Behandlung gewisser Vorwürfe,
um den Lernenden, soweit es durch genaue Beschreibung überhaupt zu
ermöglichen ist, soviel als thunlich auf die richtige Technik zu
leiten und ihn mit den Mitteln der Darstellung der verschiedensten
Stimmungen der Luft vertrauter zu machen. Ich setze dabei voraus, daß
er Stimmungen, wie die angedeuteten, welche sämmtlich zu den häufig
wiederkehrenden gehören, entweder nach der Natur oder nach ähnlichen
farbigen Vorlagen zu copiren sucht. Lüfte ohne Wolken lassen sich
jedoch auch ohne weiteres Vorbild nach meinen Angaben herstellen. Nach
Bewältigung der Technik aber male der Lernende fleißig Luftstimmungen
der verschiedensten Art nach der Natur.
Bei Darstellung von Wolkenbildungen beobachte man im Allgemeinen
Folgendes, indem Verstöße in dieser Beziehung sehr beleidigend wirken.
Die über dem Horizont zunächst lagernden Wolken bilden stets wagrechte
Streifen. Erheben sie sich bis zu einem Winkel von 10°, so erscheinen
die obern Ränder sanft geschwungen, und buchten sich solche bis zu 20
bis 25° Höhe mehr und mehr aus, während der untere Rand noch immer mehr
oder weniger horizontal bleibt. Dem Winkel von 45° sich nähernd wird
die Gliederung, an welcher jetzt, wenn auch in geringerem Grade, die
Unterseiten Theil nehmen, immer reicher und belebter.
Bei noch höher stehendem Gewölk endlich gehen die gerundeten Formen
mehr und mehr ins Eckige und Zerrissene über.