Von Thomas Morus

Die Insel der Utopier hat in der Mitte -- da ist sie nämlich am

breitesten -- eine Ausdehnung von 200 Meilen, ist über eine große

Strecke hin nicht viel schmäler und nimmt nach den beiden Enden zu

allmählich ab. Diese runden die ganze Insel zu einem Halbkreise von 500

Meilen Umfang ab und geben ihr die Gestalt des zunehmenden Mondes.

Zwischen den beiden Hörnern befindet sich eine Meeresbucht von etwa elf

Meilen Breite. Land umgibt diese gewaltige Wasserfläche auf allen Seiten

und schützt sie vor Winden. Sie ist weniger stürmisch bewegt und gleicht

mehr einem ruhigen See von ungeheurer Ausdehnung, macht fast die ganze

Ausbuchtung des Landes zu einem Hafen und ermöglicht den Schiffsverkehr

nach allen Richtungen.

Die Einfahrt in den Hafen gefährden auf der einen Seite Untiefen und auf

der anderen Klippen. Etwa in der Mitte ragt ein einzelner Felsen empor,

der aber ungefährlich ist. Auf ihm steht ein Turm, in den die Utopier

eine Besatzung gelegt haben. Die übrigen Klippen sind unsichtbar und

deshalb gefährlich. Die Fahrstraßen kennen nur die Eingeborenen, und so

kann ein Ausländer ohne einen Lotsen aus Utopien nur schwer in diese

Bucht eindringen; könnten doch die Utopier selber kaum ohne Gefahr dort

einlaufen, wenn nicht gewisse Seezeichen vom Strande aus die Richtung

angäben, und durch ihre Umsetzung wären sie imstande, jeder auch noch so

großen feindlichen Flotte den Untergang zu bereiten.

Auf der anderen Seite liegen gut besuchte Häfen. Aber überall ist der

Zugang zum Lande so stark durch Natur oder Kunst befestigt, daß auch nur

eine Handvoll Verteidiger selbst gewaltige Truppenmassen abwehren

könnte. Übrigens war dieses Land, wie man berichtet und wie der

Augenschein deutlich zeigt, vor Zeiten noch keine Insel. Vielmehr hat

erst Utopus, der als Eroberer die Insel nach sich benannt hat -- bis

dahin hieß sie Abraxa -- und der den rohen und unkultivierten Volksstamm

in Kultur und Gesittung auf eine solche Höhe gebracht hat, daß er die

übrigen Völker übertrifft, das Land zur Insel gemacht. Kaum war er

nämlich dort gelandet und Herr des Landes geworden, so ließ er eine

Strecke von 15 Meilen auf der Seite, wo die Halbinsel mit dem Festlande

zusammenhing, ausstechen und führte so das Meer ringsherum. Da er zu

dieser Arbeit, um sie nicht als Schmach empfinden zu lassen, nicht nur

die Eingeborenen zwang, sondern außerdem alle seine Soldaten hinzuzog,

verteilte sie sich auf eine gewaltige Menge Menschen, und so wurde das

Werk mit unglaublicher Schnelligkeit vollendet. Bei den Nachbarvölkern

aber, die es anfangs als ein aussichtsloses Beginnen ins Lächerliche

gezogen hatten, erregte der Erfolg Staunen und Schrecken.

Die Insel hat 54 Städte, alle geräumig und prächtig, in Sprache, Sitten,

Einrichtungen und Gesetzen einander völlig gleich. Sie sind alle in

derselben Weise angelegt und haben, soweit das bei der Verschiedenheit

des Geländes möglich ist, dasselbe Aussehen. Die geringste Entfernung

zwischen ihnen beträgt 24 Meilen; anderseits wieder ist keine so

abgelegen, daß man nicht von ihr aus eine andere an _einem_ Tage zu Fuß

erreichen könnte.

Aus jeder Stadt kommen alljährlich drei erfahrene Greise in Amaurotum

zusammen, um sich über gemeinsame Angelegenheiten der Insel zu beraten.

Diese Stadt wird nämlich als erste und als Hauptstadt betrachtet, weil

sie gleichsam im Herzen des Landes und somit für die Abgeordneten aller

Landesteile bequem liegt.

Ackerland ist den Städten planmäßig zugeteilt, und zwar so, daß einer

jeden nach jeder Richtung hin mindestens 12 Meilen Anbaufläche zur

Verfügung stehen, nach manchen Richtungen hin jedoch noch viel mehr,

nämlich dort, wo die Städte weiter auseinanderliegen. Keine Stadt ist

auf Erweiterung ihres Gebietes bedacht; denn die Einwohner betrachten

sich mehr als seine Bebauer denn als seine Besitzer.

Auf dem flachen Lande haben die Utopier Höfe, die zweckmäßig über die

ganze Anbaufläche verteilt und mit landwirtschaftlichen Geräten versehen

sind; in ihnen wohnen Bürger, die abwechselnd dorthin ziehen. Jeder

ländliche Haushalt zählt an Männern und Frauen mindestens 40 Köpfe, wozu

noch zwei zur Scholle gehörige Knechte kommen. Einem Haushalte stehen

ein Hausvater und eine Hausmutter vor, gesetzte und an Erfahrung reiche

Personen, und an der Spitze von je 30 Familien steht ein Phylarch.

Aus jeder Familie wandern jährlich 20 Personen in die Stadt zurück,

nachdem sie zwei ganze Jahre auf dem Lande zugebracht haben, und werden

durch ebensoviel neue aus der Stadt ersetzt. Diese werden dann von

denen, die schon ein Jahr dort gewesen sind und deshalb größere

Erfahrung in der Landwirtschaft besitzen, angelernt, um ihrerseits

wiederum im folgenden Jahre andere zu unterweisen. Dadurch will man

Fehler in der Getreideversorgung verhüten, die infolge Mangels an

Erfahrung gemacht werden könnten, wenn alle dort zu gleicher Zeit

unerfahrene Neulinge wären. Diese Sitte, mit den Bebauern zu wechseln,

ist zwar die gewöhnliche, weil niemand gegen seinen Willen und nur unter

Zwang das mühsamere Leben auf dem Lande länger ohne Unterbrechung

zubringen soll; viele jedoch, denen die Landwirtschaft von Natur Freude

macht, erwirken sich einen Aufenthalt von mehr Jahren.

Die Ackerbauer bestellen das Land, treiben Viehzucht, beschaffen Holz

und fahren es bei Gelegenheit zu Wasser oder zu Lande nach der Stadt.

Kücken ziehen sie in gewaltiger Menge auf, und zwar mit Hilfe einer

wunderbaren Vorrichtung. Sie lassen nämlich die Hühnereier nicht von den

Hennen ausbrüten, sondern setzen sie in großer Zahl einer gleichmäßigen

Wärme aus, erwecken sie dadurch zum Leben und ziehen dann die Kücken

groß. Kaum sind diese ausgeschlüpft, so laufen sie den Menschen wie

ihren Müttern nach und erkennen sie immer wieder. Pferde ziehen die

Utopier in ganz geringer Zahl auf, und zwar nur sehr feurige Tiere; sie

sind einzig und allein für Übungen der Jugend in der Reitkunst bestimmt.

Denn alle Arbeit bei der Feldbestellung oder beim Transport verrichten

Ochsen. Sie sind zwar, wie die Utopier offen zugeben, nicht so feurig

wie die Pferde, besitzen aber dafür ihrer Meinung nach mehr Ausdauer und

eine größere Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten. Außerdem erfordert

ihr Unterhalt weniger Aufwand an Mühe und Kosten, und zuletzt sind sie,

wenn sie ausgedient haben, doch noch für die Ernährung zu gebrauchen.

Getreide verwenden die Utopier nur zur Brotbereitung; denn als Getränk

dient ihnen Wein von Trauben oder Äpfeln oder Birnen oder schließlich

auch Wasser, das sie bisweilen unvermischt trinken, oft aber auch mit

Honig oder Süßholz verkocht, das es bei ihnen in nicht geringer Menge

gibt. Den Verbrauch von Lebensmitteln durch die Stadt und ihre Umgebung

haben sie zwar ermittelt und kennen ihn ganz genau, trotzdem bauen sie

viel mehr Getreide an und ziehen auch viel mehr Vieh auf, als für den

Eigenbedarf nötig ist, um dann den Überschuß an ihre Nachbarn abzugeben.

Alles, was sie an Hausrat brauchen, den es auf dem Lande nicht gibt,

verlangen sie von der Stadt und erhalten es auch ohne jede Gegenleistung

bereitwillig von den Behörden; denn die meisten von ihnen kommen sowieso

in jedem Monat an einem Feiertage in der Stadt zusammen. Wenn die

Erntezeit naht, melden die Phylarchen der Ackerbauer den städtischen

Behörden, wieviel Bürger sie ihnen schicken sollen. Diese Schar

Erntearbeiter trifft am festgesetzten Tage rechtzeitig ein, und bei

gutem Wetter erledigt man dann so ziemlich an einem einzigen Tage die

gesamte Erntearbeit.

Utopia(#26971) · 第 9 / 17 题