Rede des trefflichen Raphael Hythlodeus über den besten Zustand des
Staates, veröffentlicht von dem erlauchten Thomas Morus, Bürger und
Vicecomes der rühmlich bekannten britischen Hauptstadt London.
Kürzlich hatte der siegreiche König von England Heinrich, der achte
dieses Namens, ein mit allen Tugenden eines hervorragenden Fürsten
gezierter Herrscher, einige nicht belanglose Meinungsverschiedenheiten
mit Karl, dem erhabenen König von Kastilien. Zu den Verhandlungen
darüber und zur Beilegung dieser Streitigkeiten schickte mich König
Heinrich als Abgesandten nach Flandern, und zwar zusammen mit dem
unvergleichlichen Cuthbert Tunstall, den der König erst kürzlich unter
überaus starkem und allgemeinem Beifall mit dem Amte des Archivars
betraut hat. Über seine Vorzüge will ich nichts sagen, nicht als ob ich
fürchtete, infolge unserer Freundschaft könnte mein Urteil zu wenig den
Tatsachen entsprechen, sondern weil seine Tüchtigkeit und Gelehrsamkeit
größer ist, als ich sie rühmen könnte, und außerdem überall bekannter
und berühmter, als daß sie noch gerühmt zu werden brauchte, ich müßte
denn, wie man sagt, die Sonne mit der Laterne zeigen wollen. In Brügge
trafen wir -- so war es verabredet -- die Beauftragten des Königs Karl,
alles treffliche Männer. Unter ihnen befand sich der Präfekt von Brügge,
ein hochangesehener Mann, der Führer und das Haupt der Abordnung; ihr
Sprecher und ihre Seele jedoch war Georg Temsicius, der Propst von
Cassel, ein Redner von einer nicht nur erworbenen, sondern auch
angeborenen Beredsamkeit, außerdem ein überaus erfahrener Jurist und im
Verhandeln ein vortrefflicher Meister durch seine Begabung und
beständige Praxis. Ein und das andere Mal kamen wir zusammen, ohne in
gewissen Fragen eine rechte Einigung zu erzielen. Da verabschiedeten
sich die anderen für einige Tage von uns und reisten nach Brüssel, um
sich bei ihrem Fürsten Bescheid zu holen. Inzwischen begab ich mich --
die Geschäfte brachten es so mit sich -- nach Antwerpen. Während meines
Aufenthaltes dort kam häufig außer anderen, aber immer als liebster
Besucher, Peter Ägid aus Antwerpen zu mir. Er genießt großes Vertrauen
bei seinen Landsleuten und nimmt eine angesehene Stellung ein, verdient
aber die angesehenste. Man weiß nämlich nicht, wodurch sich der junge
Mann mehr auszeichnet, ob durch seine Bildung oder seinen Charakter; ist
er doch ein sehr guter Mensch und zugleich ein großer Gelehrter,
außerdem ein Mann von lauterer Gesinnung gegen alle, seinen Freunden
gegenüber aber von solcher Herzlichkeit, Liebe, Treue und aufrichtigen
Neigung, daß man kaum einen oder den anderen irgendwo findet, den man
als einen ihm in jeder Beziehung gleichwertigen Freund bezeichnen
möchte. Er besitzt eine seltene Bescheidenheit; niemandem liegt
Verstellung so fern wie ihm; niemand ist schlichter und zugleich
klüger. Ferner kann er sich so gefällig und harmlos-witzig unterhalten,
daß der so angenehme Umgang und die so liebe Plauderei mit ihm zu einem
großen Teile mich die Sehnsucht nach der Heimat und dem heimischen Herd,
nach meiner Frau und meinen Kindern leichter ertragen ließ; denn schon
damals war ich über vier Monate von daheim fort, und in überaus
beängstigender Weise quälte mich das Verlangen, sie wiederzusehen.
Eines Tages hatte ich in der wunderschönen und vielbesuchten
Liebfrauenkirche am Gottesdienst teilgenommen und schickte mich an, nach
Beendigung der Feier von dort in meine Herberge zurückzukehren, da sehe
ich Peter zufällig sich mit einem Fremden unterhalten, einem älteren
Manne mit sonnverbranntem Gesicht und langem Bart. Der Mantel hing ihm
nachlässig von der Schulter herab, und seinem Aussehen und seiner
Kleidung nach war er ein Seemann. Sobald mich Peter erblickte, kam er
auf mich zu und grüßte. Als ich antworten wollte, nahm er mich ein wenig
beiseite und fragte: »Siehst du den da?« Dabei zeigte er auf den, mit
dem ich ihn hatte sprechen sehen. »Den wollte ich gerade jetzt zu dir
bringen.« -- »Er wäre mir sehr willkommen gewesen«, antwortete ich, »und
zwar deinetwegen.« -- »Nein«, sagte er, »vielmehr seinetwegen, wenn du
den Mann nur schon kenntest. Denn niemand in der ganzen Welt kann dir
heutzutage so viel von unbekannten Menschen und Ländern erzählen, und,
wie ich weiß, bist du ja ganz versessen darauf, so etwas zu hören.« --
»Also war meine Vermutung«, sagte ich, »gar nicht so falsch. Denn gleich
auf den ersten Blick habe ich ihn als Seemann erkannt.« -- »Und doch
hast du dich stark geirrt; er fährt wenigstens nicht als Palinurus,
sondern als Odysseus oder vielmehr als Plato. Denn dieser Raphael -- so
heißt er nämlich, und sein Familienname ist Hythlodeus -- ist nicht
wenig bewandert im Lateinischen und sehr bewandert im Griechischen, und
zwar hat er die griechische Sprache deshalb mehr getrieben als die der
Römer, weil er sich ganz der Philosophie gewidmet und erkannt hatte, daß
auf dem Gebiete der Philosophie im Lateinischen nichts von irgendwelcher
Bedeutung vorhanden ist außer einigem von Seneca und Cicero. Dann
überließ er sein vom Vater ererbtes Gut, in dem er wohnte, seinen
Brüdern, schloß sich -- er ist nämlich Portugiese -- dem Amerigo
Vespucci an, um sich die Welt anzusehen, und war dessen ständiger
Begleiter auf den drei letzten seiner vier Seereisen, die man schon hier
und da gedruckt lesen kann. Von der letzten jedoch kehrte er nicht mit
ihm zurück. Er bemühte sich vielmehr darum und erpreßte von Amerigo die
Erlaubnis, zu jenen vierundzwanzig zu gehören, die am Ende der letzten
Seereise in einem Kastell zurückgelassen wurden. So blieb er denn dort
zurück, entsprechend seiner Sinnesart, die mehr nach einem Aufenthalte
in fremdem Lande als nach einem Grabmale verlangt. Führt er doch dauernd
solche Sprüche im Munde wie 'Unter dem Himmelsgewölbe ruht, wer keine
Urne hat' und 'Zum Himmel ist es von überall her gleich weit'. Dieser
Wagemut wäre ihm ohne Gottes gnädigen Beistand nur allzu teuer zu stehen
gekommen. Nach Vespuccis Abreise durchstreifte er dann zusammen mit fünf
Kameraden aus dem Kastell zahlreiche Länder und gelangte schließlich
durch einen wunderbaren Zufall nach Taprobane und von dort nach
Caliquit. Hier hatte er das Glück, portugiesische Schiffe anzutreffen,
auf denen er schließlich wider Erwarten heimkehrte.«
Als Peter mit seiner Erzählung fertig war, dankte ich ihm für seine
Gefälligkeit und seine Bemühungen, mir die Unterhaltung mit einem Manne
zu ermöglichen, die mir seiner Meinung nach willkommen war, und wandte
mich Raphael zu. Wir begrüßten einander, wechselten jene bei der ersten
Begegnung mit Fremden allgemein üblichen Redensarten und gingen dann in
meine Wohnung. Hier setzten wir uns im Garten auf eine Rasenbank und
fingen an, miteinander zu plaudern.
Da erzählte uns denn Raphael, wie er es zusammen mit seinen im Kastell
zurückgebliebenen Kameraden nach Vespuccis Abreise angestellt habe,
durch Freundlichkeiten und Schmeicheleien allmählich die Zuneigung der
Eingeborenen zu gewinnen, nicht nur ohne Gefahr, sondern auch in
Freundschaft unter ihnen zu leben und damit auch noch die Gunst und
Wertschätzung eines Fürsten -- sein und seines Landes Name sei ihm
entfallen -- zu erlangen. In seiner Freigebigkeit -- so erzählte er
weiter -- versah dieser ihn und fünf seiner Kameraden reichlich mit
Lebensmitteln und Geld für eine Expedition, die sie dann zu Wasser mit
Fahrzeugen und zu Lande mit Wagen unternahmen und auf der sie ein höchst
zuverlässiger Führer zu anderen Fürsten geleitete, an die sie warme
Empfehlungsschreiben mithatten. Dann gelangten sie nach einer Reise von
vielen Tagen zu festen Plätzen, Städten und gar nicht schlecht
eingerichteten volkreichen Staaten. Zwar liegen unter dem Äquator, wie
Raphael erzählte, und von da aus auf beiden Seiten etwa bis zur Grenze
der Sonnenbahn wüste und der dörrenden Sonnenglut dauernd ausgesetzte
Einöden: Unwirtlichkeit ringsum und ein trostloser Anblick, abschreckend
alles und unkultiviert, Schlupfwinkel von wilden Tieren und Schlangen
oder schließlich auch von Menschen, die Bestien weder an Wildheit noch
an Gefährlichkeit nachstehen. Fährt man aber weiter, so wird alles
allmählich milder: das Klima weniger rauh, die Erde von einladendem Grün
schimmernd, zahmer die Natur der Lebewesen. Endlich bekommt man
Menschen, Städte und feste Plätze zu Gesicht, und unter ihnen herrscht
ein ununterbrochener Handelsverkehr, nicht nur untereinander und mit den
Nachbarn, sondern auch mit fernen Völkern, und zwar zu Wasser und zu
Lande.
Dadurch bot sich für Raphael die Gelegenheit, viele Länder diesseits und
jenseits des Meeres zu besuchen; denn jedes Schiff, das ausgerüstet
wurde, nahm ihn und seine Begleiter sehr gern mit. Wie er erzählte,
hatten die Schiffe, die sie in den ersten Ländern zu sehen bekamen,
flache Kiele und Segel aus zusammengenähten Papyrusblättern oder aus
Weidengeflecht, anderswo auch aus Häuten. Auf der Weiterfahrt begegneten
sie Schiffen mit spitzgeschnäbelten Kielen und Segeln aus Hanf; am Ende
war alles so wie bei uns. Die Seeleute waren nicht unerfahren in Meeres-
und Himmelskunde. Aber einen außerordentlichen Dank erntete Raphael
dafür, daß er sie im Gebrauch des Kompasses unterwies, den sie bis dahin
überhaupt noch nicht kannten. Deshalb hatten sie sich auch nur zaghaft
ans Meer gewöhnt und vertrauten sich ihm nicht ohne Grund nur im Sommer
an. Jetzt aber achten die Seeleute im Vertrauen auf den Magnetstein die
Gefahren des Winters gering, allerdings mehr sorglos als gefahrlos.
Daher besteht die Gefahr, diese Erfindung, die ihnen, wie man glaubte,
großen Vorteil bringen werde, könne infolge ihrer Unvorsichtigkeit große
Schäden verursachen.
Was Raphael an den einzelnen Orten, wie er erzählte, gesehen hat, das
alles hier mitzuteilen, würde zu weit führen und ist auch nicht der
Zweck dieses Buches. Vielleicht werde ich es einmal an anderer Stelle
erzählen, besonders alles das, dessen Kenntnis von Nutzen ist, wie z. B.
in erster Linie die richtigen und klugen politischen Maßnahmen, die er
bei gesitteten Völkern wahrgenommen hat. In betreff dieser Dinge
befragten wir ihn nämlich am meisten, und über sie sprach er auch am
liebsten, während wir es vorläufig unterließen, uns nach Ungeheuern zu
erkundigen, dem Langweiligsten, das es gibt. Denn Scyllen und
räuberische Celänonen, menschenfressende Lästrygonen und dergleichen
abscheuliche Ungeheuer sind fast überall zu finden, aber Bürger, die in
einem vernünftig und weise geleiteten Staate leben, wohl nirgends. Wenn
er nun aber auch bei jenen unbekannten Völkern viele verkehrte
Einrichtungen wahrgenommen hat, so hat er doch auch nicht weniges
aufgezählt, was als Beispiel dienen kann, die Fehler unserer Städte,
Nationen, Völker und Herrschaften zu verbessern, und worüber ich, wie
gesagt, an anderer Stelle einmal sprechen muß. Jetzt will ich nur seinen
Bericht über Sitten und Einrichtungen der Utopier wiedergeben, wobei
ich jedoch das Gespräch vorausschicke, in dessen Verlauf ihn eine
Wendung dazu veranlaßte, diesen Staat zu erwähnen.
Mit großer Klugheit hatte Raphael aufgezählt, was hier und dort falsch
war -- sicherlich war es sehr viel auf beiden Seiten des Ozeans --, dann
aber auch, welche Maßnahmen bei uns und ebenso bei jenen anderen
verständiger sind. Er hatte nämlich Sitten und Einrichtungen eines jeden
Volkes so fest im Gedächtnis, als hätte er an jedem von ihm besuchten
Orte sein ganzes Leben zugebracht. Da staunte Peter und meinte: »Ich muß
mich in der Tat wundern, mein Raphael, daß du nicht in die Dienste eines
Königs trittst; denn das weiß ich zur Genüge: es gibt keinen, dem du
nicht sehr willkommen wärest, da du es mit diesem deinen Wissen und
dieser deiner Kenntnis von Gegenden und Menschen verstehst, ihn nicht
bloß zu unterhalten, sondern auch durch Beispiele zu belehren und ihm
mit deinem Rat zu helfen. Auf diese Weise könntest du für dich selbst
ausgezeichnet sorgen und zugleich allen deinen Angehörigen sehr nützen.«
»Was meine Angehörigen betrifft«, erwiderte Raphael, »so kümmern die
mich wenig; ihnen gegenüber habe ich nämlich, wie ich glaube, meine
Pflicht so ziemlich erfüllt. Denn was andere erst, wenn sie alt und
krank sind, abtreten, ja sogar auch dann nur ungern, wenn sie es nicht
länger behalten können, das habe ich unter meine Verwandten und Freunde
verteilt, und zwar zu einer Zeit, da ich nicht mehr bloß gesund und
frisch war, sondern sogar schon in jungen Tagen. Sie müßten also, meine
ich, mit meiner Freigebigkeit eigentlich zufrieden sein und dürften
nicht außerdem noch verlangen und erwarten, daß ich mich ihretwegen
einem König als Knecht verdinge.«
»Halt!« sagte da Peter. »Ich meinte, du solltest nicht ein Knecht,
sondern ein Diener von Königen werden.«
»Das ist nur ein ganz kleiner Unterschied«, antwortete Raphael.
»Wie du die Sache auch nennen magst«, sagte da Peter, »ich bin
jedenfalls der Ansicht, daß das der Weg ist, nicht nur anderen in
persönlichem und öffentlichem Interesse zu nützen, sondern auch deine
eigene Lage glücklicher zu gestalten.«
»Glücklicher? auf einem Wege, vor dem mir graut?« fragte Raphael. »Jetzt
lebe ich, ganz wie es mir beliebt, und das ist, wie ich sicher vermute,
bei den wenigsten Fürstendienern der Fall. Es gibt ja auch genug Leute,
die sich um die Freundschaft der Mächtigen bemühen. Da sollte man es
nicht für einen großen Verlust halten, wenn diese auf mich und den einen
oder den anderen meinesgleichen verzichten müssen.«
»Es ist klar, mein Raphael«, erwiderte ich, »daß du weder nach Reichtum
noch nach Macht verlangst. Und fürwahr, einen Mann von dieser deiner
Gesinnung verehre und achte ich nicht weniger als irgendeinen der
Mächtigsten. Indessen wirst du, wie mir scheint, durchaus deiner selbst
und deiner edlen Gesinnung, ja eines wahren Philosophen würdig handeln,
wenn du es fertig brächtest, selbst unter Verzicht auf etwas persönliche
Bequemlichkeit, deine Begabung und deinen Eifer dem Wohle des
Gemeinwesens zu widmen. Das könntest du aber niemals mit so großem
Erfolge tun, als wenn du zum Rate eines großen Fürsten gehörtest und ihm
richtige und gute Ratschläge erteiltest, und das würdest du ja, wie ich
sicher weiß, tun. Denn ein Fürst ist gleichsam ein nie versiegender
Quell, von dem sich ein Sturzbach alles Guten und Bösen auf das ganze
Volk ergießt. Dein theoretisches Wissen aber ist so vollkommen, daß du
gar keine große praktische Erfahrung nötig hast, und deine
Lebenserfahrung anderseits so groß, daß du gar kein theoretisches Wissen
brauchst, um einen ausgezeichneten Ratgeber jedes beliebigen Königs
abzugeben.«
»Da befindest du dich in einem doppelten Irrtum, mein lieber Morus«,
erwiderte Raphael, »einmal hinsichtlich meiner und sodann hinsichtlich
der Sache selbst. Ich besitze nämlich gar nicht die Fähigkeit, die du
mir zuschreibst, und auch wenn ich sie im höchsten Grade besäße, würde
ich doch selbst durch den Verzicht auf meine Muße den Interessen des
Staates in keinerlei Weise dienen. Erstens nämlich beschäftigen sich die
Fürsten selbst alle zumeist lieber mit militärischen Dingen, von denen
ich nichts verstehe und auch nichts verstehen möchte, als mit den
segensreichen Künsten des Friedens, und weit größer ist ihr Eifer, sich
durch Recht oder Unrecht neue Reiche zu erwerben als die schon
erworbenen gut zu verwalten. Ferner ist von allen Ratgebern der Könige
jeder entweder in Wahrheit so weise, daß er den Rat eines anderen nicht
braucht, oder er dünkt sich so weise, daß er ihn nicht gutheißen mag.
Dabei pflichten sie unter schmarotzerischen Schmeicheleien den
ungereimtesten Äußerungen derer bei, die bei dem Fürsten in höchster
Gunst stehen und die sie sich deshalb durch ihre Zustimmung
verpflichten wollen. Und gewiß ist es ganz natürlich, daß einem jeden
seine eigenen Einfälle zusagen. So findet der Rabe ebenso wie der Affe
am eigenen Jungen seinen Gefallen. Wenn aber jemand im Kreise jener
Leute, die auf fremde Meinungen eifersüchtig sind oder die eigenen
vorziehen, etwas vorbringen sollte, das, wie er gelesen hat, zu anderer
Zeit vorgekommen ist oder das er anderswo gesehen hat, so benehmen sich
die Zuhörer gerade so, als ob der ganze Ruf ihrer Weisheit gefährdet
wäre und als ob man sie danach für Narren halten müßte, wenn sie nicht
imstande sind, etwas zu finden, was sie an dem von den anderen
Gefundenen schlecht machen können. Wenn sie keinen anderen Ausweg
wissen, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Redensarten wie: So hat es
unseren Vorfahren gefallen; wären wir doch ebenso klug wie sie! Und nach
einem solchen Ausspruch setzen sie sich hin, als hätten sie damit die
Sache völlig und trefflich erledigt. Gerade als ob es eine große Gefahr
bedeutete, wenn sich jemand dabei ertappen läßt, in irgend etwas
gescheiter zu sein als seine Vorfahren! Und doch lassen wir alle ihre
guten Einrichtungen mit großem Gleichmut gelten; wenn sie aber bei
irgend etwas hätten klüger zu Werke gehen können, so ergreifen wir
sofort gierig diese Gelegenheit und halten hartnäckig daran fest. Das
ist auch die Quelle dieser hochmütigen, sinnlosen und eigensinnigen
Urteile, auf die ich schon oft gestoßen bin, besonders aber auch einmal
in England.«
»Hör einmal!« rief ich da, »du bist auch bei uns gewesen?«
»Allerdings«, antwortete er, »und zwar habe ich mich dort einige Monate
aufgehalten, nicht lange nach jener Niederlage, die den Bürgerkrieg
Westenglands gegen den König durch eine beklagenswerte Niedermetzelung
der Aufständischen gewaltsam beendete. In jener Zeit hatte ich dem
ehrwürdigen Vater Johannes Morton, dem Erzbischof von Canterbury,
Kardinal und damals auch noch Lordkanzler von England, viel zu danken,
einem Manne, lieber Peter -- dem Morus erzähle ich damit nichts
Neues --, den man nicht weniger wegen seiner Klugheit und Tüchtigkeit
als wegen seines Ansehens verehren muß. Er war von mittlerer Statur,
sein Rücken war von seinem, wenn auch hohen Alter noch nicht gebeugt;
seine Miene flößte Ehrfurcht, nicht Scheu ein. Im Verkehr war er nicht
unzugänglich, aber doch ernst und würdevoll. Er fand ein Vergnügen
daran, Bittsteller bisweilen etwas schroffer anzureden, aber nicht etwa
in böser Absicht, sondern um die Sinnesart und Geistesgegenwart eines
jeden auf die Probe zu stellen. Über letztere Eigenschaft, die ihm ja
selber gleichsam angeboren war, freute er sich stets, wofern keine
Unverschämtheit damit verbunden war, und sie schätzte er als geeignet zu
der Führung der Geschäfte. Seine Rede zeugte von feiner Bildung und
Energie; seine Rechtserfahrung war groß, seine Begabung unvergleichlich,
sein Gedächtnis geradezu fabelhaft stark. Diese ausgezeichneten
Naturanlagen vervollkommnete er noch durch Studium und Übung. Seinen
Ratschlägen schenkte der König, wie es schien, während meiner
Anwesenheit das größte Vertrauen, und sie waren eine starke Stütze für
den Staat. Denn in frühester Jugend und gleich von der Schule weg an
den Hof gebracht, war er sein ganzes Leben lang in den wichtigsten
Geschäften tätig gewesen und von mannigfachen Schicksalsstürmen
beständig hin und her geworfen worden, und dadurch hatte er sich unter
vielen großen Gefahren eine Lebensklugheit erworben, die nur schwer
wieder verlorengeht, wenn sie auf diese Weise gewonnen wird.
Als ich eines Tages an seiner Tafel saß, wollte es der Zufall, daß einer
von euren Laienjuristen zugegen war. Dieser begann -- ich weiß nicht,
wie er darauf kam --, eifrig jene strenge Justiz zu loben, die man
damals in England Dieben gegenüber übte. Wie er erzählte, wurden
allenthalben bisweilen zwanzig an _einem_ Galgen aufgehängt. Da nur sehr
wenige der Todesstrafe entgingen, wundere er sich, so meinte er, um so
mehr, welch widriges Geschick daran schuld sei, daß sich trotzdem noch
überall so viele herumtrieben. Da sagte ich -- vor dem Kardinal wagte
ich es nämlich, offen meine Meinung zu äußern --: »Da brauchst du dich
gar nicht zu wundern; denn diese Bestrafung der Diebe geht über das, was
gerecht ist, hinaus und liegt nicht im Interesse des Staates.
Als Sühne für Diebstähle ist die Todesstrafe nämlich zu grausam, und, um
vom Stehlen abzuschrecken, ist sie trotzdem unzureichend. Denn
einerseits ist einfacher Diebstahl doch kein so schlimmes Verbrechen,
daß es mit dem Tode gebüßt werden müßte, anderseits aber gibt es keine
so harte Strafe, diejenigen von Räubereien abzuhalten, die kein anderes
Gewerbe haben, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Wie mir daher
scheint, folgt ihr in dieser Sache -- wie ein guter Teil der Menschheit
übrigens auch -- dem Beispiel der schlechten Lehrer, die ihre Schüler
lieber prügeln als belehren. So verhängt man harte und entsetzliche
Strafen über Diebe, während man viel eher dafür hätte sorgen sollen, daß
sie ihren Unterhalt haben, damit sich niemand der grausigen
Notwendigkeit ausgesetzt sieht, erst zu stehlen und dann zu sterben.«
»Dafür ist ja doch zur Genüge gesorgt«, erwiderte er. »Wir haben ja das
Handwerk und den Ackerbau. Beides würde sie ernähren, wenn sie nicht aus
freien Stücken lieber Gauner sein _wollten_.«
»Halt, so entschlüpfst du mir nicht!« antwortete ich. »Zunächst wollen
wir nicht von denen reden, die, wie es häufig vorkommt, aus inneren oder
auswärtigen Kriegen als Krüppel heimkehren wie vor einer Reihe von
Jahren aus der Schlacht gegen die Cornwaller und unlängst aus dem Kriege
mit Frankreich. Für den Staat oder für den König opfern sie ihre
gesunden Glieder und sind nun zu gebrechlich, um ihren alten Beruf
wieder auszuüben, und zu alt, um sich für einen neuen auszubilden. Diese
Leute wollen wir also, wie gesagt, beiseite lassen, da es nur von Zeit
zu Zeit zu einem Kriege kommt, und betrachten wir nur das, was
tagtäglich geschieht!
Da ist zunächst die so große Zahl der Edelleute. Selber müßig, leben sie
wie die Drohnen von der Arbeit anderer, nämlich von der der Bauern auf
ihren Gütern, die sie bis aufs Blut aussaugen, um ihre persönlichen
Einkünfte zu erhöhen. Das ist nämlich die einzige Art von
Wirtschaftlichkeit, die jene Menschen kennen; im übrigen sind sie
Verschwender, und sollten sie auch bettelarm dadurch werden. Außerdem
aber scharen sie einen gewaltigen Schwarm von Tagedieben um sich, die
niemals ein Handwerk gelernt haben, mit dem sie sich ihr Brot verdienen
könnten. Diese Leute wirft man sofort auf die Straße, sobald der
Hausherr stirbt oder sie selbst krank werden; denn lieber füttert man
Faulenzer durch als Kranke, und oft ist auch der Erbe gar nicht in der
Lage, die väterliche Dienerschaft weiter zu halten. Inzwischen leiden
jene Menschen tapfer Hunger oder treiben tapfer Straßenraub. Was sollten
sie denn sonst auch tun? Haben nämlich erst einmal ihre Kleider und ihre
Gesundheit durch das Herumstrolchen auch nur ein wenig gelitten, so mag
sie, die infolge ihrer Krankheit von Schmutz starren und in Lumpen
gehüllt sind, kein Edelmann mehr in Dienst nehmen. Aber auch die Bauern
getrauen es sich nicht; denn sie wissen ganz genau: einer, der in
Nichtstun und genießerischem Leben groß geworden und gewohnt ist, mit
Schwert und Schild einherzustolzieren, mit von Eitelkeit umnebelter
Miene auf seine gesamte Umgebung herabzublicken und jedermann im
Vergleich mit sich zu verachten, eignet sich keineswegs dazu, einem
armen Manne mit Hacke und Spaten für geringen Lohn und karge Kost treu
zu dienen.«
»Und doch müssen wir gerade diese Menschenklasse ganz besonders hegen
und pflegen«, erwiderte der Rechtsgelehrte. »Denn gerade auf diesen
Männern, die mehr Mut und Edelsinn besitzen als Handwerker und
Landleute, beruht die Kraft und Stärke unseres Heeres, wenn es einmal
nötig ist, sich im Felde zu schlagen.«
»In der Tat«, antwortete ich, »ebenso gut könntest du sagen, um des
Krieges willen müsse man die Diebe hegen und pflegen; denn an ihnen wird
es euch ganz gewiß nie fehlen, solange ihr diese Menschenklasse noch
habt. Und gewiß, Räuber sind keine feigen Soldaten und die Soldaten
nicht die feigsten unter den Räubern: so gut passen diese Berufe
zueinander. Indessen ist diese weitverbreitete Plage keine
Eigentümlichkeit eures Volkes; sie ist nämlich fast allen Völkern
gemeinsam. Frankreich z. B. sucht eine noch andere, verderblichere Pest
heim: das ganze Land ist auch im Frieden -- wenn jener Zustand überhaupt
Frieden ist -- von Söldnern überschwemmt und bedrängt. Sie sind aus
demselben Grunde da, der euch bestimmt hat, die faulen Dienstleute
hierzulande durchzufüttern, weil nämlich närrische Weise der Ansicht
gewesen sind, das Staatswohl erfordere die ständige Bereitschaft einer
starken und zuverlässigen Schutztruppe besonders altgedienter Soldaten;
denn zu Rekruten hat man kein Vertrauen. Daher müssen sie schon deshalb
auf einen Krieg bedacht sein, um geübte Soldaten zur Hand zu haben, und
sie müssen sich nach Menschen umsehen, die kostenlos abgeschlachtet
werden können, damit nicht, wie Sallust so fein sagt, Hand und Herz
durch Untätigkeit zu erschlaffen beginnen.
Wie verderblich es aber ist, derartige Bestien zu füttern, hat nicht
bloß Frankreich zu seinem eigenen Schaden erfahren; auch das Beispiel
der Römer, Karthager, Syrer und vieler anderer Völker beweist es. Bei
diesen allen haben die stehenden Heere bald bei dieser und bald bei
jener Gelegenheit nicht bloß die Regierung gestürzt, sondern auch das
flache Land und sogar die festen Städte zugrunde gerichtet. Aber wie
unnötig ist solch ein stehendes Heer! Das kann man schon daraus ersehen,
daß auch die französischen Söldner, die doch durch und durch geübte
Soldaten sind, sich nicht rühmen können, im Kampfe mit euren Aufgeboten
sehr oft den Sieg davongetragen zu haben. Ich will jetzt nichts weiter
sagen; es könnte sonst den Anschein erwecken, als wollte ich euch, die
ihr hier zugegen seid, schmeicheln. Aber man kann gar nicht glauben, daß
sich eure Handwerker in der Stadt und eure ungeschlachten Bauern auf dem
Lande vor dem faulen Troß der Edelleute sehr fürchten außer denjenigen,
denen es infolge ihrer körperlichen Schwäche an Kraft und Kühnheit fehlt
oder deren Energie durch häusliche Not geschwächt wird. So wenig ist
also zu befürchten, daß diese Leute etwa verweichlicht werden könnten,
wenn sie für einen nützlichen Lebensberuf ausgebildet und in
Männerarbeit geübt werden. Vielmehr erschlaffen jetzt ihre gesunden und
kräftigen Körper -- die Edelleute geruhen nämlich, nur ausgesuchte Leute
zugrunde zu richten -- durch Nichtstun, oder sie werden durch fast
weibische Beschäftigung verweichlicht. Auf keinen Fall liegt es, will
mir scheinen, -- wie es sich auch sonst mit dieser Sache verhalten mag
-- im Interesse des Staates, nur für den Kriegsfall, den ihr doch nur
habt, wenn ihr ihn haben wollt, eine unermeßliche Schar von Menschen
dieser Sorte durchzufüttern, die den Frieden so gefährden, auf den man
doch um so viel mehr bedacht sein sollte als auf den Krieg.
Und doch ist das nicht der einzige Zwang zum Stehlen. Es gibt noch
einen anderen, der euch, wie ich meine, in höherem Grade eigentümlich
ist.«
»Welcher ist das?« fragte der Kardinal.
»Eure Schafe«, sagte ich. »Sie, die gewöhnlich so zahm und genügsam
sind, sollen jetzt so gefräßig und wild geworden sein, daß sie sogar
Menschen verschlingen sowie Felder, Häuser und Städte verwüsten und
entvölkern. In all den Gegenden eures Reiches nämlich, wo die feinere
und deshalb teurere Wolle gewonnen wird, genügen dem Adel und den
Edelleuten und sogar bisweilen Äbten, heiligen Männern, die jährlichen
Einkünfte und Erträgnisse nicht mehr, die ihre Vorgänger aus ihren
Gütern erzielten. Nicht zufrieden damit, daß sie mit ihrem faulen und
üppigen Leben der Allgemeinheit nichts nützen, sondern eher schaden,
lassen sie kein Ackerland übrig, zäunen alles als Viehweiden ein, reißen
die Häuser nieder, zerstören die Städte, lassen nur die Kirchen als
Schafställe stehen und, gerade als ob bei euch die Wildgehege und
Parkanlagen nicht schon genug Grund und Boden der Nutzbarmachung
entzögen, verwandeln diese braven Leute alle bewohnten Plätze und alles
sonst irgendwo angebaute Land in Einöden.
Damit also ein einziger Verschwender, unersättlich und eine grausige
Pest seines Vaterlandes, einige tausend Morgen zusammenhängenden
Ackerlandes mit einem einzigen Zaun umgeben kann, vertreibt man Pächter
von Haus und Hof. Entweder umgarnt man sie durch Lug und Trug oder
überwältigt sie mit Gewalt; man plündert sie aus oder treibt sie, durch
Gewalttätigkeiten bis zur Erschöpfung gequält, zum Verkauf ihrer Habe.
So oder so wandern die Unglücklichen aus, Männer und Weiber, Ehemänner
und Ehefrauen, Waisen, Witwen, Eltern mit kleinen Kindern oder mit einer
Familie, weniger reich an Besitz als an Zahl der Personen, wie ja die
Landwirtschaft vieler Hände bedarf. Sie wandern aus, sage ich, aus ihren
vertrauten und gewohnten Heimstätten und finden keinen Zufluchtsort.
Ihren gesamten Hausrat, der ohnehin keinen großen Erlös bringen würde,
auch wenn er auf einen Käufer warten könnte, verkaufen sie um ein
Spottgeld, wenn sie ihn sich vom Halse schaffen müssen. Ist dann der
geringe Erlös in kurzer Zeit auf der Wanderschaft verbraucht, was bleibt
ihnen dann schließlich anderes übrig, als zu stehlen und am Galgen zu
hängen -- nach Recht und Gesetz natürlich -- oder sich herumzutreiben
und zu betteln, obgleich sie auch dann als Vagabunden eingesperrt
werden, weil sie herumlaufen, ohne zu arbeiten? Und doch will sie
niemand als Arbeiter in Dienst nehmen, so eifrig sie sich auch anbieten.
Denn mit der Landarbeit, an die sie gewöhnt sind, ist es vorbei, wo
nicht gesät wird; genügt doch ein einziger Schaf- oder Rinderhirt als
Aufsicht, um von seinen Herden ein Stück Land abweiden zu lassen, zu
dessen Bestellung als Saatfeld viele Hände notwendig waren.
So kommt es auch, daß an vielen Orten die Lebensmittel wesentlich teurer
geworden sind. Ja, auch die Wolle ist so im Preis gestiegen, daß eure
weniger bemittelten Tuchmacher sie überhaupt nicht mehr kaufen können
und dadurch in der Mehrzahl arbeitslos werden. Nachdem man nämlich die
Weideflächen so vergrößert hatte, raffte eine Seuche eine unzählige
Menge Schafe hinweg, gleich als ob Gott die Habgier der Besitzer hätte
bestrafen wollen mit der Seuche, die er unter ihre Schafe sandte und die
-- so wäre es gerechter gewesen -- die Eigentümer selbst hätte treffen
müssen. Mag aber auch die Zahl der Schafe noch so sehr zunehmen, der
Preis der Wolle fällt nicht, weil der Handel damit, wenn man ihn auch
nicht Monopol nennen darf, da ja nicht bloß einer verkauft, sicher doch
ein Oligopol ist. Die Schafe befinden sich nämlich fast sämtlich in den
Händen einiger weniger, und zwar eben der reichen Leute, die keine
Notwendigkeit dazu drängt, eher zu verkaufen, als es ihnen beliebt, und
es beliebt ihnen nicht eher, als bis sie beliebig teuer verkaufen
können. Wenn ferner auch die übrigen Viehsorten in gleicher Weise im
Preise gestiegen sind, so ist dafür derselbe Grund maßgebend, und zwar
hierfür erst recht, weil sich nämlich nach Zerstörung der Bauernhöfe und
nach Vernichtung der Landwirtschaft niemand mehr mit der Aufzucht von
Jungvieh abgibt. Jene Reichen treiben nämlich nur Schafzucht, ziehen
aber kein Rindvieh mehr auf. Sie kaufen vielmehr anderswo Magervieh
billig auf, mästen es auf ihren Weiden und verkaufen es dann für viel
Geld weiter. Und nur deshalb empfindet man, meine ich, den ganzen
Schaden dieses Verfahrens noch nicht in vollem Umfange, weil jene bis
jetzt die Preise nur dort hochgetrieben haben, wo sie verkaufen.
Schaffen sie aber erst einmal eine Zeitlang das Vieh schneller fort, als
es nachwachsen kann, so nimmt dann schließlich auch dort, wo es
aufgekauft wird, der Bestand allmählich ab, und es entsteht dann durch
starken Mangel notwendigerweise eine Notlage. So hat die ruchlose
Habgier einiger weniger das, was das ganz besondere Glück dieser eurer
Insel zu sein schien, gerade euer Verderben werden lassen. Denn diese
Verteuerung der Lebensmittel ist für einen jeden der Anlaß, soviel
Dienerschaft wie möglich zu entlassen: wohin, so frage ich, wenn nicht
zur Bettelei oder, wozu man ritterliche Gemüter leichter überreden kann,
zur Räuberei?
Was soll man aber dazu sagen, daß sich zu dieser elenden Verarmung und
Not noch lästige Verschwendungssucht gesellt? Denn sowohl die
Dienerschaft des Adels wie die Handwerker und fast ebenso die Bauern
selbst, ja, alle Stände überhaupt, treiben viel übermäßigen Aufwand in
Kleidung und zu großen Luxus im Essen. Denke ferner an die Kneipen,
Bordelle und an die andere Art von Bordellen, ich meine die Weinschenken
und die Bierhäuser, schließlich an die so zahlreichen nichtsnutzigen
Spiele, wie Würfelspiel, Karten, Würfelbecher, Ball-, Kugel- und
Scheibenspiel! Treibt nicht alles dies seine Anbeter geradeswegs zum
Raube auf die Straße, sobald sie ihr Geld vertan haben?
Bekämpft diese verderblichen Seuchen! Trefft die Bestimmung, daß
diejenigen, die die Gehöfte und ländlichen Siedlungen zerstört haben,
sie wieder aufbauen oder denen abtreten, die zum Wiederaufbau bereit
sind und bauen _wollen_! Schränkt jene üblen Aufkäufe der Reichen und
die Freiheit ihres Handels ein, der einem Monopol gleichkommt! Die Zahl
derer, die vom Müßiggang leben, soll kleiner werden; der Ackerbau soll
wieder aufleben; die Wollspinnerei soll wieder in Gang kommen, damit es
eine ehrbare Beschäftigung gibt, durch die jene Schar von Tagedieben
einen nutzbringenden Erwerb findet, sie, die die Not bisher zu Dieben
gemacht hat oder die jetzt Landstreicher oder müßige Dienstmannen sind
und ohne Zweifel dereinst Diebe sein werden! Soviel steht fest: wenn ihr
diesen Übelständen nicht abhelft, so mögt ihr euch umsonst eurer
Gerechtigkeit bei der Bestrafung von Diebstählen rühmen! Eure Justiz
blendet wohl durch den Schein, aber gerecht oder nützlich ist sie nicht.
Wenn ihr den Menschen eine klägliche Erziehung zuteil werden und ihren
Charakter von zarter Jugend an allmählich verderben laßt, um sie
offenbar erst dann zu bestrafen, wenn sie als Erwachsene die Schandtaten
begehen, die man von Kindheit an bei ihnen dauernd erwartet hat, was tut
ihr da anderes, ich bitte euch, als daß ihr sie erst zu Dieben macht und
dann bestraft?«
Schon während ich so sprach, hatte sich jener Rechtsgelehrte zum Reden
fertig gemacht und sich entschlossen, jene übliche Methode der
Schuldisputanten anzuwenden, die sorgfältiger wiederholen als antworten;
in dem Grade macht für sie ihr Gedächtnis einen guten Teil ihres Ruhmes
aus. »Was du da sagst, klingt in der Tat recht hübsch«, erwiderte er.
»Freilich darf man nicht vergessen, daß du als Fremder über diese Dinge
mehr nur etwas hast hören als genau erforschen können, was ich mit
wenigen Worten beweisen werde. Und zwar will ich zuerst deine
Ausführungen der Reihe nach durchgehen; sodann will ich zeigen, worin du
dich infolge von Unkenntnis unserer Verhältnisse getäuscht hast; zum
Schluß will ich alle deine Thesen entkräften und widerlegen.
Um also mit dem ersten Teile meines Versprechens zu beginnen, so hast
du, wie mir scheint, ...«
»Still!« rief da der Kardinal. »Da du nämlich so anfängst, wirst du, wie
mir scheint, nicht mit einigen wenigen Worten nur antworten wollen.
Deshalb soll dir für den Augenblick die Mühe zu antworten erspart
bleiben. Wir wollen dir jedoch diese Verpflichtung uneingeschränkt für
eure nächste Zusammenkunft aufheben, die ich schon morgen stattfinden
lassen möchte, falls ihr, du und Raphael, nichts anderes vorhaben
solltet. Inzwischen aber hätte ich von dir, mein Raphael, sehr gern
gehört, warum du der Ansicht bist, Diebstahl sei nicht mit dem Tode zu
bestrafen, und welche andere Strafe du selbst vorschlägst, die mehr dem
öffentlichen Interesse entspricht; denn dafür, den Diebstahl einfach zu
dulden, bist du doch gewiß auch nicht. Wenn man aber jetzt sogar trotz
der Lebensgefahr das Stehlen nicht läßt, welche Gewalt oder welche
Befürchtung könnte dann die Verbrecher abschrecken, nachdem ihnen erst
einmal ihr Leben gesichert ist? Würden sie es nicht so auffassen, als ob
die Milderung der Strafe sie gewissermaßen durch eine Prämie zum
Verbrechen geradezu ermuntere?«
»Ich bin durchaus der Ansicht, gütiger Vater«, erwiderte ich, »daß es
ganz ungerecht ist, einem Menschen das Leben zu nehmen, weil er Geld
gestohlen hat; denn auch sämtliche Glücksgüter können meiner Meinung
nach ein Menschenleben nicht aufwiegen. Wollte man nun aber sagen, diese
Strafe solle die Rechtsverletzung oder die Übertretung der Gesetze,
nicht das gestohlene Geld aufwiegen, müßte man dann nicht erst recht
jenes strengste Recht als größtes Unrecht bezeichnen? Denn weder darf
man Gesetze nach Art eines Manlius billigen, so daß bei einer
Gehorsamsverweigerung auch in den leichtesten Fällen sofort das Schwert
zum Todesstreiche gezückt wird, noch so stoische Grundsätze, daß man die
Vergehen alle als gleich beurteilt und der Ansicht ist, es sei kein
Unterschied, ob einer einen Menschen tötet oder ihm nur Geld raubt,
Vergehen, zwischen denen überhaupt keine Ähnlichkeit oder Verwandtschaft
besteht, wenn Recht und Billigkeit überhaupt noch etwas gelten. Gott hat
es verboten, jemanden zu töten, und wir töten so leichten Herzens um
eines gestohlenen Sümmchens willen? Sollte es aber jemand so auffassen
wollen, als ob jenes göttliche Gebot die Tötung eines Menschen nur
insoweit verbiete, als sie nicht ein menschliches Gesetz gebietet, was
steht dann dem im Wege, daß die Menschen auf dieselbe Weise unter sich
festsetzen, inwieweit Unzucht zu dulden sei und Ehebruch und Meineid?
Gott hat einem jeden die Verfügung nicht nur über ein fremdes, sondern
sogar über das eigene Leben genommen; wenn aber menschliches
Übereinkommen, sich unter gewissen Voraussetzungen gegenseitig töten zu
dürfen, so viel gelten soll, daß es seine dienstbaren Geister von den
Bindungen jenes Gebotes befreit und diese dann ohne jede göttliche
Strafe Menschen ums Leben bringen dürfen, die Menschensatzung zu töten
befiehlt, bleibt dann nicht jenes Gottesgebot nur insoweit in Geltung,
als Menschenrecht es erlaubt? Und so wird es in der Tat dahin kommen,
daß auf dieselbe Weise die Menschen festsetzen, inwieweit Gottes Gebote
beachtet werden sollen! Und schließlich hat sogar das mosaische Gesetz,
obwohl erbarmungslos und hart, da es für Sklavenseelen, und zwar für
verstockte, erlassen war, den Diebstahl trotzdem nur mit Geld und nicht
mit dem Tode bestraft. Wir wollen doch nicht glauben, daß Gott mit dem
neuen Gesetz der Gnade, durch das er als Vater seinen Kindern gebietet,
uns größere Freiheit gewährt hat, gegeneinander zu wüten!
Das sind die Gründe, die ich gegen die Todesstrafe vorzubringen habe. In
welchem Grade aber widersinnig und sogar verderblich für den Staat eine
gleichmäßige Bestrafung des Diebes und des Mörders ist, das weiß, meine
ich, jeder. Wenn nämlich der Räuber sieht, daß einem, der wegen bloßen
Diebstahls verurteilt ist, keine geringere Strafe droht, als wenn der
Betreffende außerdem noch des Mordes überführt wird, so veranlaßt ihn
schon diese eine Überlegung zur Ermordung desjenigen, den er andernfalls
nur beraubt hätte. Denn abgesehen davon, daß für einen, der ertappt
wird, die Gefahr nicht größer ist, gewährt ihm der Mord sogar noch
größere Sicherheit und mehr Aussicht, daß die Tat unentdeckt bleibt, da
ja der, der sie anzeigen könnte, beseitigt ist. Während wir uns also
bemühen, den Dieben durch allzu große Strenge Schrecken einzujagen,
spornen wir sie dazu an, gute Menschen umzubringen.
Was ferner die übliche Frage nach einer besseren Art der Bestrafung
anlangt, so ist diese viel leichter zu finden als eine noch weniger
gute. Warum sollten wir denn eigentlich an der Nützlichkeit jener
Methode der Bestrafung von Verbrechen zweifeln, die, wie wir wissen, in
alten Zeiten so lange den Römern zugesagt hat, die doch so große
Erfahrung in der Staatsverwaltung besaßen? Diese pflegten nämlich
überführte Schwerverbrecher zur Arbeit in den Steinbrüchen und
Bergwerken zu verurteilen, wo sie dauernd Fesseln tragen mußten. Jedoch
habe ich in dieser Beziehung auf meinen Reisen bei keinem Volke eine
bessere Einrichtung gefunden als in Persien bei den sogenannten
Polyleriten, einem ansehnlichen Volke mit einer recht verständigen
Verfassung, das dem Perserkönig nur einen jährlichen Tribut zahlt, im
übrigen aber unabhängig ist und nach eigenen Gesetzen lebt. Sie wohnen
weitab vom Meere, sind fast ganz von Bergen eingeschlossen, begnügen
sich in jeder Beziehung durchaus mit den Erträgnissen ihres Landes und
pflegen mit anderen Völkern wenig Verkehr. Infolgedessen sind sie auch,
einem alten Herkommen ihres Volkes entsprechend, nicht auf Erweiterung
ihres Gebietes bedacht. Innerhalb dieses selbst aber bieten ihnen ihre
Berge sowie das Geld, das sie dem Eroberer zahlen, mühelos Schutz vor
jeder Gewalttat. Völlig frei vom Kriegsdienst, führen sie ein nicht
ebenso glänzendes wie bequemes Leben in mehr Glück als Vornehmheit und
Berühmtheit, ja nicht einmal dem Namen nach, meine ich, hinreichend
bekannt außer in der Nachbarschaft. Wer nun bei den Polyleriten wegen
Diebstahls verurteilt wird, gibt das Gestohlene dem Eigentümer zurück,
nicht, wie es anderswo Brauch ist, dem Landesherrn, weil dieser nach
ihrer Meinung auf das gestohlene Gut ebenso wenig Anspruch hat wie der
Dieb selbst. Ist es aber abhanden gekommen, so ersetzt und bezahlt man
seinen Wert aus dem Besitz der Diebe, den Rest behalten ihre Frauen und
Kinder unverkürzt, und die Diebe selbst verurteilt man zu Zwangsarbeit.
Nur wenn schwerer Diebstahl vorliegt, sperrt man sie ins Arbeitshaus, wo
sie Fußfesseln tragen müssen; sonst behalten sie ihre Freiheit und
verrichten ungefesselt öffentliche Arbeiten. Zeigen sie sich
widerspenstig und zu träge, so legt man sie zur Strafe nicht in Fesseln,
sondern treibt sie durch Prügel zur Arbeit an; Fleißige dagegen bleiben
von Gewalttätigkeiten verschont; nur des Nachts schließt man sie in
Schlafräume ein, nachdem man sie durch Namensaufruf kontrolliert hat.
Die dauernde Arbeit ist die einzige Unannehmlichkeit in ihrem Leben.
Ihre Verpflegung ist nämlich nicht kärglich. Für diejenigen, die
öffentliche Arbeiten verrichten, wird sie aus öffentlichen Mitteln
bestritten, und zwar in den einzelnen Gegenden auf verschiedene Weise.
Hier und da nämlich deckt man den Aufwand für sie aus Almosen; wenn
diese Methode auch unsicher ist, so bringt doch bei der mildtätigen
Gesinnung jenes Volkes keine andere einen reicheren Ertrag. Anderswo
wieder sind gewisse öffentliche Einkünfte für diesen Zweck bestimmt. In
manchen Gegenden findet dafür auch eine feste Kopfsteuer Verwendung. Ja,
an einigen Orten verrichten die Sträflinge keine Arbeit für die
Öffentlichkeit, sondern, wenn ein Privatmann Lohnarbeiter braucht, so
mietet er die Arbeitskraft eines beliebigen von ihnen auf dem Markte für
den betreffenden Tag und zahlt dafür einen festgesetzten Lohn, nur etwas
weniger, als er für freie Lohnarbeit würde zahlen müssen. Außerdem steht
ihm das Recht zu, faule Sklaven zu peitschen. Auf diese Weise haben sie
niemals Mangel an Arbeit, und außer seinem Lebensunterhalt verdient
jeder täglich noch etwas, was er an die Staatskasse abführt. Sie allein
sind alle in eine bestimmte Farbe gekleidet und tragen das Haar nicht
vollständig geschoren, sondern nur ein Stück über den Ohren
verschnitten, und das eine Ohr ist etwas gestutzt. Speise, Trank und
Kleidung von seiner Farbe darf sich jeder von seinen Freunden geben
lassen; wer dagegen ein Geldgeschenk gibt oder annimmt, wird mit dem
Tode bestraft; und nicht weniger gefährlich ist es auch für einen
Freien, aus irgendeinem Grunde von einem Sträfling Geld anzunehmen, und
ebenso für die Sklaven -- so nennt man nämlich die Sträflinge --, Waffen
anzurühren. Jede Landschaft macht ihre Sklaven durch ein eigenes,
unterscheidendes Zeichen kenntlich, das abzulegen bei Todesstrafe
verboten ist. Dieselbe Strafe trifft auch den, der sich außerhalb seines
Bezirks sehen läßt oder mit einem Sklaven eines anderen Bezirks ein Wort
spricht. Die Planung einer Flucht ist ebenso gefährlich wie ihre
Ausführung; schon von einem solchen Plane gewußt zu haben, bedeutet für
den Sklaven den Tod und für den Freien Knechtschaft. Dagegen sind auf
Anzeigen Preise ausgesetzt, und zwar erhält ein Freier Geld, ein Sklave
dagegen die Freiheit; beiden aber gewährt man Verzeihung und
Straflosigkeit, auch wenn sie von der Sache gewußt haben. Dadurch will
man verhüten, daß es mehr Sicherheit bietet, auf einem schlimmen Plane
zu beharren als ihn zu bereuen.
So also ist diese Angelegenheit gesetzlich geregelt, wie ich es
beschrieben habe. Wie menschlich und zweckmäßig dieses Verfahren ist,
kann man leicht einsehen. Übt es doch nur insoweit Strenge aus, als die
Verbrechen beseitigt werden; dabei kostet es kein Menschenleben, und die
Übeltäter werden so behandelt, daß sie gar nicht anders können, als gut
zu sein und den Schaden, den sie vorher angerichtet haben, durch ihr
weiteres Leben wieder gutzumachen.
Daß ferner Sträflinge in ihre alte Lebensweise verfallen könnten, ist
durchaus nicht zu befürchten. Infolgedessen halten sich auch Fremde, die
irgendwohin reisen müssen, unter keiner anderen Führung für sicherer als
unter der jener Sklaven, die dann von einer Gegend zur anderen
unmittelbar wechseln. Denn sie besitzen nichts, was sie zu einem
Raubüberfall reizen könnte: in der Hand haben sie keine Waffe, Geld
würde ihre verbrecherische Tat nur verraten, und der Ertappte müßte mit
Bestrafung und völliger Aussichtslosigkeit, irgendwohin fliehen zu
können, rechnen. Wie sollte es nämlich jemand auch fertig bringen,
völlig unbemerkt zu fliehen, wenn sich seine Kleidung in jedem Stück von
der seiner Landsleute unterscheidet? Er müßte sich denn gerade nackend
entfernen. Ja, auch in dem Falle würde den Ausreißer das Ohr verraten.
Aber könnten die Sträflinge nicht vielleicht an eine Verschwörung gegen
den Staat denken? Wäre das nicht doch eine Gefahr? Als ob irgendeine
Gruppe solch eine Hoffnung hegen dürfte, ehe nicht die Sklaven
zahlreicher Landschaften unruhig geworden und aufgewiegelt sind, denen
es nicht einmal erlaubt ist zusammenzukommen, miteinander zu sprechen
oder sich gegenseitig zu grüßen, die also noch viel weniger eine
Verschwörung anzetteln könnten! Sollte man ferner annehmen dürfen, sie
würden diesen Plan inzwischen unbesorgt ihren Anhängern anvertrauen,
während sie doch wissen, daß Verschweigen gefährlich, Verrat aber höchst
vorteilhaft ist? Und dabei hat niemand so gänzlich die Hoffnung
aufgegeben, doch irgendwann einmal die Freiheit wieder zu erlangen, wenn
er sich gehorsam zeigt und eine Besserung in der Zukunft zuversichtlich
erwarten läßt. Wird doch in jedem Jahre ein paar Sklaven zum Lohn für
geduldiges Ausharren die Freiheit wieder geschenkt.«
So sprach ich. Als ich dann noch hinzufügte, es liege meiner Meinung
nach gar kein Grund vor, dieses Verfahren nicht auch in England
anzuwenden, und zwar mit viel größerem Erfolg als jenen Rechtsbrauch,
den der Jurist so sehr gelobt hatte, da erwiderte mir dieser sofort:
»Niemals ließe sich dieser Brauch in England einführen, ohne daß der
Staat dadurch in die größte Gefahr geriete!« Und bei diesen Worten
schüttelte er den Kopf, verzog den Mund und schwieg dann, und alle
Anwesenden stimmten ihm zu. Da meinte der Kardinal: »Man kann nicht so
leicht voraussagen, ob die Sache günstig oder ungünstig ausgeht, solange
man sie überhaupt noch nicht erprobt hat. Aber nach Verkündigung eines
Todesurteils könnte ja der Landesherr einen Aufschub der Vollstreckung
anordnen und unter Einschränkung der Privilegien der Asylstätten dieses
neue Verfahren erproben. Sollte es sich durch den Erfolg als zweckmäßig
bewähren, so wäre es wohl richtig, es zur dauernden Einrichtung zu
machen. Andernfalls könnte man ja die vorher Verurteilten auch dann noch
hinrichten, und das wäre von nicht geringem Vorteil für den Staat und
nicht ungerechter, als wenn es gleich geschähe, und auch in der Zeit
des Aufschubs könnte keine Gefahr daraus erwachsen. Ja, wie mir sicher
scheint, würde dieselbe Behandlung auch den Landstreichern gegenüber
sehr angebracht sein; denn gegen sie haben wir zwar bis jetzt eine Menge
Gesetze erlassen, aber trotzdem noch nichts erreicht.«
Sobald der Kardinal das gesagt hatte -- dasselbe, worüber sich alle
verächtlich geäußert hatten, als sie es von mir hörten --, wetteiferte
jeder, ihm das höchste Lob zu spenden, besonders jedoch seinem Vorschlag
in betreff der Landstreicher, weil er den von sich aus hinzugefügt
hatte.
Vielleicht wäre es besser, das, was jetzt folgte, gar nicht zu erwähnen
-- es war nämlich lächerlich --, aber ich will es doch erzählen; denn es
war nicht übel und gehörte in gewissem Sinne zu unserer Sache. Es stand
zufällig ein Schmarotzer dabei, der offenbar den Narren spielen wollte,
sich aber so schlecht verstellte, daß er mehr einem wirklichen Narren
glich, indem er mit so faden Äußerungen nach Gelächter haschte, daß man
häufiger über seine Person als über seine Worte lachte. Zuweilen jedoch
äußerte der Mensch auch etwas, was nicht ganz so albern war, so daß er
das Sprichwort bestätigte: »Wer viel würfelt, hat auch einmal Glück.« Da
meinte einer von den Tischgenossen, ich hätte mit meiner Rede gut für
die Diebe gesorgt und der Kardinal auch noch für die Landstreicher; nun
bleibe nur noch übrig, von Staats wegen auch noch die zu versorgen, die
durch Krankheit oder Alter in Not geraten und arbeitsunfähig geworden
seien. »Laß mich das machen!« rief da der Spaßvogel. »Ich will auch das
in Ordnung bringen! Denn es ist mein sehnlicher Wunsch, mich vom Anblick
dieser Sorte Menschen irgendwie zu befreien. Mehr als einmal sind sie
mir schwer zur Last gefallen, wenn sie mich mit ihrem Klagegeheul um
Geld anbettelten. Niemals jedoch konnten sie das schön genug anstimmen,
um auch nur einen Pfennig von mir zu erpressen. Es ist bei mir nämlich
immer das eine von beiden der Fall: entweder habe ich keine Lust, etwas
zu geben, oder ich habe nicht die Möglichkeit dazu, weil ich nichts zu
geben habe. Infolgedessen werden die Bettler jetzt allmählich
vernünftig. Um sich nämlich nicht unnötig anzustrengen, reden sie mich
gar nicht mehr an, wenn sie mich vorübergehen sehen. So wenig erhoffen
sie von mir noch etwas, in der Tat nicht mehr, als wenn ich ein Priester
wäre. Aber jetzt befehle ich, ein Gesetz zu erlassen, dem zufolge alle
jene Bettler ohne Ausnahme auf die Benediktinerklöster verteilt und zu
sogenannten Laienbrüdern gemacht werden; die Weiber aber, ordne ich an,
sollen Nonnen werden.«
Da lächelte der Kardinal und stimmte im Scherz zu, die anderen dann auch
im Ernst. Indessen heiterte dieser Witz über die Priester und Mönche
einen Theologen, einen Klosterbruder, so auf, daß er, sonst ein ernster,
ja beinahe finsterer Mann, jetzt gleichfalls anfing, Spaß zu machen.
»Aber auch so«, rief er, »wirst du die Bettler nicht loswerden, wenn du
nicht auch für uns Klosterbrüder sorgst!«
»Aber das ist doch schon geschehen«, erwiderte der Parasit. »Der
Kardinal hat ja vortrefflich für euch gesorgt, indem er für die
Tagediebe Zwangsarbeit festsetzte; denn ihr seid doch die größten
Tagediebe.«
Da blickten alle auf den Kardinal. Als sie aber sahen, daß er auch diese
Bemerkung nicht zurückwies, fingen sie alle an, sie mit großem Vergnügen
aufzunehmen; nur der Klosterbruder machte eine Ausnahme. Der nämlich,
mit solchem Essig übergossen, geriet dermaßen in Zorn und Hitze --
worüber ich mich auch gar nicht wundere --, daß er sich nicht mehr
beherrschen konnte und zu schimpfen anfing. Er nannte den Menschen einen
Taugenichts, einen Verleumder, einen Ohrenbläser und ein Kind der
Verdammnis und führte zwischendurch schreckliche Drohungen aus der
Heiligen Schrift an. Jetzt aber begann der Witzbold ernsthaft zu spaßen,
und da war er ganz in seinem Element. »Zürne nicht, lieber Bruder!«
sagte er. »Es steht geschrieben: 'Durch standhaftes Ausharren sollt ihr
euch das Leben gewinnen.'« Darauf erwiderte der Klosterbruder -- ich
will nämlich seine eigenen Worte wiedergeben --: »Ich zürne nicht, du
Galgenstrick, oder ich sündige wenigstens nicht damit. Denn der Psalmist
sagt: 'Zürnt und sündigt nicht!'« Darauf ermahnte der Kardinal den
Klosterbruder in sanftem Tone, sich zu mäßigen. Doch der antwortete:
»Herr, ich spreche nur in redlichem Eifer, wie ich es tun muß. Denn auch
heilige Männer haben einen redlichen Eifer bewiesen, weswegen es heißt:
'Der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt'. Und in den Kirchen singt
man:
'Die Spötter Elisas,
Während er hinaufsteigt zum Hause Gottes,
Bekommen den Eifer des Kahlkopfs zu spüren',
wie ihn vielleicht auch dieser Spötter da, dieser Possenreißer, dieser
Bruder Liederlich noch zu spüren bekommen wird.«
»Du handelst vielleicht in ehrlicher Erregung«, sagte der Kardinal,
»aber mir will scheinen, es würde möglicherweise frömmer, bestimmt aber
klüger von dir sein, wenn du nicht mit einem törichten und lächerlichen
Menschen einen lächerlichen Streit beginnen wolltest.«
»Nein, Herr, das würde nicht klüger von mir sein«, erwiderte er. »Sagt
doch selbst der weise Salomo: 'Antworte dem Narren gemäß seiner
Narrheit!', wie ich es jetzt tue und ihm die Grube zeige, in die er
fallen wird, wenn er nicht recht auf der Hut ist. Wenn nämlich die
vielen Spötter Elisas, der doch nur _ein_ Kahlkopf war, den Eifer des
Kahlkopfes zu spüren bekommen haben, um wieviel mehr wird ein einziger
Spötter den Eifer der vielen Klosterbrüder zu spüren bekommen, unter
denen sich doch viele Kahlköpfe befinden! Und außerdem haben wir ja noch
eine päpstliche Bulle, auf Grund deren alle, die sich über uns lustig
machen, der Kirchenbann trifft.«
Sobald der Kardinal sah, daß der Streit kein Ende nehmen wollte, gab er
dem Schmarotzer einen Wink, sich zu entfernen, und brachte die Rede auf
ein anderes Thema, das auch Anklang fand. Bald darauf stand er von der
Tafel auf, entließ uns und widmete sich seinen Lehnsleuten, deren
Anliegen er sich anhörte.
»Sieh da, mein lieber Morus, wie lang ist doch die Geschichte geworden,
mit der ich dich belästigt habe! Ich hätte mich entschieden geschämt, so
ausführlich zu werden, wenn du es nicht dringend zu wissen verlangt
hättest und wenn es mir nicht den Eindruck gemacht hätte, als wolltest
du auch nicht _ein_ Wort von jenem Gespräch ausgelassen wissen; mit
solcher Aufmerksamkeit hörtest du mir zu. Ich mußte dies jedoch alles
erzählen -- freilich hätte es wesentlich kürzer geschehen können --, um
die Urteilsfähigkeit dieser Leute ins rechte Licht zu rücken: wovon sie
nämlich nichts wissen wollten, als sie es aus _meinem_ Munde hörten,
eben das billigten sie auf der Stelle, als es der Kardinal billigte, und
zwar gingen sie in ihrer Lobhudelei so weit, daß sie sich sogar die
Einfälle seines Schmarotzers, die sein Herr im Scherz nicht zurückwies,
in schmeichlerischer Weise gefallen ließen und sie beinahe für Ernst
nahmen. Daraus kannst du ermessen, wie hoch die Höflinge mich mit meinen
Ratschlägen einschätzen würden.«
»In der Tat, mein lieber Raphael«, erwiderte ich, »deine Erzählung war
ein großer Genuß für mich; so klug und treffend zugleich hast du alles
gesagt. Außerdem war es mir währenddem so, als befände ich mich wieder
in meiner Heimat, und nicht bloß dies, sondern als erlebte ich
gewissermaßen noch einmal meine Kindheit, bei der angenehmen Erinnerung
an jenen Kardinal, an dessen Hofe ich als Knabe erzogen worden bin. Lieb
und wert warst du mir ja auch sonst schon, mein Raphael, aber um wieviel
teurer du mir durch die so hohe Ehrung des Andenkens an jenen Mann
geworden bist, kannst du dir kaum vorstellen. Im übrigen kann ich bis
jetzt meine Ansicht in keinerlei Weise ändern; ich bin vielmehr
entschieden der Meinung, wenn du dich entschließen könntest, deine
Abneigung gegen die Fürstenhöfe aufzugeben, so könntest du mit deinen
Ratschlägen der Öffentlichkeit den größten Nutzen stiften. Deshalb ist
dies deine höchste Pflicht, die Pflicht eines braven Mannes. Und wenn
vollends dein Plato der Ansicht ist, die Staaten würden erst dann
glücklich sein, wenn entweder die Philosophen Könige seien oder die
Könige sich mit Philosophie befaßten, wie fern wird da das Glück noch
sein, wenn es die Philosophen sogar für unter ihrer Würde halten, den
Königen ihren guten Rat zuteil werden zu lassen.«
»Sie sind nicht so ungefällig«, antwortete er, »daß sie das nicht gern
tun würden -- sie haben es ja auch schon durch die Veröffentlichung
zahlreicher Bücher getan --, wenn nur die Machthaber bereit wären, die
guten Ratschläge auch zu befolgen. Aber ohne Zweifel hat Plato richtig
vorausgesehen, daß die Könige nur dann die Ratschläge philosophierender
Männer gutheißen werden, wenn sie sich selbst mit Philosophie
beschäftigen. Sind sie doch von Kindheit an mit verkehrten Meinungen
getränkt und von ihnen angesteckt, was Plato in eigener Person am Hofe
des Dionysius erfahren mußte. Oder meinst du nicht, ich würde auf der
Stelle fortgejagt oder verspottet werden, wenn ich am Hofe irgendeines
Königs gesunde Maßnahmen vorschlüge und verderbliche Saaten schlechter
Ratgeber auszureißen versuchte?
Wohlan, stelle dir vor, ich lebte am Hofe des Königs von Frankreich und
säße mit in seinem Rate, während man in geheimster Zurückgezogenheit
unter dem Vorsitze des Königs selbst in einem Kreise der klügsten
Männer mit großem Eifer darüber verhandelt, mit welchen Ränken und
Machenschaften der König es fertig bringen kann, Mailand zu behaupten,
jenes immer aufs neue abfallende Neapel wiederzugewinnen, ferner Venedig
zu vernichten und sich ganz Italien zu unterwerfen, sodann Flandern,
Brabant und schließlich ganz Burgund seinem Reiche einzuverleiben und
außerdem noch andere Völker, in deren Land der König schon längst im
Geiste eingefallen ist. Hier rät der eine, mit den Venetianern ein
Bündnis zu schließen, aber nur für so lange, als es den Franzosen Nutzen
bringt; mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen, ja auch einen Teil
der Beute ihnen anzuvertrauen und dann wieder zurückzuverlangen, wenn
alles nach Wunsch gegangen ist; ein anderer wieder schlägt vor, deutsche
Landsknechte anzuwerben; ein dritter, Schweizer mit Geld kirre zu
machen; ein vierter, sich die Gunst der kaiserlichen Majestät durch Gold
wie durch ein Weihgeschenk zu erkaufen. Ein anderer wieder rät dem
Fürsten, sich mit dem König von Aragonien gütlich zu einigen und ihm
gleichsam als Unterpfand des Friedens das Königreich Navarra abzutreten,
das ihm aber gar nicht gehört. Unterdessen will ein anderer den Prinzen
von Kastilien durch eine Aussicht auf eine Verschwägerung ins Garn
locken und einige Granden seines Hofes durch eine bestimmte Barzahlung
auf die Seite Frankreichs ziehen. Nun aber stößt man auf die allergrößte
Schwierigkeit, was man nämlich bei alledem in betreff Englands
beschließen soll: immerhin müsse man mit ihm doch wenigstens
Friedensverhandlungen anknüpfen und das immer unsicher bleibende Bündnis
durch recht starke Bande befestigen; die Engländer solle man zwar
Freunde nennen, ihnen aber wie Feinden mißtrauen und deshalb die
Schotten für jeden Fall schlagfertig, gleichsam auf Posten, in
Bereitschaft halten und sie sofort auf die Engländer loslassen, sobald
sich diese irgendwie rührten. Außerdem müsse man einen hohen, in der
Verbannung lebenden Adligen unterstützen, und zwar im geheimen -- eine
offene Protektion lassen nämlich die Verträge nicht zu --, der den
englischen Thron für sich beanspruche. Das solle für den König von
Frankreich eine Handhabe sein, den König von England im Zaume zu halten,
dem er nicht trauen dürfe.
Und nun denke dir, hier, bei einem solchen Drange der Geschäfte, wenn so
viele ausgezeichnete Männer um die Wette Ratschläge für den Krieg
erteilen, stünde ich armseliges Menschenkind auf und hieße plötzlich den
Kurs ändern, schlüge vor, Italien aufzugeben, und behauptete, man müsse
im Lande bleiben; das eine Königreich Frankreich sei schon fast zu groß,
als daß es ein einziger gut verwalten könne; der König solle doch nicht
glauben, er dürfe noch an die Einverleibung anderer Reiche denken; und
ich riete ihnen dann weiter, dem Beispiele der Achorier zu folgen, eines
Volkes, das der Insel Utopia im Südosten gegenüberliegt. In alten Zeiten
hatten sie einmal einen Krieg geführt, um ihrem König den Besitz eines
zweiten Reiches zu sichern, das er auf Grund einer alten Verwandtschaft
als sein Erbe beanspruchte. Als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten,
mußten sie jedoch einsehen, daß die Behauptung des Landes keineswegs
leichter war als seine Eroberung, daß vielmehr ohne Unterlaß
Auflehnungen im Inneren oder Überfälle auf die Unterworfenen von außen
daraus entstanden, daß sie so dauernd entweder für oder gegen jene
kämpfen mußten, daß sich niemals die Möglichkeit bot, das Heer zu
entlassen, daß sie selber inzwischen ausgebeutet wurden, daß ihr Geld
ins Ausland ging, daß sie ihr Blut für ein wenig Ruhm eines Fremden
vergossen, daß der Friede im Inneren durchaus nicht gesicherter war, daß
der Krieg die Moral verdarb, daß die Raubsucht den Menschen gleichsam in
Fleisch und Blut überging, daß die Rauflust infolge der Metzeleien
zunahm und daß man die Gesetze nicht mehr achtete. Und das alles, weil
der König sein Interesse, das durch die Sorge für zwei Reiche
zersplittert wurde, jedem einzelnen nicht nachdrücklich genug zuwenden
konnte. Da nun die Achorier sahen, diese so schlimmen Zustände würden
auf andere Weise kein Ende nehmen, faßten sie endlich einen Entschluß
und ließen ihrem Fürsten in überaus höflicher Form die Wahl, welches
Reich von beiden er behalten wolle; beide könne er nämlich nicht länger
behalten; sie seien ein zu großes Volk, um von einem 'halbierten' König
regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen
seinen Maultiertreiber würde teilen wollen. So sah sich denn jener brave
Fürst gezwungen, sein neues Reich einem seiner Freunde zu überlassen --
der übrigens bald darauf gleichfalls verjagt wurde -- und sich mit dem
alten zu begnügen. Ferner würde ich darauf hinweisen, daß alle diese
kriegerischen Versuche, die um des Königs willen so viele Völker in
Unruhe versetzen würden, durch irgendein Mißgeschick schließlich doch
ohne Erfolg enden könnten, nachdem seine Geldmittel erschöpft und sein
Volk ruiniert seien. Ich würde ihm deshalb raten, sein ererbtes Reich
nach Möglichkeit zu pflegen und zu fördern und es zu höchster Blüte zu
bringen, seine Untertanen zu lieben und sich von ihnen lieben zu lassen,
mit ihnen zusammen zu leben, sie mit Milde zu regieren und andere Reiche
in Frieden zu lassen, da ihm ja schon genug und übergenug zugefallen
sei. Mit was für Ohren, meinst du, mein Morus, müßte man da wohl meine
Rede aufnehmen?«
»Wahrhaftig, nicht mit sehr geneigten«, erwiderte ich.
»Fahren wir also fort!« sagte er. »Die Ratgeber irgendeines Königs
debattieren und klügeln mit ihm aus, mit welchen Schelmenstreichen sie
Gelder für ihn aufhäufen können. Einer rät dazu, den Geldwert zu
erhöhen, wenn der König selber eine Zahlung zu leisten hat, ihn aber
anderseits unter das rechte Maß zu senken, wenn ihm eine Zahlung zu
leisten ist. Auf diese Weise bezahlt er eine große Schuld mit wenig Geld
und erhält für eine kleine ausstehende Forderung viel. Ein anderer
wieder schlägt vor, eine Kriegsgefahr vorzutäuschen, unter diesem
Vorwand Geld aufzubringen und dann zum geeignet erscheinenden Zeitpunkt
Frieden zu schließen, und zwar unter feierlichen Zeremonien; dadurch
solle der breiten Masse des dummen Volkes vorgegaukelt werden, der
fromme Fürst habe offenbar aus Mitleid kein Menschenblut vergießen
wollen. Ein dritter ruft ihm gewisse alte, von Motten angefressene und
längst nicht mehr angewendete Gesetze ins Gedächtnis, nach denen sich
kein Mensch mehr richte, weil sich niemand besinnen könne, daß sie
überhaupt jemals erlassen worden seien, und er fordert ihn auf,
Strafgelder für diese Nichtbefolgung einzuziehen: kein Ertrag sei
ergiebiger und zugleich ehrenhafter, da er ja die Maske der
Gerechtigkeit zur Schau trage. Ein vierter wieder fordert den König auf,
unter Androhung hoher Geldstrafen eine Menge Verbote zu erlassen,
zumeist von Handlungen, die nicht den Interessen des Volkes dienen,
gegen Geld aber Leuten Dispens zu erteilen, deren Privatinteressen ein
Verbot im Wege steht. Auf diese Weise ernte er den Dank des Volkes und
habe doppelten Gewinn, einmal aus der Bestrafung der Leute, die ihre
Erwerbsgier ins Netz lockt, und sodann aus dem Verkauf der Vorrechte an
andere, für um so mehr Geld natürlich, je gewissenhafter der Fürst ist;
denn ein guter Herrscher begünstigt nur ungern einen Privatmann zum
Nachteile seines Volkes und deshalb nur für viel Geld. Wieder ein
anderer sucht den König zu überreden, Richter anzustellen, die in jeder
beliebigen Sache zu seinen Gunsten entscheiden; außerdem solle er sie
einladen, in seinem Palaste und in seiner Gegenwart über seine
Angelegenheiten zu verhandeln; dann werde keiner seiner Prozesse so
offensichtlich faul sein, daß nicht einer der Richter, sei es aus Lust
am Widerspruch oder aus Scheu vor Wiederholung von schon Gesagtem oder
im Haschen nach der königlichen Gunst irgendeinen Ritz entdecken würde,
in den man eine Rechtsverdrehung einklemmen könne. Wenn dann erst einmal
bei Meinungsverschiedenheit der Richter über die an sich völlig klare
Sache debattiert und die Wahrheit in Frage gestellt werde, so biete sich
dem König die günstige Gelegenheit, das Recht zu seinem eigenen Vorteil
auszulegen, und die anderen würden sich aus Hochachtung oder aus Furcht
seiner Meinung anschließen. Und in diesem Sinne fällt dann später der
Gerichtshof unbedenklich das Urteil; denn es kann ja niemandem an einem
Vorwand fehlen, sich zugunsten des Fürsten zu entscheiden. Genügt es ihm
doch, daß entweder die Billigkeit für ihn spricht oder der Wortlaut des
Gesetzes oder die gewaltsam verdrehte Auslegung des Sinnes eines
Schriftstückes oder, was gewissenhaften Richtern schließlich mehr gilt
als alle Gesetze, des Fürsten unbestreitbares Recht der obersten
Entscheidung. Kurz, alle Ratgeber sind der gleichen Ansicht und wirken
zusammen im Sinne jenes Wortes des Crassus, keine Menge Gold sei groß
genug für einen Fürsten, der ein Heer unterhalten müsse. Außerdem kann
nach ihrer Meinung ein König gar kein Unrecht tun, mag er es auch noch
so sehr wünschen; denn der gesamte Besitz aller seiner Untertanen wie
auch diese selbst sind, so glauben sie, sein Eigentum, und jedem
einzelnen gehört nur so viel, wie ihm seines Königs Gnade noch läßt. Der
aber muß großen Wert darauf legen, daß dieser Rest möglichst gering ist;
denn seine Sicherheit beruht darauf, daß sein Volk nicht durch Reichtum
oder Freiheit übermütig wird, weil beides eine harte und ungerechte
Herrschaft weniger geduldig ertragen läßt, während anderseits Armut und
Not abstumpfen, geduldig machen und den Untertanen in ihrer Bedrängnis
den großzügigen Geistesschwung der Empörung nehmen.
Nun stelle dir wieder vor, ich stünde jetzt noch einmal auf und
behauptete, alle diese Pläne seien für den König unehrenhaft und
verderblich; denn nicht nur seine Ehre, sondern auch seine Sicherheit
beruhe weniger auf seinem eigenen Reichtum als auf dem seiner
Untertanen. Ich würde dann weiter ausführen, daß sich diese einen König
nicht in dessen, sondern in ihrem eigenen Interesse wählen, um nämlich,
dank seiner eifrigen Bemühung, selber in Ruhe und Sicherheit vor
Gewalttaten zu leben. Deshalb hat der Fürst, so würde ich weiter sagen,
die Pflicht, mehr auf seines Volkes Wohlergehen als auf sein eigenes
bedacht zu sein, genau so wie es die Pflicht eines Hirten ist, mehr für
die Ernährung seiner Schafe als für seine eigene zu sorgen, wenigstens
in seiner Eigenschaft als Schafhirt. Denn in der Armut des Volkes einen
Schutz zu sehen, ist, wie schon die Erfahrung lehrt, ein gewaltiger
Irrtum. Wo könnte man nämlich mehr Zank und Streit finden als unter
Bettlern? Und wer ist eifriger auf Umsturz bedacht als der, dem seine
augenblickliche Lage so gar nicht gefallen will? Oder wen beseelt
schließlich ein kühneres Verlangen nach einem allgemeinen Durcheinander,
in der Hoffnung auf irgend welchen Gewinn, als den, der nichts mehr zu
verlieren hat? Sollte nun aber wirklich ein König von seinen Untertanen
so sehr verachtet oder gehaßt werden, daß er sie nicht anders im Zaume
halten kann, als indem er mit Mißhandlungen, Ausplünderung und
Güterparzellierung gegen sie vorgeht und sie an den Bettelstab bringt,
dann wäre es wirklich besser für ihn, er legte seine Herrschaft nieder,
als daß er sie mit Hilfe solcher Künste behauptet; sie retten ihm wohl
den Namen seiner Herrschaft, aber ihrer Erhabenheit geht er bestimmt
verlustig. Denn es ist eines Königs nicht würdig, über Bettler zu
herrschen, sondern vielmehr über reiche und glückliche Menschen. Eben
das meint sicherlich der hochgemute und geistig überlegene Fabricius mit
der Antwort, er wolle lieber Reichen gebieten als selber reich sein. Und
in der Tat! Als einzelner in Vergnügen und Genüssen schwimmen, während
ringsherum andere seufzen und jammern, das heißt nicht Hüter eines
Thrones, sondern eines Kerkers sein. Kurzum: wie es demjenigen Arzte an
jeder Erfahrung fehlt, der eine Krankheit nur durch eine andere zu
heilen versteht, so mag der seine völlige Unfähigkeit zur Herrschaft
über Freie ruhig eingestehen, der das Leben der Staatsbürger nur dadurch
zu bessern weiß, daß er ihnen nimmt, was das Leben lebenswert macht. Ja
wahrhaftig, er soll doch lieber seine Trägheit oder seinen Stolz
aufgeben; denn diese Laster ziehen ihm in der Regel die Verachtung oder
den Haß seines Volkes zu. Er soll rechtschaffen von seinen Mitteln leben
und seine Ausgaben den Einnahmen anpassen. Er soll ferner die Missetaten
einschränken und lieber durch richtige Belehrung seiner Untertanen
verhüten, als sie erst anwachsen zu lassen und dann zu bestrafen.
Gesetze, die gewohnheitsmäßig aus der Übung gekommen sind, soll er nicht
aufs Geratewohl erneuern, zumal wenn sie schon lange nicht mehr
angewendet und niemals vermißt worden sind. Er soll auch niemals für ein
derartiges Vergehen eine Geldstrafe einziehen, was der Richter auch
einem Privatmanne als unbillig und unlauter untersagen würde. Ferner
würde ich jenen Ratgebern ein Gesetz der Macarenser mitteilen, die
gleichfalls nicht eben weit von Utopia entfernt wohnen. An dem Tage
seiner Regierungsübernahme verpflichtet sich nämlich ihr König unter
Darbringung feierlicher Opfer eidlich, nie auf einmal mehr als tausend
Pfund Gold oder den entsprechenden Wert in Silber in seinen Kassen zu
haben. Diese Bestimmung soll ein vortrefflicher König getroffen haben,
dem das Wohl seines Landes mehr als sein persönlicher Reichtum am Herzen
lag. Mit dieser Maßnahme wollte er in seinem Volke einer Geldknappheit
infolge Anhäufung einer zu großen Geldsumme vorbeugen. Er sah nämlich
ein, dieser Betrag werde für den Monarchen groß genug sein zum Kampfe
gegen die Rebellen und groß genug für die Monarchie zur Abwehr
feindlicher Angriffe; dagegen sei er nicht groß genug, um zu Einfällen
in fremdes Gebiet Lust zu machen. Das war der hauptsächlichste Grund für
den Erlaß des genannten Gesetzes. Der nächste Grund aber war, daß jener
König glaubte, auf diese Weise einen Mangel an den Zahlungsmitteln
verhütet zu haben, die täglich im Handelsverkehr der Bürger im Umlauf
waren. Auch war er der Ansicht, ein König werde bei allen
unvermeidlichen Ausgaben, die den Staatsschatz über das gesetzliche Maß
hinaus belasten, keine Möglichkeiten zu einer gewaltsamen Maßnahme
suchen. Einen solchen König werden die Bösen fürchten und die Guten
lieben. Würde ich also dies und noch mehr dergleichen bei Leuten
vorbringen, die leidenschaftlich den entgegengesetzten Grundsätzen
huldigen, was für tauben Ohren würde ich da wohl predigen?«
»Stocktauben, ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Und in der Tat, darüber
wundere ich mich auch gar nicht. Auch will es mir, um die Wahrheit zu
sagen, nicht angebracht erscheinen, derartige Reden zu halten und solche
Ratschläge zu erteilen, die, wie man sicher weiß, niemals befolgt
werden. Was könnte denn auch der Nutzen einer so ungewöhnlichen Rede
sein, oder wie sollte sie überhaupt eine Wirkung ausüben auf Leute, die
von einer ganz anderen Überzeugung voreingenommen und tief durchdrungen
sind? Unter lieben Freunden, im vertraulichen Gespräch, ist solches
theoretisches Philosophieren nicht ohne Reiz, aber in einem Rate von
Fürsten, wo mit gewichtiger Autorität über Fragen von Bedeutung
verhandelt wird, ist für so etwas kein Platz.«
»Da haben wir ja«, rief er, »was ich immer sagte: An Fürstenhöfen will
man eben von Philosophie nichts wissen.«
»Gewiß«, erwiderte ich, »es ist wahr: nichts von dieser rein
theoretischen Philosophie, die da meint, jeder beliebige Satz sei
überall am Platze. Aber es gibt ja noch eine andere Art von Philosophie,
die die besonderen Bedingungen ihres Landes und ihrer Zeit besser kennt.
Ihr ist die Bühne, auf der sie zu spielen hat, bekannt, sie paßt sich
ihr an und führt ihre Rolle in dem Stück, das gerade gegeben wird,
gefällig und mit Anstand durch. Das ist die Philosophie, die für dich in
Betracht kommt. Wie wäre es übrigens, wenn du bei der Aufführung einer
Komödie des Plautus, gerade während die Haussklaven untereinander Possen
treiben, in der Tracht eines Philosophen auf der Bühne erschienest und
aus der Octavia die Stelle hersagtest, in der Seneca mit Nero
disputiert? Wäre es da nicht besser, du trätest nur als Statist auf,
anstatt Unpassendes zu deklamieren und dadurch eine solche Tragikomödie
vorzuführen? Du würdest ja das Stück, das man gerade spielt, verderben
und über den Haufen werfen, indem du so ganz Verschiedenartiges
durcheinandermengst, selbst wenn das, was du bringst, der wertvollere
Beitrag wäre. Was für ein Stück gerade aufgeführt wird, darin mußt du so
gut wie möglich mitspielen, und du darfst das ganze Stück nicht deshalb
in Unordnung bringen, weil dir ein hübscheres von einem anderen
Verfasser in den Sinn gekommen ist.
So ist es im Staate, so bei den Beratungen der Fürsten. Kann man
verkehrte Meinungen nicht mit der Wurzel ausrotten und kann man Übeln,
die sich durch lange Gewohnheit eingenistet haben, nicht nach seiner
innersten Überzeugung abhelfen, so darf man deshalb doch nicht gleich
den Staat im Stiche lassen und im Sturme das Schiff nicht deshalb
preisgeben, weil man den Winden nicht Einhalt gebieten kann. Man darf
auch nicht den Menschen eine ungewöhnliche und lästige Rede aufdrängen,
die, wie man weiß, auf Leute, die entgegengesetzter Meinung sind, gar
keinen Eindruck machen wird. Man muß es lieber auf einem Umwege
versuchen und sich bemühen, an seinem Teile alles geschickt zu behandeln
und, was man nicht zum Guten wenden kann, wenigstens zu einem möglichst
kleinen Übel werden zu lassen. Denn unmöglich können alle Verhältnisse
gut sein, solange nicht alle Menschen gut sind. Darauf aber werde ich
wohl noch manches Jahr warten müssen.«
»Dieses Verhalten«, meinte er, »hätte nichts anderes zur Folge, als daß
ich, in dem Bestreben, die Raserei anderer zu heilen, selber mit ihnen
zu rasen anfinge. Denn wenn ich die Wahrheit sagen will, so muß ich so
reden; ob es dagegen eines Philosophen würdig ist, die Unwahrheit zu
sagen, weiß ich nicht. Mir wenigstens widerstrebt es. Es mag schon sein,
daß meine Rede jenen Leuten vielleicht unwillkommen und lästig ist.
Trotzdem aber sehe ich nicht ein, warum sie ihnen bis zur
Unschicklichkeit ungewöhnlich erscheinen sollte. Wenn ich nun entweder
das anführte, was Plato in seinem Staate fingiert, oder das, was die
Utopier in ihrem Staate tun, so könnte das, obgleich es an sich das
Bessere wäre -- und das ist es auch wirklich --, doch unpassend
erscheinen, weil es hier Privatbesitz der einzelnen gibt, dort aber
alles gemeinsamer Besitz aller ist.
Wie ist es denn nun aber eigentlich mit _meiner_ Rede? Abgesehen davon,
daß den Leuten, die auf einem anderen Wege kopfüber vorwärtsstürzen
wollen, ein Mann nicht lieb sein kann, der sie zurückruft und auf
Gefahren aufmerksam macht, was enthielt sie denn sonst, das nicht
überall gesagt werden dürfte oder sogar gesagt werden sollte? Müßte man
freilich alles als unerhört und widersinnig beiseite lassen, was
verkehrter menschlicher Anschauung zufolge als seltsam erscheint, dann
müßten wir unter den Christen das meiste von allem geheimhalten, was
Christus gelehrt und uns so streng zu verleugnen verboten hat, daß er
uns sogar geboten hat, auch das, was er seinen Jüngern nur ins Ohr
geflüstert hatte, öffentlich auf den Dächern zu verkünden. Steht doch
diese Lehre zum größten Teile weit weniger im Einklang mit unseren
heutigen Sitten als meine Rede, nur daß die Volksredner in ihrer
Schlauheit, wie mir scheint, deinen Rat befolgt haben. Als sie nämlich
sahen, daß die Menschen nur ungern ihr Verhalten der Vorschrift Christi
anpaßten, paßten sie umgekehrt seine Lehre, als wäre sie biegsam wie ein
Richtmaß aus Blei, den herrschenden Sitten an, damit beides einigermaßen
wenigstens in Übereinstimmung miteinander gebracht würde. Ich kann aber
nicht einsehen, welchen Nutzen sie damit gestiftet haben, außer daß die
Bosheit größere Sicherheit genießt, und ich selbst würde in der Tat in
dem Rate eines Fürsten ebensowenig Nutzen stiften. Entweder nämlich
würde ich eine abweichende Meinung äußern -- das wäre dann genau so, als
wenn ich gar nichts sagte --, oder eine zustimmende, und damit würde ich
zum Helfershelfer ihres Wahnsinns, wie Micio bei Terenz sagt. Denn was
jenen von dir erwähnten Umweg anlangt, so kann ich nicht einsehen, was
für eine Bewandtnis es damit haben soll. Du meinst, man müsse auf ihm zu
erreichen suchen, daß die Verhältnisse, wenn man sie nun einmal nicht
gründlich bessern kann, wenigstens geschickt behandelt werden und sich,
soweit das geht, möglichst wenig schlecht gestalten. Denn von Vertuschen
kann hier keine Rede sein, und die Augen darf man nicht zudrücken. Die
schlechtesten Ratschläge sollen offen gebilligt und die verderblichsten
Verfügungen unterschrieben werden. Ein Schurke, ja fast ein Hochverräter
würde sein, wer unheilvolle Beschlüsse in arglistiger Weise doch
guthieße.
Ferner bietet sich einem gar keine Gelegenheit, sich irgendwie nützlich
zu machen, wenn man unter solche Amtsgenossen gerät, die auch den
besten Mann verderben, anstatt sich selbst durch ihn bessern zu lassen.
Der Umgang mit diesen verdorbenen Menschen wird dich entweder auch
verderben, oder, wenn du auch selbst unbescholten und ohne Schuld
bleibst, so wirst du doch fremder Bosheit und Torheit zum Deckmantel
dienen. So viel fehlt also daran, daß du mit jenem deinen Umwege etwas
zum Besseren wenden könntest.
Deshalb erklärt auch Plato mit einem wunderschönen Gleichnis, warum sich
die Weisen mit Fug und Recht von politischer Betätigung fernhalten
sollen. Sie sehen nämlich, wie das Volk auf die Straßen strömt und
ununterbrochen von Regengüssen durchnäßt wird, können es aber nicht dazu
bewegen, sich vor dem Regen in Sicherheit zu bringen und in die Häuser
zu gehen. Weil sie aber wissen, daß sie, wenn sie auch auf die Straße
gehen, nichts weiter erreichen, als daß sie selbst mit einregnen, so
bleiben sie im Hause und sind damit zufrieden, wenigstens selber in
Sicherheit zu sein, wenn sie schon fremder Torheit nicht steuern können.
Wenn ich freilich ganz offen meine Meinung kundgeben soll, mein lieber
Morus, so muß ich sagen: ich bin in der Tat der Ansicht, überall, wo es
noch Privateigentum gibt, wo alle an alles das Geld als Maßstab anlegen,
wird kaum jemals eine gerechte und glückliche Politik möglich sein, es
sei denn, man will dort von Gerechtigkeit sprechen, wo gerade das Beste
immer den Schlechtesten zufällt, oder von Glück, wo alles unter ganz
wenige verteilt wird und wo es auch diesen nicht in jeder Beziehung gut
geht, der Rest aber ein elendes Dasein führt.
So erwäge ich denn oft die so klugen und ehrwürdigen Einrichtungen der
Utopier, die so wenig Gesetze und trotzdem eine so ausgezeichnete
Verfassung haben, daß das Verdienst belohnt wird und trotz gleichmäßiger
Verteilung des Besitzes allen alles reichlich zur Verfügung steht. Und
dann vergleiche ich im Gegensatz dazu mit ihren Gebräuchen die so vieler
anderer Nationen, die nicht aufhören zu ordnen, von denen allen aber
auch nicht eine jemals so richtig in Ordnung ist. Bei ihnen bezeichnet
jeder, was er erwirbt, als sein Privateigentum; aber ihre so zahlreichen
Gesetze, die sie tagtäglich erlassen, reichen nicht aus, jemandem den
Erwerb dessen, was er sein Privateigentum nennt, oder seine Erhaltung
oder seine Unterscheidung von fremdem Besitz zu sichern, was jene
zahllosen Prozesse deutlich beweisen, die ebenso ununterbrochen
entstehen, wie sie niemals aufhören. Wenn ich mir das so überlege, werde
ich Plato doch besser gerecht und wundere mich weniger darüber, daß er
es verschmäht hat, für jene Leute irgendwelche Gesetze zu erlassen, die
eine auf Gesetzen beruhende gleichmäßige Verteilung aller Güter unter
alle ablehnen. In seiner großen Klugheit erkannte er offensichtlich ohne
weiteres, daß es nur einen einzigen Weg zum Wohle des Staates gibt: die
Einführung der Gleichheit des Besitzes. Diese ist aber wohl niemals dort
möglich, wo die einzelnen ihr Hab und Gut noch als Privateigentum
besitzen. Denn, wo jeder auf Grund gewisser Rechtsansprüche an sich
bringt, soviel er nur kann, teilen nur einige wenige die gesamte Menge
der Güter unter sich, mag sie auch noch so groß sein, und lassen den
anderen nur Mangel und Not übrig. Und in der Regel ist es so, daß die
einen in höchstem Grade das Los der anderen verdienen; denn die Reichen
sind habgierige, betrügerische und nichtsnutzige Menschen, die Armen
dagegen bescheidene und schlichte Männer, die durch ihre tägliche Arbeit
dem Gemeinwesen mehr als sich selbst nützen. Ich bin daher der festen
Überzeugung, das einzige Mittel, auf irgendeine gleichmäßige und
gerechte Weise den Besitz zu verteilen und die Sterblichen glücklich zu
machen, ist die gänzliche Aufhebung des Privateigentums. Solange es das
noch gibt, wird der weitaus größte und beste Teil der Menschheit die
beängstigende und unvermeidliche Last der Armut und der Kümmernisse
dauernd weiterzutragen haben. Sie kann wohl ein wenig erleichtert
werden, das gebe ich zu; aber sie völlig zu beseitigen, das ist, so
behaupte ich, unmöglich. Man könnte ja für den Besitz des einzelnen an
Grund und Boden ein bestimmtes Höchstmaß festsetzen und ebenso eine
bestimmte Grenze für das Barvermögen; man könnte auch durch Gesetze
einer zu großen Macht des Fürsten und einer zu großen Anmaßung des
Volkes vorbeugen. Ferner könnte man die Erlangung von Ämtern durch
allerlei Schliche oder durch Bestechung und die Forderung von Aufwand
während der Amtstätigkeit unterbinden. Andernfalls nämlich bietet sich
Gelegenheit, sich das verausgabte Geld durch Betrug und Raub wieder zu
verschaffen, und man sieht sich gezwungen, reichen Leuten _die_ Ämter zu
geben, die man lieber Fähigen hätte geben sollen. Durch solche Gesetze
kann man die erwähnten Übelstände wohl mildern und abschwächen, ebenso
wie man kranke Körper in hoffnungslosem Zustande durch unablässige warme
Umschläge zu stärken pflegt. Aber auf eine vollständige Behebung der
Übelstände und auf den Eintritt eines erfreulichen Zustandes darf man
ganz und gar nicht hoffen, solange jeder noch Privateigentum besitzt.
Ja, während man an der einen Stelle zu heilen sucht, verschlimmert man
die Wunde an anderen Stellen. So entsteht abwechselnd aus der Heilung
des einen die Krankheit des anderen; denn niemandem kann man etwas
zulegen, was man einem anderen nicht erst weggenommen hat.«
»Aber ich bin gerade der entgegengesetzten Meinung«, erwiderte ich, »daß
man sich nämlich niemals dort wohl fühlen kann, wo Gütergemeinschaft
herrscht. Denn wie könnte die Menge der Güter ausreichen, wenn jeder
sich um die Arbeit drückt, weil ihn ja keine Rücksicht auf Erwerb zur
Arbeit anspornt und weil ihn die Möglichkeit, sich auf den Fleiß anderer
zu verlassen, träge werden läßt? Aber wenn auch die Not die Menschen zur
Arbeit anstacheln sollte, würde man da nicht dauernd durch Mord und
Aufruhr in Gefahr schweben, falls niemand auf Grund irgendeines Gesetzes
das, was er erwirbt, als sein Eigentum schützen könnte? Zumal wenn die
Autorität der Behörden und die Achtung vor ihnen geschwunden ist, wie
könnte dann für beides Platz sein bei Menschen, zwischen denen keinerlei
Unterschied besteht? Das kann ich mir nicht einmal vorstellen.«
»Über diese deine Ansichten wundere ich mich gar nicht«, erwiderte
Raphael; »denn von einem solchen Staate hast du entweder gar keine
Anschauung oder nur eine falsche. Wärest du jedoch mit mir in Utopien
gewesen und hättest du dort mit eigenen Augen die Sitten und
Einrichtungen kennengelernt, wie ich es getan habe, der ich über fünf
Jahre dort gelebt habe und gar nicht wieder hätte fortgehen mögen, außer
um die Kenntnis von dieser neuen Welt zu verbreiten, so würdest du
entschieden zugeben, du habest nirgends anderswo ein Volk mit einer
guten Verfassung gesehen außer dort.«
»Und doch«, sagte Peter Ägid, »wirst du mich in der Tat nur schwer davon
überzeugen können, daß es in jener neuen Welt ein Volk mit besserer
Verfassung gibt als in dieser uns bekannten. Haben wir doch hier ebenso
kluge Köpfe, und die Staatswesen sind, meine ich, älter als dort; auch
verdanken unsere Kulturgüter ihre Entstehung zum größten Teile langer
Erfahrung, wobei ich nicht unerwähnt lassen will, daß bei uns manches
durch Zufall entdeckt worden ist, was zu erdenken kein Scharfsinn
ausgereicht hätte.«
»Über das Alter der Staaten würdest du richtiger urteilen können«,
erwiderte jener, »wenn du die Geschichtswerke über jene Welt genau
gelesen hättest. Darf man ihnen glauben, so hat es dort früher Städte
gegeben als bei uns Menschen. Alles aber, was bis heute der Scharfsinn
erfunden oder der Zufall entdeckt hat, konnte hier wie dort vorhanden
sein. Im übrigen ist es meine feste Überzeugung: Mögen wir jenen Leuten
auch an Gaben des Geistes voraussein, an Eifer und Fleiß bleiben wir
trotzdem weit hinter ihnen zurück. Wie nämlich aus ihren Chroniken
hervorgeht, hatten sie vor unserer Landung dort niemals etwas von
unserer Welt gehört -- sie nennen uns Ultraäquinoktialen --, außer daß
in alten Zeiten, vor nunmehr 1200 Jahren, in der Nähe der Insel Utopia
ein vom Sturm dorthin verschlagenes Schiff durch Schiffbruch unterging.
Dabei warfen die Wellen etliche Römer und Ägypter an den Strand, die
dann nie wieder fortgingen.
Und nun sieh, wie die Utopier in ihrem Fleiße diese in ihrer Art einzige
Gelegenheit ausnutzten! Es gab im ganzen römischen Reiche keine
irgendwie nützliche Kunstfertigkeit, die sie nicht von den gestrandeten
Fremdlingen erlernt oder die sie nicht, im Besitze der Keime ihrer
Kenntnis, weiter ausgebildet hätten. Von solchem Vorteil war es für sie,
daß auch nur ein einziges Mal ein paar Leute von hier dorthin
verschlagen wurden. Sollte aber ein ähnlicher glücklicher Zufall früher
einmal jemanden von dort hierher gebracht haben, so ist das heute ebenso
gänzlich vergessen, wie sich vielleicht spätere Geschlechter auch meines
Aufenthaltes dort nicht mehr erinnern werden. Und während sich die
Utopier schon bei der ersten Berührung mit uns alle unsere nützlichen
Erfindungen aneigneten, wird es dagegen lange dauern, bis _wir_
irgendeine Einrichtung übernehmen, die bei ihnen besser ist als bei uns.
Dies halte ich auch für den Hauptgrund dafür, daß trotz unserer
geistigen und materiellen Überlegenheit ihr Staat dennoch klüger
verwaltet wird und glücklicher aufblüht.«
»Also, mein lieber Raphael«, sagte ich, »so bitte ich dich dringend, gib
uns eine Beschreibung der Insel und fasse dich nicht zu kurz, sondern
erläutere uns der Reihe nach Landschaft, Flüsse, Städte, Menschen,
Sitten, Einrichtungen, Gesetze, kurz alles, was wir, wie du meinst,
gern kennenlernen wollen! Du kannst aber annehmen, daß wir alles wissen
möchten, was wir bis jetzt nicht wissen.«
»Nichts werde ich lieber tun«, erwiderte er; »denn das habe ich noch
frisch im Gedächtnis. Aber die Sache erfordert Zeit.«
»So wollen wir denn hineingehen«, sagte ich, »und frühstücken; dann
nehmen wir uns Zeit, ganz wie es uns beliebt!«
»Einverstanden!« erwiderte er.
Und so gingen wir ins Haus und frühstückten. Danach kehrten wir an den
alten Platz zurück und nahmen auf derselben Bank Platz. Den Dienern
sagte ich, wir wollten von niemandem gestört werden. Dann erinnerten
Peter Ägid und ich den Raphael an sein Versprechen. Als er uns nun in
solcher Spannung und Erwartung sah, saß er erst eine Weile schweigend
und nachdenklich da, dann begann er folgendermaßen.
(Ende des ersten Buches. Es folgt das zweite.)