Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts

UND irgendeiner kam und liess eine helle heitere Musik über uns ergehen,

lustig wie eine Gavotte oder eine Passacaglia des achtzehnten Jahrhunderts.

Um uns erstand eine helle Kirche, überall schwebten gutgenährte Amoretten,

die Fruchtschnüre von Loge zu Loge trugen: gewundene goldgezierte Säulen

umgaben ein blau und rosa Altarbild. Und wie lustig die Herzoginnen davor

knieten! Wie das nach Puder roch; und alle lachten über den famosen

Priester, der sie mit richtigen Taschenspieler-Kunststücken unterhielt. Ich

bat den Sakristan, der an mir vorüber wollte, um Erklärung. Liebenswürdig

wie ein weltgewandter Jesuit nannte er mir die Namen aller Anwesenden. Der

Priester war der berühmte Graf von Saint-Germain, die am prächtigsten

gekleidete Dame die Herzogin von Chartres. Wie war ich nur hierher gekommen

und was sollte ich an einem Orte tun, wo ich keinen Menschen kannte? (ob

ich mich gleich deutlich erinnerte, den Grafen schon einmal auf einem

Kupferstich gesehen zu haben). Da fiel mir ein, dass ich ja noch heute mit

ihm gespeist hatte, dass er mich irgendwohin mitnehmen wollte, zu Freunden.

Ich ärgerte mich, dass er mich nun allein liess.

»Alta-Carrara!« rief ich gereizt.

»Pst, pst,« flüsterte der Sakristan begütigend, »verraten Sie ihn doch

nicht, warum denn immer gleich Namen nennen? Hier heisst er Graf von

Saint-Germain. Sie müssen ihn im neunzehnten Jahrhundert getroffen haben.

Dort nennt er sich Alta-Carrara. Neulich war eine Dame aus dem vierzehnten

Jahrhundert hier, die nannte ihn Buonaccorso Pitti, Sie sehen, alles ist

relativ,« sagte er pfiffig.

»Und du, unausstehlicher Schwätzer,« fragte ich, »welchem Jahrhundert

bildest du dir denn ein, anzugehören?«

»Ich?« fragte er stolz, »natürlich dem achtzehnten, Sie hingegen sind so

unhöflich, dass Sie nur in das neunzehnte passen. Ich schreibe heute -- mit

Vergunst -- den 15. September 1768.«

Mit einer überaus gezierten Bewegung verliess er mich. Ich hatte eine

unbezwingliche Wut auf Alta-Carrara, der noch immer seine Kunststücke vor

dem Altare machte. Ich beschloss, einen günstigen Augenblick abzuwarten, um

ihn zur Rede zu stellen. Einstweilen zog ich einen langen gewundenen

Schnörkel von einer Säule, machte eine Schlinge daraus und stellte mich an

der Kirchentür auf. Es dauerte nicht lange, bis der Graf mit einer

Verbeugung seinen Zuschauerinnen anzeigte, dass die Vorstellung zu Ende

sei. Mit selbstzufriedenem Lächeln durchschritt er die Kirche, von den

bewundernden Blicken der Herzoginnen verfolgt. Eben wollte er auf die

Strasse treten, als ich ihm meine Schlinge über den Kopf warf. Er wusste

nicht recht, was mit ihm vorging, aber als Mann von Welt lächelte er und

sagte mit Ironie:

»Ihrer hübschen Tracht nach müssen Sie aus dem neunzehnten Jahrhundert

sein. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?«

»Tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht kennen,« erwiderte ich ärgerlich,

»Sie versprachen mir . . . .«

»Oh verzeihen Sie, diese Damen hielten mich ein wenig auf. Nun bin ich

wieder ganz der Ihre. Wir haben übrigens noch viel Zeit vor uns« -- dabei

zog er seine Uhr aus der Tasche -- »es sind noch über zwanzig Jahre bis zur

Revolution. Wir können uns noch lange unterhalten.«

Mein Ärger wurde plötzlich durch ein rasendes Bedürfnis nach

ausgelassenster Lustigkeit abgelöst.

»Ich will lachen, schreien, purpurne Visionen haben,« bemerkte ich

aufgeregt. Der Graf erschrak ein wenig.

»Wir werden ja sehen,« begütigte er.

Wir stiegen in ein Kabriolett, um nach dem Marais zu fahren. Es war Nacht,

aber ungemein belebt in den Strassen. Es musste wohl Karneval sein. Bunte

Masken begegneten uns und warfen Blumen in den Wagen. Überall herrschte

ausgelassenes trunkenes Geschrei.

»Die Leute wissen, dass es nur noch zwanzig Jahre dauert,« sagte

Saint-Germain. »Aber sie stellen es sich schlimmer vor, als es wirklich

werden wird. Ich habe ihnen nämlich vorgeschwindelt, die Jakobiner würden

ganz Paris niederbrennen und alle, die fortlaufen wollten, erschlagen.«

Saint-Germain konnte sich vor Lachen über diesen Spass kaum halten.

»Warum haben Sie denn das getan?« fragte ich verständnislos.

»Ganz einfach, um ihre Lustigkeit ins masslose zu steigern. Solche kleine

weltgeschichtliche Schauspiele sind das einzige Amüsement meines Lebens.

Glauben Sie, ich wolle mich langweilen wie der kleinbürgerliche Ahasver?

Das hübscheste, was ich mir leistete, war doch die Geschichte mit den

Albigensern. Denen habe ich nämlich eingeredet, sie müssten die Sünde durch

die Sünde heilen. Im neunzehnten Jahrhundert nennen sie das -- glaube ich

-- Homöopathie, similia similibus. Die guten Leute bildeten sich in der Tat

ein, sie müssten alles Böse mit Gewalt aus sich heraussündigen. Nun, Sie

können sich denken, was das für Szenen gab. Aber ich will Sie nicht mit

Beschreibungen ermüden, denn Sie sollen heute etwas Ähnliches in

Wirklichkeit sehen.«

»Halten Sie nur Wort!« erwiderte ich etwas ungläubig.

»Ich habe nämlich eine kleine auserlesene Gesellschaft zu einem Fest bei

dem Grafen Gilles de Laval eingeladen, den Sie in Deutschland -- so viel

ich weiss -- Ritter Blaubart nennen, aber die Gäste wissen selbst nicht, wo

sie sich befinden. Man ahnt nur, dass es einen Hauptspass geben wird;

verraten Sie also nichts, denn mein Freund Gilles möchte, als

Kapuzinermönch verkleidet, unbekannt bleiben. Er liebt das achtzehnte

Jahrhundert nicht sehr.«

Unter solchen Gesprächen kamen wir auf der Place des Vosges an. Wir trieben

uns einige Zeit, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken, unter den Arkaden umher

und liessen uns dann in einer Sänfte an das Guisenpalais im Marais tragen.

Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass die Träger weit entfernt waren,

schlüpften wir in eine kleine Gasse, an deren Ende sich ein sehr armseliges

Holzpförtchen befand. Der Graf schlug an die Tür. Ein scheussliches altes

Weib öffnete. Wir standen in einem feuchtkalten dunklen Vorraum: ich folgte

Saint-Germain durch einige schlecht beleuchtete, unangenehme Gänge, bis er

stehen blieb, seinen Mantel abwarf und in reicher Hoftracht dastand. Er

strich sich das gepuderte Haar zurecht, betrachtete unter einer Kerze in

einem Handspiegel sein Gesicht, das er wie ein seidenes Tuch

zusammenzufalten und wieder aufzurollen schien, bis ihm eine Lage gefiel.

Ich wurde vor Ungeduld ganz nervös. Schliesslich öffnete er eine Tür. Wir

traten in einen gelb und silbernen Vorraum. Vor ungeheueren,

kerzenlichtüberströmten Spiegeln bewegten sich reichgekleidete Damen und

Kavaliere. Eine breite Treppe führte nach einer an die Decke stossenden

Flügeltür hinauf; alle schauten gespannt nach dieser Tür. Mein Bedürfnis

nach Lustigkeit wich einem faszinierten Starren vor den Lichtfluten, die

mich umwogten, vor den bunten kostbaren Gewändern und den heftigen

Blumengerüchen. Gebannt liess ich alles über meine Sinne ergehen. Plötzlich

trat ein Auvergnat aus der Tür.

»Ah Castel-Bajac,« rief man.

»Alles ist bereit,« sagte Castel-Bajac mit dem pfiffigen Gesicht eines

Kochs, der einen neuen Leckerbissen erfunden hat. Er öffnete die beiden

Flügel nach der Galerie eines grossen Saales. In höchster Aufregung stiegen

nun alle diese eleganten Leute die Treppe hinauf und traten durch die Tür.

Ich mischte mich unter sie. Wir nahmen auf der Galerie Platz und blickten

in den leeren Saal hinab. Während oben alles um uns her in dem hellen

prunkenden Gold- und Spiegelgeschmack des achtzehnten Jahrhunderts gehalten

war, dem auch die lustigen reichen Gewänder entsprachen, schien der Saal

selbst einen Ausblick in fremde düstere Vergangenheit zu gewähren, in eine

ausschweifende sinnlose Gotik voll zitternder wilder Schlinggewächse und

Schlangen um die spitzbogigen Fenster, in die finstere unbändige Phantastik

des sterbenden Mittelalters voll wüster, henkerhafter Lustigkeit. Der Saal,

in dem zahllose lange Kirchenkerzen ein unbestimmtes gelbes Licht

verbreiteten, war ganz menschenleer. In der Mitte stand eine lange reiche

Tafel, deren Goldgeschirr aus der Kirche genommen schien. Die

verblüffendsten Gläserformen ragten zwischen seltenen traumhaften Pflanzen

heraus. Ich war erstaunt, dass meine erlauchte Umgebung nicht unten an der

Tafel Platz nahm, sondern sie nur von der hellen Galerie aus betrachtete.

Plötzlich hörte man draussen Stimmen, die sich dem Saale zu nähern

schienen. Zwei weite Türen taten sich auseinander und eine Schar

auvergnatischer Bauern in steifem Sonntagsstaat trat schüchtern und

verwundert unter der Führung Castel-Bajacs herein. Sie liessen sich mit

ihren Weibern um die prachtvollen Tafeln Plätze anweisen und wagten kaum zu

reden, während sie bisweilen schüchterne Blicke auf die Galerie warfen, wo

man aufgeregt ihnen vertraulich und ermutigend zuwinkte. Man schien ein

Hauptvergnügen von ihnen zu erwarten. Es war in der Tat sehr unterhaltend,

wie diese steifen Menschen, teils ernste würdige Gestalten, teils plumpe

ungeschlachte Lümmel allmählich unbefangener und kühner wurden, je mehr

Nahrung sie in sich aufnahmen. Diener reichten ihnen schweigend und

würdevoll die Speisen umher und bald schien es ihnen gar nicht mehr seltsam

vorzukommen, dass sie sich hier befanden. Jeder hielt sich in seinem Innern

von Rechts wegen zu dem Leben eines Grandseigneur bestimmt.

»Sie sind entzückend, diese Leute . . .« sagte eine kleine Marquise.

»Wenn man bedenkt, dass uns ihre Kinder in zwanzig Jahren alle totschlagen

werden,« fügte Saint-Germain hinzu.

»Demain donnons au diable

un monde turbulent«

trällerte die Marquise nervös. Die Leute auf der Galerie wurden ungeduldig.

Man schien auf etwas zu warten, was zu lange ausblieb. Die Bauern

überliessen sich indes einer derben aber unterdrückten, pfiffigen

Heiterkeit. Da traten sechs Diener in den Saal und brachten in schmalen,

sehr langen Karaffen einen dunklen Wein, der als Lieblingsgetränk des

schwelgerischen Königs Karls VII. angekündigt wurde. In diesem Augenblick

verstummten alle die nervösen, ungeduldigen, witzelnden Bemerkungen auf der

Galerie. Es bemächtigte sich aller eine grenzenlose Erregung. Sie blickten

sich wie in geheimem Einverständnis an. Die Augen, besonders die der

Frauen, schienen ekstatisch zu glänzen. Es war, als ob alle von einer mir

unsichtbaren Vision geblendet wurden. Überall um mich her stumme wogende

Erregung. Wenn diese Menschen, die irgend etwas Scheussliches verabredet

haben mussten, jetzt mit Dolchen übereinander hergefallen wären, hätte ich

es noch nicht für das schlimmste gehalten. Es mussten sich viel

fürchterlichere Dinge vorbereiten. Diese durch das Vergnügen abgestumpften

Leute schienen zu wissen, dass nun etwas selbst für ihre Sinne Unerhörtes

kommen würde. Nur der Graf von Saint-Germain hatte seine Ruhe bewahrt.

Lächelnd trat er an mich heran.

»Was geht hier vor?« fragte ich, »wohin haben Sie mich geführt? Ist es

schon die Revolution?«

»Noch lange nicht,« sagte er milde, »man gibt den guten Leuten nur ein

wenig Aroph zu trinken.«

Indessen war unten im Saal das schwarze Getränk in Gläser gegossen worden.

Einige der Bauern hatten schon getrunken. Ihre Augen begannen zu blitzen.

Sie schauten sich anfangs etwas unsicher an, als glaubten sie ihren eigenen

Empfindungen nicht. Dann schienen sie sich gegenseitig zu irgend etwas zu

ermutigen. Man zögerte noch, aber in jedem Augenblick konnte die Wut

ausbrechen.

»Das ist die Revolution!« rief ich entsetzt. »Diese Bauern werden uns

töten. Saint-Germain macht sich über uns lustig, er will uns alle auf der

Guillotine sehen.«

Empört und mit unsäglicher Verachtung blickte man sich nach mir um, wie

nach einem, der die erregende Vorstellung einer Tragödie durch Nüsseknacken

stört.

»Das ist die Revolution!« rief ich wiederholt.

»Und wenn auch,« sagte die Marquise, der mein Geschrei nun doch zu viel

wurde.

»Damit machen Sie ihnen keine Angst,« bemerkte der Graf, »übrigens ist es

nicht die Revolution.«

Plötzlich packte einer der Bauern seinen Nachbar am Arm, der in ein lautes

sinnliches Gelächter ausbrach. Auf dieses Zeichen schienen alle gewartet zu

haben. Die vorsichtigen, plumpen Leute schlugen ein brüllendes, johlendes

Lachen an. Man schien zu merken, dass sich bisher jeder im geheimen allein

für die niedrigste Bestie gehalten und nun freudig überrascht war, die

andern genau ebenso zu finden. Jeder trug plötzlich zum grössten Erstaunen

seiner Nachbarn die wohlbekannten, von der Kirche verbotenen Begierden auf

der Stirn geschrieben. Sie schienen sich auf einmal gegenseitig in ihrer

Tierheit zu entdecken. Einer drückte sich gierig an den andern, wobei

vorläufig das Geschlecht gar keine Rolle spielte.

»Du Mordskerl . . . . Du Luder . . . .« riefen sie und schlugen sich

gegenseitig auf den Bauch.

»Sie sehen, dass das für uns ganz ungefährlich ist,« flüsterte mir der Graf

lächelnd zu.

»Ich muss mich entblössen,« rief ein junges Bauernweib.

Viele Männerhände streckten sich nach ihr und entrissen ihr die Kleider.

»Ich auch . . . mir auch!« riefen sie durcheinander.

Alle verliessen ihre Plätze, die Stühle fielen um, das Tafelgerät flog

umher, ein irrsinniges Geschrei erhob sich aus dem Menschengewühl. Auf der

Galerie konnte man sich vor Entzücken nicht mehr halten. Die Damen riefen

erregt zu den Männern hinunter, so wie man Stierkämpfer in der Arena zu

ermutigen pflegt. Einige von den Kavalieren auf der Galerie hatten ihre

Degen gezogen und warfen sie unter dem Ruf »Blut . . . Blut« hinab. Mitten

in diese allgemeine Erregung der Galerie drängte sich plötzlich ein

schwarzbärtiger Kapuzinermönch, der sich atemlos bis an die Brüstung Bahn

brach.

»O das Leben, das prächtige Leben!« rief er wie verzückt, »ich will baden

im Leben!«

Mit diesen Worten riss er sein braunes härenes Kleid ab. Einen Augenblick

sah man auf der Balustrade seine nackte, nervige Gestalt, die sich mit

schnellem Schwung hinab in das Gewühl schwang. Eine namenlose Wut hatte

sich der Bauern bemächtigt. Nur noch Fetzen von Kleidern hingen um die

blutenden Körper; die Adern der Männer waren gereckt, die Frauen, die dem

Ansturm erlagen, krallten unersättlich die Finger in die neben ihnen

liegenden Körper. Manche heulten nach dem Tod, der sie von ihrer

unstillbaren Raserei heilen sollte; sie griffen nach den Scherben von Glas

und Porzellan, um sich oder andere in wahnsinnigem Lachen zu blenden oder

zu töten. Auf der Galerie wusste man vor Vergnügen nicht mehr, was man

erfinden sollte: man warf hinunter, was erreichbar war, Wandspiegel,

Champagnergläser, Stühle, man riss sogar Portieren herab, schleuderte

brennende Kerzen. Nur der Graf von Saint-Germain stand heiter lächelnd

dazwischen. Manchmal wollte er reden:

»In London habe ich im vierzehnten Jahrhundert viel amüsantere Sachen

gesehen.«

Aber niemand hörte ihm zu.

»Wer hat den Mut, mich hinabzuschleudern?« rief die kleine Marquise, »meine

Liebe dem, der es wagt!«

Keiner der Kavaliere schien das für ernst zu nehmen. Plötzlich erhoben sich

aus dem Gewoge des Saales die Arme des Kapuziners.

»Kommen Sie, kleine Marquise, Ihre Urahnin war meine erste Geliebte . . .«

»Gilles de Laval,« rief die Marquise ausser sich. »Ich erkenne dich . . .

ganz das abscheuliche Porträt . . .«

Sie riss sich die Kleider ab, sprang hinunter und verschwand mit Gilles de

Laval wie unter den Wellen des Meeres.

Gilles de Laval . . .! Der Name wirkte faszinierend auf die Frauen.

Plötzlich wollten es alle der Marquise gleichtun und schrien, man solle sie

hinunterwerfen. Wie von fremder Gewalt getrieben, ergriff einer nach dem

andern fast feierlich seine Nachbarin und schleuderte sie über die

Brüstung; wenige Sekunden lang konnte man Herzoginnen und Marquisen, die

Trägerinnen der schönsten Namen Frankreichs, nackt durch die Luft fliegen

sehen.

Mit zerschlagenen Gliedern kamen die Damen unten an. Schwindlig suchten sie

sich zu erheben und hinkten ein wenig umher. Ringsum schien indessen das

Feuer wie erloschen zu sein. Ein wenig verlegen blickten sie über die

Haufen von Gliedmassen und zerschlagenen Geräten. Sie wussten gar nichts

damit anzufangen. Und eben hatte man doch noch so ein mutiges Gefühl

gehabt. Es ging doch etwas ganz Tolles vor, wo man sich hatte hineinstürzen

wollen; und nun, als man unten ankam, war alles aus. Wie gern hätten diese

Damen einige kleine Freuden der Grausamkeit genossen! Der Mut war ihnen

aber wohl zu spät gekommen. Manchmal krallte sich oder stach noch eine Hand

im Todeskrampf nach diesen zarten weissen Körpern, die wie Miniaturwalküren

auf dem Schlachtfeld umherwandelten. Bisweilen brachte ihnen sogar ein

Finger noch eine mittelmässige Wunde bei und da stiessen sie nette, kleine,

verzückte Schreie aus, wie gut gezogene Kinder, die mit kaltem Wasser

gewaschen werden und schlotternd rufen: »Hu . . . wie warm.« Die Damen

sahen traurig ein, dass sie zu spät gekommen waren, und nun traten gar

schon Diener mit Schaufeln in den Saal. Die nackten Marquisen drückten sich

verschämt in die Ecken und hielten die Hände über Brust und Schoss. Die

Diener öffneten die Fenster und schaufelten die Überreste dieser

Feierlichkeit hinaus. Unten im Hofe sah man im ersten Morgenlicht bleiches

Menschengebein, das von früheren ausgelassenen Stunden des Grafen Gilles de

Laval zeugte. Die Marquisen aber schlichen betrübt und verschämt durch ein

Seitenpförtchen hinaus. Sie bereuten, sich ungeschickt benommen zu haben.

Die armen Damen hatten sich umsonst entblösst.

Auf der Galerie waren die Zurückgebliebenen in ermattetes Schweigen

versunken. Man kam langsam wieder zu Atem. Einige mahnten zum Aufbruch und

erhoben sich, Händedrücke wurden getauscht, Verabredungen für den folgenden

Tag gemacht. Einige Unermüdliche wollten noch soupieren gehen. Der Graf von

Saint-Germain, den man unter keinen Umständen losgeben wollte,

entschuldigte sich lächelnd. Er müsse nach Hause fahren, da er noch in

dieser Nacht einige Kapitel aus dem Akshara Para Brahma Yog übersetzen

wolle. Gegen solche Gründe des gelehrten Grafen pflegte man niemals

Einwände zu machen und so verabschiedeten wir uns von diesen höflichen

Leuten.

»Haben Sie etwas bemerkt?« fragte mich der Graf, als wir auf der Strasse

waren.

»Sehr viel,« erwiderte ich.

»Ich meine, haben Sie bemerkt, dass ich selbst Gilles de Laval bin? So

heisse ich im fünfzehnten Jahrhundert.« Triumphierend blickte er mich an.

»Unmöglich; Sie waren doch die ganze Zeit auf der Galerie, Sie sprachen von

London . . .«

»Einen Augenblick allerdings; können Sie sich aber erinnern, Gilles und

mich nur eine Sekunde lang gleichzeitig gesehen zu haben?«

»Das nicht, aber . . .«

»Nun sehen Sie. Nächstens lade ich Sie zu einem Flagellantenzug nach

Italien ein.«

Er half mir in einen Wagen, wo ich sofort einschlief.

* * *

Als ich wieder erwachte, -- ich glaubte länger geschlafen zu haben, als

vorher mein ganzes Leben gedauert hatte -- stand eine Schale mit Früchten

vor mir, die ich äusserst heftig begehrte, ohne die Kraft zu finden, danach

zu greifen. Tränen traten mir in die Augen. Ich fühlte Abscheu vor meinem

eigenen Leben, dessen trost- und gedankenlosem Wirbel ich wie durch ein

Wunder entronnen zu sein geglaubt hatte. Diese unerreichbaren Früchte

würden mir Gesundung bringen, reine, leicht zu erfüllende Wünsche an Stelle

fieberhafter Gelüste. Es hatte mich jemand wohlmeinend, aber etwas derb von

einem Abgrund gerissen, vor dem ich nichtsahnend stand.

»Wissen Sie nun, wo Sie sind?« fragte lächelnd Alta-Carrara, der mir

gegenüber gleich wie ich auf einem Diwan lag.

In dem Zimmer unterhielten sich mehrere Herren. Einige fragten nach meinem

Befinden und gaben mir Ratschläge.

»Sie waren dabei,« dachte ich, »als ich mein Leben zwecklos in künstlichen

Sensationen vergeudete.« Dennoch freute ich mich, ganz unbekannte Gefühle

in mir zu entdecken, etwas wie Reue. Ich fühlte einen bitteren Geschmack,

wenn ich an mein Leben dachte, das sich auf eine glühende Einbildungskraft

und einen fieberhaft zerlegenden Verstand gegründet hatte.

Es musste jemand meinen Wunsch erraten haben, denn ich fühlte die kühle

Herbheit eines Apfels dicht an meinen Lippen. Ich biss hinein und mir war,

als witterte ich junge Morgenwinde um mich her. Ich erkannte die

Notwendigkeit eines neuen Lebens -- ohne den verhassten Rausch, der noch in

mir war. Ich verlangte schwere Aufgaben; Leiden müsste ich erdulden, sie

unumwunden vom Schicksal fordern, das mich dadurch um das Beste im Leben

betrogen hatte, dass es mir keine Leiden sandte. Ich schämte mich fast. Und

doch freute ich mich über die Seltenheit einer solchen Empfindung in einer

Seele wie der meinigen.

Alta-Carrara aber begann mit halblauter Stimme zu erzählen:

Haschisch: Erzählungen · 第 11 / 16 题