Der Haschischklub

AN einem Abend des Winters 189* befand ich mich in einem wenig besuchten

Pariser Speisehaus. Während ich, ohne meiner Umgebung zu achten,

ausschliesslich mit der Mahlzeit beschäftigt war, hörte ich neben mir eine

halblaute Stimme, die sich an den Kellner wendete. Die trotz dem

fremdländischen Akzent gewandte Ausdrucksweise, welche Vertrautheit mit den

Boulevards verriet, fesselte meine Aufmerksamkeit, und ich erkannte in dem

schlanken, diskret blonden, schon etwas alternden Dandy den Grafen Vittorio

Alta-Carrara. Ich beobachtete, während er, ohne mich zu sehen, sein Menü

zusammenstellte, dass sich die vertikale Tendenz seiner Linien seit unserem

letzten Zusammentreffen noch verstärkt hatte und eine unübertreffliche

Kunst des Anzugs dieser Veranlagung durchaus gerecht wurde; die schmalen

langen Beine liess er in die schlanksten Stiefel auslaufen, während die

fast entfleischten Finger in spitzbogenförmigen Nägeln endigten. Seine

dünnen Lippen, die keine Sinnlichkeit merken liessen, hatten neben dem

»ennui« eine gewisse Bitterkeit angenommen, die seine kühle Persönlichkeit

fast menschlicher und etwas nahbarer erscheinen liess.

»Ah, Sie sind in Paris«, sagte der Graf und zeigte sich nur aus

Liebenswürdigkeit erstaunt, obgleich zwischen unserem letzten

Zusammentreffen und diesem Abend in Paris mehrere Jahre und Länder lagen.

Wir hatten uns einmal in einem römischen Salon kennen gelernt, wo wir eines

Abends nach dem Brauch des Landes, jeder mit einer Teetasse in der Hand,

zwischen seltenen Statuen eine Stunde lang nebeneinander standen. Später

erfuhr ich, dass er einen kalabrischen Vater hatte, der ihn in einer

geheimnisvollen Schwärmerei für die grossen, blondhaarigen Frauen des

Nordens mit einer ziemlich untergeordneten Norwegerin erzeugt hatte, die

immerhin blond und schlank genug war, um den phantastischen Südländer den

Duft der Freiaäpfel wenigstens von weitem wittern zu lassen. --

Ein anderes Mal sah ich den Grafen in einem abgelegenen niederländischen

Museum, wo er nach den Fragmenten eines unbekannten Kupferstechers, Allaert

van Assen, suchte. Dieser Meister -- so versicherte er -- hatte in

Höllenszenen sehr sinnreiche Foltern dargestellt, die beweisen sollten,

dass der Schmerz eine gesteigerte Lust sei, dass nur törichte Menschen

nicht nach den Genüssen einer ewigen Verdammnis lechzen könnten. Die

Inquisition hat diesen Satanisten, der sich nach Spanien verirrte, mit

Schneeumschlägen auf Herz und Hirn, wohlweislich und langsam verbrannt und

seine Werke vernichtet oder entstellt. -- Zum letzten Male hatte ich den

Grafen im Handschriftenkabinet einer kleinen deutschen Stadt gesehen, wo er

einen arabischen Kodex auszog, der, wie er schwur, die ganze erotische

Literatur der Europäer überflüssig machte.

Heute abend war Alta-Carrara wenig mitteilsam. Seine ganze Aufmerksamkeit

schien von den Speisen gefesselt zu sein, die ihn, nach seiner besonderen

Anweisung zubereitet, durchaus zu befriedigen schienen. Plötzlich

unterbrach er sich bei einer Kastaniensuppe, die ihm eine Erinnerung

wachzurufen schien:

»Haben Sie nicht einmal einen Vers gemacht -- so etwas wie . . .

. . . und eine Lust, gepflückt in tausend Lanzen,

der sich die Seele wie aus früherm Sein

entsinnt, verklärt mit gelbem Morgenschein

die Tiefen, die das Leben schwarz umgrenzen . . .?

Sehen Sie, diese Lust aus tausend Lenzen, dieses Haschischparadies

darstellen, das wäre grosse Kunst, aber wir alle reden nur davon, wir

schaffen es nicht. Die neue Kunst müsste den Haschisch, das Opium

entthronen . . .!«

Ich war überrascht. Niemals hatte ich diesen blassen Menschen so

eindringlich mit dem Ton unverkennbarer Aufrichtigkeit reden hören. Und das

geschah wegen einer Strophe, die ihn unbefriedigt liess. Ich war bisher

geneigt gewesen, ihn nur für einen gebildeten ästhetischen Dandy zu halten.

Nun aber kam es mir fast vor, von ihm einen Schrei nach der Unendlichkeit

zu hören aus jenem seltsamen Schmerz heraus, der heute manche Geister

verwirrt, die früher in gewissen feineren Richtungen des Christentums

Genugtuung fanden, vielleicht heute noch finden würden, wenn nicht

bestimmte Kapellen (wer weiss auf wie lange) verschlossen wären. -- Ich

hatte an diesem Abend noch keine Gelegenheit gehabt, den Augen

Alta-Carraras zu begegnen und beobachtete erst jetzt jenes beinahe

angestrengte Starren, das aussermenschliche Horizonte zu berühren sich

abmüht, Ausblicke in künstliche Paradiese sucht, zu denen nur die

satanischen Drogen, die der Graf bereits genannt, den Übergang gestatten.

-- Wir hatten ungefähr gleichzeitig die Mahlzeit beendet, während der

Alta-Carrara wieder in die bewusste Zurückhaltung eines einsamen Menschen

getreten war, der glaubt sehr höflich gewesen zu sein, weil er ein paar

Worte gesprochen hat.

»Ich werde diesen Abend mit Freunden verbringen,« sagte er plötzlich.

»Vielleicht haben Sie Lust und Zeit, an unserer Gesellschaft teilzunehmen?«

Ich war wieder überrascht. Alta-Carrara kannte mich kaum. Er konnte von mir

nicht viel mehr mit Sicherheit beurteilen, als die Qualitäten meines

Schneiders. Eine unüberlegte Höflichkeit war diesem stets bewussten

Menschen nicht zuzutrauen. Ich musste also eine Beziehung annehmen zwischen

jener Strophe, die er vielleicht für ein Pantakel meiner Persönlichkeit

hielt, und dem Charakter der Gesellschaft, in die er mich einführen wollte.

Wir fuhren nach dem Viertel Batignolles. Unterwegs hoffte ich einige

vorbereitende Bemerkungen über den Freundeskreis Alta-Carraras zu hören. Er

sprach indessen mit oberflächlicher, fast graziöser Leichtheit über die

verschiedensten Dinge, ohne gerade Dummheiten zu sagen. Ich fühlte, dass es

ihm nur darum zu tun war, ein neues Stillschweigen zu vermeiden. -- Nachdem

wir die sechs Treppen eines modernen Mietshauses erstiegen, wies man uns in

einen weiten, atelierartigen Raum. In dem dämmerigen Licht

rotverschleierter Kerzen gewahrte ich mehrere Männer, die in bequemen, wie

mir schien, orientalischen Kleidern auf niedern Polstern lagen. Zwischen

den Ruhebetten standen Taburetts mit Nargilehs und dampfenden Duftschalen.

Ein sanfter Geruch brennender Harze vermengte sich mit dem Rauch leichter

englischer Zigaretten. An den dunkelroten Wänden hingen tiefschwarze

Radierungen und Stiche, deren kaum erkennbare Darstellungen wie die

Gesichte eines Alpdrucks auf uns niederstarrten. In den Ecken unterschied

ich zwischen fremdartigen Gewächsen altmodische musikalische Instrumente

wie seltsame Reptilien. Man bewegte sich kaum bei unserem Eintreten.

Leichte Grüsse wurden getauscht. Alta-Carrara machte schweigend eine

Handbewegung, als stelle er mich vor. Dann liessen wir uns auf Kissen

nieder. Von einem zwischen uns stehenden Tischchen nahm der Graf einige

Haschischpillen und bot mir lächelnd die Schale.

»Die Umherliegenden«, erklärte er halblaut, »befinden sich in einem Zustand

der Angeregtheit, den man nicht Rausch nennen kann. Sie haben nur ganz

geringe Dosen Haschisch geschluckt. Sie werden sie in logischen Wortfolgen

reden hören, nur vielfachere, seltsamere Zusammenhänge finden sehen, als

sie sich sonst erkennen lassen. Wenn wir Glück haben, können wir uns wie in

einer Versammlung plötzlich erleuchteter Künstler befinden, denen

fabelhafte Worte von den Lippen fliessen, von deren Glanz sie morgen kaum

selbst noch etwas ahnen. Andere verzichten auf den Genuss des Haschischs

und bewundern die Wirkung, die er in den übrigen hervorbringt. Wer dazu

imstande ist, wird durch Musik oder seltsame Erzählungen den Vorstellungen

der übrigen besondere Richtungen zu geben suchen. Werfen Sie einmal einen

Blick durch diese offene Tür in die Nebenräume; dort befinden sich die,

welche ganz in die Abgründe der Unbewusstheit versinken wollen.«

Ich sah in der Dämmerung schlafende Menschen vor venetianischen Spiegeln

ausgestreckt.

»Durch die bunten Glasblumen der Spiegel glauben sie in fabelhafte

Wasserteiche unterzutauchen«, sagte der Graf. »Die beiden auf Zehen

herumgehenden Männer sind geschickte Diener, die sie gegen Kälte und Durst

schützen, da sie in ihrer Willenslähmung vorziehen würden, die Lippen

verbrennen zu lassen, als das vor ihnen stehende Getränk selbst an den Mund

zu führen.«

Ich beschloss gleich meinen Nachbarn durch eine leichte Haschischdosis nur

die Sinne zu verfeinern, die Hemmungsvorstellungen des oft ungerufen

tätigen Intellekts zu beseitigen, kurz, ein gesteigertes Leben zu

geniessen.

Es herrschte grosse Ruhe in dem Raum. Bisweilen fielen einzelne

französische Worte, deren Aussprache mir verriet, dass die Anwesenden teils

Fremde waren. Ich mochte eine halbe Stunde träumend gewartet haben, als in

einer Ecke auf einem Clavichord und einer Gambe ein altmodisches

italienisches Divertimento gespielt wurde. Ich fühlte mit besonderem

Behagen, wie diese Musik mich und die Gegenstände rings durchdrang,

durchblutete, durchglomm. Es schien mir ganz selbstverständlich, wie nun

alles aufglühte. Das war die eigentliche Farbe des Lebens. Vorher hatten

die Dinge geschlafen. Alles rings war leicht und vor allem sehr gütig. Die

Undurchsichtigkeit der Gegenstände schien aufgehoben; alles war farbiges

Glas, hinter dem sich nichts mehr verbarg; die Wortfolgen, die ich hörte,

waren bestimmt und einfach, wie mathematische Sätze, schienen in Zahlen

auflösbar. Mit einem Blick übersah ich Zusammenhänge, die sonst das

Ergebnis mühseliger Überlegung sind; die Worte funkelten in den

verschiedenen Farben aller Sprachen. Die Silben »Kirche« klangen zugleich

gross und hell wie »église«, misstrauisch-puritanisch wie »church«. Die

Buchstaben »Wort« enthielten gleichzeitig das talismanähnliche »logos«, das

runenhafte »waurd«, das spitze fliegende »mot«, die ein wenig gewichtig

aufgeputzte »parole«. Bei allen Silben klangen wie Untertöne halbverwehte

Reime mit; ich roch, sah, schmeckte jedes Wort, ich fühlte es an wie Seide

oder Marmor; ich sah nicht mehr bloss Flächen, sondern ganze Körper von

allen Seiten zugleich. Und dieser plötzliche Reichtum der Wirklichkeit, aus

der ich keineswegs heraustrat, machte mich übersprudelnd glücklich und

dankbar, so dass ich gern anderen Leuten Gutes getan hätte, gesetzt, dass

ich dabei auf der Ottomane ausgestreckt bleiben konnte. Ich war mir

übrigens vollkommen bewusst, wo ich mich befand. Mir schien, ich hätte eine

farbige Brille auf. Wenn ich wollte, konnte ich aber auch an den Gläsern

vorbeischielen und sehen, wie unbestimmt, verwirrt und verstaubt das Leben

eigentlich ist. Ich war Herr meines Willens und konnte nach Laune die Dinge

wirklich und gefärbt betrachten.

Während die dunkelroten Tapeten wie Glaswände erglühten, hinter denen

fabelhafte Sonnen in tollen Glutausbrüchen versanken, erhob sich vor diesem

blendenden Hintergrund plötzlich ein Kopf, der sich so ungeheuer ausdehnte,

dass er mein ganzes Gesichtsfeld einnahm. Zwischen dem reichen rötlichen

Bart bemerkte ich feste, dünne Lippen. Das blasse Gesicht war fast starr,

und in der Erinnerung meine ich, es hätte bisweilen leichenhaft grüne und

violette Reflexe angenommen. Dieser Mann sagte, er sei in Deutschland

geboren, und so möge man ihm die unvollkommene Aussprache des Französischen

verzeihen. Seine klaren verständlichen Worte erweckten meine Neugier.

Bewusst hielt ich mich wieder an der Wirklichkeit fest und beschloss, dem

Mann aufmerksam zuzuhören, in dem ich denselben erkannte, der vorher auf

einem Clavichord gespielt hatte. So leicht es mir auch wurde, im Geist

seinen Worten zu folgen, so froh war ich, dabei den Körper nicht bewegen zu

müssen. Er erzählte eine Geschichte, aus der mir Bilder und Gespräche mit

einer Deutlichkeit im Gedächtnis geblieben sind, wie sie eigene Erlebnisse

selten behalten. Es ist mir gelungen, die Zusammenhänge dieser Einzelheiten

wieder zu finden:

Haschisch: Erzählungen · 第 9 / 16 题