ICH würde und könnte dieses 1897 und 1900 entstandene und 1902 zum ersten
Mal erschienene Buch -- also lange bevor der Satanismus und das »groteske«
Genre in Deutschland Mode waren -- heute nicht mehr schreiben, vielleicht
weil meine Phantasie in weniger übermütiger Fülle blüht, vielleicht weil
eine universellere Weltbetrachtung das rein ästhetische Flattern von Reiz
zu Reiz etwas hemmt. Dennoch freue ich mich, dieses Buch als ein
Vierundzwanzigjähriger geschrieben zu haben. Man hat mir die Notwendigkeit
nahe gelegt, sein Neuerscheinen in Einklang zu bringen mit meinen in der
letzten Zeit gelegentlich geäusserten und heftig angegriffenen Ansichten
über die Grenzen zwischen Kunst, Sittlichkeit und Religion. Nun, ein
Kunstwerk kann, wie ja heute bis zum Überdruss gepredigt wird, allerdings
in sich weder unsittlich noch irreligiös sein. Vielmehr hat es als
Kunstwerk mit Sittlichkeit und Religion überhaupt nichts zu tun. Wohl aber
kann ein unsittlicher Gebrauch davon gemacht werden und beschränkte Gemüter
mögen in ihrem Glauben daran Anstoss nehmen. In diesem Buche nun unterfange
ich mich nicht, an den Grundlagen der Familie und Ehe zu rütteln, wenn ich
mir auch als Künstler herausnehme, meine Stoffe unter den Merkwürdigkeiten
zu suchen, die ausserhalb der Familie liegen. Ebensowenig drücke ich eine
Missachtung vor der Religion aus -- was ganz und gar meiner eigenen
religiösen Gesinnung widersprechen würde --, wenn ich zeige, wie eine
gotteslästerliche Schar verruchter junger Leute in dem Augenblick, wo sie
glaubt die Sünde wider den Heiligen Geist zu begehen, vor der Allmacht
Gottes anbetend in die Knie sinkt. Ein Monsignore in Rom hat mir einmal
versichert, dass meine Darstellung, wenn sie auch den Teufel recht
eingehend konterfeit, in nichts gegen die katholischen Dogmen verstösst.
Ein Gläubiger wird sogar von dem Gedanken erbaut sein, dass Gott die
grösste der Sünden, die wider den Heiligen Geist, kaum zulässt. Immerhin
ist das Buch nur für gebildete Erwachsene geschrieben. Sein Äusseres wird
es aus der Kinderstube fernhalten, sein Preis muss es für die halbwüchsige
Jugend unzugänglich machen, und sein Stil dürfte kaum das Interesse der
Halbgebildeten erwecken. Damit ist den berechtigten Forderungen der
sozialen Sittlichkeit genug getan.
Ich wende mich zunächst an erfahrene Männer. Wenn ihnen das Büchlein
solcher Ehre würdig scheint, mögen sie es ihren Geliebten, die es doch in
dieser christlich-moralischen Welt nun einmal gibt, und deren Los ist,
ausserhalb der Schranken der gesellschaftlichen Moral in wilder Anmut zu
blühen, auf den Toilettentisch legen. Es jungen Schwestern und Töchtern zu
geben, die sich ihr Schicksal innerhalb dieser Schranken aufbauen sollen,
wäre tadelnswert. Es seiner Frau zu schenken, ist meist überflüssig, oft
gefährlich, doch kommt es natürlich immer auf die Frau an.
Und dir, schöne Müssiggängerin, die du zufällig durch diese Vorrede gerade
zur Lektüre gelockt wirst, sage ich dies: wenn du nicht anders kannst, lies
es heimlich, so wie du dich einmal gelegentlich auf einen nicht ganz
einwandfreien Ball stehlen magst, wohin du nicht gehörst. Solange du selber
weisst, dass du nur eine Escapade begehst, deren man sich nicht rühmen
soll, um kein schlechtes Beispiel zu geben, magst du es in des Teufels
Namen lesen. Stellst du dich aber auf den Standpunkt heuchlerischer
Liederlichkeit, deren drittes Wort lautet: »es ist ja nichts dabei,« oder
aber, gehörst du zu jenen schwatzhaften Gänsen, die immer wieder betonen,
die Frau sei in erster Linie Mensch und von derselben sittlichen Natur wie
der Mann, dann haben wir beide uns nichts zu sagen.
Nach der Aufführung eines Stückes von mir, welches das »Don-Juan«-Problem
behandelt, kam eine moderne Mutter auf mich zu und erzählte mir, wie
entzückt ihr achtzehnjähriges Töchterchen aus der Vorstellung gekommen sei
und wie erregt man am Familientisch die von mir berührten Fragen erörtert
habe. Ich war ganz erschrocken, zumal sich mir nun das Kind selber näherte,
und warnte die gute Dame aufrichtig davor, meine Werke jungen Mädchen zu
geben. »O wir sind vorurteilslos,« erwiderte sie. »Aber ich nicht,« sagte
ich in peinlicher Verlegenheit, »bitte, verhindern Sie Ihr Töchterchen, mit
mir über mein Stück zu sprechen. Ich wüsste kein Thema, das ich nicht mit
einer Frau behandeln könnte, aber zu sexueller Aufklärung fühle ich mich
nicht berufen.«
Warum werden diese einfachen Fragen heute so verwirrt? Es geben auch in
einer gesund funktionierenden Gesellschaft eine Menge von Gesetzgebern und
Moralphilosophen unvorhergesehene Dinge vor. Gerade sie werden ihrer bunten
Abenteuerlichkeit wegen den Künstler besonders reizen. Sie verbieten ist
heuchlerisch, philisterhaft und ausserdem zwecklos. Darum sollen sie noch
lange nicht öffentlich ausgeschrien werden. Auch von dem Künstler ist daher
zu verlangen, dass die Form, in der er solche Stoffe behandelt, und von dem
Verleger, dass die Art, wie er sie auf den Markt bringt, die Distanzen zu
der herrschenden Sittlichkeit wahrt. Man erzählt nicht am Familientisch,
dass man gestern mit einer »interessanten« Dame soupiert hat. So wird man
verhindern müssen, dass Bücher, die heikle Themen behandeln, in falsche
Hände geraten. Ganz verkehrt, weil kunstmordend, ist das englische System,
das dem Künstler einfach die Darstellung solcher Dinge verbietet und dem
jungen Mädchen alles zu lesen und zu sehen erlaubt, statt dem Künstler die
Freiheit der Darstellung zu lassen, aber jungen Mädchen bisweilen den
Zugang zu verbieten. Die französische Gesellschaft war darum so frei und
geistreich, weil junge Mädchen streng ausgeschlossen wurden; die englische
ist deshalb so langweilig und monoton, weil die »spinsters« bei allem dabei
sein müssen.
Der Autor, der sich auf gewagte Pfade begibt, muss sich eines besonders
gepflegten Stils befleissigen und damit hat er die Pflichten der
Sittlichkeit und des Taktes erfüllt. Das weitere ist Sorge der Verleger,
Buchhändler, Eltern und Vormünder.
Also, Ihr lachenden Curtisanen, Euch lege ich dieses Büchlein meiner Jugend
offen ans Herz, und Ihr, selbstsichere und kluge Damen, Euch stecke ich es
vielleicht heimlich unter das Kopfkissen!