»Ich bin eine Schnepfe. Um die Zeit, in der der herbstliche Ozean
fürchterlich wird und die Schiffe im gelben und schwarzen Himmel tanzen,
wohne ich hier, denn ich mische mich nicht ein in die verschiedenen
großen Angelegenheiten der Natur, ich Schnepfe, die ich nicht weiß, daß
tausend und tausend Kreolenjungfrauen jetzt verblüht sind wie feurige
Rosen im zerstörenden Hauche eines Vulkans. Hier wohne ich, zwischen den
Binsen und einer Lache, in der Gleichförmigkeit von Tag um Tag. Mein Tal
zieht von Norden nach Süden, es ist morastig, waldverwachsen und
traurig. Aber es stimmt recht hübsch überein mit meinem Kleide, das wie
ein totes Blatt gefärbt ist, und man könnte mich schon für eine Dame
nehmen, wenn ich da mit meinem Stocke, der mein Schnabel ist,
spazierengehe ... Man weiß von mir auch, daß ich die schönsten Augen auf
der Welt habe, und daß von ihnen die Sage geht, sie weinten, bevor ich
sterbe.«
»Kommen Sie und sehen sie mich in meinem Salon an! Wissen Sie denn, wie
der Salon einer Schnepfe aussieht? Die Jäger mögen Ihnen davon erzählt
haben. Haben Sie Ihnen aber auch gesagt, was ein Schnepfenspiegel ist?
Das ist nämlich etwas, das ein bißchen schwierig zu erklären ist. Meine
Spiegel sind aus blankem Silber und haben einen dunklen Punkt in der
Mitte .... sie sind das, was ich hinter mir fallen lasse. Mein Parfüm
ist das frischgeschlagene Holz. Lieben Sie den Geruch von Heu? O, in der
Natur sind alle Gerüche vereinigt. Würziger aber riecht doch nichts als
der Saft der Erle, den der Holzhauer abzapft. Das ist ein Geruch, der
schön ist, während doch Gerüche für gewöhnlich nur gut sind. Aber dieser
Duft ist schön wie das Blut, das in der stillen Stunde aufsteigt in die
Wangen des Heidekrautes, wenn die Sonne müde ihre Haare auflöst und sich
lang über den Hügel hinstreckt. Wenn ich meine Füße auf das setzte, was
von einem Erlenstamme am Erdboden übrigbleibt, kommt es mir vor, als ob
ich auf duftenden Purpur trete und ich die Königin von Saba bin.«
»Die Wohnung, die ich habe, ist gottlob recht brauchbar. Ein paar
Verbesserungen täten ihr freilich schon not: der Wind hat nämlich die
Dachschindel aus Blättern, die mir der Dachdecker Frühling darauf gelegt
hat, schon wieder zerblasen. Der Herr Herbst hat sie durch
Klematisfrüchte ersetzt -- aber die saugen mit ihrem Flaum den Regen aus
der Luft.«
»Ich habe nur ein Erdgeschoß. Der Flur ist ein Wassergraben, dunkel
genug, daß ich darin ordentlich sehe. Man weiß ja, daß meine Augen das
grelle Licht schlecht vertragen. Mir ist auch ein einfacher Stern lieber
als die beste Kerze. Der Herr hat mir gesagt: >Geh, kleine Schnepfe. Ich
schenke dir alle Sterne des Himmels, daß sie dir leuchten.<«
»Mein Park ist unermeßlich, er schließt die ganze Welt in sich. Aber ich
gehe doch erst in die Berge, mir kleine Eisstückchen zu holen, wenn die
große Hitze kommt. Denn man muß es verstehen, seine Wünsche
einzuschränken -- sonst muß man die Geschichte vom Weinberge des Naboth
wieder von frischem beginnen. Ich wohne also hier, sage ich Ihnen,
zwischen diesen Binsen und der Lache, und ich komme auch kaum fort von
meinem runden moosigen Platze da und von der Quelle, deren Wasser ein
Hirt in einen Dachziegel geleitet hat, von dem jetzt, durch einen Stein
festgehalten, ein Kastanienblatt herunterhängt. Man darf aber nicht
vielleicht glauben, daß es da weiter unten nicht eine herrliche
Landschaft gibt: die Ufer und Inseln des Wildbaches, wo inmitten von
rosa Nebeln der Herr Reiher auftaucht und wieder verschwindet, je
nachdem der Nebel sich hebt oder sich ausbreitet. Und in einiger
Entfernung von ihm unter dem silbernen Himmel schnellen über das
silberne Wasser die Silberfische, auf die er lauert, empor.«
»Ich wünsche mir, glücklich und verborgen wie ein Veilchen zu leben.
Eine Schnecke in der Schale genügt für mein erstes Frühstück,
währenddessen ich entzückt bin von all dem Nebel, der von jedem Zweige
fällt wie ein Hagelschauer aus lauter Regenbogen. Was brauche ich auch
Luxus und Eitelkeit? Wenn ich doch lieber das große Buch der Natur lesen
könnte, das Buch, von dem ich selber ein bescheidenes Exemplar bin.
Sehen nicht wirklich meine Rückenfedern aus wie der Ledereinband eines
ganz alten Folianten -- und die Federn auf meiner Brust wie seine bunten
Ränder? Ja, ich lese in mir selber, in dem wirklichen Buche, das ich
bin, und ich muß nicht meine Zuflucht zu all den Mitteln nehmen, deren
sich die unwissenden Dichter bedienen. Was ich weiß, weiß ich
ordentlich, weil ich es mir nicht nur vorstelle, sondern es mit dem
Schnabel und den Füßen angreifen kann, und weil es doch die Frucht
meiner Erfahrungen und meiner Weisheit ist.«
»Was ich weiß? Ich weiß, daß ich gerade vor mich hinmarschiere, die Füße
auf der Erde und den Kopf im Himmel. Ich weiß, daß es ganz gewöhnliche
Sachen gibt, über die man sich doch sehr wundern muß. Und ich weiß, daß
die Welt zusammengesetzt ist aus lauter Schnepfen, die gar keine
Schnepfen sind. Ich weiß, daß ich leide, wenn man mir Blei in meine
Flügel schießt. Ich weiß, daß ich glücklich bin, wenn ich im Mondschein
durch das sanfte Gras der Waldränder irre, mit gezählten Schritten, den
Kopf nach rechts und links drehend und bereit, mit der Spitze des
Schnabels die Würmer aufzupicken. O, von was für wunderbaren Nächten
habe ich nicht schon die Quellen singen gehört, wenn ich mir in ihnen
säuberlich die Füße wasche! O das fließende Blau, das die Schatten des
Gebüsches liebkost, bis sie zittern und den ersten Himmelschlüsseln
weichen!«
»Ich weiß, daß >es muß sein< ein großes Wort ist, und daß danach mein
ganzes armes Tierleben abgewandelt wird. Es muß sein, daß ich, wenn es
April wird, diese wunderbaren Täler verlasse und es meinem Fluge
anheimgebe, dahin zu fliegen, wohin er fühlt, daß nun geflogen werden
muß. Das habe ich verstehen gelernt, daß so einfach dahinzureisen besser
ist, als sich abzuquälen mit Landkarten, Kompaß und Sextant, mit alldem,
wodurch die Menschen Schiffbruch leiden. Es muß sein, sage ich, ist ein
großes Wort! Darum habe ich Schnepfe mir auch nicht mein Dasein durch
Weltkarten, Luftballons, Dampfmaschinen und Theorien verwirrt, denn es
mußte sein, daß ich Flügel habe. Und so ist meine ganze Wissenschaft
ganz einfach die, daß ich mich auf meinen Schnabel, meine einzige
Bussole, verlassen kann, um inmitten der Schneefelder (die die
Orangenblütenhaine des Gebirges sind) die süßeste Braut wiederzufinden.«
So spricht die kleine Schnepfe. Und ich beneide die kleine Schnepfe um
ihren guten Sinn und um ihr Glück. Kleine Schnepfe, es gibt noch anderes
Blei als das, das dir durch die Flügel schlägt: das Blei, das ich im
Herzen trage. Und andere Stechpalmen gibt es als die, die sich mit Moos
umgeben, so daß du verlockt bist, darauf auszuruhen: die Stechpalmen,
die meine Schläfen kränzen und die mein einziger Lorbeer sind.
O, warum hat Gott mir nicht wie dir Flügel gegeben? O, warum kann ich,
wenn der Duft des Flieders den liebesbleichen Frühling in seinem Gewande
schwanken und hinsinken macht, und wenn der Seidelbast wieder blüht,
nicht am Rande der durchstürmten Schlucht die erwarten, von der ich
getrennt bin? O kleine Schnepfe, warum bin ich nicht lieber in deinem
kleinen Salon aus welken Blättern geblieben, um im langen Regnen dem
Seufzen der Winterwinde zuzuhören, anstatt in diesem Zimmer zu sitzen
und meinen Betrachtungen nachzuhängen, indes der Herd braust wie der
Ozean und mir im Uhrenschlagen geschieht, als ob ich eine reine und
traurige Stimme wiederhörte.
Kleine Schnepfe, möge das wilde Wetter mit dir gnädig verfahren! Die
Windstöße sollen deine Spuren verwischen, so daß der Hund sie morgen
nicht spüren kann, sich von seinem Herrn prügeln lassen muß und endlich
schlammbeschmiert, verdutzt, den Schweif eingeklemmt, zurückkommt, ohne
dich gefunden zu haben!