VON DER BARMHERZIGKEIT GEGEN DIE TIERE

Tief im Blicke der Tiere leuchtet ein Licht sanfter Traurigkeit, das

mich mit solcher Liebe erfüllt, daß mein Herz sich als ein Hospiz auftut

allem Leiden der Kreatur.

Das elende Pferd, das im Nachtregen mit bis zur Erde herabgesunkenem

Kopfe vor einem Kaffeehause schläft, der Todeskampf der von einem Wagen

zerfleischten Katze, der verwundete Sperling, der in einem Mauerloche

Zuflucht sucht -- all diese Leidenden haben für immer in meinem Herzen

ihre Stätte. Verböte das nicht die Achtung für den Menschen, ich kniete

nieder vor solcher Geduld in all den Qualen, denn eine Erscheinung zeigt

mir, daß ein Glorienschein über dem Haupte einer jeden dieser

Leidenskreaturen schwebt, ein wirklicher Glorienschein, groß wie das

All, den Gott über sie ausgegossen hat.

Gestern sah ich auf dem Jahrmarkte zu, wie die hölzernen Tiere im

Karussell sich drehten. Unter ihnen gab es auch einen Esel. Als ich ihn

erblickte, habe ich weinen müssen, weil er mich an seine lebendigen

Brüder, die gemartert werden, erinnerte. Und ich mußte beten: »Kleiner

Esel, du bist mein Bruder! Sie nennen dich dumm, weil du nicht imstande

bist, Böses zu tun. Du gehst mit so kleinen Schritten, und du siehst

aus, als ob du im Gehen dächtest: »Schaut mich doch an, ich kann ja

nicht schneller gehen ... Meine Dienste brauchen die Armen, weil sie mir

nicht viel zu essen geben müssen.« Mit dem Dornstocke wirst du

geschlagen, kleiner Esel! Du beeilst dich ein bißchen, aber nicht viel,

du kannst ja nicht schneller .. Und manchmal stürzest du hin. Dann

schlagen sie auf dich los und zerren so fest an dem Leitseile, daß deine

Lefzen sich aufheben und deine armseligen gelben Zähne zeigen.«

Auf demselben Jahrmarkte hörte ich einen schreienden Dudelsack. Mein

Freund fragte mich: »Erinnert er dich nicht an afrikanische Musik?«

»Ja,« antwortete ich ihm, »in Tuggurt näseln die Dudelsäcke so. Das muß

ein Araber sein, der hier bläst.« »Gehen wir doch hinein in die Bude,«

sagte mein Freund, »es sind Dromedare zu sehen.«

Zusammengepreßt wie Sardinen in der Schachtel drehten sich hier ein

Dutzend kleiner Kamele in einer Art Grube. Sie, die ich wie Wellen

dahinziehen gesehen habe inmitten der Sahara, da es um sie nichts

anderes gab als Gott und den Tod, mußte ich nun hier finden, o Elend

meines Herzens! Sie drehten sich, drehten sich immerzu in dem würgenden

Raume, und der Jammer, der von ihnen ausging, war wie ein Erbrechen über

die Menschen. Sie gingen, gingen immerzu, stolz wie arme Schwäne und in

einer Glorie der Verzweiflung, mit grotesken Negerlappen bedeckt,

verhöhnt von den Weibern, die hier tanzten, und hoben ihren armen

Wurmhals empor, Gott und den wunderbaren Blättern einer Oase des

Wahnsinns entgegen.

O Erniedrigung der Geschöpfe Gottes! In der Nähe der Kamele gab es

Kaninchen in Käfigen, daneben, als Lotteriegewinste zur Schau gestellt,

schwammen Goldfische in Glasballons mit so engem Halse, daß mein Freund

mich fragte: »Wie hat man sie nur da hineinbringen können?« »Indem man

sie ein bißchen zusammengedrückt hat,« antwortete ich ihm. Anderswo

wieder wurden lebende Hühner, gleichfalls Lotteriegewinste, vom Kreisen

einer Drehscheibe mitgeschleppt. In ihrer Mitte lag, von grauenhafter

Angst gepackt, ein kleines Milchschweinchen auf dem Bauche. Schwindel

befiel die Hühner und Hähne, sie schrien und hackten in ihrem Wahnsinn

aufeinander los. Nun machte mich mein Begleiter darauf aufmerksam, daß

tote und gerupfte Hühner inmitten ihrer lebendigen Schwestern aufgehängt

waren.

Mein Herz wallt heiß auf in diesen Erinnerungen und unendliches Mitleid

ergreift mich.

O Dichter, nimm die gequälten Tiere in dein Herz auf, laß sie darin

wieder erwarmen und leben in ewigem Glücke! Geh hin und künde das

schlichte Wort, das die Unwissenden die Güte lehrt!

Das Paradies: Geschichten und Betrachtungen · 第 14 / 29 题