DER WEG DES LEBENS

Ein Dichter setzte sich eines Tages an seinen Tisch, um eine Geschichte

zu schreiben. Aber es wollte ihm kein einziger Einfall kommen. Dennoch

war ihm fröhlich zumute, denn die Sonne überglänzte den Geraniumstock

auf seinem Fensterbrette und inmitten des offenen blauen Fensters flog

surrend eine Fliege auf und nieder. Und da sah er mit einem Male sein

Leben vor sich. Es war eine weite weiße Straße, die, ausgehend von einem

dunklen Haine, darin die Wasser murmelten, bis an einen kleinen stillen

Grabhügel führte, den Dornsträucher, Nesseln und Seifwurz überwucherten.

In dem dunklen Wäldchen erblickte er den Schutzengel seiner Kindheit.

Der hatte goldene Flügel wie eine Wespe, blondes Haar und ein Antlitz so

still wie das Wasser eines Brunnens an einem Sommertage.

Der Schutzengel sprach zu dem Dichter: »Erinnerst du dich der Zeit, da

du noch klein warst? Du kamst mit deinem Vater und deiner Mutter, die

hier angeln wollten, hierher. Die Wiese da war heiß, viele Blumen gab es

und Heuschrecken. Weißt du noch, daß die Heuschrecken aussahen wie

abgebrochene Halme, die sich bewegten? Mein Freund, willst du den Ort

wiedersehen?« Der Dichter sagte: »Ja.« Und sie gelangten zusammen an das

blaue Ufer, darüber blau der Himmel und schwarz die Haselnußsträucher

hingen. »Sieh deine Kindheit!« sprach der Engel. Der Dichter sah auf das

Wasser nieder, weinte und sagte: »Ich sehe nicht mehr die sanften

Gesichter meiner Mutter und meines Vaters sich hier spiegeln. Hier haben

sie sich immer ans Ufer gesetzt. O, sie waren still, gütig und

glücklich! Ich trug eine weiße Schürze, die ich immer schmutzig machte

und die mir die Mutter dann mit dem Taschentuche sauber rieb. Lieber

Engel, sag mir, wo sind die Spiegelbilder ihrer sanften Gesichter? Ich

sehe sie nicht mehr, ich sehe sie nicht mehr!« In diesem Augenblicke

löste sich ein schönes Sträußchen Haselnüsse von einem der Sträucher,

schwamm und wurde von der Strömung davongetragen. Da sprach der Engel zu

dem Dichter: »Das Spiegelbild deines Vaters und deiner Mutter ist von

der Strömung des Wassers davongetragen worden wie dieses Sträußchen

Früchte. Denn alles geht dahin, die Dinge und die Erscheinungen. Das

Bildnis deiner Eltern ist im Wasser vergangen, und was davon übrig

blieb, heißt Erinnerung. Besinne dich und bete, und du wirst die

geliebten Bilder wiederfinden!« Als in diesem Augenblicke ein azurblauer

Eisvogel über das Schilf dahinflog, schrie der Dichter auf: »O Engel,

sehe ich nicht in den blauen Flügeln dieses Vogels die Augen meiner

Mutter wieder!« Und das himmlische Wesen sagte: »So ist es. Doch sieh

weiter!« Und aus dem Wipfel eines Baumes, auf dem eine Turteltaube ihr

Nest gebaut hatte, flatterte eine Feder leicht und weiß, sich drehend,

zur Erde nieder. Und der Dichter schrie auf: »Ist dieser weiße Flaum

nicht die reine Sanftheit meiner Mutter?« Und das himmlische Wesen

sagte: »So ist es!« Ein leichter Hauch kräuselte das Wasser und rauschte

durch das Laub. Und der Dichter fragte: »Höre ich nicht die milde und

dunkle Stimme meines Vaters?« Und das himmlische Wesen sagte: »So ist

es!«

Sie gingen zusammen weiter auf dem Wege, der aus dem Wäldchen kam und

das Ufer entlang führte. Mit einem Male wurde unter der Sonne die weite

Straße blendend weiß. Sie war nun wie das Linnen auf dem heiligen

Abendmahlstische. Und zur Rechten und zur Linken klangen verborgene

Wasser wie heilige Glocken. Da fragte der Engel: »Kennst du diese Stelle

deines Lebens?« »Hier ist«, sagte der Dichter, »der Tag meiner ersten

Kommunion. Ich denke an die Kirche, an die glücklichen Gesichter meiner

Mutter und meiner Großmutter. O, ich war traurig und glücklich zugleich.

Wie glühend habe ich mich hingekniet! Schauer liefen mir über die Haut

des Kopfes. Abends beim Familienmahle küßten sie mich und sagten: Du

warst der Schönste!« In dieser Erinnerung verging der Dichter

aufschluchzend. Und also weinend war er schön wie am Tage der heiligen

Feier, und seine Tränen fielen auf seine Hände wie Weihwasser. Und sie

gingen zusammen die Straße weiter.

Der Tag neigte sich schon. Die hohen Pappeln am Straßenrande bogen sich

sacht. Eine von ihnen, die ferne inmitten einer Wiese stand, glich einem

großen jungen Mädchen. Und der Himmel war nun so wunderbar in Blässe und

Blau getönt, daß er aussah wie die Schläfe einer Jungfrau. Der Dichter

gedachte der ersten Frau, die er geliebt hatte. Und der Schutzengel

sprach zu ihm: »Diese Liebe war so rein und so voll der Schmerzen, daß

sie mich nicht betrübt.« Indes sie nun weiterschritten, wuchs sanfter

Schatten um sie und eine Herde Lämmer zog an ihnen vorbei. Da das

himmlische Wesen das Leiden des Dichters sah, hatte es ein Lächeln auf

seinem Antlitze, schwer und süß wie das Lächeln einer kranken Mutter.

Und seine goldenen Flügel verwehten den schauernden Hauch von Abend.

Bald entzündeten sich die Sterne hoch oben im Schweigen. Da glich der

Himmel dem Totenbette eines Vaters, umgeben von Kerzen und stummer

Klage. Und die Nacht war wie eine große Witwe, die auf der Erde kniet.

»Erkennst du das?« fragte der Engel. Der Dichter redete nicht und kniete

nieder.

Endlich gelangten sie dahin, wo die Straße bei dem kleinen Grabhügel,

den Dornsträucher, Nesseln und Seifwurz überwucherten, zu Ende ging. Und

der Engel sprach zu dem Dichter: »Ich wollte dir deinen Weg zeigen: hier

ist der Ort, an dem du ruhen wirst, hier, nicht ferne den Wassern. Sie

werden dir Tag um Tag das Bild deiner Erinnerungen bringen, das azurne

Blau des Eisvogels, das den Augen deiner Mutter gleicht, den weißen

Flaum der Turteltaube, der sanft ist wie sie, das Rauschen des Laubes,

das wie die milde und dunkle Stimme deines Vaters ist, das Leuchten der

Straße, weiß wie deine erste Kommunion, und die pappelschlanke Gestalt

der ersten Frau, die du geliebt hast. Und endlich werden dir die Wasser

die große leuchtende Nacht bringen.«

Das Paradies: Geschichten und Betrachtungen · 第 9 / 29 题