Sechzehnter Auftritt

Verrina. Fiesco im herzoglichen Schmuck. (Beide treffen auf

einander.)

Fiesco. Verrina! Erwünscht. Eben war und aus, dich zu suchen.

Verrina. Das war auch mein Gang.

Fiesco. Merkt Verrina keine Veränderung an seinem Freunde?

Verrina (zurückhaltend). Ich wünsche keine.

Fiesco. Aber siehst du auch keine?

Verrina (ohne ihn anzusehen). Ich hoffe, nein!

Fiesco. Ich frage, findest du keine!

Verrina (nach einem flüchtigen Blick). Ich finde keine.

Fiesco. Nun, siehst du, so muß es doch wahr sein, daß die Gewalt

nicht Tyrannen macht. Seit wir uns Beide verließen, bin ich Genuas

Herzog geworden, und Verrina (indem er ihn an die Brust drückt)

findet meine Umarmung noch feurig wie sonst.

Verrina. Desto schlimmer, daß ich sie frostig erwiedern muß; der

Anblick der Majestät fällt wie ein schneidendes Messer zwischen mich

und den Herzog! Johann Ludwig Fiesco besaß Länder in meinem

Herzen--jetzt hat er Genua erobert, und ich nehme mein Eigenthum

zurück.

Fiesco (betreten). Das wolle Gott nicht! Für ein Herzogthum wäre

der Preis zu jüdisch.

Verrina (murmelt düster). Hum! Ist denn etwa die Freiheit in der

Mode gesunken, daß man dem Ersten dem Besten Republiken um ein

Schandengeld nachwirft.

Fiesco (beißt die Lippen zusammen). Das sag du Niemand, als dem

Fiesco.

Verrina. O natürlich! Ein vorzüglicher Kopf muß es immer sein, von

dem die Wahrheit ohne Ohrfeige wegkommt--Aber Schade! der

verschlagene Spieler hat's nur in einer Karte versehen. Er

calculierte das ganze Spiel des Neides, aber der raffinierte Witzling

ließ zum Unglück die Patrioten aus. (Sehr bedeutend.) Hat der

Unterdrücker der Freiheit auch einen Kniff auf die Züge der römischen

Tugend zurückbehalten? Ich schwör' es beim lebendigen Gott, eh die

Nachwelt meine Gebeine aus dem Kirchhof eines Herzogthums gräbt, soll

sie sie auf dem Rade zusammenlesen!

Fiesco (nimmt ihn mit Sanftmuth bei der Hand). Auch nicht, wenn der

Herzog dein Bruder ist? wenn er sein Fürstenthum nur zur Schatzkammer

seiner Wohlthätigkeit macht, die bis jetzt bei seiner haushälterischen

Dürftigkeit betteln ging? Verrina, auch dann nicht?

Verrina. Auch dann nicht--und der verschenkte Raub hat noch keinem

Dieb von dem Galgen geholfen. Überdies ging diese Großmuth bei

Verrina fehl. Meinem Mitbürger konnt' ich schon erlauben, mir Gutes

zu thun--meinem Mitbürger hofft' ich es wett machen zu können. Die

Geschenke eines Fürsten sind Gnade--und nur Gott ist mir gnädig.

Fiesco (ärgerlich). Wollt ich doch lieber Italien vom Atlantermeer

abreißen, als diesen Starrkopf von seinem Wahn.

Verrina. Und abreißen ist doch sonst deine schlechteste Kunst nicht,

davon weiß das Lamm Republik zu erzählen, das du dem Wolf Doria aus

dem Rachen nahmst--es selbst aufzufressen.--Aber genug! Nur im

Vorbeigehen, Herzog, sage mir, was verbrach denn der arme Teufel, den

ihr am Jesuiterdom aufknüpftet?

Fiesco. Die Canaille zündete Genua an.

Verrina. Aber doch die Gesetze ließ die Canaille ganz?

Fiesco. Verrina brandschatzt meine Freundschaft.

Verrina. Hinweg mit der Freundschaft! ich sage dir ja, ich liebe

dich nicht mehr; ich schwöre dir, daß ich dich hasse--hasse wie den

Wurm des Paradieses, der den ersten falschen Wurf in der Schöpfung

that, worunter schon das fünfte Jahrtausend blutet--Höre,

Fiesco--nicht Unterthan gegen Herrn--nicht Freund gegen

Freund--Mensch gegen Mensch red' ich zu dir. (Scharf und heftig.) Du

hast eine Schande begangen an der Majestät des wahrhaftigen Gottes,

daß du dir die Tugend die Hände zu deinem Bubenstück führen und

Genuas Patrioten mit Genua Unzucht treiben ließest--Fiesco, wär' auch

ich der Redlichdumme gewesen, den Schalk nicht zu merken, Fiesco! bei

allen Schauern der Ewigkeit, einen Strick wollt' ich drehen aus

meinen eigenen Gedärmen und mich erdrosseln, daß meine fliehende

Seele im gichtrischen Schaumblasen dir zuspritzen sollte. Das

fürstliche Schelmenstück drückt wohl die Goldwage menschlicher Sünden

entzwei, aber du hast den Himmel geneckt, und den Prozeß wird das

Weltgericht führen.

(Fiesco erstaunt und sprachlos mißt ihn mit großen Augen.)

Verrina. Besinne dich auf keine Antwort. Jetzt sind wir fertig.

(Nach einigem Auf- und Niedergehen.) Herzog von Genua, auf den

Schiffen des gestrigen Tyrannen lernt' ich eine Gattung armer

Geschöpfe kennen, die eine verjährte Schuld mit jedem Ruderschlag

wiederkäuen und in den Ocean ihre Thränen weinen, der wie ein reicher

Mann zu vornehm ist, sie zu zählen--Ein guter Fürst eröffnet sein

Regiment mit Erbarmen. Wolltest du dich entschließen, die

Galeerensklaven zu erlösen?

Fiesco (scharf). Sie seien die Erstlinge meiner Tyrannei--Geh und

verkündige ihnen Allen Erlösung.

Verrina. So machst du deine Sache nur halb, wenn du ihre Freude

verlierst. Versuch' es und gehe selbst. Die großen Herren sind so

selten dabei, wenn sie Böses thun; sollten sie auch das Gute im

Hinterhalt stiften?--Ich dächte, der Herzog wäre für keines Bettlers

Empfindung zu groß.

Fiesco. Mann, du bist schrecklich, aber ich weiß nicht, warum ich

folgen muß. (Beide gehen dem Meer zu.)

Verrina (hält still, mit Wehmuth). Aber, noch einmal umarme mich,

Fiesco! Hier ist ja Niemand, der den Verrina weinen sieht und einen

Fürsten empfinden. (Er drückt ihn innig.) Gewiß, nie schlugen zwei

größere Herzen zusammen; wir liebten uns doch so brüderlich

warm--(Heftig an Fiescos Halse weinend.) Fiesco! Fiesco! du räumst

einen Platz in meiner Brust, den das Menschengeschlecht, dreifach

genommen, nicht mehr besetzen wird.

Fiesco (sehr gerührt). Sei--mein--Freund!

Verrina. Wirf diesen häßlichen Purpur weg, und ich bin's--Der erste

Fürst war ein Mörder und führte den Purpur ein, die Flecken seiner

That in dieser Blutfarbe zu verstecken--Höre, Fiesco--ich bin ein

Kriegsmann, verstehe mich wenig auf nasse Wangen--Fiesco--das sind

meine ersten Thränen--Wird diesen Purpur weg!

Fiesco. Schweig!

Verrina (heftiger). Fiesco--laß hier alle Kronen dieses Planeten zum

Preis, dort zum Popanz all seine Foltern legen, ich soll knieen vor

einem Sterblichen--ich werde nicht knieen--Fiesco! (indem er

niederfällt) es ist mein erster Kniefall--Wirf diesen Purpur weg!

Fiesco. Steh auf und reize mich nicht mehr!

Verrina (entschlossen). Ich steh' auf, reize dich nicht mehr (Sie

stehen an einem Brett, das zu einer Galeere führt.) Der Fürst hat den

Vortritt. (Gehen über das Brett.)

Fiesco. Was zerrst du mich so am Mantel?--er fällt!

Verrina (mit fürchterlichem Hohn). Nun, wenn der Purpur fällt, muß

auch der Herzog nach! (Er stürzt ihn ins Meer.)

Fiesco (ruft aus den Wellen). Hilf, Genua! Hilf! Hilf deinem

Herzog! (Sinkt unter.)

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua: Ein republikanisches Trauerspiel · 第 104 / 105 题