Vierzehnter Auftritt

Leonore. Fiesco.

Leonore (tritt ihm ängstlich näher). Fiesco?--Fiesco?--Ich verstehe

Sie nur halb, aber ich fange an zu zittern.

Fiesco (wichtig). Leonore--ich sahe Sie einst einer Genueserin zur

Linken gehen--Ich sahe Sie in den Assembleen des Adels mit dem

zweiten Handkuß der Ritter vorlieb nehmen. Leonore--das that meinen

Augen weh. Ich beschloß, es soll nicht mehr sein--es wird aufhören.

Hören Sie das kriegerische Getöse in meinen Schloß? Was Sie fürchten,

ist wahr--Gehn Sie zu Bette, Gräfin--morgen will ich--die Herzogin

wecken.

Leonore (schlägt beide Arme zusammen und wirft sich in einen Sessel).

Gott! meine Ahnung! Ich bin verloren!

Fiesco (gesetzt, mit Würde). Lassen Sie mich ausreden, Liebe! Zwei

meiner Ahnherrn trugen die dreifache Krone; das Blut der Fiesker

fließt nur unter dem Purpur gesund. Soll Ihr Gemahl nur geerbten

Glanz von sich werfen? (Lebhafter.) Was? Soll er sich für all seine

Hoheit beim gaukelnden Zufall bedanken, der in einer erträglichen

Laune aus modernden Verdiensten einen Johann Ludwig Fiesco

zusammenflickte? Nein, Leonore! Ich bin zu stolz, mir etwas

schenken zu lassen, was ich noch selbst zu erwerben weiß. Heute

Nacht werf' ich meinen Ahnen den geborgten Schmuck in ihr Grab

zurück--Die Grafen von Lavagna starben aus--Fürsten beginnen.

Leonore (schüttelt den Kopf, still phantasierend). Ich sehe meinen

Gemahl an tiefen tödtlichen Wunden zu Boden fallen--(Hohler.) Ich

sehe die stummen Träger den zerrissenen Leichnam meines Gemahls mir

entgegen tragen. (Erschrocken aufspringend.) Die erste--einzige

Kugel fliegt durch die Seele Fiescos.

Fiesco (faßt sie liebevoll bei der Hand). Ruhig, mein Kind. Das

wird die einzige Kugel nicht.

Leonore (blickt ihn ernsthaft an). So zuversichtlich ruft Fiesco den

Himmel heraus? Und wäre der tausendmaltausendste Fall nur der

mögliche, so könnte der tausendmaltausendste wahr werden, und mein

Gemahl wäre verloren--Denke, du spieltest um den Himmel, Fiesco.

Wenn eine Billion Gewinnste für einen einzigen Fehler fiel', würdest

du dreist genug sein, die Würfel zu schütteln und die freche Wette

mit Gott einzugehen? Nein, mein Gemahl! wenn auf dem Brett Alles

liegt, ist jeder Wurf Gotteslästerung.

Fiesco (lächelt). Sei unbesorgt, das Glück und ich stehen besser.

Leonore. Sagst du das--und standest bei jenem geisterverzerrenden

Spiele--ihr nennt es Zeitvertreib--sahest zu der Betrügerin, wie sie

ihren Günstling mit kleinen Glückskarten lockte, bis er warm ward,

aufstand, die Bank forderte--und ihn jetzt im Wurf der Verzweiflung

verließ--O mein Gemahl! du gehst nicht hin, dich den Genuesern zu

zeigen und angebetet zu werden. Republikaner aus ihrem Schlaf

aufzujagen, das Roß an seine Hufe zu mahnen, ist kein Spaziergang,

Fiesco. Traue diesen Rebellen nicht. Die Klugen, die dich

aufhetzten, fürchten dich. Die Dummen, die dich vergötterten, nützen

dir wenig, und wo ich hinsehe ist Fiesco verloren.

Fiesco (mit starken Schritten im Zimmer). Kleinmuth ist die höchste

Gefahr. Größe will auch ein Opfer haben.

Leonore. Größe, Fiesco?--Daß dein Genie meinem Herzen so übel will!

--Sieh! Ich vertraue deinem Glück, du siegst, will ich sagen--Weh

dann mir Ärmsten meines Geschlechts! Unglückselig, wenn es mißlingt!

wenn es glückt, unglückseliger! Hier ist keine Wahl, mein Geliebter!

Wenn er den Herzog verfehlt, ist Fiesco verloren. Mein Gemahl ist

hin, wenn ich den Herzog umarme.

Fiesco. Das verstehe ich nicht.

Leonore. Doch, mein Fiesco! In dieser stürmischen Zone des Throns

verdorret das zarte Pflänzchen der Liebe. Das Herz eines Menschen,

und wär' auch selbst Fiesco der Mensch, ist zu enge für zwei

allmächtige Götter--Götter, die sich so gram sind. Liebe hat Thränen,

und kann Thränen verstehen; Herrschsucht hat eherne Augen, worin

ewig nie die Empfindung perlt--Liebe hat nur ein Gut, thut Verzicht

auf die ganze übrige Schöpfung: Herrschsucht hungert beim Raube der

ganzen Natur--Herrschsucht zertrümmert die Welt in ein rasselndes

Kettenhaus, Liebe träumt sich in jede Wüste Elysium.--Wolltest du

jetzt an meinem Busen dich wiegen, pochte ein störriger Vasalle an

dein Reich--Wollt' ich jetzt in deine Arme mich werfen, hörte deine

Despotenangst einen Mörder aus den Tapeten hervorrauschen und jagte

dich flüchtig von Zimmer zu Zimmer. Ja, der großäugige Verdacht

steckte zuletzt auch die häusliche Eintracht an--Wenn deine Leonore

dir jetzt einen Labetrank brächte, würdest du den Kelch mit

Verzuckungen wegstoßen und die Zärtlichkeit eine Giftmischerin

schelten.

Fiesco (bleibt mit Entsetzen stehen). Leonore, hör auf! Das ist

eine häßliche Vorstellung-Leonore. Und doch ist das Gemälde nicht

fertig. Ich würde sagen, opfre die Liebe der Größe, opfre die

Ruhe--wenn nur Fiesco noch bleibt--Gott! das ist Radstoß!--Selten

stiegen Engel auf den Thron, seltner herunter. Wer keinen Menschen

zu fürchten braucht, wird er sich eines Menschen erbarmen? Wer an

jeden Wunsche einen Donnerkeil heften kann, wird er für nöthig finden,

ihm ein sanftes Wörtchen zum Geleite zu geben? (Sie hält inne, dann

tritt sie bescheiden zu ihm und faßt seine Hand; mit feinster

Bitterkeit.) Fürsten, Fiesco? diese mißrathenen Projecte der

wollenden und nicht könnenden Natur--sitzen so gern zwischen

Menschheit und Gottheit nieder;--heillose Geschöpfe! schlechtere

Schöpfer!

Fiesco (stürzt sich beunruhigt durchs Zimmer). Leonore, hör' auf!

Die Brücke ist hinter mir abgehoben-Leonore (blickt ihn schmachtend

an). Und warum, mein Gemahl? Nur Thaten sind nicht mehr zu tilgen.

(Schmelzend zärtlich und etwas schelmisch.) Ich hörte dich wohl einst

schwören, meine Schönheit habe alle deine Entwürfe gestürzt--du hast

falsch geschworen, du Heuchler, oder sie hat frühzeitig

abgeblüht--Frage dein Herz, wer ist schuldig? (Feuriger, indem sie

ihn mit beiden Armen umfaßt.) Komm zurücke! Ermanne dich! Entsage!

Die Liebe soll dich entschädigen. Kann mein Herz deinen ungeheuren

Hunger nicht stillen--o Fiesco! das Diadem wird noch ärmer sein.

--(Schmeichelnd.) Komm! ich will alle deine Wünsche auswendig lernen,

will alle Zauber der Natur in einen Kuß der Liebe zusammenschmelzen,

den erhabenen Flüchtling ewig in diesen himmlischen Banden zu

halten--dein Herz ist unendlich--auch die Liebe ist es, Fiesco.

(Schmelzend.) Ein armes Geschöpf glücklich zu machen--ein Geschöpf,

das seinen Himmel an deinem Busen lebt--sollte das eine Lücke in

deinem Herzen lassen?

Fiesco (durch und durch erschüttert). Leonore, was hast du gemacht?

(Er fällt ihr kraftlos um den Hals.) Ich werde keinem Genueser mehr

unter die Augen treten-Leonore (freudig rasch). Laß uns fliehen,

Fiesco, laß in den Staub uns werfen all diese prahlenden Nichts, laß

in romantischen Fluren ganz der Liebe uns leben! (Sie drückt ihn an

ihr Herz mit schöner Entzückung.) Unsre Seelen, klar, wie über uns

das heitre Blau des Himmels, nehmen dann den schwarzen Hauch des

Grams nicht mehr an--Unser Leben rinnt dann melodisch wie die

flötende Quelle zum Schöpfer--(Man hört den Kanonenschuß. Fiesco

springt los. Alle Verschwornen treten in den Saal.)

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua: Ein republikanisches Trauerspiel · 第 84 / 105 题