Mohr. Seid auf Eurer Hut, Lavagna. (Hart an ihn.)

Fiesco (springt auf die andere Seite). Das bin ich wirklich.

Mohr (wie oben). Man hat nichts Guts gegen Euch vor, Lavagna.

Fiesco (retiriert sich wieder). Das seh' ich.

Mohr. Hütet Euch vor dem Doria.

Fiesco (tritt ihm vertraut näher). Freund! sollt' ich dir doch wohl

Unrecht getan haben? Diesen Namen fürchte ich wirklich.

Mohr. So flieht vor dem Mann. Könnt Ihr lesen?

Fiesco. Eine kurzweilige Frage. Du bist bei manchem Cavalier

herumgekommen. Hast du was Schriftliches?

Mohr. Euren Namen bei armen Sündern. (Er reicht ihm einen Zettel

und nistet sich hart an ihn. Fiesco tritt vor einen Spiegel und

schielt über das Papier. Der Mohr geht lauernd um ihn herum, endlich

zieht er den Dolch und will stoßen.)

Fiesco (dreht sich geschickt und fährt nach dem Arm des Mohren).

Sachte, Canaille! (Entreißt ihm den Dolch.)

Mohr (stampft wild auf den Boden). Teufel--Bitt' um Vergebung.

(Will sich abführen.)

Fiesco (packt ihn, mit starker Stimme). Stephano! Drullo! Antonio!

(Den Mohren an der Gurgel.) Bleib, guter Freund! Höllische Büberei!

(Bediente.) Bleib und antworte! Du hast schlechte Arbeit gemacht;

an wen hast du dein Taglohn zu fordern?

Mohr (nach vielen vergeblichen Versuchen, sich wegzustehlen,

entschlossen). Man kann mich nicht höher hängen, als der Galgen ist.

Fiesco. Nein, tröste dich! Nicht an die Hörner des Monds, aber doch

hoch genug, daß du den Galgen für einen Zahnstocher ansehen sollst.

Doch deine Wahl war zu staatsklug, als daß ich sie deinem Mutterwitz

zutrauen sollte. Sprich also, wer hat dich gedungen?

Mohr. Herr, einen Schurken könnt ihr mich schimpfen, aber den

Dummkopf verbitt' ich.

Fiesco. Ist die Bestie stolz. Bestie, sprich, wer hat dich gedungen?

Mohr (nachdenkend). Hum! so wär' ich doch nicht allein der Narr!

--wer mich gedungen hat?--und waren's doch nur hundert magre Zechinen!

--Wer mich gedungen hat?--Prinz Gianettino.

Fiesco (erbittert auf und nieder). Hundert Zechinen und nicht mehr

für des Fiesco Kopf. (Hämisch.) Schäme dich, Kronprinz von Genua.

(Noch einer Schatulle eilend.) Hier, Bursche, sind tausend, und sag

deinem Herrn--er sei ein knickiger Mörder!

(Mohr betrachtet ihn vom Fuß bis zum Wirbel.)

Fiesco. Du besinnst dich, Bursche?

Mohr (nimmt das Geld, setzt es nieder, nimmt es wieder und besieht

ihn mit immer steigendem Erstaunen).

Fiesco. Was machst, Bursche?

Mohr (wirft das Geld entschlossen auf den Tisch). Herr--das Geld

hab' ich nicht verdient.

Fiesco. Schafskopf von einem Jauner! den Galgen hast du verdient.

Der entrüstete Elephant zertritt Menschen, aber nicht Würmer. Dich

würd' ich hängen lassen, wenn es mich nur so viel mehr als zwei Worte

kostete.

Mohr (mit einer frohen Verbeugung). Der Herr sind gar zu gütig.

Fiesco. Behüte Gott! nicht gegen dich. Es gefällt mir nun eben, daß

meine Laune einen Schurken, wie du bist, zu etwas und nichts machen

kann, und darum gehst du frei aus. Begreife mich recht. Dein

Ungeschick ist mir ein Unterpfand des Himmels, daß ich zu etwas

Großem aufgehoben bin, und darum bin ich gnädig, und du gehst frei

aus.

Mohr (treuherzig). Schlagt ein, Lavagna! Eine Ehre ist der andern

werth. Wenn Jemand auf dieser Halbinsel eine Gurgel für Euch

überzählig hat, befehlt! und ich schneide sie ab, unentgeldlich.

Fiesco. Eine höfliche Bestie! Sie will sich mit fremder Leute

Gurgeln bedanken.

Mohr. Wir lassen uns nichts schenken, Herr! Unser eins hat auch

Ehre im Leibe.

Fiesco. Die Ehre der Gurgelschneider?

Mohr. Ist wohl feuerfester als Eurer ehrlichen Leute: sie brechen

ihre Schwüre dem lieben Herrgott; wir halten sie pünktlich dem Teufel.

Fiesco. Du bist ein drolligter Jauner.

Mohr. Freut mich, daß Ihr Geschmack an mir findet. Setzt mich erst

auf die Probe, Ihr werdet einen Mann kennen lernen, der sein

Exercitium aus dem Stegreif macht. Fordert mich auf. Ich kann Euch

von jeder Spitzbubenzunft ein Testimonium aufweisen, von der

untersten bis zur höchsten.

Fiesco. Was ich nicht höre! (Indem er sich niedersetzt.) Also auch

Schelmen erkennen Gesetzt und Rangordnung? Laß mich doch von der

untersten hören.

Mohr. Pfui, gnädiger Herr! das ist das verächtliche Heer der langen

Finger. Ein elend Gewerb, das keinen großen Mann ausbrütet, arbeitet

nur auf Karbatsche und Raspelhaus und führt--höchstens zum Galgen.

Fiesco. Ein reizendes Ziel. Ich bin auf die beßre begierig.

Mohr. Das sind die Spionen und Maschinen. Bedeutende Herren, denen

die Großen ein Ohr leihen, wo sie ihre Allwissenheit holen; die sich

wie Blutigel in Seelen einbeißen, das Gift aus dem Herzen schlürfen

und an die Behörde speien.

Fiesco. Ich kenne das--fort!

Mohr. Der Rang trifft nunmehr die Meuter, Giftmischer und Alle, die

ihren Mann lang hinhalten und aus dem Hinterhalt fassen. Feige

Memmen sind's oft, aber doch Kerls, die dem Teufel das Schulgeld mit

ihrer armen Seele bezahlen. Hier thut die Gerechtigkeit schon etwas

Übriges, strickt ihre Knöchel aufs Rad und pflanzt ihre Schlauköpfe

auf Spieße. Das ist die dritte Zunft.

Fiesco. Aber, sprich doch, wann wird die deinige kommen?

Mohr. Blitz, gnädiger Herr! das ist eben der Pfiff. Ich bin durch

diese alle gewandert. Mein Genie geilte frühzeitig über jedes Gehege.

Gestern Abend macht' ich mein Meisterstück in der dritten, vor

einer Stunde war ich--ein Stümper in der vierten.

Fiesco. Diese wäre also?

Mohr (lebhaft). Das sind Männer, (in Hitze) die ihren Mann zwischen

vier Mauern aufsuchen, durch die Gefahr eine Bahn sich hauen, ihm

gerade zu Leib gehen, mit dem ersten Gruß ihm den Großdank für den

zweiten ersparen. Unter uns! man nennt sie nur die Extrapost der

Hölle. Wenn Mephistopheles einen Gelust bekommt, braucht's nur einen

Wink, und er hat den Braten noch warm.

Fiesco. Du bist ein hartgesottener Sünder. Einen solchen vermißte

ich längst. Gib mir deine Hand. Ich will dich bei mir behalten.

Mohr. Ernst oder Spaß?

Fiesco. Mein völliger Ernst, und gebe dir tausend Zechinen des Jahrs.

Mohr. Topp, Lavagna! Ich bin Euer, und zum Henker fahre das

Privatleben. Braucht mich, wozu Ihr wollt. Zu Eurem Spürhund, zu

Eurem Parforce-Hund, zu Eurem Fuchs, zu Eurer Schlange, zu Eurem

Kuppler und Henkersknecht. Herr, zu allen Commissionen, nur bei

Leibe! zu keiner ehrlichen--dabei benehm' ich mich plump wie Holz.

Fiesco. Sei unbesorgt! Wem ich ein Lamm schenken will, lass' ich's

durch keinen Wolf überliefern. Geh also gleich morgen durch Genua

und suche die Witterung des Staats. Lege dich wohl auf Kundschaft,

wie man von der Regierung denkt und vom Haus Doria flüstert, sondiere

daneben, was meine Mitbürger von meinem Schlaraffenleben und meinem

Liebesroman halten. Überschwemme ihre Gehirne mit Wein, bis ihre

Herzensmeinungen überlaufen. Hier hast du Geld. Spende davon unter

den Seidenhändlern aus.

Mohr (sieht ihn nachdenklich an). Herr-Fiesco. Angst darf dir nicht

werden. Es ist nichts Ehrliches--Geh! rufe deine ganze Bande zu

Hilfe. Morgen will ich deine Zeitungen hören. (Er geht ab.)

Mohr (ihm nach). Verlaßt Euch auf mich. Jetzt ist's früh vier Uhr.

Morgen um Acht habt Ihr so viel Neues erfahren, als in zweimal

siebenzig Ohren geht. (Ab.)

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua: Ein republikanisches Trauerspiel · 第 16 / 105 题