Gewande, die Laute über der Schulter. Sein langes Haar flatterte im
Winde, sein Antlitz war weich und rund, sein Mund lächelte, und seine
Augen waren verträumt und betaut.
[Illustration]
Die zweite Begegnung.
Die hunderttausend Jahr’ verklangen,
wie wenn ein Freudentag vergangen,
und niemand weiß es: wie.
Es vergingen hunderttausend Jahre, und der Tag kam, da die Fürsten nach
ihrer Verabredung wieder zusammentreffen sollten, um voneinander zu
hören, wie es ihnen ergangen war.
Im Dunkel der Nacht begaben sie sich jeder für sich zum Treffpunkt
und setzten sich ganz wie das letztemal im Kreise nieder, ein jeder
auf seinen Berg. Als die Sonne aufging, schien sie auf die vier hohen
Herren in all ihrer Pracht und Macht.
Des Sommers Purpurmantel erstrahlte, und der goldne Gürtel um seine
Lende und die rote Rose im Gürtel leuchteten. Der Lenz saß in seinem
grünen Gewande da, spielte auf den Saiten der Laute und summte dazu.
Der bunte Mantel des Herbstes flatterte im Winde, und der Schnee auf
dem Berg des Winters glitzerte wie von Millionen Diamanten.
Des Sommers und des Winters Augen trafen einander zum erstenmal wieder
nach den vielen Jahren. Der Schweiß sprang auf der Stirn des Winters
hervor, und der Sommer hüllte sich schaudernd in seinen Mantel. Sie
waren gleich stark und gleich stolz, aber die Augen des einen waren
mild, die des andern kalt und streng. Zornig blickten sie einander an,
als bittre, unversöhnliche Feinde.
Und auch der Frühling und der Herbst saßen einander gegenüber wie
damals vor langer, langer Zeit, und auch ihre Augen trafen sich. Der
Blick des Frühlings war betaut, träumerisch und jung wie immer, und der
des Herbstes wehmütig und ernst.
Eine Weile saßen die Fürsten so da. Dann erhoben sie sich alle und
verneigten sich tief, der Frühling und der Herbst aber am tiefsten,
wie es dem Geringeren geziemt. Und als sie wieder saßen, ein jeder auf
seinem Berge, und eine Weile geschwiegen hatten, da wandte der Herbst
seinen ernsten Blick dem Sommer zu und fragte:
„Hab’ ich den Bund gehalten, den wir schlossen?“
„Das hast du!“ erwiderte der Sommer. „Du hast mir die Ernte geborgen.
Ich danke dir.“
Und der Herbst wandte sich zum Winter und fragte:
„Hab’ ich getan, was ich versprach? Hab’ ich dir dein Bett
zurechtgemacht? Hab’ ich auf der Erde Platz geschafft für deinen Sturm
und deine Kälte?“
„Das hast du getan,“ antwortete der Winter verdrossen. „Aber stets hast
du das Tal zu spät verlassen.“
Und der Frühling hob sein Antlitz zum Sommer auf und fragte:
„Hab’ ich nicht das Tuch für dich ausgebreitet, wie ich’s versprach?
Hab’ ich nicht das Wasser vom Joch des Eises befreit und die Erde vom
Frost? Hab’ ich nicht das grüne Waldzelt aufgeschlagen für dich?“
„Ja, das hast du getan,“ erwiderte der Sommer mild. „Ich bin dafür in
deiner Schuld.“
Aber der Winter drohte dem grünen Frühling und schrie:
„Stets bist du zu früh gekommen, du Windbeutel! Nie konnt’ ich meinen
Schnee bis auf den Grund ausschütten, nie waren meine Stürme schon müde
geworden, wenn du mit deinem Leierkasten erschienst.“
„Ich habe getan, was ich tun mußte,“ erwiderte der Frühling und griff
lächelnd in die Saiten der Laute.
Aber der Herbstfürst erhob sich und verneigte sich dreimal tief.
„Dann hat unsre Zusammenkunft ja der armen Erde Segen gebracht,“ meinte
er. „Nun wollen wir Abschied voneinander nehmen, um uns nie wieder zu
treffen. Einzeln werden wir unsern Gang über das Land fortsetzen bis
ans Ende der Zeiten.“
Der Frühling erhob sich, verneigte sich dreimal, wie der Herbst es
getan, und band die Laute über die Schulter. Aber der Sommer und der
Winter blieben sitzen und schauten vor sich hin, als hätten sie noch
etwas auf dem Herzen; und als der Frühling und der Herbst das sahen,
setzten sie sich wieder, ein jeder auf seinen Berg, und warteten
ehrerbietig.
Als eine Weile verstrichen war, hob der Winter sein weißes Haupt und
sah vom einen zum andern.
„Nun will ich das aussprechen, was wir alle denken,“ sagte er.
Fragend wandte der Herbst sich ihm zu, und der Frühling band die Laute
wieder los und spielte und summte. Aber der Sommer nickte beifällig.
„Wir sind Fürsten von Gottes Gnaden,“ sagte der Winter. „Wir haben
die Erde unter uns verteilt, so daß ein jeder von uns den vierten
Teil des Jahres über herrscht. Wir haben den Vertrag eingehalten,
den wir miteinander geschlossen haben, aber das Land ist nicht mehr
~unser~.“
„Das ist wahr,“ erklärte der Sommer.
„Wir sind nicht mehr Herren im Lande,“ versicherte der Winter. „Die
~Menschen~ haben die Macht an sich gerissen.“
Der Sommer nickte wieder, der Herbst beugte sein Haupt ein klein wenig
vor, der Frühling aber summte seine Melodien und schaute über das Land
hin, als ob er gar nicht zuhörte. Aber der Winter fuhr fort:
„Ich weiß nicht, woher sie gekommen sind. Sie müssen zu dem Gewürm
gehören, das der Frühling aus der Erde hervorlockt mit seinem Gesang,
und das der Sommer lebendig erhält. Aber so viel weiß ich: sie sind da,
sie wimmeln auf dem Lande umher, und mit jedem Jahr werden es ihrer
mehr und mehr.“
„Das ist wahr,“ sagte der Sommer.
Der Herbst nickte mit dem Kopf, aber der Frühling spielte und sang.
[Illustration]
„So ist’s,“ sagte der Winter, „und ich kann ihnen nicht zuleibe. Sie
sind mir zu klug, und sie sind jedesmal klüger geworden, wenn ich sie
wieder zu sehen bekomme. Vergebens schick’ ich ihnen meine bitterste
Kälte, meinen heftigsten Sturm. Sie haben Häuser gebaut, worin sie
warm und geschützt sitzen und den Sturm wüten lassen. Sie zünden Feuer
an, um sich warm zu halten, und sie haben sich dicke, wollne Kleider
verfertigt... für Leib und Glieder, Hände und Füße. Und nicht genug
damit! Die Tiere, die sie gebrauchen können, nehmen sie zu sich in
die Häuser. Wälze ich meinen Schnee auf die Erde herab, so daß er bis
zum Dach ihrer Häuser hinan liegt, so schieben sie ihn beiseite und
bahnen sich Pfade und Wege hindurch. Verwandle ich das Wasser zu Eis,
so schlagen sie das Eis in Stücke, wenn’s ihnen paßt, oder sie setzen
Eisen unter ihre Füße und laufen darüber weg und machen sich obendrein
ein Vergnügen daraus.“
„Es ist wahr,“ sagte der Sommer. „Die Menschen haben jetzt die Macht in
Händen.“
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Aber der Winterfürst hatte seine Klage noch nicht beendet.
„Die Menschen regieren über die Erde,“ sagte er. „Und sie wissen es und
sind mir überall im Wege. Um mich so recht zu verhöhnen, haben sie ihr
wichtigstes, vornehmstes Fest mitten in meine Regierungszeit verlegt.
So frech sind sie!“
„Auch ich kenne sie,“ sagte der Herbst. „Und ich kann nicht leugnen,
daß sie sich zu Herren der Erde gemacht haben, wenn sie mir auch nicht
viel Schaden zufügen. Aber eigenmächtig sind sie, und die Ernte bringen
sie ins Haus, manchmal vor und manchmal nach der richtigen Zeit.“
„Jawohl!“ schrie der Winter. „Darum kann ich sie auch nicht
aushungern, weil sie ihre Scheunen mit Vorräten füllen. Aber wenn wir
zusammenhalten, können wir sie bezwingen.“
Da ergriff der Sommer das Wort:
„Die Menschen haben die Macht, und wir können nichts daran ändern.
Sie sind zu zahlreich und zu klug, wie der Winter ganz richtig sagte.
Anfangs hab’ ich nichts gegen sie einzuwenden gehabt. Wie meine andern
Geschöpfe liefen sie im Walde umher, jagten, kämpften und brachten ihre
Kinder unterm Laube zur Welt. Sie gehorchten dem Gesetz des Lebens, das
ich ihnen gegeben habe. Und ich habe ihnen ebensoviel Gutes gegönnt wie
dem Hirsch, dem Sperling und dem Regenwurm.“
„Als ~ich~ sie das erstemal sah, hüllten sie sich in Felle und
versteckten sich in Höhlen,“ sagte der Winter zornig.
„Das war ihr Recht,“ erwiderte der Sommer ruhig. „Ein jedes Wesen, das
ich geschaffen habe, sucht Schutz vor deiner Bosheit, wenn es nicht
aus dem Lande fliehen kann, während du herrschest. Aber die Menschen
sind nicht mehr das, was sie waren. Jetzt jagen sie nicht mehr frei und
keck im Walde. Ihr Angesicht ist blaß geworden, ihr Arm schwach, und
sie sind hilflos. Jammergeschöpfe sind die Menschen geworden, und sie
müßten sterben. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn der Winter
sie alle töten würde. Denn sie herrschen nicht, weil sie die stärksten
sind, sondern weil sie alle möglichen spitzfindigen Einrichtungen
ersonnen haben. Das verleiht ihnen so große Macht auf Erden.“
„Laßt uns sie ausrotten!“ schrie der Winter.
„Das können wir nicht,“ entgegnete der Sommer. „Sie haben das Land ganz
nach ihren Bedürfnissen umgeschaffen. Eine Anzahl meiner Tiere und
Pflanzen haben sie ausgerottet, weil sie ihnen keinen Nutzen brachten
und nicht gefielen; andere wiederum haben sich unter ihrem Einfluß
vermehrt. Und alle, die in die Dienste der Menschen treten, werden
krank und schwach wie sie. Sie werden abhängig von den Menschen, damit
diese Nutzen von ihnen haben können; aber mit dem freien Leben, zu dem
sie geschaffen wurden, ist es aus. Ich hasse die Menschen, wie der
Winter sie haßt. Aber es gibt keinen Rat gegen ihre Herrschaft.“
Er schwieg. Mißmutig starrten die drei Fürsten vor sich hin. Nur der
Frühling spielte glücklich auf den Saiten seiner Laute.
Da wandte der Winter sich ihm zu und sagte barsch:
„Du allein hast kein Wort gesagt. Was haben die Menschen dir Böses
getan?“
„Sag’ es uns!“ erklärte der Herbst dringlich.
„Du hassest sie doch wohl wie wir?“ fragte der Sommer.
Der Frühling hob sein junges Antlitz und blickte sie an, als weilten
seine Gedanken in weiter, weiter Ferne.
„Die Menschen?“ sagte er dann. „Sie tun mir nicht weh!“
„Ich halte das für eine deiner üblichen grünen Lügen!“ sagte der Winter
spöttisch.
Aber der Frühling blickte vor sich hin mit seinen betauten, verträumten
Augen, griff stärker in die Saiten und antwortete:
„Seht, wenn ich ins Tal komme, in die Saiten meiner Laute greife und
dazu singe, wenn die Blumen dem Erdreich entsprießen, dann löst sich
der Frost in den Herzen der Menschen wie in der kalten Erde. Dann
singen sie und blühen und lachen, und Liebe und Wonne werden in ihren
Seelen wach!“
Erstaunt blickten die drei Fürsten den Frühling an, aber er fuhr fort:
„Als ich das letztemal im Tale war, sah ich einen alten, alten Mann.
Sein Haar war weiß und seine Augen matt. Seine Hände tasteten hilflos
umher, und seine Beine konnten ihn kaum tragen. Aber als ich im Tale
stand und in die Saiten meiner Laute griff, da richtete er auf einmal
seinen krummen Rücken auf, und in seine Augen kam ein Glanz. ‚Der
Wald wird grün!‘ sagte er. Und er ging hinaus und sprang auf seinen
zitternden Beinen meinen Blumen nach, lauschte meinem Gesang und nahm
mit den andern an meiner grünen Freude teil!“
[Illustration]
Er schwieg. Keiner der andern Fürsten antwortete ihm. Lange saßen sie
schweigend da und blickten über die Erde hin.
Und es wurde Abend und Nacht. Der Mond schien auf die Schneeberge, die
Rosen des Sommers dufteten, der bunte Mantel des Herbstes flatterte im
Winde, der Frühling griff in die Saiten der Laute und summte leise dazu.
*
Am nächsten Morgen erhoben sich die vier Fürsten in all ihrem Glanz und
ihrer Macht, verneigten sich tief voreinander und schritten langsam
über die Erde hin.
[Illustration]
Die Blattlaus.
Es war zu der Zeit, als es Frühling werden sollte.
Der Winter hatte lange genug gedauert, und alle hatten ihn herzlich
satt. Es hatte gefroren, und es hatte gestürmt, und es hatte
geschneit nach Herzenslust, so daß man hätte meinen sollen, daß er
selbst zufrieden sein müßte. Und außerdem stand es auch im Kalender
geschrieben, daß er nun vorbei sein sollte.
Anemonen und Waldmeister hatten ihre Keime fertig und warteten bloß
darauf, daß der Frost aus der Erde verschwände. Die neuen Blätter
der Bäume lagen hübsch zusammengefaltet in den Knospen und sagten
zueinander, nun könnten sie sich nicht länger halten. Der Buchfink
hatte sich eine rote Brust zugelegt und hatte den Hals so voller
Liebestriller, daß er beinahe daran erstickte.
Aber der Frühling kam nicht.
Dagegen kam der Star. Und er war verdrießlich, weil nichts in Ordnung
war.
„Hat das etwa Sinn, einen hierher zu locken, wenn ihr noch nicht weiter
seid?“ fragte er.
„Wer hat dich gelockt?“ fragte der Buchfink. „Du hättest ja bleiben
können, wo du warst, statt in der Welt umherzurennen und zu sehen,
wo der Tisch gedeckt ist. Unsereins, der hier den ganzen Winter über
ausgehalten hat, verdient es auch, jetzt alles Futter zu bekommen.“
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„Niemand hat je einen Finken satt gesehen,“ erklärte der Star. „Alles
verschlingst du ohne Unterschied. Du erhebst dich nicht vom Tische,
solange noch ein fauler Same übrig ist. Aber natürlich hast du eine
Entschuldigung. Ich möchte dich auf deinen Flügelstümpfen nach Italien
fliegen sehen.“
„Meine Flügel sind gut genug für mich,“ sagte der Buchfink. „Und es
gefällt mir hier sehr gut!“
In diesem Augenblick schlug seine Stimme in Musik um, und er trillerte
so rein und klar, daß alles im Walde den Kopf hob und lauschte.
Anemonen und Waldmeister krochen aus der Erde hervor und blühten auf.
Die Buchenknospen schwollen, und die Keime der ganzen Welt regten
sich, ohne daß man ihnen ansehen konnte, was aus ihnen werden würde.
Der Bach sprang nach einer ganz anderen Melodie dahin als vorher. Und
selbst der Star stieß muntere Laute aus und begann, Halme für sein Nest
zusammenzutragen.
Der Frühling war da.
Und während die Tage verstrichen, die Sonne schien und der Regen fiel,
quoll das Leben stärker und stärker hervor.
Die Buchenknospen sprangen auf in wunderschönem Hellgrün.
„Du erkältest dich,“ sagte die Eiche, die noch grau und garstig dastand.
„Nicht in meinem Alter,“ erwiderte die Buche und schaukelte vergnügt
ihre grünen Zweige im Frühlingswinde. „Die Jugend kann unglaublich viel
aushalten. Bedenke, ich bin fünfhundert Jahre jünger als du. Aber ein
alter Knabe muß natürlich vorsichtiger sein.“
„Ich komme, ich komme,“ rief die Eiche. „Ich beeile mich ja, soviel
ich kann. Es kam bloß so über mich.“
[Illustration]
Die Fliegen begannen zu summen. Der Mistkäfer kam aus seinem
Loch hervor. Die Bienen schwirrten zwischen den Blüten umher und
unterhielten sich darüber, wie der Honig in diesem Jahr ausgefallen
sei. Die Hummel beschloß, sich häuslich niederzulassen. Der Dachs erhob
sich von seinem Winterlager und schlich nach der langen Fastenzeit
schlottrig umher. Der Fuchs schnüffelte nach dem Hof des Bauern hin, ob
er junge Hühnchen riechen könne. Die Fledermaus kam aus dem hohlen Baum
hervor, wo sie den Winter über geschlafen hatte, und probierte ihre
Flügel in der Abendluft. Die Krähen schrien, wie sie’s das ganze Jahr
über taten, und in der Nacht heulten die Uhus. Es klang jämmerlich,
aber sie meinten es nur gut damit.
Die alte Ameise öffnete den Hügel, setzte sich davor und rieb sich
vergnügt die Kinnbacken.
[Illustration]
„Guten Tag miteinander,“ sagte sie und grüßte in der Runde. „Es freut
mich außerordentlich, euch alle zu sehen. Ich hoffe, ihr seid nett und
fein, so daß es meinem vornehmen jungen Volk Freude machen wird, euch
zu betrachten.“
„Da haben wir die verrückte Ameise,“ sagte der Buchfink. „Sie ist so
sauer, daß niemand sie fressen mag. Ich glaube, das ist ihr zu Kopfe
gestiegen.“
„Guten Tag, kleiner Buchfink,“ sagte die Ameise. „Hast du einen recht,
recht schönen Triller für die jungen Königinnen? Ich habe ihnen von dir
erzählt, während sie in ihren königlichen Eiern lagen, also darfst du
mich nicht Lügen strafen.“
„Was in aller Welt bildest du dir ein?“ fragte die Buche.
„Guten Tag, guten Tag, liebe Buche!“ sagte die Ameise. „Wie fein du in
diesem Jahre bist! Und wie schön dein Stamm ist! Das wird ja eine Lust
für die Ameisen sein, an dir auf und nieder zu laufen.“
Die Buche lachte, und der Buchfink lachte, und der ganze Wald lachte.
Aber die Ameise schien sich nicht das geringste daraus zu machen.
Sie war die Älteste im Hügel. Darum kam sie als erste hervor und
kommandierte die andern zur Arbeit. Im Augenblick wurden alle Türchen
des Hügels geöffnet, und es wimmelte von Ameisen. Sie besserten aus,
was im Laufe des Winters in Stücke gegangen war. Sie sammelten Nahrung
ein, lüfteten und machten rein, und schließlich trugen sie die Puppen
in den Sonnenschein hinaus.
Einige von den Puppen waren größer als die andern, und sie wurden
von den Ameisen mit besonderer Ehrfurcht behandelt, denn es sollten
Königinnen daraus werden. Und nach einer gewissen Zeit barst das
Puppengehäuse, und nun wollte die Untertänigkeit kein Ende nehmen.
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„Was ist das alles?“ sagte die größte der jungen Königinnen, um sich
schauend.
„Das ist Ew. Majestät Welt!“ erklärte die alte Ameise. „Das alles
ist geschaffen, um die hohe Seele Ew. Majestät zu erfreuen. Wenn Ew.
Majestät geruhen, werde ich die vornehmsten Wesen vorstellen.“
„Stell’ vor!“ gebot die Königin.
„Da ist erstens die Buche, Ew. Majestät,“ sagte die Ameise.
„Ist sie mein?“ fragte die Königin.
„Sie ist für die Ameisen geschaffen, also in allererster Linie für Ew.
Majestät. Auf ihrem Stamm läuft es sich angenehm glatt auf und nieder.
Hier und da findet sich Moos, darin sind Milben und anderes Gewürm als
Nahrung versteckt, falls Ew. Majestät geruhen sollten, das Frühstück im
Grünen einzunehmen.“
„Sehr schön,“ sagte die Königin.
„Ew. Majestät geruhen zu beachten, daß die Buche grün ist,“ sagte die
Ameise. „Sie hat die gleiche Farbe wie der allergrößte Teil der Natur.
Grün ist nämlich so gut für die Augen -- für die Augen Ew. Majestät.
Ferner wollen Ew. Majestät den Buchfink beachten, der dort drüben im
Busch seine Triller schlägt. Er und eine Menge andrer Vögel bilden
die Hofkapelle Ew. Majestät. Die Musik ist so wunderbar gut für die
Verdauung. Auch gut, um dabei einzuschlafen. Und dann für festliche
Gelegenheiten. Zum Beispiel nun, da Ew. Majestät geruhten, das
königliche Puppengehäuse zu verlassen und die Regierung zu übernehmen.
Das nennt man Frühling!... Warum weiß ich nicht, aber der Name enthält
zweifellos irgendeine Andeutung auf einen Vorgang in der Geschichte der
Ameisen. Dann singen die Vögel besonders schön. Gleichzeitig kommen
hübsche Blumen aus der Erde hervor. Die Knospen der Bäume springen
auf... kurz, es ist ein wahres Volksfest zu Ehren Ew. Majestät. Und
damit alle froh sein sollen, ist man auf so mancherlei verfallen. So
zum Beispiel bekommen die Vögel ihre Jungen; andere, tieferstehende
Insekten verlassen gleichfalls ihr Puppengehäuse in aller Dürftigkeit.
Und noch vielerlei anderes.“
„Sehr schön,“ sagte die Königin. „Es geschieht ja alles, um mich zu
ergötzen; und es ist möglich, daß es mir Spaß macht. Aber ich muß ja
auch an mein Volk denken. Ist da nichts, das ihm Nutzen bringt?“
„Aber natürlich!“ erwiderte die alte Ameise. „Da ist ja die Sonne, und
da sind alle die Tiere, die von den Untertanen Ew. Majestät gefressen
werden. Aber besonders möchte ich Ew. Majestät Aufmerksamkeit auf zwei
Geschöpfe lenken, die überhaupt keine andere Aufgabe in der Welt haben,
als die, den Ameisen zu dienen; die hat der liebe Gott offenbar einzig
und allein für uns geschaffen. Das sind die Tanne und die Blattlaus.“
„Wie verhält es sich mit der Tanne?“ fragte die Königin.
„Das ist ein sehr hoher Baum... Wenn Ew. Majestät in die Höhe sehen
wollen, ein wenig nach links, dann werden Ew. Majestät ihn erblicken.
Ew. Majestät werden bemerken, daß die Blätter der Tanne ganz anders
sind als die andrer Bäume ... es sind spitze, harte Dinger, die
Winter und Sommer über grün sind. Sie bilden das Bauholz, aus dem der
überirdische Teil des Ameisenhügels gebaut wird.“
„Ich sehe es,“ sagte die Königin. „Und die Blattlaus?“
„Ja... die kann ich Ew. Majestät leider im Augenblick nicht zeigen. Sie
kommt etwas später im Jahre... in wenigen Tagen wird sie hier sein,
wenn die Sonne fortfährt zu scheinen. Es ist ein höchst sonderbares
Tier, eigentlich ganz unbedeutend und nur bemerkenswert durch den
Nutzen, den sie den Untertanen Ew. Majestät bringt. Sie ähnelt einem
kleinen Klecks und tritt immer in großen Scharen auf, die auf der
unteren Seite der Blätter sitzen, ganz dicht zusammen, manchmal sogar
aufeinander. Die Blattlaus steckt ihren Rüssel in das Blatt hinab und
saugt den Saft heraus. Etwas andres tut sie überhaupt nicht. Sie bewegt
sich nur höchst ungern von der Stelle, denkt an nichts und tut nichts.“
„Und welchen Nutzen haben wir von dem dummen Tier?“
„Sehr großen, Majestät. Es ist unsere Kuh. Sie sondert einen
außerordentlich wohlschmeckenden Saft ab, der unsere beste Nahrung
bildet. Ew. Majestät haben ihn mehrmals verspeist, aber natürlich nicht
darüber nachgedacht, woher er kam. Darum schätzen wir die Blattlaus
sehr, beschützen sie gegen ihre Feinde und halten überhaupt unsere
mächtige Hand über sie. Die Blattläuse sind unsere Haustiere, Ew.
Majestät.“
„Laß mich eine Blattlaus sehen!“ sagte die Königin.
„Sobald sie hervorkommen, Majestät...“
„Ich will sie sofort sehen, sage ich!“
„Das ist leider unmöglich,“ erwiderte die alte Ameise. „Wie ich Ew.
Majestät gesagt habe, vielleicht in ein paar Tagen...“
Aber die Königin beruhigte sich nicht dabei. Sie schrie und trat um
sich und biß die alte Ameise, die flehentlich um Gnade bat und in
ihrer Not schließlich in den Hügel hineinlief. Die Königin rannte ihr
nach.
„Habt ihr je so etwas erlebt!“ sagte die Buche.
„Ich jedenfalls nicht,“ erwiderte der Buchfink. „Das Gewürm muß ja ganz
den Verstand verloren haben. Sie glauben allen Ernstes, daß wir nur zu
ihrem Vergnügen geschaffen sind.“
„Unglaublich!“ flüsterten die Anemonen.
Der Waldmeister sagte dasselbe. Die Tanne lachte, daß ihre Nadeln
herabrieselten. Der eine erzählte es dem andern, und bald wußte es
der ganze Wald, daß die Ameisen glaubten, die ganze Welt sei nur um
ihretwillen da. Niemand konnte es begreifen. Und alle fanden es dumm
und lächerlich.
„Es muß etwas dahinter stecken,“ sagte der Buchfink. „Wenn ich der
alten Ameise begegne, werd’ ich versuchen, es herauszukriegen.“
Am nächsten Morgen in aller Frühe öffnete die Ameise den Hügel.
„Guten Morgen,“ sagte der Buchfink, der schon sein Morgenlied vorm
Zweige seiner Liebsten gesungen hatte. „Du siehst mir nicht gerade
rosig gelaunt aus, alter Freund.“
„Ja,“ klagte die Ameise, „ich hab’ gestern so fürchterliche Prügel von
der Königin bekommen. Hätte ich mich nicht tief im Hügel versteckt, so
glaube ich, daß Ihre Majestät mich totgeschlagen hätte.“
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„Ich habe es wohl gesehn. Aber was war denn das auch für ein
fürchterlicher Unsinn, den du der Königin erzählt hast! Du hast ihr
ja weismachen wollen, die Ameisen seien die vornehmsten Tiere in der
ganzen Welt, und alles sei nur um ihretwillen geschaffen.“
„Ich habe die reine Wahrheit gesagt,“ beteuerte die Ameise. „Und
die bleibt bestehen, auch wenn es Ihrer Majestät beliebt, mich zu
mißhandeln.“
„Du bist verrückt!“ sagte der Buchfink. „Der ganze Wald lacht über
dich!“
„Lacht ihr nur! Was macht das, wenn ihr sonst nur euer Tagewerk
verrichtet, uns zum Nutzen und zur Freude!“
„Nun redest du wieder ebenso verrücktes Zeug wie gestern.“
„Hör’ einmal, Freundchen. Ich will versuchen, es dir zu erklären, wie
die Sache zusammenhängt. Die Königin schläft immer lange und gut,
wenn sie jemand geprügelt hat, darum hab’ ich Zeit zu einem kleinen
Morgenklatsch. Um so mehr, da sie noch nicht angefangen hat, Eier zu
legen. Sind wir erst so weit, dann pfeift’s aus einem andern Loch.“
„Genau wie bei uns,“ bestätigte der Buchfink. „Erzähl’ nur. Wir kennen
dich ja als braven Burschen. Und es würde uns nur freuen, wenn du auf
deine alten Tage nicht ganz einfältig geworden bist.“
„Wir wollen also mit ~dir~ beginnen, lieber Buchfink,“ sagte die
Ameise. „Es gefiel dir nicht, daß ich sagte, du sängest für uns. Für
wen singst du denn, wenn ich fragen darf?“
„Für meine Liebste. Und für meine Jungen. Und zu meinem Vergnügen.“