Medea

(leise).

Jason! laß mich!

Jason.

"Jason!"--Da sprachst du meinen Namen aus,

Zum ersten Male aus! O holder Klang!

"Jason!" wie ist der Name doch so schön

Seit du ihn sprachst mit deinen süßen Lippen.

Hab' Dank Medea, hab' den besten Dank!

(Er hat sie auf den Boden niedergelassen.)

Medea, Jason; Jason und Medea

O schöner Einklang! Dünket dir's nicht auch?

Du zitterst! Setz' dich hier! Erhole dich!

(Er führt Medeen zu einer Rasenbank. Sie folgt ihm und sitzt mit

vorhängendem Leibe, die Augen vor sich starr auf dem Boden, die

Hände, in denen noch der Dolch, gefaltet im Schoße.)

Jason (steht vor ihr).

Noch immer stumm, noch immer trüb und düster?

O zage nicht; du bist in Freundes Hand.

Zwar geb' ich leicht dem Vater dich nicht wieder,

Ein teures Unterpfand ist mir sein Kind;

Doch soll dir's drum bei mir nicht schlimm ergehn,

Nicht schlimmer wenigstens als mir bei dir.

Wenn ich so vor dir steh' und dich betrachte,

Beschleicht mich ein fast wunderbar Gefühl.

Als hätt' des Lebens Grenz' ich überschritten

Und stünd' auf einem unbekannten Stern,

Wo anders die Gesetze alles Seins und Handelns,

Wo ohne Ursach' was geschieht und ohne Folge,

Da seiend weil es ist.

Dahergekommen durch ein wildes Meer,

Aus Ländern, so entfernt, so abgelegen,

Daß (Wünsche) kaum vorher die Reise wagten,

Auf Kampf und Streit gestellt, lang' ich hier an,

Und sehe dich und bin mit dir bekannt.

Wie eine Heimat fast dünkt mir dies fremde Land,

Und, abenteuerlich ich selbst, schau' ich

Verwundrungslos, als könnt' es so nur sein,

Die Abenteuer dieses Wunderbodens.

Und wieder, ist das Fremde mir bekannt,

So wird dafür mir, was bekannt, ein Fremdes.

Ich selber bin mir (Gegenstand) geworden,

Ein andrer denkt in mir, ein andrer handelt.

Oft sinn' ich meinen eignen Worten nach,

Wie eines Dritten, was damit gemeint,

Und kommt's zur Tat, denk' ich wohl bei mir selber,

Mich soll's doch wundern, was er tun wird und was nicht.

Ein einz'ges ist mir licht und das bist du,

Ja du Medea, scheint's auch noch so fremd.

Ich ein Hellene, du Barbarenbluts,

Ich frei und offen, du voll Zaubertrug,

Ich Kolchis' Feind, du seines Königs Kind

Und doch Medea, ach und dennoch, dennoch!

Es ist ein schöner Glaub' in meinem Land,

Die Götter hätten doppelt einst geschaffen

Ein jeglich Wesen und sodann geteilt;

Da suche jede Hälfte nun die andre

Durch Meer und Land und wenn sie sich gefunden,

Vereinen sie die Seelen, mischen sie

Und sind nun eins!--Fühlst du ein halbes Herz

Ist's schmerzlich dir gespalten in der Brust,

So komm--doch nein da sitzt sie trüb und düster,

Ein rauhes Nein auf meine milde Deutung,

Den Dolch noch immer in geschloßner Hand.

O fort!

(Ihre Hand fassend und den Dolch entwendend.)

Laßt los ihr Finger! Bunte Kränze,

Geschmeid und Blumen ziemt euch zu berühren,

Nicht diesen Stahl, gemacht für Männerhand.

Medea (aufspringend).

Fort!

Jason (sie zurückhaltend).

Bleib!

Medea.

Von hier!

Jason.

Bleib da, ich bitte dich!

Ich sage dir: bleib da! Hörst du, du sollst!

Du sollst, beim Himmel, gält' es auch dein Leben!

Wagt es das Weib, dem Mann zu bieten Trotz?

Bleib!

(Er faßt ihre Arme mit beiden Händen.)

Medea.

Laß!

Jason.

Wenn du gehorchst, sonst nimmermehr!

(Er ringt mit der Widerstrebenden.)

Mich lüstet deines Starrsinns Maß zu kennen!

Medea (in die Kniee sinkend).

Weh mir!

Jason.

Siehst du? du hast es selbst gewollt.

Erkenne deinen Meister, deinen Herrn!

(Medea liegt auf einem Kniee am Boden, auf das andre stützt sie den

Arm, das Gesicht mit der Hand bedeckend.)

Jason (hinzutretend).

Steh auf!--Du bist doch nicht verletzt?--Steh auf!

Hier sitz und ruh', (vermagst) du es zu ruhn!

(Er hebt sie vom Boden auf, sie sitzt auf der Rasenbank.)

Jason.

Umsonst versend' ich alle meine Pfeile

Rückprallend treffen sie die eigne Brust.

Wie hass' ich dieses Land, sein rauher Hauch

Vertrocknete die schönste Himmelsblume,

Die je im Garten blühte der Natur.

Wärst du in Griechenland, da wo das Leben

Im hellen Sonnenglanze heiter spielt,

Wo jedes Auge lächelt wie der Himmel,

Wo jedes Wort ein Freundesgruß, der Blick

Ein wahrer Bote wahren Fühlens ist,

Kein Haß als gegen Trug und Arglist, kein--

Und doch, was sprech ich? Sieh, ich weiß es wohl

Du bist nicht was du scheinen willst, Medea,

Umsonst verbirgst du dich, ich kenne dich!

Ein wahres, warmes Herz trägst du im Busen,

Die Wolken hier, sie decken eine Sonne.

Als du mich rettetest, als dich mein Kuß--

Erschrickst du?--Sich mich an!--Als dich mein Kuß!--

Ja deine Lippen hat mein Mund berührt,

Eh ich dich kannt', eh ich dich fast gesehn

Nahm ich mir schon der Liebe höchste Gabe;

Da fühlt' ich (Leben) mir entgegen wallen

Und du gibst trügerisch dich nun für (Stein)!

Ein wahres, warmes Herz schlägt dir im Busen

Du (liebst) Medea!

(Medea will aufspringen.)

Jason (sie niederziehend).

Bleib!--du liebst Medea!

Ich seh's am Sturmeswogen deiner Brust

Ich seh's an deiner Wangen Flammenglut

Ich fühl's an deines Atems heißem Wehn,

An diesem Beben fühl' ich es--du liebst,

Liebst (mich)! (Mich) wie ich (dich)!--ja wie ich (dich)!

(Er kniet vor ihr.)

Schlag deine Augen auf und leugne wenn du's kannst!

Blick' mich an und sag' nein!--du liebst Medea!

(Erfaßt ihre beiden Hände und wendet die sich Sträubende gegen sich,

ihr fest ins Gesicht blickend.)

Jason.

Du weinst! Umsonst, ich kenne Mitleid nicht

Mir Aug ins Aug, und sage: nein!--du liebst!

Ich liebe dich, du mich! Sprich's aus Medea!

(Er hat sie ganz gegen sich gewendet. Ihr Auge trifft das seinige.

Sie schaut ihm mit einem tiefen Blick ins Auge.)

Jason.

Dein Auge hat's gesagt, nun auch der Mund!

Sprich's aus Medea, sprich es aus: ich liebe!

Fällt dir's so schwer ich will dich's lehren, Kind.

Sprich's nach: ich liebe dich!

(Er zieht sie an sich; sie verbirgt dem Zuge folgend das Gesicht in

seinen Haaren.)

--Und noch kein Wort!

Kein Wort, obschon ich sehe, wie der Sturm

An deines Innern festen Säulen rüttelt.

Und doch kein Wort!

(Aufspringend.)

So hab' es Störrische!

Geh! Du bist frei, ich halte dich nicht mehr!

Kehr' wieder zu den Deinigen zurück,

Zu ihren Menschenopfern, Todesmahlen,

In deine Wildnis, Wilde kehr' zurück,

Geh! Du bist frei; ich halte dich nicht mehr!

Aietes (von innen).

Hierher, Kolcher, hierher!

Jason.

Dein Vater naht.

Sei froh, ich weigre dich ihm nicht.

Argonauten (kommen weichend.

Hinter ihnen) Aietes, Absyrtus (und) Kolcher(, die sie verfolgen.)

Aietes (auftretend).

Braucht eure Waffen, wackre Genossen!

Wo ist mein Kind?

Absyrtus.

Dort Vater sitzt sie.

Aietes (zu Jason).

Verruchter Räuber, mein Kind gib mir zurück!

Jason.

Wenn du mich bittest, nicht wenn du mir drohst.

Dort ist dein Kind. Nimm sie und führ' sie heim.

Nicht weil Du willst, weil sie will und weil ich will.

(Zu Medeen hintretend und sie anfassend.)

Steh auf Medea! Komm! Hier ist dein Vater!

Du sehntest dich nach ihm; hier ist er nun.

Verhüten es die Götter, daß ich hier

Zurück dich hielte wider deinen Willen.

Was zitterst du? du hast es selbst gewollt.

(Er führt die Wankende zu ihrem Vater und gibt sie ihm in die Arme.)

Hier Vater ist dein Kind.

Aietes (Medeen empfangend, die das Gesicht auf seiner Schulter verbirgt).

Medea!

Absyrtus.

Schwester!

Jason.

Nun König, rüste dich zum Todeskampf!

Die Bande, die mich hielten sind gesprengt,

Zerronnen ist der schmeichelhafte Wahn,

Der mir der Tatkraft Sehnen abgespannt.

Mit ihr, die jetzo ruht in deinem Arm,

Legt' ich den Frieden ab und atme Krieg.

Auf, rüste dich, es gilt dein Heil und Leben!

(Zu Medeen.)

Du aber, die hier stumm und bebend liegt,

Das Angesicht so feindlich abgewandt,

Leb' wohl! Wir scheiden jetzt auf immerdar.

Es war ein Augenblick, wo ich gewähnt,

Du könntest fühlen, könntest mehr als hassen,

Wo ich geglaubt, die Götter hätten uns

Gewiesen an einander, dich und mich.

Das ist nunmehr vorbei. So fahre hin!

Du hast das Leben zweimal mir gerettet,

Das dank' ich dir und werd' es nie vergessen.

In ferner Heimat und nach langen Jahren

Will ich's erzählen in dem Kreis der Freunde.

Und frägt man mich und forscht: wem gilt die Träne,

Die fremd dir da im Männerauge funkelt?

Dann sprech' ich wohl in schmerzlicher Erinnrung:

Medea hieß sie; schön war sie und herrlich,

Allein ihr Busen barg kein Herz.

Aietes.

Medea

Was ist? Feucht liegt dein Gesicht auf meiner Schulter.

Weinst du?

Jason.

Du weinst? Laß mich die Tränen sehn,

O laß mich's glauben, daß du weinen kannst.

Blick' noch einmal nach mir, es ist das letztemal;

Ich will den Blick mittragen in die Ferne.

Denk' doch, es ist zum letzten- letztenmal.

(Er faßt ihre herabhängende Hand.)

Aietes.

Wagst du's, zu berühren ihre Hand?

Jason (indem er ihre Hand fahren läßt).

Sie will nicht. Nun wohlan, so sei es denn!

Du siehst mich nimmermehr auf dieser Erde.

Leb' wohl Medea, leb' auf ewig wohl!

(Er geht rasch.)

Medea (das Gesicht hinwendend und den Arm ihm nachstreckend).

Jason!

Jason (umkehrend).

Das war's! Medea! Komm zu mir!

(Auf sie zueilend und ihre Hand fassend.)

Zu mir!

Aietes (sie an der andern Hand haltend).

Verwegner, fort!

Jason (Aietes' Hand wegschleudernd und Medeen an sich reißend).

Wagst du's Barbar!

Sie ist mein Weib!

Aietes.

Sein Weib?--Du schweigst Verworfne?

Jason (Medeen auf die andere Seite führend).

Hierher Medea, fort von diesen Wilden.

Von nun an bist du mein und keines Andern!

Aietes.

Medea, du weigerst dich nicht? du folgst ihm?

Stößt ihm nicht den Stahl in die frevelnde Brust?

Verruchte, war's vielleicht dein eignes Werk?

(Auf Jason eindringend.)

Meine Tochter gib mir, mein verlocktes Kind!

Medea (sich zwischen beide werfend).

Vater, töt' ihn nicht! Ich lieb' ihn!

Jason.

Er konnte dir's entreißen und ich nicht!

Aietes.

Schamlose! Du selbst gestehst's? Gestehst deine Schande?

O, daß ich nicht merkte die plumpe List,

Daß ich selbst sie sandte in seinen Arm,

Vertrauend der Väter Blut in ihren Adern!

Jason.

Darfst du sie schmähen?

Medea.

Höre mich Vater!

Es ist geschehn was ich fürchtete. Es ist.

Aber laß uns klar sein, Vater, klar!

In schwarzen Wirbeln dreht sich's um mich

Aber ich will hindurch, empor aus Dunkel und Nacht.

Noch läßt sich's wenden, ab sich wenden. Höre mich!

Aietes.

Was soll ich hören? Ich habe gesehn!

Medea.

Vater! Vernicht' uns nicht alle.

Löse den Zauber, beschwichtige den Sturm!

Heiß ihn dableiben, den Führer der Fremden,

Nimm ihn auf, nimm ihn an!

An deiner Seite herrsch' er in Kolchis,

Dir befreundet, dein Sohn!

Aietes.

Mein Sohn? Mein Feind.

Tod ihm, und dir, wenn du nicht folgst!

Willst du mit mir? Sprich! Willst du oder nicht?

Medea.

Höre mich.

Aietes.

Willst du, oder nicht?

Absyrtus.

Gönn' ihr zu sprechen, Vater!

Aietes.

Ja oder nein?

Laß mich Sohn!--Willst du?--Sie kommt nicht.--Schlange!

(Er holt mit dem Schwert aus.)

Jason (sich vor sie hinstellend).

Du sollst sie nicht verletzen!

Absyrtus (zugleich dem Vater in den Arm fallend).

Vater, was tust du?

Aietes.

Du hast recht. Nicht sterben soll sie, leben;

Leben in Schmach und Schande; verstoßen, verflucht,

Ohne Vater, ohne Heimat, ohne Götter!

Medea.

Vater!

Aietes.

Du hast mich betrogen, verraten.

Bleib! Nicht mehr betreten sollst du mein Haus.

Ausgestoßen sollst du sein, wie das Tier der Wildnis,

Sollst in der Fremde sterben, verlassen, allein.

Folg' ihm, dem Buhlen, nach in seine Heimat,

Teile sein Bett, sein Irrsal, seine Schmach;

Leb' im fremden Land, eine Fremde,

Verspottet, verachtet, verhöhnt, verlacht;

Er selbst, für den du hingibst Vater und Vaterland

Wird dich verachten, wird dich verspotten,

Wenn erloschen die Lust, wenn gestillt die Begier;

Dann wirst du stehn und die Hände ringen,

Sie hinüberbreiten nach dem Vaterland,

Getrennt durch weite, brandende Meere,

Deren Wellen dir murmelnd bringen des Vaters Fluch!

Medea (knieend).

Vater!

Aietes.

Zurück! Ich kenne dich nicht!

Komm, mein Sohn! Ihr Anblick verpestet,

Ihre Stimme ist Todeslaut meinem Ohr.

Umklammre nicht meine Kniee, Verruchte!

Sieh ihn dort, ihn, den du gewählt;

Ihm übergeb' ich dich;

Er wird mich rächen, er wird dich strafen,

Er selber, früher als du denkst.

Medea.

Vater!

Die Argonauten · 第 24 / 34 题