GOVINDA

Mit anderen Mönchen weilte Govinda einst während einer Rastzeit in dem

Lusthain, welchen die Kurtisane Kamala den Jüngern des Gotama

geschenkt hatte. Er hörte von einem alten Fährmanne sprechen, welcher

eine Tagereise entfernt vom Hain am Flusse wohne, und der von vielen für

einen Weisen gehalten werde. Als Govinda des Weges weiterzog, wählte er

den Weg zur Fähre, begierig diesen Fährmann zu sehen. Denn ob er wohl

sein Leben lang nach der Regel gelebt hatte, auch von den Jungeren

Mönchen seines Alters und seiner Bescheidenheit wegen mit Ehrfurcht

angesehen wurde, war doch in seinem Herzen die Unruhe und das Suchen

nicht erloschen.

Er kam zum Flüsse, er bat den Alten um überfahrt, und da sie drüben

aus dem Boot stiegen, sagte er zum Alten: "Viel Gutes erweisest du uns

Mönchen und Pilgern, viele von uns hast du schon übergesetzt. Bist

nicht auch du, Fährmann, ein Sucher nach dem rechten Pfade?"

Sprach Siddhartha, aus den alten Augen lächelnd: "Nennst du dich einen

Sucher, o Ehrwürdiger, und bist doch schon hoch in den Jahren, und

trägst das Gewand der Mönche Gotamas?"

"Wohl bin ich alt," sprach Govinda, "zu suchen aber habe ich nicht

aufgehört. Nie werde ich aufhören zu suchen, dies scheint meine

Bestimmung. Auch du, so scheint es mir, hast gesucht. Willst du mir

ein Wort sagen, Verehrter?"

Sprach Siddhartha: "Was sollte ich dir, Ehrwürdiger, wohl zu sagen

haben? Vielleicht das, daß du allzu viel suchst? Daß du vor Suchen

nicht zum Finden kommst?"

"Wie denn?" fragte Govinda.

"Wenn jemand sucht," sagte Siddhartha, "dann geschieht es leicht, daß

sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, daß er nichts zu

finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das

Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist.

Suchen heißt: ein Ziel haben. Finden aber heißt: frei sein, offen

stehen, kein Ziel haben. Du, Ehrwürdiger, bist vielleicht in der Tat

ein Sucher, denn, deinem Ziel nachstrebend, siehst du manches nicht,

was nah vor deinen Augen steht."

"Noch verstehe ich nicht ganz," bat Govinda, "wie meinst du das?"

Sprach Siddhartha: "Einst, o Ehrwürdiger, vor manchen Jahren, bist du

schon einmal an diesem Flusse gewesen, und hast am Fluß einen

Schlafenden gefunden, und hast dich zu ihm gesetzt, um seinen Schlaf

zu behüten. Erkannt aber, o Govinda, hast du den Schlafenden nicht."

Staunend, wie ein Bezauberter, blickte der Mönch in des Fährmanns

Augen.

"Bist du Siddhartha?" fragte er mit scheuer Stimme. "Ich hätte dich

auch diesesmal nicht erkannt! Herzlich grüße ich dich, Siddhartha,

herzlich freue ich mich, dich nochmals zu sehen! Du hast dich sehr

verändert, Freund.--Und nun bist du also ein Fährmann geworden?"

Freundlich lachte Siddhartha. "Ein Fährmann, ja. Manche, Govinda,

müssen sich viel verändern, müssen allerlei Gewand tragen, ihrer einer

bin ich, Lieber. Sei willkommen, Govinda, und bleibe die Nacht in

meiner Hütte."

Govinda blieb die Nacht in der Hütte und schlief auf dem Lager, das

einst Vasudevas Lager gewesen war. Viele Fragen richtete er an den

Freund seiner Jugend, vieles mußte ihm Siddhartha aus seinem Leben

erzählen.

Als es am andern Morgen Zeit war, die Tageswanderung anzutreten, da

sagte Govinda, nicht ohne Zögern, die Worte: "Ehe ich meinen Weg

fortsetze, Siddhartha, erlaube mir noch eine Frage. Hast du eine

Lehre? Hast du einen Glauben, oder ein Wissen, dem du folgst, das dir

leben und rechttun hilft?"

Sprach Siddhartha: "Du weißt, Lieber, daß ich schon als junger Mann,

damals, als wir bei den Büßern im Walde lebten, dazu kam, den Lehren

und Lehrern zu mißtrauen und ihnen den Rücken zu wenden. Ich bin

dabei geblieben. Dennoch habe ich seither viele Lehrer gehabt. Eine

schöne Kurtisane ist lange Zeit meine Lehrerin gewesen, und ein

reicher Kaufmann war mein Lehrer, und einige Würfelspieler. Einmal

ist auch ein wandernder Jünger Buddhas mein Lehrer gewesen; er saß bei

mir, als ich im Walde eingeschlafen war, auf der Pilgerschaft. Auch

von ihm habe ich gelernt, auch ihm bin ich dankbar, sehr dankbar. Am

meisten aber habe ich hier von diesem Flusse gelernt, und von meinem

Vorgänger, dem Fährmann Vasudeva. Es war ein sehr einfacher Mensch,

Vasudeva, er war kein Denker, aber er wußte das Notwendige so gut wie

Gotama, er war ein Vollkommener, ein Heiliger."

Govinda sagte: "Noch immer, o Siddhartha, liebst du ein wenig den

Spott, wie mir scheint. Ich glaube dir und weiß es, daß du nicht

einem Lehrer gefolgt bist. Aber hast nicht du selbst, wenn auch nicht

eine Lehre, so doch gewisse Gedanken, gewisse Erkenntnisse gefunden,

welche dein eigen sind und die dir leben helfen? Wenn du mir von

diesen etwas sagen möchtest, würdest du mir das Herz erfreuen."

Sprach Siddhartha: "Ich habe Gedanken gehabt, ja, und Erkenntnisse, je

und je. Ich habe manchmal, für eine Stunde oder für einen Tag, Wissen

in mir gefühlt, so wie man Leben in seinem Herzen fühlt. Manche

Gedanken waren es, aber schwer wäre es für mich, sie dir mitzuteilen.

Sieh, mein Govinda, dies ist einer meiner Gedanken, die ich gefunden

habe: Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser

mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit."

"Scherzest du?" fragte Govinda.

"Ich scherze nicht. Ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man

mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie

leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun,

aber sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon

als Jüngling manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben

hat. Ich habe einen Gedanken gefunden, Govinda, den du wieder für

Scherz oder für Narrheit halten wirst, der aber mein bester Gedanke

ist. Er heißt: Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr!

Nämlich so: eine Wahrheit läßt sich immer nur aussprechen und in Worte

hüllen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken

gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb,

alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit. Wenn der

erhabene Gotama lehrend von der Welt sprach, so mußte er sie teilen in

Sansara und Nirvana, in Täuschung und Wahrheit, in Leid und Erlösung.

Man kann nicht anders, es gibt keinen andern Weg für den, der lehren

will. Die Welt selbst aber, das Seiende um uns her und in uns innen,

ist nie einseitig. Nie ist ein Mensch, oder eine Tat, ganz Sansara

oder ganz Nirvana, nie ist ein Mensch ganz heilig oder ganz sündig.

Es scheint ja so, weil wir der Täuschung unterworfen sind, daß Zeit

etwas Wirkliches sei. Zeit ist nicht wirklich, Govinda, ich habe dies

oft und oft erfahren. Und wenn Zeit nicht wirklich ist, so ist die

Spanne, die zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Leid und Seligkeit,

zwischen Böse und Gut zu liegen scheint, auch eine Täuschung."

"Wie das?" fragte Govinda ängstlich.

"Höre gut, Lieber, höre gut! Der Sünder, der ich bin und der du bist,

der ist Sünder, aber er wird einst wieder Brahma sein, er wird einst

Nirvana erreichen, wird Buddha sein--und nun siehe: dies 'Einst' ist

Täuschung, ist nur Gleichnis! Der Sünder ist nicht auf dem Weg zur

Buddhaschaft unterwegs, er ist nicht in einer Entwickelung begriffen,

obwohl unser Denken sich die Dinge nicht anders vorzustellen weiß.

Nein, in dem Sünder ist, ist jetzt und heute schon der künftige Buddha,

seine Zukunft ist alle schon da, du hast in ihm, in dir, in jedem den

werdenden, den möglichen, den verborgenen Buddha zu verehren. Die

Welt, Freund Govinda, ist nicht unvollkommen, oder auf einem langsamen

Wege zur Vollkommenheit begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick

vollkommen, alle Sünde trägt schon die Gnade in sich, alle kleinen

Kinder haben schon den Greis in sich, alle Säuglinge den Tod, alle

Sterbenden das ewige Leben. Es ist keinem Menschen möglich, vom

anderen zu sehen, wie weit er auf seinem Wege sei, im Räuber und

Würfelspieler wartet Buddha, im Brahmanen wartet der Räuber. Es gibt,

in der tiefen Meditation, die Möglichkeit, die Zeit aufzuheben, alles

gewesene, seiende und sein werdende Leben als gleichzeitig zu sehen,

und da ist alles gut, alles vollkommen, alles ist Brahman. Darum

scheint mir das, was ist, gut, es scheint mir Tod wie Leben, Sünde wie

Heiligkeit, Klugheit wie Torheit, alles muß so sein, alles bedarf nur

meiner Zustimmung, nur meiner Willigkeit, meines liebenden

Einverständnisses, so ist es für mich gut, kann mich nur fördern, kann

mir nie schaden. Ich habe an meinem Leibe und an meiner Seele

erfahren, daß ich der Sünde sehr bedurfte, ich bedurfte der Wollust,

des Strebens nach Gütern, der Eitelkeit, und bedurfte der

schmählichsten Verzweiflung, um das Widerstreben aufgeben zu lernen,

um die Welt lieben zu lernen, um sie nicht mehr mit irgendeiner von

mir gewünschten, von mir eingebildeten Welt zu vergleichen, einer von

mir ausgedachten Art der Vollkommenheit, sondern sie zu lassen, wie

sie ist, und sie zu lieben, und ihr gerne anzugehören.--Dies, o

Govinda, sind einige, von den Gedanken, die mir in den Sinn gekommen

sind."

Siddhartha bückte sich, hob einen Stein vom Erdbodene auf und wog ihn

in der Hand.

"Dies hier," sagte er spielend, "ist ein Stein, und er wird in einer

bestimmten Zeit vielleicht Erde sein, und wird aus Erde Pflanze werden,

oder Tier oder Mensch. Früher nun hätte ich gesagt: Dieser Stein ist

bloß ein Stein, er ist wertlos, er gehört der Welt der Maja an; aber

weil er vielleicht im Kreislauf der Verwandlungen auch Mensch und

Geist werden kann, darum schenke ich auch ihm Geltung. So hätte ich

früher vielleicht gedacht. Heute aber denke ich: dieser Stein ist

Stein, er ist auch Tier, er ist auch Gott, er ist auch Buddha, ich

verehre und liebe ihn nicht, weil er einstmals dies oder jenes werden

könnte, sondern weil er alles längst und immer ist--und gerade dies,

daß er Stein ist, daß er mir jetzt und heute als Stein erscheint,

gerade darum liebe ich ihn, und sehe Wert und Sinn in jeder von seinen

Adern und Höhlungen, in dem Gelb, in dem Grau, in der Härte, im Klang,

den er von sich gibt, wenn ich ihn beklopfe, in der Trockenheit oder

Feuchtigkeit seiner Oberfläche. Es gibt Steine, die fühlen sich wie

Öl oder wie Seife an, und andre wie Blätter, andre wie Sand, und jeder

ist besonders und betet das Om auf seine Weise, jeder ist Brahman,

zugleich aber und ebensosehr ist er Stein, ist ölig oder saftig, und

gerade das gefällt mir und scheint mir wunderbar und der Anbetung

würdig.--Aber mehr laß mich davon nicht sagen. Die Worte tun dem

geheimen Sinn nicht gut, es wird immer alles gleich ein wenig anders,

wenn man es ausspricht, ein wenig verfälscht, ein wenig närrisch--ja,

und auch das ist sehr gut und gefällt mir sehr, auch damit bin ich

sehr einverstanden, daß das, was eines Menschen Schatz und Weisheit

ist, dem andern immer wie Narrheit klingt."

Schweigend lauschte Govinda.

"Warum hast du mir das von dem Steine gesagt?" fragte er nach einer

Pause zögernd.

"Es geschah ohne Absicht. Oder vielleicht war es so gemeint, daß ich

eben den Stein, und den Fluß, und alle diese Dinge, die wir betrachten

und von denen wir lernen können, liebe. Einen Stein kann ich lieben,

Govinda, und auch einen Baum oder ein Stück Rinde. Das sind Dinge,

und Dinge kann man lieben. Worte aber kann ich nicht lieben. Darum

sind Lehren nichts für mich, sie haben keine Härte, keine Weiche,

keine Farben, keine Kanten, keinen Geruch, keinen Geschmack, sie haben

nichts als Worte. Vielleicht ist es dies, was dich hindert, den

Frieden zu finden, vielleicht sind es die vielen Worte. Denn auch

Erlösung und Tugend, auch Sansara und Nirvana sind bloße Worte,

Govinda. Es gibt kein Ding, das Nirvana wäre; es gibt nur das Wort

Nirvana."

Sprach Govinda: "Nicht nur ein Wort, Freund, ist Nirvana. Es ist ein

Gedanke."

Siddhartha fuhr fort: "Ein Gedanke, es mag so sein. Ich muß dir

gestehen, Lieber: ich unterscheide zwischen Gedanken und Worten nicht

sehr. Offen gesagt, halte ich auch von Gedanken nicht viel. Ich

halte von Dingen mehr. Hier auf diesem Fährboot zum Beispiel war ein

Mann mein Vorgänger und Lehrer, ein heiliger Mann, der hat manche

Jahre lang einfach an den Fluß geglaubt, sonst an nichts. Er hatte

gemerkt, daß des Flusses Stimme zu ihm sprach, von ihr lernte er, sie

erzog und lehrte ihn, der Fluß schien ihm ein Gott, viele Jahre lang

wußte er nicht, daß jeder Wind, jede Wolke, jeder Vogel, jeder Käfer

genau so göttlich ist und ebensoviel weiß und lehren kann wie der

verehrte Fluß. Als dieser Heilige aber in die Wälder ging, da wußte

er alles, wußte mehr als du und ich, ohne Lehrer, ohne Bücher, nur

weil er an den Fluß geglaubt hatte."

Govinda sagte: "Aber ist das, was du 'Dinge' nennst, denn etwas

Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht nur Trug der Maja, nur

Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Fluß--sind sie denn

Wirklichkeiten?"

"Auch dies," sprach Siddhartha, "bekümmert mich nicht sehr. Mögen die

Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so

sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und

verehrenswert macht: sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie

lieben. Und dies ist nun eine Lehre, über welche du lachen wirst: die

Liebe, o Govinda, scheint mir von allem die Hauptsache zu sein. Die

Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer

Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu

können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und

mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten

zu können."

"Dies verstehe ich," sprach Govinda. "Aber eben dies hat er, der

Erhabene, als Trug erkannt. Er gebietet Wohlwollen, Schonung, Mitleid,

Duldung, nicht aber Liebe; er verbot uns, unser Herz in Liebe an

Irdisches zu fesseln."

"Ich weiß es", sagte Siddhartha; sein Lächeln strahlte golden. "Ich

weiß es, Govinda. Und siehe, da sind wir mitten im Dickicht der

Meinungen drin, im Streit um Worte. Denn ich kann nicht leugnen,

meine Worte von der Liebe stehen im Widerspruch, im scheinbaren

Widerspruch zu Gotamas Worten. Eben darum mißtraue ich den Worten so

sehr, denn ich weiß, dieser Widerspruch ist Täuschung. Ich weiß, daß

ich mit Gotama einig bin. Wie sollte denn auch Er die Liebe nicht

kennen, Er, der alles Menschensein in seiner Vergänglichkeit, in seiner

Nichtigkeit erkannt hat, und dennoch die Menschen so sehr liebte, daß

er ein langes, mühevolles Leben einzig darauf verwendet hat, ihnen zu

helfen, sie zu lehren! Auch bei ihm, auch bei deinem großen Lehrer,

ist mir das Ding lieber als die Worte, sein Tun und Leben wichtiger

als sein Reden, die Gebärde seiner Hand wichtiger als seine Meinungen.

Nicht im Reden, nicht im Denken sehe ich seine Größe, nur im Tun, im

Leben."

Lange schwiegen die beiden alten Männer. Dann sprach Govinda, indem

er sich zum Abschied verneigte: "Ich danke dir, Siddhartha, daß du mir

etwas von deinen Gedanken gesagt hast. Es sind zum Teil seltsame

Gedanken, nicht alle sind mir sofort verständlich geworden. Dies möge

sein, wie es wolle, ich danke dir, und ich wünsche dir ruhige Tage."

(Heimlich bei sich aber dachte er: Dieser Siddhartha ist ein

wunderlicher Mensch, wunderliche Gedanken spricht er aus, närrisch

klingt seine Lehre. Anders klingt des Erhabenen reine Lehre, klarer,

reiner, verständlicher, nichts Seltsames, Närrisches oder Lächerliches

ist in ihr enthalten. Aber anders als seine Gedanken scheinen mir

Siddharthas Hände und Füße, seine Augen, seine Stirn, sein Atmen, sein

Lächeln, sein Gruß, sein Gang. Nie mehr, seit unser erhabener Gotama

in Nirvana einging, nie mehr habe ich einen Menschen angetroffen, von

dem ich fühlte: dies ist ein Heiliger. Einzig ihn, diesen Siddhartha,

habe ich so gefunden. Mag seine Lehre seltsam sein, mögen seine Worte

närrisch klingen, sein Blick und seine Hand, seine Haut und sein Haar,

alles an ihm strahlt eine Reinheit, strahlt eine Ruhe, strahlt eine

Heiterkeit und Milde und Heiligkeit aus, welche ich an keinem anderen

Menschen seit dem letzten Tode unseres erhabenen Lehrers gesehen habe.)

Indem Govinda also dachte, und ein Widerstreit in seinem Herzen war,

neigte er sich nochmals zu Siddhartha, von Liebe gezogen. Tief

verneigte er sich vor dem ruhig Sitzenden.

"Siddhartha", sprach er, "wir sind alte Männer geworden. Schwerlich

wird einer von uns den andern in dieser Gestalt wiedersehen. Ich sehe,

Geliebter, daß du den Frieden gefunden hast. Ich bekenne, ihn nicht

gefunden zu haben. Sage mir, Verehrter, noch ein Wort, gib mir etwas

mit, das ich fassen, das ich verstehen kann! Gib mir etwas mit auf

meinen Weg. Er ist oft beschwerlich, mein Weg, oft finster, Siddhartha."

Siddhartha schwieg und blickte ihn mit dem immer gleichen, stillen

Lächeln an. Starr blickte ihm Govinda ins Gesicht, mit Angst, mit

Sehnsucht, Leid und ewiges Suchen stand in seinem Blick geschrieben,

ewiges Nichtfinden.

Siddhartha sah es, und lächelte.

"Neige dich zu mir!" flüsterte er leise in Govindas Ohr. "Neige dich

zu mir her! So, noch näher! Ganz nahe! Küsse mich auf die Stirn,

Govinda!"

Während aber Govinda verwundert, und dennoch von großer Liebe und

Ahnung gezogen, seinen Worten gehorchte, sich nahe zu ihm neigte und

seine Stirn mit den Lippen berührte, geschah ihm etwas Wunderbares.

Während seine Gedanken noch bei Siddharthas wunderlichen Worten

verweilten, während er sich noch vergeblich und mit Widerstreben

bemühte, sich die Zeit hinwegzudenken, sich Nirvana und Sansara als

Eines vorzustellen, während sogar eine gewisse Verachtung für die

Worte des Freundes in ihm mit einer ungeheuren Liebe und Ehrfurcht

stritt, geschah ihm dieses:

Er sah seines Freundes Siddhartha Gesicht nicht mehr, er sah statt

dessen andre Gesichter, viele, eine lange Reihe, einen strömenden Fluß

von Gesichtern, von hunderten, von tausenden, welche alle kamen und

vergingen, und doch alle zugleich dazusein schienen, welche alle sich

beständig veränderten und erneuerten, und welche doch alle Siddhartha

waren. Er sah das Gesicht eines Fisches, eines Karpfens, mit

unendlich schmerzvoll geöffnetem Maule, eines sterbenden Fisches, mit

brechenden Augen--er sah das Gesicht eines neugeborenen Kindes, rot

und voll Falten, zum Weinen verzogen--er sah das Gesicht eines Mörders,

sah ihn ein Messer in den Leib eines Menschen stechen--er sah, zur

selben Sekunde, diesen Verbrecher gefesselt knien und sein Haupt vom

Henker mit einem Schwertschlag abgeschlagen werden--er sah die Körper

von Männern und Frauen nackt in Stellungen und Kämpfen rasender

Liebe--er sah Leichen ausgestreckt, still, kalt, leer--er sah

Tierköpfe, von Ebern, von Krokodilen, von Elefanten, von Stieren, von

Vögeln--er sah Götter, sah Krischna, sah Agni--er sah alle diese

Gestalten und Gesichter in tausend Beziehungen zueinander, jede der

andern helfend, sie liebend, sie hassend, sie vernichtend, sie neu

gebärend, jede war ein Sterbenwollen, ein leidenschaftlich

schmerzliches Bekenntnis der Vergänglichkeit, und keine starb doch,

jede verwandelte sich nur, wurde stets neu geboren, bekam stets ein

neues Gesicht, ohne daß doch zwischen einem und dem anderen Gesicht

Zeit gelegen wäre--und alle diese Gestalten und Gesichter ruhten,

flossen, erzeugten sich, schwammen dahin und strömten ineinander, und

über alle war beständig etwas Dünnes, Wesenloses, dennoch Seiendes,

wie ein dünnes Glas oder Eis gezogen, wie eine durchsichtige Haut,

eine Schale oder Form oder Maske von Wasser, und diese Maske lächelte,

und diese Maske war Siddharthas lächelndes Gesicht, das er, Govinda,

in eben diesem selben Augenblick mit den Lippen berührte. Und, so sah

Govinda, dies Lächeln der Maske, dies Lächeln der Einheit über den

strömenden Gestaltungen, dies Lächeln der Gleichzeitigkeit über den

tausend Geburten und Toten, dies Lächeln Siddharthas war genau

dasselbe, war genau das gleiche, stille, feine, undurchdringliche,

vielleicht gütige, vielleicht spöttische, weise, tausendfältige

Lächeln Gotamas, des Buddha, wie er selbst es hundertmal mit Ehrfurcht

gesehen hatte. So, das wußte Govinda, lächelten die Vollendeten.

Nicht mehr wissend ob es Zeit gebe, ob diese Schauung eine Sekunde

oder hundert Jahre gewährt habe, nicht mehr wissend, ob es einen

Siddhartha, ob es einen Gotama, ob es Ich und Du gebe, im Innersten

wie von einem göttlichen Pfeile verwundet, dessen Verwundung süß

schmeckt, im Innersten verzaubert und aufgelöst, stand Govinda noch

eine kleine Weile, über Siddharthas stilles Gesicht gebeugt, das er

soeben geküßt hatte, das soeben Schauplatz aller Gestaltungen, alles

Werdens, alles Seins gewesen war. Das Antlitz war unverändert,

nachdem unter seiner Oberfläche die Tiefe der Tausendfältigkeit sich

wieder geschlossen hatte, er lächelte still, lächelte leise und sanft,

vielleicht sehr gütig, vielleicht sehr spöttisch, genau, wie er

gelächelt hatte, der Erhabene.

Tief verneigte sich Govinda, Tränen liefen, von welchen er nichts

wußte, über sein altes Gesicht, wie ein Feuer brannte das Gefühl der

innigsten Liebe, der demütigsten Verehrung in seinem Herzen. Tief

verneigte er sich, bis zur Erde, vor dem regungslos Sitzenden, dessen

Lächeln ihn an alles erinnerte, was er in seinem Leben jemals geliebt

hatte, was jemals in seinem Leben ihm wert und heilig gewesen war.

Siddhartha: eine indische Dichtung · 第 21 / 21 题