Kamala deutete auf ihren Knaben und sagte: "Kanntest du auch ihn? Er
ist dein Sohn."
Ihre Augen wurden irr und fielen zu. Der Knabe weinte, Siddhartha
nahm ihn auf seine Knie, ließ ihn weinen, streichelte sein Haar, und
beim Anblick des Kindergesichtes fiel ein brahmanisches Gebet ihm ein,
das er einst gelernt hatte, als er selbst ein kleiner Knabe war.
Langsam, mit singender Stimme, begann er es zu sprechen, aus der
Vergangenheit und Kindheit her kamen ihm die Worte geflossen. Und
unter seinem Singsang wurde der Knabe ruhig, schluchzte noch hin und
wieder auf und schlief ein. Siddhartha legte ihn auf Vasudevas Lager.
Vasudeva stand am Herd und kochte Reis. Siddhartha warf ihm einen
Blick zu, den er lächelnd erwiderte.
"Sie wird sterben," sagte Siddhartha leise.
Vasudeva nickte, über sein freundliches Gesicht lief der Feuerschein
vom Herde.
Nochmals erwachte Kamala zum Bewußtsein. Schmerz verzog ihr Gesicht,
Siddharthas Auge las das Leiden auf ihrem Munde, auf ihren erblaßten
Wangen. Stille las er es, aufmerksam, wartend, in ihr Leiden versenkt.
Kamala fühlte es, ihr Blick suchte sein Auge.
Ihn anblickend, sagte sie: "Nun sehe ich, daß auch deine Augen sich
verändert haben. Ganz anders sind sie geworden. Woran doch erkenne
ich noch, daß du Siddhartha bist? Du bist es, und bist es nicht."
Siddhartha sprach nicht, still blickten seine Augen in die ihren.
"Du hast es erreicht?" fragte sie. "Du hast Friede gefunden?"
Er lächelte, und legte seine Hand auf ihre.
"Ich sehe es," sagte sie, "ich sehe es. Auch ich werde Friede finden."
"Du hast ihn gefunden," sprach Siddhartha flüsternd.
Kamala blickte ihm unverwandt in die Augen. Sie dachte daran, daß sie
zu Gotama hatte pilgern wollen, um das Gesicht eines Vollendeten zu
sehen, um seinen Frieden zu atmen, und daß sie statt seiner nun ihn
gefunden, und daß es gut war, ebenso gut, als wenn sie jenen gesehen
hätte. Sie wollte es ihm sagen, aber die Zunge gehorchte ihrem Willen
nicht mehr. Schweigend sah sie ihn an, und er sah in ihren Augen das
Leben erlöschen. Als der letzte Schmerz ihr Auge erfüllte und brach,
als der letzte Schauder über ihre Glieder lief, schloß sein Finger
ihre Lider.
Lange saß er und blickte auf ihr entschlafenes Gesicht. Lange
betrachtete er ihren Mund, ihren alten, müden Mund mit den schmal
gewordenen Lippen, und erinnerte sich, daß er einst, im Frühling
seiner Jahre, diesen Mund einer frisch aufgebrochenen Feige verglichen
hatte. Lange saß er, las in dem bleichen Gesicht, in den müden Falten,
füllte sich mit dem Anblick, sah sein eigenes Gesicht ebenso liegen,
ebenso weiß, ebenso erloschen, und sah zugleich sein Gesicht und das
ihre jung, mit den roten Lippen, mit dem brennenden Auge, und das
Gefühl der Gegenwart und Gleichzeitigkeit durchdrang ihn völlig, das
Gefühl der Ewigkeit. Tief empfand er, tiefer als jemals, in dieser
Stunde die Unzerstörbarkeit jedes Lebens, die Ewigkeit jedes
Augenblicks.
Da er sich erhob, hatte Vasudeva Reis für ihn bereitet. Doch aß
Siddhartha nicht. Im Stall, wo ihre Ziege stand, machten sich die
beiden Alten eine Streu zurecht, und Vasudeva legte sich schlafen.
Siddhartha aber ging hinaus und saß die Nacht vor der Hütte, dem
Flusse lauschend, von Vergangenheit umspült, von allen Zeiten seines
Lebens zugleich berührt und umfangen. Zuweilen aber erhob er sich,
trat an die Hüttentür und lauschte, ob der Knabe schlafe.
Früh am Morgen, noch ehe die Sonne sichtbar ward, kam Vasudeva aus dem
Stalle und trat zu seinem Freunde.
"Du hast nicht geschlafen," sagte er.
"Nein, Vasudeva. Ich saß hier, ich hörte dem Flusse zu. Viel hat er
mir gesagt, tief hat er mich mit dem heilsamen Gedanken erfüllt, mit
dem Gedanken der Einheit."
"Du hast Leid erfahren, Siddhartha, doch ich sehe, es ist keine
Traurigkeit in dein Herz gekommen."
"Nein, Lieber, wie sollte ich denn traurig sein? Ich, der ich reich
und glücklich war, bin jetzt noch reicher und glücklicher geworden.
Mein Sohn ist mir geschenkt worden."
"Willkommen sei dein Sohn auch mir. Nun aber, Siddhartha, laß uns an
die Arbeit gehen, viel ist zu tun. Auf demselben Lager ist Kamala
gestorben, auf welchem einst mein Weib gestorben ist. Auf demselben
Hügel auch wollen wir Kamalas Scheiterhaufen bauen, auf welchem ich
einst meines Weibes Scheiterhaufen gebaut habe."
Während der Knabe noch schlief, bauten sie den Scheiterhaufen.