KAMALA

Siddhartha lernte Neues auf jedem Schritt seines Weges, denn die Welt

war verwandelt, und sein Herz war bezaubert. Er sah die Sonne überm

Waldgebirge aufgehen und überm fernen Palmenstrande untergehen. Er

sah nachts am Himmel die Sterne geordnet, und den Sichelmond wie ein

Boot im Blauen schwimmend. Er sah Bäume, Sterne, Tiere, Wolken,

Regenbogen, Felsen, Kräuter, Blumen, Bach und Fluß, Taublitz im

morgendlichen Gesträuch, ferne hohe Berge blau und bleich, Vögel

sangen und Bienen, Wind wehte silbern im Reisfelde. Dies alles,

tausendfalt und bunt, war immer dagewesen, immer hatten Sonne und Mond

geschienen, immer Flüsse gerauscht und Bienen gesummt, aber es war in

den früheren Zeiten für Siddhartha dies alles nichts gewesen als ein

flüchtiger und trügerischer Schleier vor seinem Auge, mit Mißtrauen

betrachtet, dazu bestimmt, vom Gedanken durchdrungen und vernichtet zu

werden, da es nicht Wesen war, da das Wesen jenseits der Sichtbarkeit

lag. Nun aber weilte sein befreites Auge diesseits, es sah und

erkannte die Sichtbarkeit, suchte Heimat in dieser Welt, suchte nicht

das Wesen, zielte in kein Jenseits. Schön war die Welt, wenn man sie

so betrachtete, so ohne Suchen, so einfach, so kinderhaft. Schön war

Mond und Gestirn, schön war Bach und Ufer, Wald und Fels, Ziege und

Goldkäfer, Blume und Schmetterling. Schön und lieblich war es, so

durch die Welt zu gehen, so kindlich, so erwacht, so dem Nahen

aufgetan, so ohne Mißtrauen. Anders brannte die Sonne aufs Haupt,

anders kühlte der Waldschatten, anders schmeckte Bach und Zisterne,

anders Kürbis und Banane. Kurz waren die Tage, kurz die Nächte, jede

Stunde floh schnell hinweg wie ein Segel auf dem Meere, unterm Segel

ein Schiff voll von Schätzen, voll von Freuden. Siddhartha sah ein

Affenvolk im hohen Waldgewölbe wandern, hoch im Geäst, und hörte

seinen wilden, gierigen Gesang. Siddhartha sah einen Schafbock ein

Schaf verfolgen und begatten. Er sah in einem Schilfsee den Hecht im

Abendhunger jagen, vor ihm her schnellten angstvoll, flatternd und

blitzend die jungen Fische in Scharen aus dem Wasser, Kraft und

Leidenschaft duftete dringlich aus den hastigen Wasserwirbeln, die der

ungestüm Jagende zog.

All dieses war immer gewesen, und er hatte es nicht gesehen; er war

nicht dabei gewesen. Jetzt war er dabei, er gehörte dazu. Durch sein

Auge lief Licht und Schatten, durch sein Herz lief Stern und Mond.

Siddhartha erinnerte sich unterwegs auch alles dessen, was er im

Garten Jetavana erlebt hatte, der Lehre, die er dort gehört, des

göttlichen Buddha, des Abschiedes von Govinda, des Gespräches mit dem

Erhabenen. Seiner eigenen Worte, die er zum Erhabenen gesprochen

hatte, erinnerte er sich wieder, jedes Wortes, und mit Erstaunen wurde

er dessen inne, daß er da Dinge gesagt hatte, die er damals noch gar

nicht eigentlich wußte. Was er zu Gotama gesagt hatte: sein, des

Buddha, Schatz und Geheimnis sei nicht die Lehre, sondern das

Unaussprechliche und nicht Lehrbare, das er einst zur Stunde seiner

Erleuchtung erlebt habe--dies war es ja eben, was zu erleben er jetzt

auszog, was zu erleben er jetzt begann. Sich selbst mußte er jetzt

erleben. Wohl hatte er schon lange gewußt, daß sein Selbst Atman sei,

vom selben ewigen Wesen wie Brahman. Aber nie hatte er dies Selbst

wirklich gefunden, weil er es mit dem Netz des Gedankens hatte fangen

wollen. War auch gewiß der Körper nicht das Selbst, und nicht das

Spiel der Sinne, so war es doch auch das Denken nicht, nicht der

Verstand, nicht die erlernte Weisheit, nicht die erlernte Kunst,

Schlüsse zu ziehen und aus schon Gedachtem neue Gedanken zu spinnen.

Nein, auch diese Gedankenwelt war noch diesseits, und es führte zu

keinem Ziele, wenn man das zufällige Ich der Sinne tötete, dafür aber

das zufällige Ich der Gedanken und Gelehrsamkeiten mästete. Beide,

die Gedanken wie die Sinne, waren hübsche Dinge, hinter beiden lag der

letzte Sinn verborgen, beide galt es zu hören, mit beiden zu spielen,

beide weder zu verachten noch zu überschätzen, aus beiden die geheimen

Stimmen des Innersten zu erlauschen. Nach nichts wollte er trachten,

als wonach die Stimme ihm zu trachten beföhle, bei nichts verweilen,

als wo die Stimme es riete. Warum war Gotama einst, in der Stunde der

Stunden, unter dem Bo-Baume niedergesessen, wo die Erleuchtung ihn

traf? Er hatte eine Stimme gehört, eine Stimme im eigenen Herzen, die

ihm befahl, unter diesem Baume Rast zu suchen, und er hatte nicht

Kasteiung, Opfer, Bad oder Gebet, nicht Essen noch Trinken, nicht

Schlaf noch Traum vorgezogen, er hatte der Stimme gehorcht. So zu

gehorchen, nicht äußerm Befehl, nur der Stimme, so bereit zu sein, das

war gut, das war notwendig, nichts anderes war notwendig.

In der Nacht, da er in der strohernen Hütte eines Fährmanns am Flusse

schlief, hatte Siddhartha einen Traum: Govinda stand vor ihm, in einem

gelben Asketengewand. Traurig sah Govinda aus, traurig fragte er:

Warum hast du mich verlassen? Da umarmte er Govinda, schlang seine

Arme um ihn, und indem er ihn an seine Brust zog und küßte, war es

nicht Govinda mehr, sondern ein Weib, und aus des Weibes Gewand quoll

eine volle Brust, an der lag Siddhartha und trank, süß und stark

schmeckte die Milch dieser Brust. Sie schmeckte nach Weib und Mann,

nach Sonne und Wald, nach Tier und Blume, nach jeder Frucht, nach

jeder Lust. Sie machte trunken und bewußtlos.--Als Siddhartha

erwachte, schimmerte der bleiche Fluß durch die Tür der Hütte, und im

Walde klang tief und wohllaut ein dunkler Eulenruf.

Als der Tag begann, bat Siddhartha seinen Gastgeber, den Fährmann, ihn

über den Fluß zu setzen. Der Fährmann setzte ihn auf seinem

Bambusfloß über den Fluß, rötlich schimmerte im Morgenschein das

breite Wasser.

"Das ist ein schöner Fluß," sagte er zu seinem Begleiter.

"Ja," sagte der Fährmann, "ein sehr schöner Fluß, ich liebe ihn über

alles. Oft habe ich ihm zugehört, oft in seine Augen gesehen, und

immer habe ich von ihm gelernt. Man kann viel von einem Flusse lernen."

"Ich danke dir, mein Wohltäter," sprach Siddhartha, da er ans andere

Ufer stieg. "Kein Gastgeschenk habe ich dir zu geben, Lieber, und

keinen Lohn zu geben. Ein Heimatloser bin ich, ein Brahmanensohn und

Samana."

"Ich sah es wohl," sprach der Fährmann, "und ich habe keinen Lohn vor

dir erwartet, und kein Gastgeschenk. Du wirst mir das Geschenk ein

anderes Mal geben."

"Glaubst du?" sagte Siddhartha lustig.

"Gewiß. Auch das habe ich vom Flusse gelernt: alles kommt wieder!

Auch du, Samana, wirst wieder kommen. Nun lebe wohl! Möge deine

Freundschaft mein Lohn sein. Mögest du meiner gedenken, wenn du den

Göttern opferst."

Lächelnd schieden sie voneinander. Lächelnd freute sich Siddhartha

über die Freundschaft und Freundlichkeit des Fährmanns. "Wie Govinda

ist er," dachte er lächelnd, "alle, die ich auf meinem Wege antreffe,

sind wie Govinda. Alle sind dankbar, obwohl sie selbst Anspruch auf

Dank hätten. Alle sind unterwürfig, alle mögen gern Freund sein, gern

gehorchen, wenig denken. Kinder sind die Menschen."

Um die Mittagszeit kam er durch ein Dorf. Vor den Lehmhütten wälzten

sich Kinder auf der Gasse, spielten mit Kürbiskernen und Muscheln,

schrien und balgten sich, flohen aber alle scheu vor dem fremden

Samana. Am Ende des Dorfes führte der Weg durch einen Bach, und am

Rande des Baches kniete ein junges Weib und wusch Kleider. Als

Siddhartha sie grüßte, hob sie den Kopf, und blickte mit Lächeln zu

ihm auf, daß er das Weiße in ihrem Auge blitzen sah. Er rief einen

Segensspruch hinüber, wie er unter Reisenden üblich ist, und fragte,

wie weit der Weg bis zur großen Stadt noch sei. Da stand sie auf und

trat zu ihm her, schön schimmerte ihr feuchter Mund im jungen Gesicht.

Sie tauschte Scherzreden mit ihm, fragte, ob er schon gegessen habe,

und ob es wahr sei, daß die Samanas nachts allein im Walde schliefen

und keine Frauen bei sich haben dürfen. Dabei setzte sie ihren linken

Fuß auf seinen rechten und machte eine Bewegung, wie die Frau sie

macht, wenn sie den Mann zu jener Art des Liebesgenusses auffordert,

welchen die Lehrbücher "das Baumbesteigen" nennen. Siddhartha fühlte

sein Blut erwarmen, und da sein Traum ihm in diesem Augenblick wieder

einfiel, bückte er sich ein wenig zu dem Weibe herab und küßte mit den

Lippen die braune Spitze ihrer Brust. Aufschauend sah er ihr Gesicht

voll Verlangen lächeln und die verkleinerten Augen in Sehnsucht flehen.

Auch Siddhartha fühlte Sehnsucht und den Quell des Geschlechts sich

bewegen; da er aber noch nie ein Weib berührt hatte, zögerte er einen

Augenblick, während seine Hände schon bereit waren, nach ihr zu

greifen. Und in diesem Augenblick hörte er, erschauernd, die Stimme

seines Innern, und die Stimme sagte Nein. Da wich vom lächelnden

Gesicht der jungen Frau aller Zauber, er sah nichts mehr als den

feuchten Blick eines brünstigen Tierweibchens. Freundlich streichelte

er ihre Wange, wandte sich von ihr und verschwand vor der Enttäuschten

leichtfüßig in das Bambusgehölze.

An diesem Tage erreichte er vor Abend eine große Stadt, und freute

sich, denn er begehrte nach Menschen. Lange hatte er in den Wäldern

gelebt, und die stroherne Hütte des Fährmanns, in welcher er diese

Nacht geschlafen hatte, war seit langer Zeit das erste Dach, das er

über sich gehabt hatte.

Vor der Stadt, bei einem schönen umzäunten Haine, begegnete dem

Wandernden ein kleiner Troß von Dienern und Dienerinnen, mit Körben

beladen. Inmitten in einer geschmückten Sänfte, von Vieren getragen,

saß auf roten Kissen unter einem bunten Sonnendach eine Frau, die

Herrin. Siddhartha blieb beim Eingang des Lusthaines stehen und sah

dem Aufzuge zu, sah die Diener, die Mägde, die Körbe, sah die Sänfte,

und sah in der Sänfte die Dame. Unter hochgetürmten schwarzen Haaren

sah er ein sehr helles, sehr zartes, sehr kluges Gesicht, hellroten

Mund wie eine frisch aufgebrochene Feige, Augenbrauen gepflegt und

gemalt in hohen Bogen, dunkle Augen klug und wachsam, lichten hohen

Hals aus grün und goldenem Oberkleide steigend, ruhende helle Hände

lang und schmal mit breiten Goldreifen über den Gelenken.

Siddhartha sah, wie schön sie war, und sein Herz lachte. Tief

verneigte er sich, als die Sänfte nahe kam, und sich wieder

aufrichtend blickte er in das helle holde Gesicht, las einen

Augenblick in den klugen hochüberwölbten Augen, atmete einen Hauch von

Duft, den er nicht kannte. Lächelnd nickte die schöne Frau, einen

Augenblick, und verschwand im Hain, und hinter ihr die Diener.

So betrete ich diese Stadt, dachte Siddhartha, unter einem holden

Zeichen. Es zog ihn, sogleich in den Hain zu treten, doch bedachte er

sich, und nun erst ward ihm bewußt, wie ihn die Diener und Mägde am

Eingang betrachtet hatten, wie verächtlich, wie mißtrauisch, wie

abweisend.

Noch bin ich ein Samana, dachte er, noch immer, ein Asket und Bettler.

Nicht so werde ich bleiben dürfen, nicht so in den Hain treten. Und

er lachte.

Den nächsten Menschen, der des Weges kam, fragte er nach dem Hain und

nach dem Namen dieser Frau, und erfuhr, daß dies der Hain der Kamala

war, der berühmten Kurtisane, und daß sie außer dem Haine ein Haus in

der Stadt besaß.

Dann betrat er die Stadt. Er hatte nun ein Ziel.

Sein Ziel verfolgend, ließ er sich von der Stadt einschlürfen, trieb

im Strom der Gassen, stand auf Plätzen still, ruhte auf Steintreppen

am Flusse aus. Gegen den Abend befreundete er sich mit einem

Barbiergehilfen, den er im Schatten eines Gewölbes hatte arbeiten

sehen, den er betend in einem Tempel Vishnus wiederfand, dem er von

den Geschichten Vishnu's und der Lakschmi erzählte. Bei den Booten am

Flusse schlief er die Nacht, und früh am Morgen, ehe die ersten Kunden

in seinen Laden kamen, ließ er sich von dem Barbiergehilfen den Bart

rasieren und das Haar beschneiden, das Haar kämmen und mit feinem Öle

salben. Dann ging er im Flusse baden.

Als am Spätnachmittag die schöne Kamala in der Sänfte sich ihrem Haine

näherte, stand am Eingang Siddhartha, verbeugte sich und empfing den

Gruß der Kurtisane. Demjenigen Diener aber, der zuletzt im Zuge ging,

winkte er und bat ihn, der Herrin zu melden, daß ein junger Brahmane

mit ihr zu sprechen begehre. Nach einer Weile kam der Diener zurück,

forderte den Wartenden auf, ihm zu folgen, führte den ihm Folgenden

schweigend in einen Pavillon, wo Kamala auf einem Ruhebette lag, und

ließ ihn bei ihr allein.

"Bist du nicht gestern schon da draußen gestanden und hast mich

begrüßt?" fragte Kamala.

"Wohl habe ich gestern schon dich gesehen und begrüßt."

"Aber trugst du nicht gestern einen Bart, und lange Haare, und Staub

in den Haaren?"

"Wohl hast du beobachtet, alles hast du gesehen. Du hast Siddhartha

gesehen, den Brahmanensohn, welcher seine Heimat verlassen hat, um ein

Samana zu werden, und drei Jahre lang ein Samana gewesen ist. Nun

aber habe ich jenen Pfad verlassen, und kam in diese Stadt, und die

erste, die mir noch vor dem Betreten der Stadt begegnete, warst du.

Dies zu sagen, bin ich zu dir gekommen, o Kamala! Du bist die erste

Frau, zu welcher Siddhartha anders als mit niedergeschlagenen Augen

redet. Nie mehr will ich meine Augen niederschlagen, wenn eine schöne

Frau mir begegnet."

Kamala lächelte und spielte mit ihrem Fächer aus Pfauenfedern. Und

fragte: "Und nur um mir dies zu sagen, ist Siddhartha zu mir

gekommen?"

"Um dir dies zu sagen, und um dir zu danken, daß du so schön bist.

Und wenn es dir nicht mißfällt, Kamala, möchte ich dich bitten, meine

Freundin und Lehrerin zu sein, denn ich weiß noch nichts von der Kunst,

in welcher du Meisterin bist."

Da lachte Kamala laut.

"Nie ist mir das geschehen, Freund, daß ein Samana aus dem Walde zu

mir kam und von mir lernen wollte! Nie ist mir das geschehen, daß ein

Samana mit langen Haaren und in einem alten zerrissenen Schamtuche zu

mir kam! Viele Jünglinge kommen zu mir, und auch Brahmanensöhne sind

darunter, aber sie kommen in schönen Kleidern, sie kommen in feinen

Schuhen, sie haben Wohlgeruch im Haar und Geld in den Beuteln. So,

du Samana, sind die Jünglinge beschaffen, welche zu mir kommen."

Sprach Siddhartha: "Schon fange ich an, von dir zu lernen. Auch

gestern schon habe ich gelernt. Schon habe ich den Bart abgelegt,

habe das Haar gekämmt, habe Öl im Haare. Weniges ist, das mir noch

fehlt, du Vortreffliche: feine Kleider, feine Schuhe, Geld im Beutel.

Wisse, Schwereres hat Siddhartha sich vorgenommen, als solche

Kleinigkeiten sind, und hat es erreicht. Wie sollte ich nicht

erreichen, was ich gestern mir vorgenommen habe: dein Freund zu sein

und die Freuden der Liebe von dir zu lernen! Du wirst mich gelehrig

sehen, Kamala, Schwereres habe ich gelernt, als was du mich lehren

sollst. Und nun also: Siddhartha genügt dir nicht, so wie er ist, mit

Öl im Haar, aber ohne Kleider, ohne Schuhe, ohne Geld?"

Lachend rief Kamala: "Nein, Werter, er genügt noch nicht. Kleider muß

er haben, hübsche Kleider, und Schuhe, hübsche Schuhe, und viel Geld

im Beutel, und Geschenke für Kamala. Weißt du es nun, Samana aus dem

Walde? Hast du es dir gemerkt?"

"Wohl habe ich es mir gemerkt," rief Siddhartha. "Wie sollte ich mir

nicht merken, was aus einem solchen Munde kommt! Dein Mund ist wie

eine frisch aufgebrochene Feige, Kamala. Auch mein Mund ist rot und

frisch, er wird zu deinem passen, du wirst sehen.--Aber sage, schöne

Kamala, hast du gar keine Furcht vor dem Samana aus dem Walde, der

gekommen ist, um Liebe zu lernen?"

"Warum sollte ich denn Furcht vor einem Samana haben, einem dummen

Samana aus dem Walde, der von den Schakalen kommt und noch gar nicht

weiß, was Frauen sind?"

"O, er ist stark, der Samana, und er fürchtet nichts. Er könnte dich

zwingen, schönes Mädchen. Er könnte dich rauben. Er könnte dir weh

tun."

"Nein, Samana, das fürchte ich nicht. Hat je ein Samana oder ein

Brahmane gefürchtet, einer könnte kommen und ihn packen und ihm seine

Gelehrsamkeit, und seine Frömmigkeit, und seinen Tiefsinn rauben?

Nein, denn die gehören ihm zu eigen und er gibt davon nur, was er

geben will und wem er geben will. So ist es, genau ebenso ist es auch

mit Kamala, und mit den Freuden der Liebe. Schön und rot ist Kamalas

Mund, aber versuche, ihn gegen Kamalas Willen zu küssen, und nicht

einen Tropfen Süßigkeit wirst du von ihm haben, der so viel Süßes zu

geben versteht! Du bist gelehrig, Siddhartha, so lerne auch dies:

Liebe kann man erbetteln, erkaufen, geschenkt bekommen, auf der Gasse

finden, aber rauben kann man sie nicht. Da hast du dir einen falschen

Weg ausgedacht. Nein, schade wäre es, wenn ein hübscher Jüngling wie

du es so falsch angreifen wollte."

Siddhartha verneigte sich lächelnd. "Schade wäre es, Kamala, wie

sehr hast du recht! Überaus schade wäre es. Nein, von deinem Munde

soll mir kein Tropfen Süßigkeit verloren gehen, noch dir von dem

meinen! Es bleibt also dabei: Siddhartha wird wiederkommen, wenn er

hat, was ihm noch fehlt: Kleider, Schuhe, Geld. Aber sprich, holde

Kamala, kannst du mir nicht noch einen kleinen Rat geben?"

"Einen Rat? Warum nicht? Wer wollte nicht gerne einem armen,

unwissenden Samana, der von den Schakalen aus dem Walde kommt, einen

Rat geben?"

"Liebe Kamala, so rate mir wohin soll ich gehen, daß ich am raschesten

jene drei Dinge finde?"

"Freund, das möchten viele wissen. Du mußt tun, was du gelernt hast,

und dir dafür Geld geben lassen, und Kleider, und Schuhe. Anders

kommt ein Armer nicht zu Geld. Was kannst du denn?"

"Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten."

"Nichts sonst?"

"Nichts. Doch, ich kann auch dichten. Willst du mir für ein Gedicht

einen Kuß geben?"

"Das will ich tun, wenn dein Gedicht mir gefällt. Wie heißt es denn?"

Siddhartha sprach, nachdem er sich einen Augenblick besonnen hatte,

diese Verse:

In ihren schattigen Hain trat die schöne Kamala,

An Haines Eingang stand der braune Samana.

Tief, da er die Lotusblüte erblickte,

Beugte sich jener, lächelnd dankte Kamala.

Lieblicher, dachte der Jüngling, als Göttern zu opfern,

Lieblicher ist es zu opfern der schönen Kamala.

Laut klatschte Kamala in die Hände, daß die goldenen Armringe klangen.

"Schön sind deine Verse, brauner Samana, und wahrlich, ich verliere

nichts, wenn ich dir einen Kuß für sie gebe."

Sie zog ihn mit den Augen zu sich, er beugte sein Gesicht auf ihres,

und legte seinen Mund auf den Mund, der wie eine frisch aufgebrochene

Feige war. Lange küßte ihn Kamala, und mit tiefem Erstaunen fühlte

Siddhartha, wie sie ihn lehrte, wie sie weise war, wie sie ihn

beherrschte, ihn zurückwies, ihn lockte, und wie hinter diesem ersten

eine lange, eine wohlgeordnete, wohlerprobte Reihe von Küssen stand,

jeder vom andern verschieden, die ihn noch erwarteten. Tief atmend

blieb er stehen, und war in diesem Augenblick wie ein Kind erstaunt

über die Fülle des Wissens und Lernenswerten, die sich vor seinen

Augen erschloß.

"Sehr schön sind deine Verse," rief Kamala, "wenn ich reich wäre, gäbe

ich dir Goldstücke dafür. Aber schwer wird es dir werden, mit Versen

so viel Geld zu erwerben, wie du brauchst. Denn du brauchst viel Geld,

wenn du Kamalas Freund sein willst."

"Wie kannst du küssen, Kamala!" stammelte Siddhartha.

"Ja, das kann ich schon, darum fehlt es mir auch nicht an Kleidern,

Schuhen, Armbändern und allen schönen Dingen. Aber was wird aus dir

werden? Kannst du nichts als denken, fasten, dichten?"

"Ich kann auch die Opferlieder," sagte Siddhartha, "aber ich will sie

nicht mehr singen. Ich kann auch Zaubersprüche, aber ich will sie

nicht mehr sprechen. Ich habe die Schriften gelesen--"

"Halt," unterbrach ihn Kamala. "Du kannst lesen? Und schreiben?"

"Gewiß kann ich das. Manche können das."

"Die meisten können es nicht. Auch ich kann es nicht. Es ist sehr

gut, daß du lesen und schreiben kannst, sehr gut. Auch die

Zaubersprüche wirst du noch brauchen können."

In diesem Augenblick kam eine Dienerin gelaufen und flüsterte der

Herrin eine Nachricht ins Ohr.

"Ich bekomme Besuch," rief Kamala. "Eile und verschwinde, Siddhartha,

niemand darf dich hier sehen, das merke dir! Morgen sehe ich dich

wieder."

Der Magd aber befahl sie, dem frommen Brahmanen ein weißes Obergewand

zu geben. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, sah sich Siddhartha von

der Magd hinweggezogen, auf Umwegen in ein Gartenhaus gebracht, mit

einem Oberkleid beschenkt, ins Gebüsch geführt und dringlich ermahnt,

sich alsbald ungesehen aus dem Hain zu verlieren.

Zufrieden tat er, wie ihm geheißen war. Des Waldes gewohnt, brachte

er sich lautlos aus dem Hain und über die Hecke. Zufrieden kehrte er

in die Stadt zurück, das zusammengerollte Kleid unterm Arme tragend.

In einer Herberge, wo Reisende einkehrten, stellte er sich an die Tür,

bat schweigend um Essen, nahm schweigend ein Stück Reiskuchen an.

Vielleicht schon morgen, dachte er, werde ich niemand mehr um Essen

bitten.

Stolz flammte plötzlich in ihm auf. Er war kein Samana mehr, nicht

mehr stand es ihm an, zu betteln. Er gab den Reiskuchen einem Hunde

und blieb ohne Speise.

"Einfach ist das Leben, das man in der Welt hier führt," dachte

Siddhartha. "Es hat keine Schwierigkeiten. Schwer war alles, mühsam

und am Ende hoffnungslos, als ich noch Samana war. Nun ist alles

leicht, leicht wie der Unterricht im Küssen, den mir Kamala gibt. Ich

brauche Kleider und Geld, sonst nichts, das sind kleine nahe Ziele,

sie stören einem nicht den Schlaf."

Längst hatte er das Stadthaus Kamalas erkundet, dort fand er sich am

andern Tage ein.

"Es geht gut," rief sie ihm entgegen. "Du wirst bei Kamaswami

erwartet, er ist der reichste Kaufmann dieser Stadt. Wenn du ihm

gefällst, wird er dich in Dienst nehmen. Sei klug, brauner Samana.

Ich habe ihm durch andre von dir erzählen lassen. Sei freundlich

gegen ihn, er ist sehr mächtig. Aber sei nicht zu bescheiden! Ich

will nicht, daß du sein Diener wirst, du sollst seinesgleichen werden,

sonst bin ich nicht mit dir zufrieden. Kamaswami fängt an, alt und

bequem zu werden. Gefällst du ihm, so wird er dir viel anvertrauen."

Siddhartha dankte ihr und lachte, und da sie erfuhr, er habe gestern

und heute nichts gegessen, ließ sie Brot und Früchte bringen und

bewirtete ihn.

"Du hast Glück gehabt," sagte sie beim Abschied, "eine Tür um die

andre tut sich dir auf. Wie kommt das wohl? Hast du einen Zauber?"

Siddhartha sagte: "Gestern erzählte ich dir, ich verstünde zu denken,

zu warten und zu fasten, du aber fandest, das sei zu nichts nütze. Es

ist aber zu vielem nütze, Kamala, du wirst es sehen. Du wirst sehen,

daß die dummen Samanas im Walde viel Hübsches lernen und können, das

Ihr nicht könnet. Vorgestern war ich noch ein struppiger Bettler,

gestern habe ich schon Kamala geküßt, und bald werde ich ein Kaufmann

sein und Geld haben und all diese Dinge, auf die du Wert legst."

"Nun ja," gab sie zu. "Aber wie stünde es mit dir ohne mich? Was

wärest du, wenn Kamala dir nicht hülfe?"

"Liebe Kamala," sagte Siddhartha und richtete sich hoch auf, "als ich

zu dir in deinen Hain kam, tat ich den ersten Schritt. Es war mein

Vorsatz, bei dieser schönsten Frau die Liebe zu lernen. Von jenem

Augenblick an, da ich den Vorsatz faßte, wußte ich auch, daß ich ihn

ausführen werde. Ich wußte, daß du mir helfen würdest, bei deinem

ersten Blick am Eingang des Haines wußte ich es schon."

"Wenn ich aber nicht gewollt hätte?"

"Du hast gewollt. Sieh, Kamala: Wenn du einen Stein ins Wasser wirfst,

so eilt er auf dem schnellsten Wege zum Grunde des Wassers. So ist

es, wenn Siddhartha ein Ziel, einen Vorsatz hat. Siddhartha tut

nichts, er wartet, er denkt, er fastet, aber er geht durch die Dinge

der Welt hindurch wie der Stein durchs Wasser, ohne etwas zu tun, ohne

sich zu rühren; er wird gezogen, er läßt sich fallen. Sein Ziel zieht

ihn an sich, denn er läßt nichts in seine Seele ein, was dem Ziel

widerstreben könnte. Das ist es, was Siddhartha bei den Samanas

gelernt hat. Es ist das, was die Toren Zauber nennen und wovon sie

meinen, es werde durch die Dämonen bewirkt. Nichts wird von Dämonen

bewirkt, es gibt keine Dämonen. Jeder kann zaubern, jeder kann seine

Ziele erreichen, wenn er denken kann, wenn er warten kann, wenn er

fasten kann."

Kamala hörte ihm zu. Sie liebte seine Stimme, sie liebte den Blick

seiner Augen.

"Vielleicht ist es so," sagte sie leise, "wie du sprichst, Freund.

Vielleicht ist es aber auch so, daß Siddhartha ein hübscher Mann ist,

daß sein Blick den Frauen gefällt, daß darum das Glück ihm

entgegenkommt."

Mit einem Kuß nahm Siddhartha Abschied. "Möge es so sein, meine

Lehrerin. Möge immer mein Blick dir gefallen, möge immer von dir mir

Glück entgegenkommen!"

Siddhartha: eine indische Dichtung · 第 12 / 21 题