Und Siddhartha: "Sechzig Jahre ist er alt geworden und hat Nirwana
nicht erreicht. Er wird siebzig werden und achtzig, und du und ich,
wir werden ebenso alt werden und werden uns üben, und werden fasten,
und werden meditieren. Aber Nirwana werden wir nicht erreichen, er
nicht, wir nicht. O Govinda, ich glaube, von allen Samanas, die es
gibt, wird vielleicht nicht einer, nicht einer Nirwana erreichen. Wir
finden Tröstungen, wir finden Betäubungen, wir lernen
Kunstfertigkeiten, mit denen wir uns täuschen. Das Wesentliche aber,
den Weg der Wege finden wir nicht."
"Mögest du doch," sprach Govinda, "nicht so erschreckende Worte
aussprechen, Siddhartha! Wie sollte denn unter so vielen gelehrten
Männern, unter so viel Brahmanen, unter so vielen strengen und
ehrwürdigen Samanas, unter so viel suchenden, so viel innig
beflissenen, so viel heiligen Männern keiner den Weg der Wege finden?"
Siddhartha aber sagte mit einer Stimme, welche so viel Trauer wie
Spott enthielt, mit einer leisen, einer etwas traurigen, einer etwas
spöttischen Stimme: "Bald, Govinda, wird dein Freund diesen Pfad der
Samanas verlassen, den er so lang mit dir gegangen ist. Ich leide
Durst, o Govinda, und auf diesem langen Samanawege ist mein Durst um
nichts kleiner geworden. Immer habe ich nach Erkenntnis gedürstet,
immer bin ich voll von Fragen gewesen. Ich habe die Brahmanen befragt,
Jahr um Jahr, und habe die heiligen Vedas befragt, Jahr um Jahr, und
habe die frommen Samanas befragt, Jahr um Jahr. Vielleicht, o Govinda,
wäre es ebenso gut, wäre es ebenso klug und ebenso heilsam gewesen,
wenn ich den Nashornvogel oder den Schimpansen befragt hätte. Lange
Zeit habe ich gebraucht und bin noch nicht damit zu Ende, um dies zu
lernen, o Govinda: daß man nichts lernen kann! Es gibt, so glaube ich,
in der Tat jenes Ding nicht, das wir 'Lernen' nennen. Es gibt, o mein
Freund, nur ein Wissen, das ist überall, das ist Atman, das ist in mir
und in dir und in jedem Wesen. Und so beginne ich zu glauben dies
Wissen hat keinen ärgeren Feind als das Wissenwollen, als das Lernen."
Da blieb Govinda auf dem Wege stehen, erhob die Hände und sprach:
"Mögest du, Siddhartha, deinen Freund doch nicht mit solchen Reden
beängstigen! Wahrlich, Angst erwecken deine Worte in meinem Herzen.
Und denke doch nur: wo bliebe die Heiligkeit der Gebete, wo bliebe die
Ehrwürdigkeit des Brahmanenstandes, wo die Heiligkeit der Samanas,
wenn es so wäre wie du sagst, wenn es kein Lernen gäbe?! Was, o
Siddhartha, was würde dann aus alledem werden, was auf Erden heilig,
was wertvoll, was ehrwürdig ist?!"
Und Govinda murmelte einen Vers vor sich hin, einen Vers aus einer
Upanishad:
Wer nachsinnend, geläuterten Geistes, in Atman sich versenkt,
Unaussprechlich durch Worte ist seines Herzens Seligkeit.
Siddhartha aber schwieg. Er dachte der Worte, welche Govinda zu ihm
gesagt hatte, und dachte die Worte bis an ihr Ende.
Ja, dachte er, gesenkten Hauptes stehend, was bliebe noch übrig von
allem, was uns heilig schien? Was bleibt? Was bewährt sich? Und er
schüttelte den Kopf.
Einstmals, als die beiden Jünglinge gegen drei Jahre bei den Samanas
gelebt und ihre Übungen geteilt hatten, da erreichte sie auf
mancherlei Wegen und Umwegen eine Kunde, ein Gerücht, eine Sage: Einer
sei erschienen, Gotama genannt, der Erhabene, der Buddha, der habe in
sich das Leid der Welt überwunden und das Rad der Wiedergeburten zum
Stehen gebracht. Lehrend ziehe er, von Jüngern umgeben, durch das
Land, besitzlos, heimatlos, weiblos, im gelben Mantel eines Asketen,
aber mit heiterer Stirn, ein Seliger, und Brahmanen und Fürsten
beugten sich vor ihm und würden seine Schüler.
Diese Sage, dies Gerücht, dies Märchen klang auf, duftete empor, hier
und dort, in den Städten sprachen die Brahmanen davon, im Wald die
Samanas, immer wieder drang der Name Gotamas, des Buddha, zu den Ohren
der Jünglinge, im Guten und im Bösen, in Lobpreisung und in Schmähung.
Wie wenn in einem Lande die Pest herrscht, und es erhebt sich die
Kunde, da und dort sei ein Mann, ein Weiser, ein Kundiger, dessen Wort
und Anhauch genüge, um jeden von der Seuche Befallenen zu heilen, und
wie dann diese Kunde das Land durchläuft und jedermann davon spricht,
viele glauben, viele zweifeln, viele aber sich alsbald auf den Weg
machen, um den Weisen, den Helfer aufzusuchen, so durchlief das Land
jene Sage, jene duftende Sage von Gotama, dem Buddha, dem Weisen aus
dem Geschlecht der Sakya. Ihm war, so sprachen die Gläubigen, höchste
Erkenntnis zu eigen, er erinnerte sich seiner vormaligen Leben, er
hatte Nirwana erreicht und kehrte nie mehr in den Kreislauf zurück,
tauchte nie mehr in den trüben Strom der Gestaltungen unter. Vieles
Herrliche und Unglaubliche wurde von ihm berichtet, er hatte Wunder
getan, hatte den Teufel überwunden, hatte mit den Göttern gesprochen.
Seine Feinde und Ungläubigen aber sagten, dieser Gotama sei ein eitler
Verführer, er bringe seine Tage in Wohlleben hin, verachte die Opfer,
sei ohne Gelehrsamkeit und kenne weder Übung noch Kasteiung.
Süß klang die Sage von Buddha, Zauber duftete aus diesen Berichten.
Krank war ja die Welt, schwer zu ertragen war das Leben--und siehe,
hier schien eine Quelle zu springen, hier schien ein Botenruf zu tönen,
trostvoll, mild, edler Versprechungen voll. Überall, wohin das
Gerücht vom Buddha erscholl, überall in den Ländern Indiens horchten
die Jünglinge auf, fühlten Sehnsucht, fühlten Hoffnung, und unter den
Brahmanensöhnen der Städte und Dörfer war jeder Pilger und Fremdling
willkommen, wenn er Kunde von ihm, dem Erhabenen, dem Sakyamuni,
brachte.
Auch zu den Samanas im Walde, auch zu Siddhartha, auch zu Govinda war
die Sage gedrungen, langsam, in Tropfen, jeder Tropfen schwer von
Hoffnung, jeder Tropfen schwer von Zweifel. Sie sprachen wenig davon,
denn der Älteste der Samanas war kein Freund dieser Sage. Er hatte
vernommen, daß jener angebliche Buddha vormals Asket gewesen und im
Walde gelebt, sich dann aber zu Wohlleben und Weltlust zurückgewendet
habe, und er hielt nichts von diesem Gotama.
"O Siddhartha", sprach einst Govinda zu seinem Freunde. "Heute war
ich im Dorf, und ein Brahmane lud mich ein, in sein Haus zu treten,
und in seinem Hause war ein Brahmanensohn aus Magadha, dieser hat mit
seinen eigenen Augen den Buddha gesehen und hat ihn lehren hören.
Wahrlich, da schmerzte mich der Atem in der Brust, und ich dachte bei
mir: Möchte doch auch ich, möchten doch auch wir beide, Siddhartha und
ich, die Stunde erleben, da wir die Lehre aus dem Munde jenes
Vollendeten vernehmen! Sprich, Freund, wollen wir nicht auch dorthin
gehen und die Lehre aus dem Munde des Buddha anhören?"
Sprach Siddhartha: "Immer, o Govinda, hatte ich gedacht, Govinda würde
bei den Samanas bleiben, immer hatte ich geglaubt, es wäre sein Ziel,
sechzig und siebzig Jahre alt zu worden und immer weiter die Künste
und Übungen zu treiben, welche den Samana zieren. Aber sieh, ich
hatte Govinda zu wenig gekannt, wenig wußte ich von seinem Herzen.
Nun also willst du, Teuerster, einen neuen Pfad einschlagen und
dorthin gehen, wo der Buddha seine Lehre verkündet."
Sprach Govinda: "Dir beliebt es zu spotten. Mögest du immerhin
spotten, Siddhartha! Ist aber nicht auch in dir ein Verlangen, eine
Lust erwacht, diese Lehre zu hören? Und hast du nicht einst zu mir
gesagt, nicht lange mehr werdest du den Weg der Samanas gehen?"
Da lachte Siddhartha, auf seine Weise, wobei der Ton seiner Stimme
einen Schatten von Trauer und einen Schatten von Spott annahm, und
sagte: "Wohl, Govinda, wohl hast du gesprochen, richtig hast du dich
erinnert. Mögest du doch auch des andern dich erinnern, das du von
mir gehört hast, daß ich nämlich mißtrauisch und müde gegen Lehre und
Lernen geworden bin, und daß mein Glaube klein ist an Worte, die von
Lehrern zu uns kommen. Aber wohlan, Lieber, ich bin bereit, jene
Lehre zu hören--obschon ich im Herzen glaube, daß wir die beste Frucht
jener Lehre schon gekostet haben."
Sprach Govinda: "Deine Bereitschaft erfreut mein Herz. Aber sage, wie
sollte das möglich sein? Wie sollte die Lehre des Gotama, noch ehe
wir sie vernommen, uns schon ihre beste Frucht erschlossen haben?"
Sprach Siddhartha: "Laß diese Frucht uns genießen und das weitere
abwarten, o Govinda! Diese Frucht aber, die wir schon jetzt dem
Gotama verdanken, besteht darin, daß er uns von den Samanas hinwegruft!
Ob er uns noch anderes und Besseres zu geben hat, o Freund, darauf
laß uns ruhigen Herzens warten."
An diesem selben Tage gab Siddhartha dem Ältesten der Samanas seinen
Entschluß zu wissen, daß er ihn verlassen wollte. Er gab ihn dem
Ältesten zu wissen mit der Höflichkeit und Bescheidenheit, welche dem
Jüngeren und Schüler ziemt. Der Samana aber geriet in Zorn, daß die
beiden Jünglinge ihn verlassen wollten, und redete laut und brauchte
grobe Schimpfworte.
Govinda erschrak und kam in Verlegenheit, Siddhartha aber neigte den
Mund zu Govindas Ohr und flüsterte ihm zu: "Nun will ich dem Alten
zeigen, daß ich etwas bei ihm gelernt habe."
Indem er sich nahe vor dem Samana aufstellte, mit gesammelter Seele,
fing er den Blick des Alten mit seinen Blicken ein, bannte ihn, machte
ihn stumm, machte ihn willenlos, unterwarf ihn seinem Willen, befahl
ihm, lautlos zu tun, was er von ihm verlangte. Der alte Mann wurde
stumm, sein Auge wurde starr, sein Wille gelähmt, seine Arme hingen
herab, machtlos war er Siddharthas Bezauberung erlegen. Siddharthas
Gedanken aber bemächtigten sich des Samana, er mußte vollführen, was
sie befahlen. Und so verneigte sich der Alte mehrmals, vollzog
segnende Gebärden, sprach stammelnd einen frommen Reisewunsch. Und
die Jünglinge erwiderten dankend die Verneigungen, erwiderten den
Wunsch, zogen grüßend von dannen.
Unterwegs sagte Govinda: "O Siddhartha, du hast bei den Samanas mehr
gelernt, als ich wußte. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen
alten Samana zu bezaubern. Wahrlich, wärest du dort geblieben, du
hättest bald gelernt, auf dem Wasser zu gehen."
"Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen", sagte Siddhartha.
"Mögen alte Samanas mit solchen Künsten sich zufrieden geben!"