»Waaas sagen d' Leut?« Wütend schnappte Punkl nach Luft. »D' Leut sollen
sagen, was s' mögen. Mei' Gsundheit is a kostbars Gut. Wann ich sterben
müßt, da machen mich d' Leut nimmer lebendig. Naaa!« Mit hohem Fistelton
begann sie zu heulen. »Iiiiiii --« Die Schürze vor die Augen hebend,
klagte sie gegen die Hütte hinüber: »Ich sag dir's, Modei, iiiijaaa,
ganz recht hast ghabt! Und schau, deswegen bist gsund blieben. Aber --
aber iiiiii --« Der Strom ihrer Schmerzen ergoß sich in die blaue
Schürze.
»Geh«, sagte Modei, halb erheitert und halb unwillig, »tuts doch dös
gute alte Weiberl net so plagen!«
»Wann's allweil falsch versteht!« lachte Hies. »Zu der kannst Herrgott
und Cherubim sagen -- dö versteht allweil Mannsbild und Kindstauf.«
Punkl hob den gekränkten Zwiebelkopf aus der Schürze: »Waaaas hast
gsagt?«
»Daß dir der Friedl a Ruh lassen soll!« brüllte Hies der Alten ins Ohr.
»Sonst hat er's mit mir z' tun. Dich mag ich, weißt!«
In Punkls verheulten Augen ging die Sonne der Freude auf und glänzte.
»Bist a braver Mensch, du! Zu dir hab ich a Zutrauen. Komm, Hieserl,
komm!« Sie umklammerte seinen Arm. »Jetzt koch ich dir auf! An
Äpfelschmarren und Dopfenknödel!« Energisch zerrte sie den Lachenden
gegen den Brunnen hin. »Heut sollst es gut haben.«
Unter grotesken Tanzbewegungen schnackelte Hies mit den Fingern und sang
in den leuchtenden Abend hinaus:
»Geht's auffi in Himi,
Geht's abi in d' Höll,
Es is mir alls einding,
Und sei's, wie dr wöll!
Und holt mich der Tuifi,
Und sied ich und brenn,
Sei' Großmutter kocht mir
An Äpfelschmarrenn!«
Auch Modei mußte lachen.
»A lustiger Zipfel!« sagte Friedl. »Allweil einer von die Sonnseitigen!«
»Ja«, nickte Modei, »und die Gstanzeln, dö schüttelt er grad so aussi
aus'm Ärmel.«
Hies wandte sich. »Da hast recht! Paß auf, bei deiner Hochzet sing ich,
daß d' Fenster scheppern!«
Wie von jäher Müdigkeit befallen, ließ Modei sich auf die Steintreppe
hinsinken und sah ins Leere. »Bei meiner Hochzet!«
»No ja, warum denn net?« scherzte Friedl in Sorge, während er sich auf
eine der tieferen Stufen setzte. »Du wirst doch amal deine Hochzetgäst
net 's Gstanzelsingen verbieten?«
»Ich? Und heireten? -- Bei mir is ausgheiret. Ich hab kein' Glauben
nimmer an d' Mannsbilder.«
»Madl, da übertreibst wieder a bißl. Hast ja bloß an einzigen
ausprobiert. Wann's den Sonntag verregnet hat, kann d' Woch noch allweil
sechs schöne Täg haben.«
»Geh, du Narr, du guter!« Modeis Brauen zogen sich hart zusammen. »Soll
ich ebba ein' um den andern durchkosten, bis ich den richtigen derwisch,
in dem d' Sonn scheint? Laß mir mei Ruh, sagt der Veri. In mein' Kittel
hat 's Leben an Triangel einigrissen, der nimmer zum flicken is, net mit
der besten Nahterei. Wer kauft, will ebbes kriegen, was ganz is. Es mag
schon _mich_ keiner nimmer.«
Friedl wurde bleich bis in die Lippen, und ohne Besinnen fuhr's ihm
heraus: »_Ich_ nimm dich gleich.«
»Du?« Modei hob das Gesicht. Dann lachte sie kurz und gezwungen.
»Was is jetzt da zum lachen?« fragte er mit zerdrückter Stimme. »So a
ganz Sonnscheiniger bin ich freilich net. Ich bin halt einer, wie s' im
Dutzend ausfallen. Aber an Antrag is allweil an Antrag. Da wirst wohl a
Wörtl reden müssen.«
In die dämmernde Weite blickend, schüttelte sie stumm den Kopf.
Er mußte sich räuspern, als wäre ihm eine Mücke in den Hals geflogen.
Dann suchte er mühsam einen scherzenden Ton. »Ah na! Ah na! Gar so übers
Knie reißen wir's net ab. A bißl anschaun kann man's allweil. Oder net?«
Noch immer schwieg sie.
Es hatte zu dämmern begonnen, und das letzte rötliche Zwielicht glänzte
schon hinüber in den weißen Mondschein, der die Gratkanten der grauen
Felswände in ein silbernes Zackenwerk verwandelte. Der Wind fuhr
schärfer über das Almgehäng herunter, man hörte den Strahl des Brunnens
plätschern, und die schwarz gewordenen Wedel der Latschen griffen
wunderlich durcheinander wie plumpe Hände, die etwas zu haschen suchen,
was sich nicht fangen läßt.
Scheu guckte Friedl zu Modei hinauf. Er konnte ihre Augen nimmer sehen,
das Dunkel des Abends vertiefte noch den Schatten der gesenkten Wimpern.
Hart Atem holend, nahm der Jäger den Hut herunter und kämmte mit
schwerer Hand das Haar in die Stirn. »Wie a Prinzessin wirst es freilich
net haben bei mir. Aber schlecht auch net. Mein Häusl hat Platz für uns
Sechse.«
»Sechse? Wie zählst denn da?«
»No ja -- du, dein Büberl, mei' Mutter, dein Bruder, unser Kuh und ich.
Und d' Mutter hat ebbes gspart. Da legen wir uns a zweits Stückl Vieh
zu. Un an noblen Ghalt hab ich auch. Dreihundert zwanzg Gulden. Und in
fünf, sechs Jahr bin ich Forstwart. Geh, Madl, bsinn dich a bißl!«
Mahnend drückte er den Ellbogen an ihr Knie. »Schau, da brauchst dich
nimmer plagen für fremde Leut, hast dein Heimatl, hast dein Büberl bei
dir und kannst amal a richtigs Mannsbild aus ihm machen. Und wann ebbes
nachkommt --« Er lachte unbehilflich. »Dö kleine Waar wird sich schon
vertragen mitanand.«
Sie beugte das Gesicht zwischen die Hände und preßte die Ohren zu. »Hör
auf! Hör auf!«
Er rückte eine Stufe höher und zog ihr die Arme herunter. »Geh, komm,
laß reden mit dir! A bißl gut bist mir eh schon. Und 's ander macht sich
von selber. Und wann wir uns haben, und ich komm am Abend vom Berg heim,
und du stehst unter der Haustür und lachst mich an --«
Ruhig befreite sie ihre Hände. »Laß gut sein! Tu mich net plagen! Mach
mir 's Na-Sagen net gar so schwer. Und nimm Verstand an, Bub! Um
deintwegen. Du verdienst a Bessere, als ich eine bin.«
»Jetzt bist aber stad!« fuhr Friedl zornig auf. »Was ich gern hab, laß
ich net beleidigen.« Er rückte wieder eine Stufe höher, an Modeis Seite.
»So sollt a verstandsams Weiberleut net daherreden! Eine, wie _du_ bist?
Was _du_ für eine bist, dös weiß ich schon. Die Beste von _alle_ bist
mir. Dös is mir d' Hauptsach. Und --« Was er weiter noch sagen wollte,
schien ihm schwer zu fallen. »Wann ebba an dös andre denkst -- daß bei
der Hochzet 's Kranzl nimmer tragen därfst? Ui jöises! Da reden wir net
davon. Dös! No ja, dazughören sollt's freilich. Aber für an richtigen
Menschen muß d' Lieb noch ebbes anders sein. Und wann einer a Witib
heiret? Is ebba dös net an ehrenvolle Sach? Und da kriegt er den
Guglhupf auch net frisch vom Bäcken. Man muß net allweil so verdrahte
Ansprüche machen im Leben.«
»Na, Friedl! Na, na, na! Es is kein Glück dabei.« Sie schüttelte heftig
den Kopf und rückte von ihm weg.
»Nix da! Erst _recht_ is eins dabei. Komm her! Jetzt reden wir alles aus
bis aufs letzte Schnürl!« Er haschte ihre Hand. »Heut hab ich amal den
richtigen Schritt, und jetzt laß ich nimmer aus.«
»Es hat kein' Verstand! Laß gut sein!« sagte sie gequält, während sie
ihm ihre Hand zu entwinden suchte. »Jetzt bist halt a bißl verliebt --«
»A bißl? Oho? Mein Gernhaben is net von gestern. Du selber kannst gar
net zruckdenken an dö Zeit, wo ich dich schon mögen hab. Selbigsmal in
der Nacht, wie s' dich von der Brandstatt weg in unser Stuben tragen
haben -- wie noch a kleins Kindl warst und ich noch a Büberl --
selbigsmal is mir's in d' Seel einigfallen. Und nimmer hat's auslassen
--«
Wieder schüttelte sie den Kopf. »Dös bildst dir halt jetzt so ein. A
guter Mensch bist. Da schaust halt alles mit schöne Augen an. Und d'
Welt is dir kugelrund, wie der Lenzl sagt. Aber hint her wirst dir mit'm
Ellbogen 's Mäusl aussistoßen am schiechen Kasten. Der Ehstand bringt
Sorgen, und Sorgen verdrießen den besten Sinn. Da kommt an unguts
Stündl, und es fahrt dir an ungrechts Wörtl übers Züngl aussi -- a
Fürwurf wegen dem, was gwesen is -- und so a Wörtl kunnt ich net
vertragen. Und a Graben is da. Und alles, was Glück heißt, liegt drunt
in der Tief. Und keiner holt's nimmer auffi.« Sie erhob sich. »Na
Friedl!«
»Wie, wart noch a bißl!« Er haschte sie bei einer Rockfalte und sprach
erregt an ihr hinauf: »An Fürwurf hören? Du? Von mir? Dein Büberl mag
ich, als ob's mein eigens wär. Und du? Geh, schau, ich kann mir's doch
denken, wie's gschehen is, daß der Guglhupf a Zwibeben einbüßt hat. Ich
bin doch auch kein Frischbachener nimmer. Was jung is, muß Purzelbäum
machen. Oder man hätt mit zwanzg Jahr schon an krankhaften Zustand und
's Alter im Blut. Der Mensch ist kein Heiliger. Seit der Adam 's erstmal
einibissen hat in' süßen Apfel, hat's ihm a jeder nachmachen müssen.
Hörst, Madl! Müssen, sag ich -- net: _mögen_. 's Blut is a Knechtl, dös
an fremden Herrn hat.« Ein paar Sekunden schwieg er, wie in Erwartung
einer Antwort. »Madl? Glaubst mir noch allweil net?«
Sie hob das Gesicht. Es war bleich im Licht des Mondes, der über die
östlichen Berge heraufgeschwommen war. Wie eine goldfunkelnde Scheibe
hing er im Leeren und warf den Schatten der beiden Menschen lang und
dunkel über die Steine.
Ohne ein Wort zu finden, zog Modei die Rockfalte aus der Faust des
Jägers und ging zur Hüttentür.
Erschrocken sprang er auf, verstellte ihr den Weg und streckte die Hand.
»Geh, schau -- wie d' bist, so bist mir recht, und so mag ich dich.
Schlag ein! A feins Pratzl hab ich freilich net. Aber Verlaß is drauf.
Schlag ein!«
»Ich hab aufs Glück kein' Glauben nimmer!« sagte sie mit Überwindung.
»Und daß ich dich bloß als Versorgung anschau, da bist mir z' gut dazu.«
Sie wandte sich. »Reden wir nimmer davon.« Den Arm vor die Stirn
pressend, trat sie auf den Schwellbalken der Sennstube und wurde grau im
schwarzen Geviert der Hüttentür.
Nach kurzem Schweigen murrte Friedl vor sich hin: »Da bin ich schön
abgfahren!« Seine Zähne knirschten. »Himmelherrgottsakra --« Er griff
nach Gewehr und Bergstock und wollte gehen. Da fiel ihm Bürschl ein --
der Hund lag wohl wieder in der Hütte auf dem Lager, das ihm Modei mit
alten Futtersäcken neben dem Herd zurechtgemacht hatte. Friedl pfiff,
und da kam der Hund wie ein Pfeil aus der Tür gefahren, schüttelte die
Ohren und bellte gegen den Mondschein. »Komm, Bürschl! Jetzt können wir
heimtappen.« Die Schritte des Jägers klapperten auf den Steinstufen.