»Ja, lach nur, du!« Lenzl wurde ernst. »Und wart drei Vierteljahr! Da
fallt dir in dei' süße Musi a Tröpfl Essig eini.«
»Meintwegen! Jetzt bin ich noch allweil bei der Süßigkeit.« Das Bein
hebend, schrie Monika einen vergnügten Jauchzer in den schönen Abend
hinaus.
Lenzl schüttelte den Kopf. »Da is eine wie die ander. Es wird halt so
sein müssen. Sonst tät der Nachwuchs auslassen.« Gleich einem
Betrunkenen kreischte er ins Leere: »Du, Lisei, weißt es schon --«
Verstummend griff er wie ein Erwachender mit der Hand nach seiner Stirn
und murmelte: »Jetzt glaub ich bald selber, daß ich a Narr bin.«
Bei der Stalltür sah der Doktermartl die gesund gewordene Blässin
grasen. »No also«, rief er über die Schulter zur Modei hinüber, »gelt,
ich hab dir's gsagt: dö macht sich wieder! Am Inkreisch hat's ihr halt a
bißl gfehlt. Dö hat beim Grasen ebbes Scharfs derwischt. So ebbes
vertragt a jeder Magen net. Es is mit'm meinigen grad so. Auf den muß
ich aufpassen wie auf a kleins Kind. Bei der zehnten, zwölften Maß Bier
macht er schon allweil Mannderln wie a derschrockener Kiniglhaas. Jaaa,
Madl, wann sich die Blässin wieder amal überfrißt und a bißl schwermütig
dreinschaut, nacher gibst ihr mein Trankl wieder und redst recht lustig
mit ihr. Bei allem, was eim weh tut, Mensch oder Viech, hat a fidels
Gemüt a segensreiche Vereinflussung. Der Traurige stirbt allweil früher
als wie der Lustige. Dös is a Naturgsetz.« Er schnupfte.
Mit den Gedanken bei anderen Dingen, sagte Modei: »Weil mir nur grad dös
Stückl Vieh wieder gsund is.«
»Nur nie verzagen!« Martl hobelte mit dem blauen Taschentuch über die
Nase hin und her. »Und allweil auf Gott vertrauen!«
»Freilich, ja! Und selber gut aufpassen.«
»Da kommt er am weitesten, der Mensch. Unser Herr Pfarr is voller
Gottvertrauen. Aber wann er Hunger hat, verlaßt er sich lieber auf sei'
Köchin.«
Müd lachend trat Modei in die Sennstube.
Hinter der Hütte droben, wo der Almbrunnen war, hatten Punkl und Monika
ihre Wasserbutten niedergestellt. Da überholte sie ein knochiger
Graukopf, dessen gedunsenes, von blauen Äderchen durchzogenes Gesicht
die Diagnose auf chronischen Suff ermöglichte, ohne daß man medizinische
Kenntnisse zu haben brauchte. Es war der alte Veri, der emeritierte
Lenggrieser Nachtwächter, der in Monikas Hütte als Hüter eingestanden
war. Auf dem Rücken trug er eine Kraxe, die mit dem Almgewinn der Woche
beladen war. Der Alte mußte an den zwei Weibsleuten beim Brunnen
vorüber. Dabei ging es anscheinend ganz friedlich zu. Dennoch hörte man
die Punkl kreischen: »Jesses, jesses, hörst net auf! Ich schrei, wann
net aufhörst!«
»Laß mir lieber _du_ mei' Ruh!« schimpfte Veri mit rauhem Bierbaß und
wackelte über den Steig zur Hütte herunter.
»He, Mannderl, was is denn?« rief ihm der Doktermartl entgegen. »Du
wirst doch net auf die alte Punkl an Husarenangriff gmacht haben?«
»Ah!« Ein Schwur empörter Verneinung lag in diesem kurzen Laut.
»Der is froh«, meinte Lenzl, »wann die Punkl ihm nix tut. Gelt, Veri?«
»Laß mir mei' Ruh!« knurrte der Alte und klapperte gegen den tieferen
Steig hinüber.
»Mußt abtragen?« fragte Martl. »Oder reißt dich der Zug deines Hörzens
wieder ins Wirtshaus abi?«
»Ah!« Das klang wie ein hundertfaches Nein in einem einzigen Wort.
»Troffen hast es!« nickte Lenzl. »Dem sein Schutzpatron is der heilige
Fasselianus, der auf'm Nabelfleck a Spundloch hat.«
»Laß mir mei' Ruh, du!« gähnte Veri und tauchte über die Steigstufen
hinunter.
»Soll er halt saufen!« philosophierte Martl. »Ebbes muß der Mensch
allweil haben, was ihn freut. Dös is a Naturgsetz. 's Kinderglachter
hört auf und d' Liebsnarretei fangt an. Hinter die süßen Seufzer kommt
's Schwitzen bei der Arbet. D' Arbet macht Durst, und so verfallst auf'n
Suff. 's Leben is allweil an Übergangl. Und allzeit brauchst a Weibsbild
dazu. 's Wiegenkitterl zieht dir d' Mutter aus, 's Hochzeiterhemmed
spinnt dir dein Bräutl, und ins kalte Leichenfrackl hilft dir an alts
Weib eini. Ohne Hilf kommt der Mensch net aus, und für a Mannsbild is d'
Vielweiberei a Naturgsetz.«
Vom Almbrunnen klang die Stimme der Monika: »Je, Doktermartl, _du_ bist
da!«
»Geh, komm abi, du runde Erfindung Gottes! Nach deine Küh hab ich mich
schon umgschaut auf der Weid. Jetzt mußt mir noch sagen, wie's _dir_
geht.«
»Net schlecht!« Das Mädel hopste über den buckligen Rasen herunter,
wandte sich, höhlte die Hände um den Mund und rief zum Brunnen hinauf:
»Höi! Punkl! Komm abi!«